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Windlise - Dakar bis Banjul

Dieter Schreiber u. Astrid Schwalk, SY "Windlise"
E-mail: windlise@hotmail.com

Sao Nicolau, 13. April 2003-04-13

Unser afrikanisches Abenteuer ist zuende. Wir sind die 530 Seemeilen bei zunächst äußerst schwachem WNW vor der gambisch-senegalesischen Küste, später dann bei NO-NNO von guten 15 Knoten in 4 Tagen im Hafen von Tarafal, Sao Nicolau vor Anker gegangen.


Rückblende:
Windlise - Dakar bis Banjul
Dakar-Saloum


Am 1. März hat Diego, der Segelmacher im CVD, die Hängematte und die Änderungen an der Ganzpersenning für unsere Windlise fertiggestellt. Wir checken zum nächsten Tag im flying fish net auf 8122 kHz ein. Monique von der Sutamon empfängt uns und von Indigo, einem holländischen Boot, erhalten wir unseren Wetterbericht. Zwei Stunden vor dem Morgengrauen brechen wir auf, der Wind ist uns noch eine Weile hold, verlässt uns aber gegen Mittag ganz, so dass wir die Hälfte der 60 Meilen-Strecke zum Riviere Saloum motoren müssen. Entlang der Küste fahren wir durch Hunderte von Stellnetzen und zwischen den buntbemalten Pirogen der Fischer, in die Netze voll mit Fisch gezogen werden. Man fischt hier mit Angel, mit Netzen, mit Stellnetzen und für alle ist der Fang reichlich. Gegen Abend werden in alten Ölfässern Feuer angezündet, elektrisches Licht hat man nicht. Den Wasserturm von Djifere können wir bei dem diesigen Wetter erst 1 Meile vom Wasser aus sehen. Er dient als Landmarke bei der etwas angstbesetzten Einfahrt, eng um die nördliche Lagunenspitze herum.

Vor einigen Jahren ist der Saloum bei Djifere, einem sehr lebendigen Fischerdorf, durch die lange Sandspitze bis Pointe de Sangomar durchgebrochen, so dass der südliche Teil jetzt eine Insel ist. Trotz des windstillen Wetters brechen auf dem Mittelflach vor dem Durchbruch die Wellen und markieren damit die südliche Begrenzung der Durchfahrt. Man muss sehr nahe bis an diese Brandung heranfahren, denn zum Land hin, wird es noch flacher. Der Boden steigt auf ca. 3 m Wassertiefe in der Nähe des Niedrigwassers an und fällt dann in der Mitte der Durchfahrt abrupt auf 10 m ab. Bei Schwell aus Nordwest steilen sich die Wellen vor dem Flach beängstigend hoch auf und welche Kraft eine hohle Welle auf einen Schiffsrumpf ausübt, haben wir ja bereits zwischen Fuerteventura und Isla Lobos erfahren. Bei dem heutigen ruhigen Wetter und nur einem halben Meter Schwell geht alles gut.

Saloum - Toubacouta, Bandiala

Zweihundert Meter weiter flussaufwärts stecken wir den Schlickhaken in den Grund kurz hinter der 2. baufälligen Holzmole. Dort festmachen sollte man nicht..

Um uns herum tobt das Leben. Wie in Saint-Louis im Norden, stehen hier die Pirogen dicht aufgereiht am Strand, landen ihren Fisch an, fahren wieder ab und reißen mit ihren 15 PS Außenbordern Wellen in den Fluss. Die französische Yacht, die ein paar Stunden vor uns von Dakar aus angekommen ist, sitzt beim Wechsel der Tide auf, das Ufer steigt hier sehr steil an. Auch wir ankern nur 20 m von der Steilkante entfernt, dort kann Dieter bereits stehen.

Der Fisch verbreitet auf den Trockengestellen aus Netzen oder Draht wieder diesen klebrigen Geruch und auch der Plastikabfall sammelt sich am Strand während die Ziegen und Schafe drum herum die Reste des Mittagessens vertilgen. Stein- und Strohhütten wechseln in teils dichter Bebauung ab. Befestigte Wege gibt es nicht. Fische werden in zusammengefegten und angezündeten Abfallhaufen gegart, manchmal auch angebrannt, so schwarz wie sie nachher aussehen. Qualm und Rauch verbreitet sich über das Dorf, gemischt mit dem durchdringenden Geruch nach Fischabfällen und Müllkippe. Die Verständigung im Dorf ist mühsam. Wir wollen nichts kaufen und Gas ist zu teuer. Wir lehnen die weitere Begleitung, die uns angeboten wird, ab. Auf dem Markt gibt es einige welsartige Bodenfische, Jacks mit gelben Brust- und Schwanzflossen und seezungenähnliche Plattfische, vielleicht Limande, Papageienfische, die aber gar nicht bunt sind, dafür aber die charakteristischen Schabezähne im Unterkiefer besitzen und eine Art Schellfisch, der Zeichnung nach zu urteilen.

Auch wenn der Fisch gerade erst angelandet wurde und sicher frisch ist, vom Geruch wird uns schon übel und unser Appetit auf Fisch verfliegt. Dann doch besser Corned beef aus der Dose.

Uns zieht es am nächsten Tag weiter, schon um unsere Nasenschleimhäute wieder mit frischer Luft zu spülen. Bei angenehmem NO kreuzen wir im grünen Wasser des Saloum bis hinauf zu des Isles des Diables und nächtigen in einem kleinen Zulauf zwischen Mangroven. Das Saloum-Einzugsgebiet ist weitgehend Sumpfland mit grünen Mangrovengürteln an den Ufern. Teilweise jedoch ist der Streifen nur schmal und kleine Sandstrände mit Palmen oder Akazien und auch mal ein Ferienresort werden eingesprenkelt sichtbar. Der Wind erstirbt zwischen den Mangroven, das Teakdeck heizt sich so stark auf, dass man nicht mehr darauf mit bloßen Füßen gehen kann und wir springen erstmal ins Wasser und lassen uns am Festmacher bei 1-1,5 kn Strom durchspülen. Absoluter Frieden um uns herum, kein Abfall, kein Gestank, nur Reiher und Mangroven und 36 Grad im Schatten. Der kühlende Wind fehlt. Über das Schiff zieht sich eine Salzkruste, da das Wasser in Windeseile verdampft.

