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Reinhard Loydl, Sechstausend Meilen Mittelmeer Selten wurde ein Buch derart vielversprechend angekündigt wie Reinhard Loydls "Sechstausend Meilen Mittelmeer". Nach dem Lesen kann man nur sagen: Zu Recht! Es ist ein faszinierendes, facettenreiches, höchst informatives, witzig erzähltes Buch, das den Leser auf einen Erzähltörn in Sturmstärke davonträgt. Doch nähern wir uns diesen 350 Seiten möglichst sachlich. Das Inhaltsverzeichnis folgt den Segeljahren der Crew im Mittelmeer vom Jahr 2000 bis 2004 auf ihrer "Coco de Mer". Wenn man geographisch gliedern würde, wären es ebenfalls fünf Groß-Kapitel: Balearen - Sardinien - Sizilien und Malta - Griechenland - türkische Süd- und Westküste plus vorgelagerte Inseln der Ägäis. Hinzu kommt ein informativer Anhang über die Yacht, ihre technische Ausrüstung, Kartenmaterial, nautische Literatur sowie über "Segler-Lesestoff". Das Herz des Seglers hängt zunächst weniger an den Ländern, ihn interessiert mehr das Maritime, vor allem die Überfahrten. Von Soller nach Barcelona, eine Leseprobe: Finstere Nacht, mondlos, nur die Sterne leuchten über uns. Alles ist ruhig. 1700 Meter bis zum Meeresgrund unter uns; rund fünfzig Seemeilen - geschätzte sieben Stunden - zum Festland. Plötzlich kracht`s und scheppert`s, das ganze Schiff zittert, wir verlieren abrupt Fahrt. ... Um uns herum watteweiche Dunkelheit, der Horizont verschwimmt im nachtschwarzen Dunst. Zu sehen ist nichts ... Nach einer viertel, halben Stunde ist einigermaßen klar, dass wir Glück gehabt haben. Der Schock sitzt in den Knochen! Von Barcelona zurück nach Cap Formentor: Silbern blinken die Sterne über uns, in der tiefschwarzen See rundherum fluoreszieren Unmengen winziger grüner Plankton-Teilchen. Die Nachtfahrt verläuft problemlos. Für uns. Für andere offenbar nicht, auf Funk hören wir unverständliche Fragmente eines Pan-Pan-Notrufs ... Von Mahon nach Sardinien: Der Wetterbericht verspricht Gutes: West bis Nordwest vier bis fünf. Haargenau das, was wir brauchen ... Coco rollt, ich schlucke Stutgeron. Wir opfern Rasmus den Rest meines ... mallorquinischen Hierbas, bedanken uns für die schöne Zeit auf den Balearen und erbitten Glück für Italien. ... Während der Überfahrt wechseln wir uns im Zweistunden-Rhythmus ab. Nur wenige Male sehen wir nachts Lichter am Horizont, wir sind praktisch allein. Mit zwei- bis dreitausend Metern Wasser unter uns. Die Gefühle sind gemischt. Mit der Crew hält der Leser den Atem an, und liest ... und liest ... vergißt die Zeit ... Besonders imposant wird es, wenn die Mallorca-Fähre in Ciutadella einläuft. Wenn das gewaltige Schiff in dem engen Hafenschlauch auf dem Teller dreht, sind Bug und Heck nur wenige Meter entfernt von der Mole auf der einen und den im Päckchen liegenden Yachten auf der anderen Seite. Man hört förmlich, wie sämtliche Freizeitskipper in der ersten Reihe den Atem anhalten ... Das Buch fesselt! Zurück zu den sachlichen Aspekten. Wer 4 Monate am Stück auf seinem Schiff lebt, kann nicht jeden Tag in einer teuren Marina liegen. Geld spielt also durchaus eine Rolle. Und dadurch erfahren wir - neben unzähligen Hinweisen auf gute Ankerpklätze - welche Marina, welche Cala, welchen Ormos man besser nicht (!) anläuft: - Hinter der kleinen Isla de Pina Posada wollen wir windgeschützt ankern. Zu unserer Überraschung sind nagelneue Bojen ausgelegt. Wir greifen uns eine und machen fest. Da brettert auch schon ein PS-starkes Gummiboot heran, freundliche Begrüßung, der Naturschutz habe in dieser Bucht Einzug gehalten, die Vegetation am Grund soll vor den Ankern der Yachten geschützt werden. Liebenswert. Aber "welche Vegetation", frage ich mich. Ob`s uns was ausmacht, wenn sie gleich kassieren? Naja, klar, Umweltschutz darf schon kosten. 