Eine Frage der Zeit von Alex Capus ISBN 9783813502725 19,95 € im Knaus Verlag Anton Rüter irrt durch die Steppe Ost-Afrikas. Es ist Krieg. Durch Zufall trifft Rüter auf einen Trupp britischer Soldaten, Feinde also, die am Rand eines Wäldchens lagern. Vor Hunger jede Vorsicht außer Acht lassend, raubt er ihnen den in der Nähe der Bäume über dem Feuer hängenden, unbewachten Kessel mit Haferbrei. So beginnt Alex Capus` Roman "Eine Frage der Zeit", der uns nach Deutsch-Ost-Afrika, an den Tanganjika-See und zunächst in die Zeit unmittelbar vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges führt. Dort nämlich, in Kigoma, am Ostufer, bauen Anton Rüter gemeinsam mit Rudolf Tellmann und Hermann Wendt das Dampfschiff Götzen wieder zusammen, das ursprünglich auf der Meyer-Werft in Papenburg fertiggestellt, dann zerlegt und per Schiff und Eisenbahn an seinen Bestimmungsort verfrachtet worden war. Hier versieht bereits die Hedwig von Wissmann ihren Dienst, ein altersschwaches Motorschiff. Sie diente bisher als Fähre für die deutschen Kolonialbeamten, wird aber in letzter Zeit als Truppentransporter verwendet, obwohl sie nur zwanzig Meter lang und vier Meter breit. Auf der gegenüberliegenden Seite des Sees beginnt Belgisch-Kongo. Dort liegt die Alexandre Delcommune; sie ist kleiner als die Wissmann. Sehr schnell erkennt Anton Rü0ter die Bedeutung seines Tuns: "Wenn die Götzen erst fertig wäre, die zehnmal so groß und doppelt so schnell war wie die Wissmann, würde Kaiser Wilhelm nicht nur den See, sondern ganz Zentralafrika beherrschen." Am liebsten möchte Rüter, der sich weniger Kaiser Wilhelm als vielmehr persönlich seinem Werftherrn in Papenburg verantwortlich fühlt, sein Aufgabe möglichst schnell beenden und vor allen Dingen nichts zu schaffen haben mit deutscher Kolonialpolitik. Galgen und Nilpferdpeitsche sprechen diesbezüglich eine deutliche Sprache. Als Kapitänleutnant zur See Gustav von Zimmer mit seiner Schutztruppe an den See verlegt wird, gerät Rüter schnell in Gegensatz zum neuen Kommandeur, auch weil dieser alle Zivilisten, und damit natürlich ebenfalls die Schiffsbauer, dienstverpflichtet. Vor allem drängt von Zimmer darauf, dass die Götzen endlich fertiggestellt wird. Aber in diesem mörderischen Klima ein Schiff von dieser Größe zusammenzunieten, das dauert! Und so verschiebt sich der Stapellauf des Schiffes ein ums andere Mal. Eine Rolle spielt dabei auch Mkenge, ein junger Häuptling der Massai, mit dem sich die Deutschen angefreundet haben. Von ihm erfährt Rüter - und mit ihm der Leser - wie koloniale Wirklichkeit für die Betroffenen aussieht. Selbstverständlich bleibt es den Briten nicht verborgen, dass die Deutschen ihren Einfluss ausdehnen wollen. Auch ihnen ist klar, welche Bedeutung die Herrschaft über den See mit seinen 700 km Länge hat. Geoffrey Spicer Simsons wird von höchster Stelle mit Gegenmaßnahmen beauftragt: er soll zwei Kanonenboote über Land an den Tanganjikasee schaffen und die Wissmann versenken. Von der Götzen weiß man in London noch nichts. … Es ist unglaublich, wie hautnah Alex Capus die Kolonialzeit in Deutsch-Ostafrika um 1914 auferstehen lässt. Mit den Figuren des Romans wird der Leser hineingestellt in eine extreme Situation und in die Zwänge, denen die Beteiligten unterliegen. Anton Rüter möchte nichts anderes als möglichst schnell zu seiner Familie nach Papenburg zurück. Aber mittlerweile ist der Krieg ausgebrochen und der Weg nach Hause unmöglich geworden. Stattdessen beginnen bald die ersten Feindfahrten, an welchen die Schiffbauer teilnehmen müssen, weil sie die einzigen sind, die von Dampfmaschinen etwas verstehen. Eigentlich aber ist die Lage für die deutschen Truppen hoffnungslos. Dennoch ist es für von Zimmer Soldatenpflicht, solange als möglich Krieg zu führen, weil " …in den Schützengräben und Granattrichtern an der Marne Hundertausende junger Männer verrecken … Je mehr Soldaten die Briten nach Afrika schicken müssen, desto weniger haben sie an der Marne zur Verfügung." Gleichzeitig ist Kapitänleutnant von Zimmer infiziert; er träumt wie so viele andere auch den Traum vom großen deutschen Reich: "Wenn der See unser ist, gehört uns auch das Ufer, und dann möglicherweise alles Land hinter den Ufern. Das ist eine Menge Land ... Rhodesien, Kongo, Ruanda, Urundi, eventuell sogar Uganda und Kenia …" Dennoch, die politische Dimension ist nur der Hintergrund des Romans. Das eigentliche Geschehen bewegt sich auf sehr menschlichen, zum Teil aberwitzigen Bahnen. Das gilt in gleicher Weise für die britische Seite. Denn immer mehr ins Zentrum des Romangeschehens gerät jene Expedition unter dem Befehl G. B. Spicer Simsons, "Acting Commander" wie er sich selbst tituliert. An seiner Person sieht man, wie nahe Heldentum und Lächerlichkeit beieinander liegen können. Zum Schluss … Nein, natürlich werde ich weder den Ausgang noch den Verlauf dieses spannenden, zum Teil hochdramatischen Romans verraten, der gleichzeitig die sehr irdische Wirklichkeit einfängt. Die Zeitung "Die Welt" schreibt (24. 11. 2007): "Alles scheitert, hat der Schweizer Schriftsteller Alex Capus einmal gesagt. ... Darüber schreibt er die schönsten Romane. Und so ist es kaum eine Überraschung, dass Eine Frage der Zeit, die Geschichte vom schönsten Schiff Afrikas, nicht nur eine grandiose Geschichte ist, sondern auch eine mit gleich mehreren Untergängen." Erstaunlich ist, dass dem Leser alle Figuren des Romans sympathisch werden. Alex Capus hat nicht nur hervorragend recherchiert; ihm ist ein versöhnendes, Völker verbindendes, kluges, bis ins letzte Detail stimmiges, faszinierendes Buch geglückt. Und die Götzen? Angeblich fährt sie heute zwischen Tansania und Sambia Linie. Dr. Hans Lampalzer, 10. April. 2008 |
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