Der Fluß ist bis Kaolack schiffbar und tatsächlich begegnen wir auch auf der Kreuz gegen leichten NO der täglichen Fähre in Foundiougne, das auf halbem Weg dorthin liegt. Vorher fahren wir uns aber erst mal tüchtig fest; an der Backbordseite springt die Strömungskante von 4,2 auf unter 2 m an. Der Tiefenmesser reagiert zu langsam. Dieter lotet mit Bleigewicht vom Dinghi aus die Tiefe und drückt mit Hilfe des Außenborders den Bug des Schiffes herum. Da wir auflaufendes Wasser haben, kommt Windlise wieder frei. Kurz vor Foundiougne fahren wir uns bei der Wahl des Ankerplatzes noch mal fest. Wieder und Gott sei Dank ohne Folgen.

Das Schönste am Ort Foundiougne, einer alten halb verfallenen Kolonialstadt der Franzosen, ist die Ansicht vom Fluss aus. Das Hotel Foundiougne bietet europäischen Komfort mit gepflegten Anlagen und restaurierten Gebäuden im französischen Kolonialstil.

Am besten im Ort selbst gefallen hat mir der alte Dorfplatz mit der Schweinesuhle. Zwischen völlig verfallenen Ruinen wachsen dort schöne riesengroße Baobabs (das sind sehr dickstämmige, riesige Bäume) mit dornenbewehrten und hohl klingenden Brettwurzeln und einige Akazien, in deren Schatten Hunde, Ziegen, Schafe, ein Esel und der Dorfeber halb im Schlamm versunken friedlich wie im Paradies nebeneinander leben. Die Hitze schafft eine schläfrige Trägheit eben nicht nur bei den Menschen. In einer kleinen Tischlerei unter freiem Himmel fertigen auf engstem Raum ca.15 Menschen ausschließlich mit Handwerkzeugen, also ohne jede Maschine, Betten, Kleiderschränke und Nachtkonsolen. Hobeln statt Dickte, fast undenkbar in Europa. Fast alle Waren werden mit der Fähre transportiert. Am verfallenen Betonkai kann sie aber nicht anlegen. Sie wird mit Pirogen entladen und jedes Gepäckstück wird durchs Wasser getragen, bevor es auf der staubigen Straße abgeladen wird. Wir empfinden es als durchaus angenehm, uns für einige Zeit in die europäische Atmosphäre des Hotels Foundioungne zurückzuziehen und in Ruhe einen eisgekühlten Jus de Bissap zu trinken, der mit Eis und Strohhalm auf der strohgedeckten Terasse mit gepolsterten Korbmöbeln und Ausblick auf den gekehrten kleinen Standstrand und die blühenden Gartenanlagen serviert wird. Es ist 15.00 Uhr und sehr warm. Der Nordwind, der über das trockene Land streicht, bringt keine Abkühlung. Bei unserer Rückkehr sind es wieder 36 Grad im Schiff. Der Schweiß trocknet beim Erscheinen auf der Haut und unsere Haut spannt unter der Salzkruste, die nach dem Baden im Fluss, der hier warm und sehr salzig ist, als dünner Film zurückbleibt. Das Barometer ist auf 1007 hPa gefallen - ohne jede Wetteraktivität. Ab und zu zieht ein dünnes Wolkenfeld vor die Sonne, die Temperatur sinkt davon nicht.

Wir reisen am nächsten Tag weiter, segeln einen Teil der Strecke wieder zurück bis zum Eingang in den Sangaka. Hier müssen wir wegen der Enge der Durchfahrt und den zahlreichen Flachstellen motoren und uns stärker als bisher in die Gesetzmäßigkeiten von fließendem Wasser, der Bildung von Mittelflachs und Barren hineindenken. Wir finden diese Gesetzmäßigleiten an der Nordsee, im Wattenmeer, in kleinen Sennebächen und reißenden Strömen und sogar in den ausgetrockneten Geröllfeldern der Barancos und Riberias auf den vulkanischen Inseln. Diese Kenntnis bewahrt uns aber nicht davor, doch ab und zu zu grounden, wie es so schön auf englisch heißt. Der vordere Teil unseres Kiels ist nach diesen Flussfahrten dann auch schön blankgescheuert. Es gibt jedoch keine Gefahren in dem allgegenwärtigen Schlick, keine Steine, keinen harten Sand aber leider eben auch keine gute Sicht. You have to feel your way in, beschreibt der West African Guide so überaus zutreffend.

Wir sehen Störche und Weißkopfadler in den Mangroven. Am Ankerplatz im Bolon Labor, nahe dem Mündungsdelta des Diomboss ist es unglaublich still. Wieder heißer Wind über 36 Grad und diesig. Die mäßige Sicht lässt alles noch viel größer erscheinen als es ist. Ohne Sonnendach träfe uns der Hitzschlag. Der Hitze kann man nur durch den Sprung ins Wasser begegnen, aber die Abkühlung hält nicht lange vor. Im Nu ist man getrocknet und wie gepökelt. Trotz Autan, trinidadischem Wundergel und Netzen vor den Fenstern finden die Mosquitos unsere Füße und einige andere Körperteile. Morgens begegnen wir Delphinen oder kleinen Walen; sehr langsam ziehen sie vorbei.