3500 Pesetas? 20 Euro? Na, das ist uns doch etwas zu happig für eine Boje, die wir weder wollen noch brauchen. ... Eine Meile weiter südlich gehen wir hinter einer Landzunge vor Anker. - Als nach drei Tagen das Wettertheater nachlässt, eilen wir ins Port Office um die Liegegebühren zu berappen. Glück gehabt: ab morgen, 15. Juli, wäre es 100 Prozent teurer geworden: 14 000 Pesetas, 85 Euro pro Nacht. Wenn man eine dieser Euro-Fallen aufgrund der Hinweise in diesem Buch vermeiden kann, hat man mühelos den Preis des Buches wieder eingespart. Es ist, nicht nur deshalb, ein ideales Geschenk für Seglerfreunde. Natürlich in erster Linie für jene, die sich in den beschriebenen Revieren tummeln und dankbar für Liegeplatz-Hinweise und Preisangaben sind. Rechtzeitig bestellen! Das Buch gibt es nur "on demand", wird also eigens gedruckt. Das kann bis zu 14 Tagen dauern. Schneller ist vielleicht eine Bestellung direkt beim Autor über dessen Webseite (www.cocodemer.de). Wenn man sicher gehen will, sollte man aber vielleicht gleich Kontakt mit dem Verfasser aufnehmen (Tel. und Email ebenfalls via Homepage). Unzählig sind die Tipps zu besonders schönen Plätzen oder auch zu empfehlenswerten Restaurants. Zugegeben, sie sind nicht immer ganz leicht zu erreichen: Hier auf Lampedusa entdecken wir ein Lokal, das wir zu den besten unserer gesamten bisherigen Seglerzeit zählen ... Das Essen übertrifft alle Erwartungen... Und last not least wird nicht einmal unser Budget übermäßig strapaziert. Vormerken wird man sich Erfahrungen anderer Art, wenn man - auf eigenem Kiel oder auch als Chartergast - in einem der geschilderten Reviere segeln will: - Vor Korfu legen wir uns an den laut Handbuch "sehr sicheren" Kai des örtlichen Segelclubs, direkt unterhalb des beeindruckenden venezianischen Kastells aus dem sechzehnten Jahrhundert. War wohl ein Druckfehler. "Sehr teuer" hätte das im Handbuch wohl heißen sollen, denn man nimmt uns 20 Euro ab für einen unruhigen Liegeplatz vor eigenem Anker, ohne Wasser, ohne Strom, ohne Service. ...Nach einem ausgedehnten Spaziergang durch die lebhafte Stadt Korfu machen wir am Abend kräftig einen auf Saturday Night Fever und tanzen Boogie Woogie. An der niedrigen Kaimauer im plötzlich aufkommenden Gewittersturm. Blitze zucken, Donner grollt ... kräftige Gischtfahnen fliegen auflandig über das Kaimäuerchen, von achtern in unser Cockpit und den Niedergang hinunter... - Mythilini ist ein hübsches Städtchen mit viel griechischem Flair... Doch leider ist es an der Pier höllisch laut, weil die Hauptverkehrsader der Insel direkt vorbeiführt.... An Schlaf ist nicht zu denken... Für jene, die in einem der geschilderten Reviere gesegelt haben, ist das Buch besonders verführerisch: Der Leser wird an unvergessliche Orte erinnert, an die Stimmungen und Emotionen, an Bekanntschaften und Freunde. Man kommt unwiderruflich ins Träumen. Erikoussa. Das nächste Paradies! Goldgelber Standstrand, karibisch klares Wasser, Palmen, Zypressen, Laubbäume, ein, zwei Tavernen. Nur drei Yachten leuchten uns in der Morgensonne entgegen, was für ein Kontrast zu den überfüllten Plätzen der letzen Zeit! Auch der Nord- oder Ostsee-Segler wird sich dem Zauber des Buches nicht entziehen können, auch bei ihm werden bei der Lektüre einige Saiten des Gemüts in Schwingung geraten: Was ist