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Paul Theroux, Die glücklichen Inseln Ozeaniens

Hoffmann und Campe (daraus zitiere ich), dtv


Ein Buch über die Südsee, aber gegen den Strich gebürstet.

Der Titel wäre eigentlich mit einem Fragezeichen zu versehen. Paul Theroux ist ein amerikanischer Reiseschriftsteller der Gegenwart (geb. 1941). In die Südsee reist er mit dem Flugzeug. In seinem Gepäck: ein Kanu. Auf diese Weise entgeht er weitgehend dem Tourismus und gewinnt einen ganz anderen Blickwinkel.

Neuseeland ...

"In Auckland leben mehr Polynesier als in jeder anderen Stadt der Welt, mehr als die Hälfte der Einwohner sind dunkle Insulaner. ... Wo waren die Frauen? Ich sah nur dickwanstige Männer, manche von ihnen so fett, dass sie den merkwürdig eiernden Gang von Pinguinen zeigen, die ein Brett runterwatscheln. ... Es war schwer vorzustellen, dass einer von ihnen sich paddelnd in einem Kanu fortbewegte. Etwa zehn Prozent dieser Insulaner, die Maori, sind vor etwa tausend Jahren aus Tahiti über die Cook-Inseln eingewandert ..."

Es folgen die Trobrianden, die Salomonen, Vanuatu, Fidschi, Tonga … Theroux erhält eine Audienz beim König von Tonga:

"Ich hatte noch nie jemanden gesehen, der politisch so mächtig, und zugleich physisch so überwältigend war. ... `Majestät`, sagte ich, `werden Sie sich auch mit solchen Fragen wie Atombombentests befassen? ... `Ich war auf Mururoa`, sagte der König nach einer Weile. `Ich habe die Löcher im Riff gesehen. ..."

Samoa ...

"Apia, die verkommene Hafenstadt von Westsamoa... präsentierte sich mir in bejammernswertem Zustand... : Aber ganz gleich, wie verunstaltet und heruntergekommen eine Insel in Ozeanien auch sein mochte, ihr Himmel war immer voller Sterne. ... Nicht einmal in Afrika habe ich eine solche verschwenderische Fülle von Sternen gesehen wie in den klaren Südseenächten."

Tahiti …

"Es ist wohl ein ungeschriebenes Gesetz, dass ein Ort zum Teufel geht, wenn er erst einmal als Paradies gilt. Ich fand Tahiti atemberaubend schön, aber da sich seine gesamte Bevölkerung an den Rändern der steilen und unzugänglichen Berghänge drängelte, wirkte es klein und überfüllt. Es war voller französischer Soldaten und Bürokraten, die sich hier ein schönes Leben machen, weil sie auf ihren überseeischen Posten doppelt so hohe Bezüge kassieren, wie in Frankreich, aber keine Einkommensteuer zahlen müssen."

Marquesas …

Der Zauber der Südsee entstand vor allem durch Romane, meint Theroux. Er führt Melvilles Roman "Typee" an, in welchem die Insulanerinnen sehr freizügig geschildert werden:

" Was die Gemüter der meisten Leser in Wallung brachte, war die Szene, in der Tommo mit Fayaway eine idyllische Kanufahrt auf einem See im Typee-Tal unternimmt. Kokett stellt Fayaway sich aufrecht ins Kanu, knotet ihr Kleid aus Rindenbast auf und breitet es aus, bis es sich im Wind bläht und zum Segel wird."

Theroux besucht dieses Tal. Er zitiert noch einmal Melville: die Wasserfläche sei fast kreisrund gewesen, dreihundert Schritt breit und unbeschreiblich schön. Dann die Wirklichkeit:

"Die Insel war nichts weiter als ein großes, leeres Stück Land mit dichtem Baumbewuchs ... `Wo ist der See?` fragte ich. `Hier ist kein See`, antwortete Victorine, und wieder war eine Illusion dahin."

Osterinsel ...

"Das schlimmste war die heftige Brandung, die ein Gemisch aus zurückprallenden Wellen und Kreuzseen direkt unter Land erzeugte. Um mich davon abzulenken, bewunderte ich die großen Wellen, die sich an den Grotten brachen, über die Felsvorsprünge schossen und die Luft am Fuß der Uferklippen mit Schaum und Gischt weiß tünchten - ein schöner und dramatischer Anblick, tosende See und weiße Wellen.

Und zu dem ganzen Musik.
Aber dann nahm ich den Kopfhörer ab, hörte plötzlich das enorme Brüllen der Brecher und den heulenden Wind ... Hier in meinem tanzenden kleinen Boot begriff ich ..."


Die eher durch den Zufall ausgewählten Stellen können auch nicht nur annähernd den Inhalt des Buches wiedergeben. Er spannt sich von den wirtschaftlichen Aspekten der pazifischen Inselwelt über ökologische Fragen, Tourismus, Prostitution bis zur polynesischen Geschichte.

Eine von Therouxs Stärken sind die immer wieder einfließenden, äußerst informativen Recherchen, die er, wie bei Melvilles Roman gezeigt, mit der prosaischen Wirklichkeit konfrontiert. Es ist ein außergewöhnlich farbiges, kritisches, kluges Buch. Vielleicht erspart es dem Leser die Reise in die Südsee? Vielleicht bewirkt es aber auch gerade das Gegenteil, und man packt sich das Buch als Begleitlektüre und Reiseführer ein.
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emailLetzte Änderung / Last change: Samstag, 02. Dezember 2006