Der Eingang des Bandiala vom breiten und sehr flachen Diomboss aus wird uns durch eine kleine Frachtpiroge erleichtert, die Schilf und Bambus für Dächer und Wände der afrikanischen Hütten geladen hat. Wir nehmen die Verfolgungsnavigation auf und werden schadlos durch die engsten Stellen der tiefen Rinne gelotst. In Toubacouta machen wir erst einmal Station. Der Bandiala ist der schönere Abschnitt dieser Reise mit eingesprenkelten Sandstränden zwischen den Mangrovenufern, er ist viel enger und gewundener und das umgebende Land nicht mehr ganz so sumpfig. Deshalb wachsen hier auch wieder Baobabs, Weiden und Palmen und eine Vielzahl anderer grüner Gewächse. Nahe am drying mud flat von Toubacouta ankern wir wieder neben den Franzosen aus Djifere. Sutamon und Jorja, die uns in Dakar mit dem West African Guide versorgt haben, sind heute morgen weitergereist. Sie hatten uns vorher über das flying fish net noch mit einigen nützlichen Navigationshilfen versorgt. Toubacouta

An zwei gut gepflegten Molenköpfen liegen 2 Hotels, das Keur Saloum und ein von Belgiern geführtes, dessen Name mir entfallen ist. Dort dürfen wir unser Dinghi kostenlos anbinden und von dort werden auch Touristen mit Pirogen auf Flussfahrt geschickt. Die Belgier veranstalten darüber hinaus Wildschweinsafaris mit Jeeps und zünftiger Kleidung. Diese Gesellschaften sehen wirklich furchterregend aus in ihren militärischen Tarnanzügen und mit ihren Gewehren, als zögen sie in den Krieg - gegen die Schweine. Die Betreiber der Hotels haben im Dorf dafür gesorgt, dass hier mit dem Müll anders umgegangen wird als üblich. Die Hotels selbst heben Gruben aus, worin vornehmlich Gartenabfälle versenkt werden. Die Leute im Dorf haben sie erfolgreich und mit Hinweis auf ausbleibende weil abgeschreckte Touristen davon überzeugt, dass sie ihren Müll täglich zusammenkehren und verbrennen, und so macht dieses Dorf einen entsprechend sauberen Eindruck.

Man lebt hier wie sonst auch außerhalb der Städte auf gestampfter Erde in meist unverputzten Steinhäusern oder Strohhütten. Außer der Durchgangsstraße, die ca. 1 km am Dorf vorbeiläuft, gibt es hier keine asphaltierte Straße. Wir lassen unser Dinghi am Steg von Keur Saloum und verlassen die Gartenanlagen des Hotels durch das bewachte Tor, durch das ohne Berechtigung kein Schwarzer kommt. Die Wachmannschaften sind selbstverständlich auch schwarz und können sehr ungemütlich werden, wenn sie ihre Landsleute vor dem Tor stehen sehen. Als Weißer ist man diesbezüglich privilegiert. Außerhalb des großen weiß gestrichenen Tors, von dem aus links und rechts hohe Mauern das gesamte Terrain umschließen, reihen sich kleine Buden mit touristischem Nippesangebot, meist Holzschnitzereien von recht einfachem Zuschnitt, oder Armbänder aus Metall und Holz, ebenfalls einfachste Machart. Die Metallstücke scheinen teils aus Kronkorken geschnitten, wir sehen Kinder, die die Kronkorken von Bierflaschen flach hämmern. Wenn die Leute nichts verkaufen können, bitten sie um kleine Werkzeuge, mit denen sie Metall für die Herstellung von Schmuckstücken bearbeiten können oder um Stifte und Hefte für die Kinder.

Die jungen Männer trinken vor ihren Buden Tee oder Toubacouta-Kaffee, der aus Zichorien und anderen Kräutern besteht. Kaffeebohnen sind für sie unerschwinglich.

Im Dorf macht ein Frisör mit einem Plakat auf sein Geschäft aufmerksam. Aber darauf ist ein Weißer mit französischen Zügen im Stil der dreißiger Jahre mit gezogenem Scheitel und eng an den Kopf geklebten Haaren zu sehen. Auf unsere Frage, warum denn kein Schwarzer darauf abgebildet sei, antwortet der Frisör, dass man schwarze Haare und schwarze Gesichter einfach nicht gut darstellen könne. Ein grün gestrichener Raum, ein einfacher Stuhl und ein etwas blinder Spiegel sind seine ganze Raumausstattung. Neben Schere und Kamm besitzt er aber auch einen elektrischen Haarschneider, mit dem er den meist männlichen Kunden die Haare millimeterkurz schert. Die Mädels ziehen es vor, sich gegenseitig Zöpfe zu flechten, die eng an der Kopfhaut anliegen. Manchmal stecken sie sich aber auch ein künstliches glattes Haarteil aus Kunstfaser an. Auf dem Markt gibt es Auberginen, Möhren, Tomatenmark aus großen italienischen Dosen und Erdnusspaste, die für die Zubereitung des Maffé unersetzlich ist. Kartoffeln werden hier als Gemüse gekocht, manchmal ist auch eine grüne Tomate dabei, die in bisschen bitter schmeckt. Die Grundlage von allen typisch senegalesischen Gerichten Maffé, Thieboudienne und Thieboudiap (das zweite mit Fisch, das letztere mit Fleisch) ist immer Reis, der in rauen Mengen in riesigen Aluminiumtöpfen gekocht wird. Für Maffé wird die Soße aus in Sojaöl gebratenem Tomatenmark, Erdnusspaste, Zwiebel, Knoblauch, schwarzem Pfeffer und zerriebenen Maggi zubereitet. Darin wird meist gekochtes oder gebratenes Fleisch erhitzt oder es gibt dazu geräucherten Fisch. In der Soße wird Kartoffel, Möhre und manchmal auch eine Aubergine ganz gegart und statt Fleisch oder Fisch mit dem Reis gegessen. Serviert wird das Gericht immer in großen, emaillierten Waschschüsseln, die zunächst mit Reis gefüllt werden bevor die braune Erdnusssoße und je nach Geschmack Fleisch/Fisch oder Gemüse darauf verteilt werden. Gegessen wird mit den Fingern oder mit einem einfachen Aluminiumlöffel. Dazu hockt man sich auf Matten oder niedrigen Hockern rund um die Schüssel und langt dann zu. Gegessen wird sowohl draußen auf dem gestampften Boden wie auch in den sparsam möblierten Räumen mit Betonbußboden.

