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Festmachen zu zweit vor Buganker

von Viktor v. Heydebrand E-Mail: viktor.heydebrand@ebe-online.de

Alle Vorbereitungen müssen rechtzeitig getroffen werden. Falls dabei Probleme auftreten, muß der Rudergänger ruhig bleiben und solange Runden drehen bis alles wirklich klar ist. Wenn man sich so umsieht, wird schnell klar, dass die meisten Manöver wegen plötzlicher Hektik aus mangelnder Vorbereitung in die Hose gehen:
  1. Achterleinen festmachen, Palstege machen und zum Übergeben aufschießen
  2. Fender nach draußen, auf die spätere Lee-Seite kommen mehr Fender.
  3. Anker klarmachen zum Fallen: Der Ankerschaft hängt noch auf der Rolle, Anker fällt aber sofort beim Öffnen der Nuß. So lässt sich verhindern, dass der Anker umherschwingt und die Bugregion außenschiffs beschädigt.
  4. Nachgeschlepptes Dinghi am Vorschiff - nicht direkt am Bug - festmachen. Nicht zuviel Leine geben, gerade soviel, dass das Dinghi nicht zwischen Schiff und leewärtiges Nachbarschiff geraten kann sowie beim Ankerlegen nicht hinderlich ist (Crasht der Anker durch das Beiboot, wird des Skipper's Stirne sehr rot !!).
  5. Rudergänger steuert die beabsichtigte Ankerposition in stabiler Rückwärtsfahrt an
  6. Fallen Anker (mindestens 50 Meter von der Pier entfernt): Kette rauschen lassen bis der Anker den Grund erreicht hat. Dann die Kette langsam soweit bremsen, dass sich die Kette geradestellt und das Schiff unter Spannung stetig Kette "selbst" aus dem Kasten holt. Dabei entsteht ein (einstellbarer) Zug nach vorne. Damit ist die Bugstabilität bei Seitenwind gegeben.
  7. Der Ankermann hat jetzt jede Menge Zeit, nach hinten zu gehen und die Achterleinen zu übergeben (Luv-Leine zuerst). Optimal ist, wenn das Schiff mit eingelegtem Rückwärtsgang und Standgas bzw. wenig Gas einen sicheren Abstand zur Pier halten kann (die Kette zieht ja nach vorn). Der Rudergänger bleibt trotzdem am Gashebel, damit keiner auf den Gashebel tritt - die Folgen wären weithin hörbar.
  8. Ist die Luvleine fest, wird die Leeleine übergeben. Ist sie fest, schaltet der Rudergänger auf langsame Vorwärtsfahrt (einfach voraus einkuppeln und kein oder nur wenig Gas geben). Das Schiff ist wiederum stabil, in Ruhe wird jetzt der beabsichtigte Abstand Schiff-Pier exakt eingestellt.
  9. Anschliessend wird die Ankerkette über die Winsch steifgesetzt. Fender justieren, Ruder gerade, fixieren, Maschine aus, Beiboot am Bug festmachen, Manöverschluck - fertig.
Der Trick ist halt ganz einfach: Das Schiff ist durch die Einstellung der Kettenspannung an der Ankerwinsch während des gesamten Manövers stabil. Es gilt: je mehr Seitenwind, desto mehr Spannung. Zusätzlich bleibt die Kette gerade und der Anker zieht sich soweit in den Grund, dass er sich bei Belastung weiter eingräbt. Insgesamt sollten mindestens 60 m Ankerkette draussen sein. Im Gegensatz zum freien Ankern, wo der Anker tief eingefahren werden muss, verzichte ich hier auf exaktes Einfahren. Voraussetzung sind genügend Spannung auf der Kette während des Manövers, genügend ausgebrachte Ankerkette und eine kräftige Ankerwinsch zum Durchsetzen der Kette.

Da der Propeller in Piernähe ständig läuft, besteht die Gefahr, dass man sich einen losen Tampen einfängt. Je näher an der Pier, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit. Bei Nacht sieht man solche Tampen nicht. Deshalb möglichst weit weg bleiben. Da bleibt nur die gute alte Wurfleine mit Affenfaust (im Winter trainieren, statt Palstege in die Tischtuchfransen fummeln !!). Andere Möglichkeit: Der zweite Mann/Frau steigt über das Nachbarschiff an Land und nimmt den Luvfestmacher mit.

Zur Diskussion:
Man kann nicht oft genug wiederholen: Die Maßgabe "Kettenlänge = dreifache Wassertiefe" aus dem BR-Theoriebuch ist fatal. Aber wer als Hafenlieger noch keinen Scirocco mit 12 Windstärken erlebt hat, kann sich das halt nicht vorstellen. Einen solchen Scirocco gib es nach Seegebiet ca 3 - 5 mal in der Mittelmeer-Sommersaison. Da fliegen einem die Badeleitern um die Ohren, achtern oder mittschiffs festgemachte Beiboote werden zerquetscht, Hecks werden geschreddert, Bugkörbe verbiegen sich surrealistisch etc. etc..

Auch sehr guter Ankergrund wird bei Windstärken ab 8 von vorn und seitlich bei zu wenig Kette schnell "weich". Schwere Schäden kann man jedes Jahr sogar in "sicheren" Häfen wie z.B. Kos/Kos oder Pythagoreon/Samos beobachten. Wer die Winterstürme erlebt hat, der steckt sowieso immer jede Menge Kette. Für Ankerkettensparer interessant sind auch die nächtlichen Bora-Überfälle z.B. in Korcula, wo zusätzlich der Ankergrund schlecht ist.

Ich war sieben Jahre lang weltweit Charterskipper und Skipper auf Eigneryachten. Da war ich ständig mit der Gleichung Ankerkette = 3x Wassertiefe konfrontiert. Gegen Gedrucktes hat auch geduldige Widerrede keine Chance: die Leute müssen es erlebt haben. Und für Kurzstag-Ankerer entwickelt man im Lauf der Zeit eine Nase. Da heisst es nur: woanders festmachen.



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Letzte Änderung / Last change: Donnerstag, 22. Mai 2003