es nur, was am Segeln so fasziniert, dass ein einziger schöner Segeltag viele schlechte Tage vergessen lässt? Ist es das unmittelbare Erleben der Natur? Der Reichtum an Erlebnissen? Der Lebensstil? Die Freiheit, von der jeder träumt? ... Die Segel-Handbücher liefern technische Details: Wassertiefe, Anlege-möglichkeiten, Tankstelle auf der Pier etc. Dieses Buch ergänzt mit den anderen, ebenso wichtigen Angaben: Preise, Disco-Krach, Atmosphäre. Diesbezüglich ist es geradezu eine Schatztruhe: - Die riesige Bucht von Porto Cheli hat den Vorteil, absoluten Schutz zu bieten. Drei bis sieben Meter Wassertiefe und zäher Schlammboden auf rund einem Quadratkilometer Fläche, Schiffszubehörhändler und Tavernen rundum, außerdem zahlreiche kleine Ankerbuchten in nächster Nähe - die perfekte Ruhezone für jeden gestressten Ankerlieger! ... - Vor Maratho, dem noch winzigeren Inselchen gegenüber der ohnehin schon winzigen Mini-Insel Arki, gehen wir an eine der Bojen, die dort von den Tavernen ausgelegt sind. Drei Tavernen gibt es hier, und ein paar Zimmer für Einsamkeit Suchende, sonst nichts. ... Der Oktopussaslat mit Kapernblätter ist grandios, der Ziegenbraten phänomenal. Um ein letztes Mal die Sachinformationen anzusprechen. Der aufmerksame Leser erfährt so nebenbei, was an Ausrüstung im Mittelmeer unersetzlich ist: ein strapazierfähiges Schiff mit zuverlässiger Reffeinrichtung. Als wir draußen sind, steht unsere Windanzeige sogleich auf Stärke 8,. in Böen pfeifen uns bis zu 42 Knoten um die Ohren und wir werden kräftig geduscht. Coco macht 8 Knoten Fahrt mit Minimalstbesegelung ... Längst tragen wir Schwerwetterklamotten, Schwimmwesten und sind mit Lifebelts am Schiff gesichert. Die Wellen schütteln uns gewaltig durch. Achterbahnfeeling. Eine kräftige Maschine, Stutgeron. Nach zwei ... Nächten ... fahren wir dann also unter Maschine bei brutaler Welle - doppelt stutgerongestärkt! - genau gegenan, nach San Vito. ... Unseren Sundowner nehmen wir(!) heute kräftig gerührt und geschüttelt. Ein gutes Ankergeschirr, dicke Fender. Morgendämmerung. 7 Beaufort. Schaumkronen am Ankerplatz! Nebenan ist England auf Drift, mit drei(!) Ankern. Aber keine Vorurteile bitte, alle Nationalitäten waren schon unterwegs, es sind nicht mehr viele in der Bucht, die noch nicht zum Drifter`s Club gehören. Die Böen zerren und reißen. Mittags sind wir wieder dran ... - Als wir das Feld der vor Anker liegenden Seglerkollegen erreichen, staunen wir nicht schlecht: da wird auf dreißig bis vierzig Metern Wassertiefe geankert, in Abständen, die uns die Haare zu Berge stehen lassen! .... Jetzt verstehen wir auch, weshalb die hier alle so haarsträubend eng liegen. Es geht schlicht nicht anders, will man nicht seine 50 Meter Ankerkette frei hängend über dem tiefen Meeresgrund werfen. Also quetschen auch wir uns noch hinein, und tun`s den anderen nach, indem wir alle Fender raushängen. Ein kurzes Stoßgebet noch, dann liegen wir. Die Italiener sind das gewohnt, da regt sich keiner auf, einer passt immer noch mit rein. Ein Sonnensegel. Korfu... 