In der Familie des Schulleiters der Elementary school, Seni Sow erlebten wir die afrikanische Gastfreundschaft in hautnahem Kontakt mit der Familie. Seni selbst sprach nur wenig Englisch, dafür kümmerten sich seine 19jährige Tochter Cardessa und sein 29 jähriger Sohn Paco auf eine ganz besonders eindrucksvolle und herzliche Weise um uns. Wir haben dort zwei Tage am Familienleben teilgenommen und die Offenheit und private Nähe, die diese Menschen uns für diese Zeit gewährt haben, werden für uns unvergesslich bleiben und gehören zu den stärksten Eindrücken dieser Reise.

Die Teilnahme an der Essenszubereitung gehörte wie das Essen selbstverständlich dazu. Die Familie besteht aus aktuell ca. 11 Mitgliedern; dazu gehören neben der Frau des Schulleiters, einer Mandinga, ihre Tochter Cardessa mit einem zwei Monate alten Sohn, eine ältere Tochter mit 2 Kindern, einer 14 jährigen Tochter, einer ca. 16 jährigen Pflegetochter, einem ca. 16 jährigen Sohn und Paco (29), dem ältesten Sohn von Senis erster Frau, einer Fuller, die in Gambia lebt. Eine weitere Frau lebt in Casamance, wohin er während der Sommermonate reist und wo er auch ein Haus besitzt. Die Familie hat in einem einstöckigen, verputzten aber ungestrichenen Gebäude mit Veranda 3 Zimmer gemietet, in denen alle bis auf Paco leben und schlafen. Außer Betten gibt nur sehr wenige Möbel. Cardessa, die in Gambia mit einem Taxifahrer verheiratet ist, lebt hier nur vorübergehend und muss mit Schaumstoff auf dem Boden vorliebnehmen.

Kleidung wird in Plastiktüten oder unter Planen gegen den Staub auf einer Kommode oder Truhe gelagert, die nicht für alle Familienmitglieder ausreicht. Außerdem gibt es niedrige Hocker, auf die man sich setzt. In der heißen Mittagszeit aber legen sich die Familienmitglieder auf die Betten, um sich auszuruhen.

Reihum ist jeweils eine der Töchter an der Reihe Essen für die Familie zu kochen. Eine Schüssel ist immer für die Eltern reserviert. Auf dem Hof, der von einer Mauer umgeben ist, gibt es einen Wasserhahn, aus dem es aber nur zu bestimmten Zeiten des Tages rinnt. Dann werden die 15 oder mehr gelben 20 l Kanister gefüllt und das amphorenähnliche Tongefäß im Schatten der Veranda, in dem das Trinkwasser kühl und frisch bleibt und aus dem jeder nach Belieben mit einer Blechtasse Wasser zum Trinken schöpft.

Neben dem Haupthaus, in dem weitere zwei Räume von einer anderen Partei bewohnt werden, gehört zu diesem Compound ein Küchen- und ein Badehaus. Das Badehaus besteht aus zwei getrennten Räumen, einem Toilettenraum mit Loch im Boden, alles sauber betoniert, und einem Duschraum mit einem Wassereimer auf dem Dach.

Im Küchenhaus aus einem Raum befindet sich ein gemauertes Regal an einer Seite auf sonst gestampftem Boden. Lediglich durch die gestrichene Brettertür fällt Licht in den dunklen Raum, in dem neben Reis und einem Kanister Öl das Küchengeschirr und die emaillierten Essschüsseln aufbewahrt werden. Weitere Vorratshaltung wird nicht betrieben. Täglich kauft man auf dem Markt die für die nächste Mahlzeit benötigten Zutaten ein. Man kommt hier mit sehr wenig Küchenausrüstung aus.

Die großen Aluminiumtöpfe mit rundem Boden nimmt ein schweres Eisengestell - einem Stövchen ähnlich - auf, das auf einer Propangasflasche mit Brenner steht. Außer einem Messer zum Schaben und Schneiden von Möhren und anderem Gemüse wird ein großer flacher Schöpflöffel mit vielen Löchern verwendet, mit dem die Zutaten in den Topf gegeben oder auch wieder herausgeholt werden. Selbst dünnere Soßen wie die von Thieboudienne werden mit dem Schöpfer auf die Schüsseln verteilt. Das Gemüse wird damit unzerteilt auf den Reis gelegt. Dabei erhält jede Schüssel eine Kartoffel, eine Möhre und eine Aubergine. Vier bis fünf Personen teilen sich eine Schüssel, wobei man mit dem Löffel oder auch mit den Händen kleine Stücke von den Gemüsesorten abbricht und mit Reis und Soße vermischt isst.

