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Fahrtensegeln in Albanien
von Friederike Held und Robert Strangemann,
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"Don't go to Albania! It's dangerous!" Diese Warnung der Griechen hatten wir im Ohr, als wir im Juni 2004 von Kassiopi, Korfu gen Albanien aufbrachen. Aber welches Risiko geht man ein, wenn die Entfernung zum nächsten port of entry Albaniens nur 7 sm beträgt, man also jederzeit den Rückzug antreten kann?
![]() Anlegen in SarandesZugegebenermaßen sind wir dennoch erleichtert, als wir in Sarande (N 390 52.2 E 200 59.8) einen Liegeplatz direkt bei der port police finden und ab da unser Schiff wie auch die gesamte Pier unter ständiger Bewachung steht! Wir legen (ohne Voranmeldung) seitlich eines neu gebauten Fähranlegers in direkter Nähe zum Strand auf 3,50m Tiefe an. Nur scheinbar bequem, da der Staub der Pier über uns hinwegfegt, zudem unsicher bei Winden aus W,E,SE! Wir werden freundlich von mehreren Vertretern von port police und customs sowie dem harbour master und dem auf Englisch dolmetschenden Schiffsagenten Acile empfangen. Sie nehmen auf der Pier unsere Pässe und zwei Crewlisten entgegen, verschwinden und kehren wenig später zurück. Wir erhalten die Pässe mit Visum und pro Crewmitglied ein Dokument, das uns zu Ausflügen ins Land berechtigt. Das war's!? "No fees! We do our job!"Am Nachmittag erkunden wir Sarande, einen Ort im Aufbruch, der dominiert wird von meist halbfertigen Neubauten, gerade erst eröffneten Geschäften sowie modernen Bars und Cafes. Natürlich fehlen auch nicht die Wohnblocks aus sozialistischen Zeiten, die schon immer hässlich waren, jetzt aber zudem völlig baufällig sind. Abends zeigt sich Sarande mit italienischem Flair: entlang der neuen Strandpromenade flanieren Jugendliche, schwatzen Familien oder präsentieren Männer stolz ihren Mercedes.(Der albanische Fuhrpark besteht fast zu 90% aus Wagen mit dem Stern!) Natürlich erkunden wir auch die Preise. Beim Kurs von 124,5 LEK zu 1 EURO erhalten wir beispielsweise: Brot zu 35 LEK, Tomaten zu 50 LEK, Paprika zu 170 LEK, Birnen zu 200 LEK, ... und im Restaurant: Rindersteak (mehr ein Rindfleischlappen) zu 600 LEK, Fisch zu 800 LEK, ½ Liter Wein für 350 LEK, Bier für 100-250 LEK In kleinen Lokalen werden Hähnchen, Köfte u.a. auch billiger angeboten. Zieht man die Preise für andere Artikel wie Kleidung, Bauzubehör,... hinzu, die in den Auslagen der Geschäfte angeboten werden, so ist das Preisniveau erstaunlich hoch. Der Durchschnittsverdienst eines Albaners liegt bei 100 EURO pro Monat! ![]() Ausgrabungen in ButrintAm zweiten Tag unseres Aufenthaltes machen wir einen Ausflug zu den antiken Ausgrabungen in Butrint und dem traditionellen Dorf Girokastra, wo Enver Hoxha geboren wurde. Da wir jeweils nahezu die einzigen Touristen sind, wird dieser Ausflug zu einem highlight. Jeder möge weiteres in einem Reiseführer nachlesen oder besser noch selbst erforschen! Damit die Begeisterung überschlägt, sollte man allerdings einen Tag wie Samstag vermeiden, da dann Buskolonnen mit Tagesausflüglern von Korfu einfallen! Mangels "rent a car" oder öffentlicher Verkehrsmittel machten wir die Tour mit einem Taxi aus Sarande, dessen Fahrer uns 7 Stunden lang für 50 EURO über schlechte Straßen schaukelte! An Eintrittsgebühren zahlten wir an diesem Tag 1250 LEK pro Person!Nun die Überraschung! Am nächsten Morgen, dem Tag unserer Weiterreise, überreicht uns Acile die Rechnung: 30 EURO für Steuern und Service, 10 EURO für den Agenten. Wir protestieren und suchen den harbour master auf, der unsere Erregung mit einem Achselzucken abtut. Ein zweiter Agent schaltet sich ein. Nach weiteren Auseinandersetzungen zahlen wir schließlich 30 EURO an Acile. Anschließend lädt dieser uns zum Kaffee ein! Wer an ägyptischen Küsten entlanggesegelt ist, schmunzelt sicher jetzt, weil ihm dieser Teil unserer Geschichte bekannt erscheint! ![]() Spuren der VergangenheitNach Himara (N 400° 05.7 E 190° 44.7) segeln wir 20 sm mit südlichen Winden, was unseren Unmut besänftigt. Die Blicke auf das albanische Küstengebirge sind beeindruckend. Die unzähligen Bunker, die wie überdimensionierte, betonierte Pilze Strände und exponierte Hänge