42 Grad im Schatten! ... Am nächsten Morgen ... die erste - und wichtigste - Maßnahme des Tages: Sonnensegel raus! Eine gewisse "sportliche" Einstellung. Zwei Tage liegen wir nun in der Werft. Es stinkt. Abfall und tote Fische treiben fröhlich im Hafenwasser. Vor den Werfttoren schiebt der Wind eine bunte Müllvielfalt vor sich her. Doch für die Schönheiten der Umgebung haben wir zurzeit ohnehin keinen Sinn. Wir haben Schw8ielen an den Händen vom Putzen, Polieren, Wachsen , Ölen, Fetten, vom Stauen, Zerren und Zurren... Es ist schon ein gewaltiger Unterschied, ob man vor Mallorca segelt. wo es in den Marinas alles gibt, was das Seglerherz begehrt, und wo man sich im Notfall immer auf Deutsch verständigen kann ... Oder ob man vor Sizilien segelt. Hier sind andere Tugenden gefordert: Genügsamkeit, Improvisationstalent, Schauspielkunst - und eine kräftige Portion Geduld... Auch ein gewisses Maß an Leidensfähigkeit kann hilfreich sein... Längsseits gehen an ölverschmierten Fischtrawlern ... ist jedermanns Sache nicht. Ohropax! Nach dem weltabgeschiedenen Dasein in den Ankerbuchten der letzten Tage wird Kalkan des Nachts für uns zu einem musikalischen Babylon. Je später es wird, desto lauter das lautsprecherverstärkte Inferno rund um den Hafen. Selbstverständlich sind das nicht alle bedenkenswerten Ausrüstungshinweise des Buches. Wer aufmerksam liest, wird sich so manchen Tipp holen können. Auch im Anhang wird man fündig. Besonders wichtig für den Skipper, der das Mittelmeer noch nicht so gut kennt, sind jene Passagen, in welchen sichtbar wird, wie tückisch und unberechenbar das Wetter im Mittelmeer sein kann. ... binnen Minuten verdunkelt sich der Himmel, Böen und wolkenbruch-artige Regenfälle fegen über die Berge heran. ... Danach schüttet es wie aus Kübeln. Sicht gleich Null. Zwanzig Minuten später ist der Spuk vorbei, die Sonne lacht! - Den ganzen Tag kennt das Barometer nur eine Richtung: abwärts. ... In der Spitze zeigt unser Windmesser Windstärke 9 an. .... Wir machen kräftig Lage an der Betonpier. Unsere vier Festmacherleinen sind zum Zerreißen gespannt. Bald steigen auch die ersten Brecher über den massiven Wellenbrecher (sicher 10 Meter dick und 5 Meter hoch) in den Hafen herein und landen auf unserem Schiff. ... Da hupt`s draußen auf der Mole. Ich schaue raus. Durch den heulen-den Wind schreien zwei Männer im zerbeulten Peugeot wild gestikulierend auf mich ein. ... Die beiden Männer im Peugeot stellen sich als einheimische Fischer vor und erklären uns, dass wir hier an der Außenmole nicht liegen bleiben können. "Molto pericoloso". ... Irgendwann stößt man unvermutet auf folgende Stelle des Buches: Am Sonntag nachmittag laden wir uns noch die aktuellen Windvorher-sagekarten aus dem Internet herunter... Moment! Noch einmal wiederholen bitte! ... laden wir uns noch die aktuellen Windvorhersagekarten aus dem Internet herunter! Im Ausland Internet-Wetterberichte an Bord zu holen, wäre optimal! Sie sind in der Regel grafisch präsentiert, so dass die Sprachbarriere entfällt, man wäre an keine Sendezeit gebunden etc. Klicken Sie sich doch testhalber einmal in den griechischen oder den französischen Internet-WX ein. Griechenland: www.poseidon.ncmr.gr Dann: circulation forecast Frankreich: www.merteofrance.com Dann: Mer / Les prévisions marines/ Carte de vents / Mediterranée So etwas vor dem Auslaufen ohne Aufwand an Bord zu haben - es wäre ein Traum! Wie man das an Bord machen kann, darüber gibt zwar das Buch keine Auskunft, Reinhard Loydl behandelt dieses Thema aber auf seiner Webseite www.cocodemer.de. Unter "Mobile Kommunikation an Bord" werden die Fragen "Wie telefoniere ich preiswert im Ausland?" und "Wie komme ich von unterwegs ins Internet?" - zu erschwinglichen Kosten, wohlgemerkt! - abgehandelt. Das Fazit momentan: Es gibt noch keine allgemeingültige Ideallösung. Möglich sind: ausländische Prepaidkarten, GPRS in der Türkei, Internetcafes oder der Anschluss des eigenen Laptops über WLAN (... was auch immer das ist). Es ist ein hochaktueller, verständlich geschriebener