Einfache Gerichte bestehen nur aus Reis mit einer roten Soße aus Öl, Tomatenmark, Maggi und manchmal einer teuflisch scharfen roten kleinen Paprikaschote. Wehe dem, der beim Zerteilen kleine Wunden oder Schnitte an den Händen hat oder sich gar mit den Fingern Augen oder Nase reibt! Die Substanzen des Scharfmachers wirken wie Bienengift auf Haut und Schleimhäuten. Das gilt natürlich auch für die Schärfe des Essens. Diese Paprika ist nur mit Schutzausrüstung zu bearbeiten und im Essen nur in homöopathischen Dosen zu verwenden, ansonsten bewirken sie Schleimhaut- und Hautverätzungen. Wir machten einschlägige Erfahrungen.

Gewürze wie Knoblauch, Zwiebel und schwarzer Pfeffer und alles, was nicht als ganze Frucht belassen werden soll, werden in dem afrikanischen Stampfer zerstampft, der aus einem wie ein Pokal geformten Holzmörser und einem schweren, ca. 1 Meter langem Hartholzprügel mit einem Durchmesser von vielleicht 5 cm besteht, eben so, dass man ihn gut mit einer Hand greifen kann. Die zerstampften Gewürze werden mit den Fingern aus dem Mörser und von dem Pistill ausgekratzt und in den Topf mit Öl, Tomatenmark und Erdnusspaste gegeben. Während der ca. einstündigen Kochzeit wird nach mehrmaligen Zugaben von Wasser eine sehr schmackhafte und scharfe, sämige Soße. Den Sand, den man während des Essens zwischen den Zähnen spürt, stammt offensichtlich aus diesem Holzmörser, der meist draußen steht und dem fliegenden Sand ausgesetzt ist und nach unserer Beobachtung auch nicht besonders gereinigt wird.

Gibt es Fisch, dann legt man die Gräten einfach vor sich auf den Boden. Nach dem Essen wird mit einem kleinen Reisigbesen der Abfall in einen Plastikeimer zusammengekehrt. Dass es dabei ein bisschen staubt, gehört mit zum Ambiente. Dafür gibt es auch keine Fettflecken auf dem Boden.

Nach dem Essen wird das gebrauchte Geschirr, samt Töpfen und Schüsseln in großen grellbunten Plastikschüsseln, in denen auch die Wäsche gewaschen oder die Kinder gebadet werden, abgespült. Dazu ist bei der Wärme kein warmes Wasser erforderlich, das Wasser hat sich in Kanistern oder der Wasserleitung ohnehin aufgeheizt. Der Spülmittelschaum wird anschließend sorgfältig mit klarem Wasser abgespült und die Sonne trocknet alles sehr schnell. Aufbewahrt werden die Küchenutensilien wieder in der Küche bis zur nächsten Mahlzeit, bei der es wieder Reis mit irgendeiner Soße gibt. Zu den besonderen Riten gehört die Teezeremonie. Paco lädt uns für den gleichen Abend dazu ein. Eine winzige Teekanne aus lackiertem Blech wird mit 5 kleinen Löffeln chinesischem grünen Tee aus dem Senegal und ebensoviel Zucker versetzt und mit Wasser aufgebrüht. Auf einem kleinen Blechtablett stehen 2 kleine Gläser, in die der Tee mehrfach eingegossen und zurückgegossen wird. Die Kanne wird dabei hoch über die Tassen gehalten, so dass schließlich eine Schaumschicht auf dem Tee entsteht. Die Gläser werden halbvoll gefüllt und den Gästen auf dem Tablett serviert. Danach werden die Gläser wieder gefüllt und die Gastgeber trinken selbst daraus oder weitere Familienmitglieder erhalten ein Glas. Wenn alle Anwesenden einmal an der Reihe waren, bzw. der Tee verbraucht ist, wird Wasser in der Teekanne erhitzt und mit der rechten Hand die inzwischen vom Zucker klebrigen Gläser gereinigt. Das Wasser gießt man in das Tablett und danach fort. So stehen für die nächste Runde wieder saubere Gläser bereit.

Diese Zeremonie dauert ca. eine halbe Stunde und wird für gute Freunde insgesamt noch zweimal wiederholt. Gegen die Moskitos verwendet man ein aromatisches Holz, das sparsam mit dem Feuer verbrannt wird. An diesem Abend ist es inzwischen stockdunkel geworden und da der Mond nicht am Himmel steht, ist der Heimweg durch die unbeleuchteten Straßen kaum zu finden. Lediglich die Lichter der Hotels geben die Orientierung vor und so landen wir dann auch wieder sicher auf unserem Boot.

Am nächsten Tag besuchen wir die Schule von Seni Sow, dem wir am Vortag zwei Bündel Stifte und 10.000 CFAs ca.15 Euro für die Schulkinder gespendet haben, und nehmen an einer Unterrichtsstunde der zweiten Klasse teil. Die Schule hat 630 Schüler und nur 16 Räume und nicht vielmehr Lehrer, weshalb Klassenstärken von 40 bis 50 Schüler die Regel sind. Die Zweitklässler schreiben mit Kreide noch auf Schiefertafeln, die ihnen von der gestrengen Lehrerin aus den Händen geschlagen wird, wenn sie zu viele Fehler machen.

Neu für uns ist, dass die meisten der Kinder gar kein Französisch sprechen, wenn sie in die Schule kommen, sondern nur den in der Familie gesprochenen afrikanischen Dialekt. Jeder der in der Region lebenden Stämme hat seine eigene Sprache, wobei sich manche der Sprachen ähneln. Ein Ouolof versteht auch Mandinka, der Sprache der Mandingos, die neben den Ouolofs die zweitgrößte Volksgruppe darstellen. Daneben gibt es Serer, Fuller und noch eine ganze Reihe anderer Stämme, die sich in Körperbau, Gesichtsschnitt und Hauttönung erheblich unterscheiden. Über die von den Europäern künstlich geschaffenen Grenzen der Länder Senegal, Gambia und Guinea Bissau hinweg verständigen sich die Schwarzen in ihren eigenen Stammessprachen und so ist es auch kein Wunder, dass Kinder erst in der Schule die Amtssprache des Landes lernen. In der zweiten Klasse sitzen 47 Kinder, die in streng frontalem Unterricht in französischem Lesen (an der Tafel) oder im Rechnen - heute sind die ungeraden Zahlen zwischen 60 und 100 dran - unterwiesen werden.