überziehen, liefern Anlässe, sich über die Geschichte Albaniens Gedanken zu machen. Wir passieren Porto Palermos (=Panormes N 400° 03.7 E 190° 48), eine Bucht ohne Hafen! Eine Landzunge, auf der Ali Pasha Bey ein Kastell errichten ließ, teilt die Bucht. Beide Buchten waren ehemals Stützpunkte der albanischen Armee und sind nicht zugänglich. Heute ist zwar das Ankern erlaubt, dennoch wurde uns bereits in Sarande davon abgeraten. Gründe mochte allerdings niemand nennen. Vielleicht ist das freie Ankern angesichts möglicher Piraterie noch immer nicht ratsam oder lassen gar Minenfelder aus dem Zweiten Weltkrieg dies nicht zu?Beim Einlaufen in die Bucht von Himara bedrängt uns wieder des Seglers Alltag. Wo können wir anlegen? Ist Himara immer noch das Nest für Drogen- und Menschenschmuggler? Im N-Ende der Bucht entdecken wir eine Pier, an der ein Frachter gerade mit Kieselsteinen und Sand beladen wird. Wieder ziehen Staubwolken durch die Luft. In einer kleinen Ausbuchtung hinter der Pier liegen mehrere Fischerbötchen, die noch Platz lassen für 1-2 Yachten mit max. 1m Tiefgang ! Mit 2m Tiefgang bleibt uns nur Platz an der Ecke. Der harbour master lässt zwei Boote verlegen, so dass wir vor Heckanker anlegen können. Den Vorschlag des Mannes von der port police, unterhalb der Bugleine des Frachters längsseits der Pier zu gehen, müssen wir leider ablehnen! Dieses Mal erhalten wir Besuch an Bord: der harbour master, der Mann von der port police und ein Englisch radebrechender Assistent lassen sich im Cockpit nieder und nehmen gerne ein Bier entgegen! Abgesehen von unseren Pässen legen wir vor, was wir in Sarande von den Beamten erhalten haben: permission für den Landgang und sailing permisssion bis Himara. Die hochgezogenen Augenbrauen des harbour masters drohen Unheil an! Wir haben keinen Beleg über die gezahlten Steuern! Also argumentieren wir lang hin und her: ohne money kein Visum, keine permisssions oder? Vier verschiedene albanische Steuerarten können wir aufzählen! Wir bieten unser Handy für ein Telephonat mit Sarande an! Jetzt endlich hören wir das erlösende: "No problem!" , zahlen 14 EURO (wofür?) und erhalten wieder keine Quittung! An Bord macht sich schlechte Stimmung breit. Warum tun wir uns das an? Ein Gang durch Himara kann uns zunächst auch nicht ablenken. Der alte, vielleicht sehenswerte Ort Himara liegt weitab am Hang, die Dependance an der Küste hingegen ist heruntergekommen. Daran ändert auch nichts die neu gebaute Promenade! Wie so häufig ist es die Freundlichkeit der Menschen auf der Straße, die uns mit dem Land versöhnt. Wir essen vorzüglichen Fisch im Restaurant und geraten mit einem Albaner ins Gespräch, der nach langem Aufenthalt in den USA als christlicher Missionar in sein Ursprungsland zurückgekehrt ist! "It's a hard job, isn't it?" Am nächsten Morgen erleben wir erneut eine Überraschung: Der harbour master erscheint wie vereinbart pünktlich um 6 Uhr an der Pier. Damit hatten wir nicht gerechnet! Albanien ist komplizierter, als es unsere (Vor-)Urteile vorsehen! Wir erhalten eine sailing permission bis Vlore (N 400° 26.5 E 190° 29.6), dem zweitgrößten "Hafen" Albaniens. Leider aber werden wir diesen Ort nicht kennen lernen. Als wir die vorgelagerte Insel Sazan erreichen, fegt uns südlicher Wind der Stärke 6 vorwärts. Laut Informationen des harbour master's von Himara gibt es in Vlore kein geschütztes Hafenbecken, sondern nur Anlegemöglichkeiten an Piers für die Großschifffahrt Da merkwürdigerweise Vlore nicht in der Tiefe, sondern am Eingang der Bucht gelegen ist, wären wir dem Starkwind nahezu ungeschützt ausgesetzt. Wir steuern die Insel Sazan an, entdecken aber Militärboote, so dass wir uns ohne zu zögern für den Törn nach Durres entscheiden. Die Fahrt mit 7 Knoten macht uns diese Entscheidung leicht! ![]() Hafen von DurresTatsächlich erreichen wir nach insgesamt 70 sm Durres (N 410 15.9 E 190 26.8) noch in der Abenddämmerung. Der Kanal, der uns an Untiefen und Minenfeldern vorbeiführt, ist betonnt, ebenso die Hafeneinfahrt. Dennoch spiegelt sich auf unseren Gesichtern leichtes Unbehagen. Die Skyline des Hafens erinnert an den Hamburger Hafen. Wo werden wir anlegen? Direkt links der Einfahrt steuern wir die port police