Beitrag mit vielen Links, die es vielleicht auch uns Laien ermöglichen, in die moderne PC-Welt der Downloads einzusteigen und sich diese Informationsquelle an Bord zu erschließen. Zurück zum Buch: Es ist ein fulminantes Auf und Ab, in welches der Autor den Leser mitnimmt. Selbstverständlich erklimmen wir den Gipfel unseres Vulkans. ... Oben angelangt, eröffnet sich ein atemberaubender Anblick. Bis zum Horizont die silberne See, zu unseren Füßen der einsame kleine Hafen, darin ein paar helle Flecke, die Boote im tiefdunkelgrünen Wasser, und rundum in Schwarz, Rot und Hellbraun die Insel. Einen solchen Anblick genießt man nicht oft. Dafür lohnt sich jeder Weg! - Von mehr als hundert Metern Wassertiefe in der Einfahrt geht es langsam bis auf fünf Meter ... Anker klar zum Fallen. ... Und das Wasser: Kaum zu sehen! Fast wie Glas. Ein Traum! Die Bordküche bietet Spaghetti aglio olio mit Scampi vom türkischen Fischmarkt heute morgen, eine schöne Flasche Rotwein aus Samos, frisches Obst, dazu spielt eine einsam Jazztrompete von CD. Die Sonne versinkt und taucht die Hügel der Umgebung in Rosarot. Das hier ist wieder so ein wunderbares Fleckchen Erde, dessen Schönheit uns zwei allein fast überfordert. Wer glaubt, das Buch würde nun ein Ankeridyll an das andere reihen und den Leser mit einer Steigerung von romantischen Sonnenuntergängen langweilen, irrt gewaltig. Das Buch kommt bunt und farbig daher, wie die Wirklichkeit eben ist. In den schnell aufeinander folgenden Erzähl-Miniaturen taucht der Autor den Leser in ein Wechselbad von Eindrücken: Irgendwas muss in der Schraube sein. ... Fun-Diving im Hafenbecken! Da kommt Stimmung auf! ... Es kostet einige Überwindung, aber dann springe ich rein, finde in der trüben Brühe unseren Prop und befreie ihn von den eingeklemmten Plastikfolien, die wir wohl hier im Hafen aufgegabelt haben müssen. Problem gelöst. Hinterher erzählt mir Herta von vorbeitreibenden, toten Fischen ... Ich dusche drei Mal sehr intensiv! Das berühmte Side wollen wir nicht auslassen. Laut Reiseführer wahrscheinlich eine der ältesten Siedlungen an der türkischen Südküste, entpuppt sich Side heute als ein Magnet für Millionen sonnenhungriger Touristen, die sich tagsüber ihren Sonnenbrand und nächtens ihren Rausch holen wollen. Handgemalte Schilder ... GET DRUNK CHEAP, BILLIG BESAUFEN ... Side ist eine einzige Anhäufung billigster Souvenirläden ... an jedem Laden Anmache der übelsten Sorte. Die Crew der Coco de Mer macht internationale Seglerbekanntschaften, um die man sie nur beneiden kann. - Aber unser Stegnachbar Terry von der SY Mardling langt uns gleich mal zwei eisgekühlte Bier über die Reling. So beginnen Seglerfreundschaften. - Nur wenige Yachten liegen hier: ein Kanadier, ein Franzose, ein Schwede, und good old Germany ist nun auch vertreten. - Wir kommen ins Gespräch mit einem alten Griechen... Besser gesagt, er kommt mit uns ins Gespräch. Er habe vor vielen Jahren in München gelebt, bei BMW gearbeitet, mag Deutschland ... und freut sich, dass auch uns sein Ort und seine Insel gefallen. - Paul aus London und seine Frau Christina aus Liverpool ... schmeißen eine Party auf der Nachbaryacht. Sie laden uns und ein älteres türkisches Ehepaar kurzerhand ein zum Abendessen. Es wird ein lustiger Abend ... - So machen wir Bekanntschaft mit Sergei, einem russischen Weltumsegler ... Auch die Begegnung mit Tieren beeindruckt die Mannschaft: Delphine, Meeres- schildkröten und ... Beim Schnorcheln sehen wir am Grund einen großen Kraken, der es sich vor seiner Höhle auf zwei rostigen