Wir lassen eine Tüte mit Bonbons für die Kinder bei der Lehrerin und unterhalten uns noch eine Weile mit dem uns zugeteilten Lehrer, bevor wir uns zu Cardessa zur Vorbereitung des Mittagessens begeben. Wieder begleite ich sie auf den Markt, heute übernehmen wir jedoch das Bezahlen der Zutaten. Für 1000 CFAs, umgerechnet ca. 1,5 Euro ersteht Cardessa alle Zutaten für Thieboudienne für die ganze Familie, uns eingeschlossen, mit Ausnahme von Öl und Reis, die es ja bereits zu Hause gibt. Dazu gehört Tomatenmark, Pfeffer, Maggi, alles in durchsichtigen, winzigen Plastikbeutelchen abgepackt, ein Stück Weißkohl, Auberginen, Möhren, Kartoffeln und geräucherter Fisch. Eine sehr schmackhafte gelblichrote apfelähnlich aussehende sehr saftige Frucht probieren wir auf dem Weg nach Hause. Sie löscht den Durst hervorragend. Bananen sind auf dem Markt im übrigen Mangelware, eine Frau verkauft Pampelmusen, ansonsten ist das Angebot gegenüber Dakar auf die Bedürfnisse der Bevölkerung zugeschnitten und erreicht bei weitem nicht die Vielfalt der großen Stadt.

Nach dem Essen warten wir auf Paco, der uns bei der Beschaffung von Diesel und Wasser mittels Eselskarren helfen will. Die Familie begibt sich in dieser heißesten Zeit des Tages zur Ruhe und zieht sich in die kühleren Räume zurück. Cardessa säugt ihr Baby und wenn sie einmal nicht zu Hause ist und das Baby Hunger bekommt, übernimmt diese Aufgabe auch mal die Großmutter, die Frau des Schulleiters. Cardessa breitet dann ein frisches Laken über ihre Schaumstoffmatratze und fordert uns auf, uns hinzulegen, legt sich selbst aufs Bett und macht die Augen zu. Dieter und ich spielen ein wenig mit den beiden kleinen Jungs von zweieinhalb und vier Jahren. Die aufblasbaren kleinen Plastikreifen mit dem Smiliegesicht haben es den beiden so sehr angetan, dass sie sie gar nicht mehr aus den Händen legen wollen. Aber das Spiel mit dem kleinen weichen Rugbyball, den wir Cardessa für ihr Baby geschenkt haben, geniessen sie auch sehr. Diese Kinder sind unglaublich lieb und verträglich. Sie erhalten aber auch ein Übermaß an körperlicher Nähe und Zuwendung, was sie offensichtlich sehr zufrieden stellt. Sie quengelten nie oder stritten sich oder zeigten sonst eine Form der Aggression. Vielleicht liegt das einfach an dem Lebensstil, der sehr viel mehr die primären Bedürfnisse befriedigt. Das bedeutet, man schläft, wenn man müde ist, isst, wenn man hungrig ist, ist nie ungeduldig oder äußert seine Ungeduld, weil das sowieso keinen Zweck hat. Die Abwesenheit von Zeit oder besser die effizient genutzte Zeit, in der Verzögerungen oder Störungen schnell Ungeduld und Hektik auslösen, fehlt völlig.

Über Westafrika sagte in Banjul in einem Internetladen ein englisch sprechender Franzose neben uns, dass sich diese Länder durch ein Höchstmaß an Ineffizienz auszeichneten. Dieses Statement gilt allerdings auch schon eingeschränkt für südeuropäische Länder, denn die Ansicht, dass Systeme rentabel arbeiten müssen, ist dort durchaus nicht überall verbreitet, warum denn auch? Außerdem setzt das Planung, Kalkulation und Organisation voraus, zusätzlich ein hohes Maß an Verlässlichkeit und das überfordert die Fähigkeiten vieler. Hier sieht jeder zu, dass er irgendwie etwas tut oder verdient, die Grundlagen dafür sind sehr dürftig. Aus jedem Stück Baustahl wird in den offenen Metallwerkstätten unter großen Mühen und der Abwesenheit von Maschinen irgendetwas brauchbares geschweißt, ein Stuhl, ein Bettgestell, aber es gibt einfach nicht viel. Das örtliche Internetcafe ist für die Bewohner des Dorfes absolut unerschwinglich, jeder Arztbesuch ist mit 1500 Cfas zu bezahlen, Medikamente und Verbandszeug sehr teuer, wenn auch in den Apotheken verfügbar. Viele Menschen im Senegal und in Gambia haben Hautkrankheiten, die wahrscheinlich mit Salben relativ einfach zu heilen wären.

Paco litt an einer Dornwarze unter seiner Fußsohle, die ihm während unserer Anwesenheit schrecklich Schmerzen bereitete. Wir geben ihm das Geld für den ersten Arztbesuch und Verbandszeug aus den Vorräten unserer Bordapotheke, denn eine Operation, bei der die Warze herausgeschnitten wird, war unvermeidlich. Das war das mindeste was wir tun konnten und Paco machte sich auch am gleichen Tag auf den Weg zum Arzt.