an, die uns an die entgegengesetzt liegende Pier der Fähren aus Italien verweist. Dort allerdings interessiert sich niemand für uns, eine Anlegemöglichkeit können wir auch nicht entdecken. Wir drehen ab und werden in der südwestlichen Ecke des Hafens fündig. Wir legen längsseits eines Pilotbootes an. Geschafft!! Mehr interessiert uns im Augenblick nicht! Alsbald fallen wir müde in die Kojen.Unsere Leichtigkeit, manche werden es Leichtsinn nennen, bleibt nicht ohne Folgen! Am nächsten Morgen stehen laut streitend der harbour master von Durres und eine Vertreterin der port police am Kai. Kaum sind wir vom Lärm erwacht in unsere Kleidung gesprungen, sitzen beide bereits in unserem Salon. Während der harbour master uns freundlich begrüßt, ist die junge Frau sehr distanziert und zeigt sich schlecht gelaunt. Schnell wird klar: wir haben uns strafbar gemacht, da wir uns nicht über Kanal 16 angemeldet und somit unkontrolliert 12 Std. im Hafen verbracht haben!! Der harbour master fordert ein: Bier für den Herrn, Cola und Limonade sowie Süßigkeiten für die Dame, bitte schön auch einen Teller mit aufgeschnittenem Obst! Keine air condition an Bord? Wir haben schlechte Karten und müssen nun viel Charme einsetzen. Schließlich taut auch die Dame auf und beide beenden nach einer ¾ Stunde befriedet die Formalitäten. Die Frage nach den Kosten in Durres bleibt allerdings unbeantwortet. Unbemerkt von seiner Begleiterin erbittet sich der harbour master zum Abschluss ein deutsches Buch als Lektüre (?). Später erst vermuten wir, dass er sich im Streit mit seiner Kollegin für uns eingesetzt hat und alle Verlangen auch dem Ziel dienten, einen Konflikt zu vermeiden! Der harbour master rät uns, bei Verlassen des Schiffes einen Mann zurückzulassen. Bisher hieß es in den albanischen Häfen: "No problem!" Jetzt werden wir an die Warnungen auf griechischer Seite erinnert, wollen dennoch nicht einen Wächter bezahlen. Nach Vermittlung des h.m. verlegen wir uns neben eine Gullet, einen Motorsegler türkischer Bauart, dessen Besitzer das Hotel "Mediterran" im Ort betreibt. Vor und hinter uns werden Frachter mit modernsten Kränen entladen. Dieses Mal wird die Luft getrübt von feinsten Weizenpartikelchen, die einen leicht süßlichen Geruch vertreiben. Aber wir liegen sicher! Dies wird uns von allen Seiten versichert. Und nicht nur das! Unsere Nachbarn überschlagen sich: Innerhalb kurzer Zeit erhalten wir Stromanschluss, können Wasser bunkern und abends in gemütlicher Runde auf der Gullet das erste Fußballspiel der deutschen Mannschaft zur Europameisterschaft genießen. An diesem Abend vergessen wir für kurze Zeit das Ambiente des Hafens von Durres und fühlen uns versetzt in unser Heimatrevier, die Türkei. ![]() Hauptstadt TiranaWieder ist es die Freundlichkeit der Menschen, die uns hält. Wir bleiben 4 Tage, in denen wir Durres kennen lernen und mit dem Autobus eine Fahrt in die Hauptstadt Tirana unternehmen. Beide Orte bieten keine highlights, dennoch viele Eindrücke, die dazu beitragen, unser Verhältnis zu Albanien neu zu begründen.Am letzten Tag unseres Aufenthaltes müssen beide Schiffe den Liegeplatz für ein Tankerschiff räumen. Kurzentschlossen wirft unser Nachbar die Leinen los und fährt mit uns huckepack in die entgegengesetzte Ecke des Hafens. Nach zwei Stunden kehren wir unzertrennlich geworden wieder zurück. Es war nie langweilig in Albanien! Nach unserer Rückkehr haben wir in Deutschland oft und gerne von unseren Eindrücken in Albanien erzählt. Sie waren so reichhaltig, dass wir einen weiteren Aufenthalt planen. Den Seglerfreunden müssen wir allerdings eingestehen, dass ein Törn entlang der Küste aufgrund fehlender Infrastruktur nicht nur unbequem ist, sondern bei schlechter Wetterlage auch gefährlich werden kann. Der Hafen von Durres bietet den einzigen geschützten Liegeplatz. Aber auch hier ist es unkomfortabel, da Durres ein Hafen für die Großschifffahrt ist. Nach vier Tagen schillerten die Fender in allen Farben, Schiff und Crew waren von einer Staubschicht überzogen. Wir werden Albanien das nächste Mal auf dem Landweg besuchen - dann auf einer "Landyacht", denn nach 15 Seglerjahren auf der SY RAFAGA brechen wir nun zu neuen Zielen auf neuen Wegen auf. |