Heineken-Bierdosen bequem gemacht hat und uns gar nicht schüchtern, aber doch argwöhnisch beäugt... wir tun ihm nichts, auch er lässt uns in Frieden, und so scheiden wir als Freunde. Es ist unmöglich, alle inhaltlichen Aspekte des Buches zu würdigen! Wenigstens genannt werden sollen - zusätzlich zur großen Zahl eher illustrierender Schwarzweiß-Fotos - die vielen traumhaft schönen Farbfotos. Jedes für sich ein kleines Kunstwerk! Der ganz besondere Clou aber sind die sparsam eingestreuten "Skizzen". es sind Fotos, die im Computer künstlerisch bearbeitet wurden. Sie wirken wie Tusche-Zeichnungen. Sehr poetisch, sehr schön! Den eigentlichen Reiz dieses Buches macht trotzdem die anschauliche, respektlos-freche, manchmal sarkastisch ungeschminkte Erzählweise aus. Lesevergnügen pur! - Nun haben wir eine wunderschöne, einigermaßen geschützte kleine Bucht entdeckt, ohne Touristenbadestrand, nur Fischerhütten und ein paar Luxusvillen rundherum. Allerdings, gestern und heute (Juliwochenende ...) tobt hier der Bär. Es ist Krieg: Jetbikes und aufgemotzte spanische Außenborderdinghis brettern halsbrecherisch durch die Bucht ... - Motorservice ... Nun ist das ja alles nicht so riesig auf so einem Schiff, ausweichen ist nicht drin. Also lege ich mich ein paar Stunden lang mit dem Mechanico unter Deck, Dieselluft einatmen, diverse Öle wechseln, Leitungen entlüften, eben alles was man so im Urlaub frühmorgens und unausgeschlafen gerne macht! Dabei finden wir den einen und anderen kleinen Defekt, der nicht so schnell zu beheben ist. - Am Abend sind wir in Soller ... Beim Bummel durch den Ort erleidet Herta einen kurzen Anfall von Shoppingitis ... Die unmittelbar folgende VISA-Therapie führt zu schneller ... Heilung. - Einige unserer interessantesten Segelbekanntschaften sind Engländer, und wir freuen uns immer, wenn Engländer neben uns ankern ... Doch was das Essen angeht, so können wir nur schwer nachvollziehen, wie diese Nation den Lauf der Geschichte bei solch einer Kost überleben konnte. - Kaum in Spetsai downtown an Land, stürmen die Mädels schon die Boutiquen, als wäre es die letzte Möglichkeit für Jahre. Der Skipper staunt, in welch kurzer Zeit man sein Vermögen auch in anderen Dingen als in Schäkeln und Tampen anlegen kann! - Mit einem grandiosen Ablegemanöver ... verabschiedet sich die Steuerfrau aus dem Päckchen an der Pier, dessen innerer Halt wir zwei Tage lang waren. Ein hilfsbereiter Skipper - alte englische Seefahrertradition förmlich ins Gesicht geschrieben - steht buchstäblich mit offenem Mund an der Pier, als er merkt, dass eine Frau das Manöver einleitet ... Well, old fella, neue Zeiten sind angebrochen, auch auf See! Irgendwann muss auch eine Buchbesprechung ein Ende finden. Wir lassen auch hier das Buch zu Wort kommen: Als am Abend die Sonne im Westen versinkt, verschmelzen Meer, Land und Himmel in einem wahren Rausch von Blau- und Rosatönen. Leises Ziegengeläut kommt aus den Hügeln. Draußen schaukelt ein Fischerboot. Von der Küste und von Kos glühen die ersten Lichter zu uns herüber, und als sich schließlich die Nacht ausbreitet, funkeln sie wie abertausende winziger Diamanten am Horizont. Und über uns am Firmament eine glitzernde Sternenpracht. Der Wind singt leise in den Wanten, die See schlägt dazu den perfekten Rhythmus am Schiff. Ein grandioser mediterraner Abschied. Und gleichzeitig ein grandioses Buch-Finale! Warum nur hat der Autor dieses Buch uns bis heute vorenthalten!? Wir warten jetzt schon gespannt auf einen Folgeband. Helmut van Straelen / © Dr. Hans Lampalzer Juni 2005 |