Die mangelhaften Verdienstmöglichkeiten für die großen Familien, in denen durch die Aufklärungsarbeit über die Hygienemaßnahmen bei der Babypflege und der Zubereitung der Nahrungsmittel in der Schule und die medizinische Aufklärungsarbeit der überall vertretenen internationalen Organisationen die Kindersterblichkeit stark zurückgegangen ist, bedingen fast überall, dass man als Weißer mit dem Wunsch konfrontiert wird, nach Europa mitgenommen zu werden, um dort Arbeit zu finden und Geld zu verdienen. Besonders Deutschland steht als das Wirtschaftswunderland offenbar hoch im Kurs. Auch Cardessa möchte, dass ich einen Job in Deutschland für sie finde, als Haushaltshilfe und Kindermädchen vielleicht. Dabei spricht sie überhaupt kein Deutsch und nur wenig Englisch. Solche Situationen waren für uns dann immer besonders schwierig, denn wir konnten uns für die erwiesene Gastfreundschaft nur mit den mitgebrachten Geschenken oder auch mal mit einer Einladung bei uns an Bord bedanken, mehr aber nicht. Unsere Versuche, das Bild vom Schlaraffenland der Weißen zu korrigieren mit dem Hinweis auf 4-5 Millionen Arbeitslose allein in Deutschland, von denen die meisten einen qualifizierten Beruf gelernt haben, stößt schlicht auf Unglauben. Die europäische Realität ist nicht vorstellbar und eigentlich auch nicht zu schildern und ich spekuliere mal, dass es in allen afrikanischen Dialekten dieser Region kein einziges Wort für Effizienz gibt. Unserer Einschätzung nach, die der europäisch geprägten Sozialisation unterliegt, leben diese Menschen in einer Art Paradies, was sie selbstverständlich ganz anders beurteilen.

Hier wie auch in Dakar hungert im übrigen niemand, auch an Kleidung fehlt es dank der zahlreichen Hilfslieferungen aus Europa nicht. Paco erzahlt uns, dass keiner mehr im Dorf Kleidung kaufen müsse, da das belgische Rote Kreuz sie regelmäßig damit versorge.

Wahrscheinlich leidet darunter das heimische Handwerk, obwohl wir überall in Westafrika Stoffläden und meist daran angeschlossene Nähereien sahen, die bestückt waren mit alten mechanischen Pfaff- oder Singer-Nähmaschinen. Während Frauen auf den Märkten die Waren verkaufen, nähen ausschließlich Männer - die Kaftane für die Männer und die Kleider für die Frauen. Da alle Gewänder außerordentlich weit sind, braucht hier keiner auf Passform zu achten und auch die Nähte sind meist einfachster Art. Umsäumen kennt man nicht, aber das ist bei den oft gewachsten Stoffen auch offenbar nicht nötig. Das Ausfransen wird durch das verklebende Wachs verhindert.

Am Abschiedsabend kocht Paco noch mal Tee für uns, diesmal mit Bissap aromatisiert, das tue man nur für gute Freunde, bemerkt er. Wir laden ihn danach zu einem Bier ins Keur Saloum ein. Da wir uns mit der Wache auf französisch nicht verständigen können, gibt es zunächst ein Problem, denn Paco soll erst nicht mitkommen dürfen. So ärgerlich haben wir den sonst stets freundlichen Wachmann am weißen Tor noch nie gesehen. Erst nachdem wir mit Pacos Hilfe deutlich gemacht haben, dass er unser Gast ist, dürfen wir drei zusammen passieren. Leider wurde der Biergenuß etwas durch die beißenden Moskitos getrübt, die sich in den wuchernden Bougainvillasträuchern wohl fühlten, das beschleunigte letztlich den Abschied.

Paco hat uns nicht nur durch die Teezeremonie viel von Afrika vermittelt. Er bereiste die westafrikanischen Länder Mali, Burkina Faso und Elfenbeinküste, Ghana und noch einige andere und eignete sich viel Wissen um Geschichte und Kunst der verschiedenen Regionen an. Er erklärte uns die Bedeutung der verschiedenen Masken, die in der Kommunikation zwischen den Familienclans und sogar innerhalb der Familie eine große Rolle spielten. Manchmal wurden damit auch Gefühle zwischen Ehepartnern ausgedrückt. Die Traditionen im Senegal sind leider fast vollständig dem Bilderverbot des Islam zum Opfer gefallen. Ein englischer Antiquitätenhändler in Dakar, mit dem wir uns eingehend über Masken, Qualität und Preise unterhielten, sagte sogar, dass manche Menschen im Senegal behaupten, diese Masken habe es hier nie gegeben, das sei aber falsch. Auch die Begriffe alt und antik sind erläuterungsbedürftig. Alt ist eine Maske, wenn sie 3 bis 5 Jahre alt ist. Darüber hinaus gilt das Attribut antik. Wirklich alte Masken können 80 Jahre oder älter sein. Holzart und Feinheit der Schnitzereien bestimmen darüber hinaus den Preis. In Dakar konnten wir Einblick in einige französische Bildbände über afrikanische Kunst nehmen und lernten, die Herkunft einiger Masken bestimmten Regionen zuzuordnen.

Ebenholz wird hier auch noch verarbeitet, jedoch nur in kleinen Mengen und zu einem horrenden Preis. Die meisten dunklen Masken sind entweder mit schwarzer Tinte von Tintenfischen eingefärbt und anschließend gewachst oder mit schwarzer Schuhcreme bestrichen und poliert. In manchen Werkstätten, wie wir sie in Brinkama, Gambia, besichtigen konnten, riecht es daher wie beim Schuhmacher.

Paco erzählte uns aber noch mehr, über die Verteilung der verschiedenen Ethnien im Dorf und ihr weitgehend problemloses, immer friedliches Zusammenleben, über die Familienstrukturen und auch -konflikte, über die Bedeutung des Islam und seine persönliche Lebensphilosophie - ich bin ein gläubiger Moslem, aber ich entscheide, welche der Verhaltensvorschriften des Islam ich befolge. Ich bin ein Rasta in meinem Herzen, das bedeutet, ich verpflichte mich, nicht zu lügen, keine Drogen zu nehmen, nicht zu stehlen, und - zu (noch ein paar christlichen Tugenden, die viel von den 10 Geboten hatten.)

Toubacouta bis Banjul

Nach diesen Tagen in Toubacouta brauchen wir erst mal etwas Ruhe, um all diese Eindrücke zu verdauen. Andererseits mochten wir nach diesen Erlebnissen, die unserer Meinung nach auch nicht zu toppen waren, auch kein anderes Dorf mehr anlaufen. So legten wir dann die 25 Seemeilen bis zum Ausgang des Bandiala in einem Tag zurück und machten vor einem Sandstrand fest, von dem aus man die weiße Brandung des Atlantik auf die flachen Sandbänke des Mündungsdeltas in den Gambia sehen konnte. Das Gebiet steht hier unter Naturschutz und das bedeutet vor allem Bau- und Jagdverbot für die Touristen und Touristikbetreiber.

Unser erster Landgang in die nahe Wildnis wurde abrupt unterbrochen, als wir lautes Rufen vom Wasser aus hörten. Ein Fischer, der in einem Einbaum saß, bis zu den Hüften naß und ständig dabei Wasser zu schöpfen, bat uns ihn mit unserem Dinghi mit dem Außenborder ein Stück den Fluss hinaufzuschleppen. Vor einem Dorf der Joli kurz hinter einer Flussbiegung ließen wir seine Leine los und erhielten für unsere Dienste 4 Fische, von denen wir aber zwei wieder zurückgaben. Er hatte nur ca. 15 gefangen.

Die Ausfahrt aus dem Bandiala gestaltete sich ein wenig problematisch. Im Westafrican Guide sind 2 Wegepunkte angegeben, die ich auch ins GPS eingegeben hatte. Statt aber auf die Kursrichtung zu achten, ließ ich mich von der Wasserfarbe irritieren und landete prompt im Flachen. Uns blieb nichts anderes übrig als auf unserer Spur wieder zurück in tieferes Wasser zu fahren. Da es hier auch hinter den Flachs Wellen gab, wenn auch nur noch 30 cm hoch, setzten wir mehrmals hart auf, bevor wir bei steigendem Wasser wieder frei kamen. Der zweite Wegepunkt aber lag mitten in der Brandung und da an diesem Tag zwar kaum Wind, dafür aber Schwell aus Nordwest stand, suchten wir nach Westen nach einem Durchlass. Nach Osten zu schauten wir nämlich auf den Rücken der Wellen und konnten ihre Steilheit schlecht einschätzen. Nach uns unendlich scheinender Zeit, bei dem vor allem ich einige Schweißtröpfchen vergoss, zeigt das Echolot wieder größere Tiefen an. Diese Sandflachs erstrecken sich meilenweit in den Atlantik und markieren die gesamte Küste zwischen Diomboss und Gambia. Wie an der deutschen Wattenmeerküste unterliegen sie ständigen Veränderungen und Verlagerungen, so dass es wichtig ist, die neuesten Navigationserfahrungen im französischen Club in Dakar auszutauschen. Einige andere Boote bevorzugten die landseitige Ausfahrt, die aber stellenweise noch flacher gewesen sein soll.

Banjul

Nächste Station war Banjul. Zwischen einem Haufen rostiger Wracks ankerten wir neben unseren Nachbarn, der Sutamon und der Jorja, die wir schon aus Dakar kannten und die das flying fish net als net controller betrieben.

Sie waren nur einen Tag vor uns angekommen und versorgten uns mit allen wichtigen Informationen. Die Immigration besitzt ein Büro auf dem Hafengelände, kurz vor dem großen Tor. Das kostenlose Visum wird im Pass abgestempelt und gilt 28 Tage. Verlängerung ist gegen Aufpreis möglich. Customs liegt etwas verwirrend ein paar Straßen außerhalb des Geländes in der Stadt und es ist nicht einfach ohne Hilfe eines Einheimischen die richtige Stelle herauszufinden. Die Räume der Customs waren darüber hinaus mit Menschenmassen angefüllt, durch die man sich erst einmal hindurchquengeln musste. Customs ist aber nur nötig, wenn man eine Clearence für einen anderen Staat benötigt, die bei der Abreise erteilt wird. Da wir bei der Ankunft auf den Kapverden nicht danach gefragt wurden, waren wir der (erst später bekannten irrigen) Meinung, dass wir auch bei unserer erneuten Einreise auf den Kapverden von Gambia aus keine Zollpapiere brauchten und verzichteten dann auch bei der Ausreise darauf. Für den Gambia ist ein Cruising permit für 300 Dalasi beim Hafenkommandant zu beantragen. Auch hier ist es nicht so leicht, das Büro im dritten Stock zu finden und dann auch noch einen Verantwortlichen zu fassen zu kriegen. Masamba, der auch den Kühlschrankexperten auf die Sutamon gebracht hatte, half uns bei allen Behördengängen schnell und zügig und nachdem wir ihn auch noch verpflichtet hatten, mit uns den Geldtausch und den Besuch auf dem Markt zu absolvieren, gaben wir ihm für seine Bemühungen einen Sack Reis, (immerhin handelte es sich um 18 kg!) um den er uns bat. Weitere Forderungen aber lehnten wir ab.

Alle Währungen werden am besten auf dem berühmten Albert-Markt schwarz getauscht, der das nördliche Stadtviertel von Banjul mit seinen Hunderten von kleinen Ständen durchzieht. Tatsächlich scheint daran nichts Illegales zu sein, Masamba suchte mindestens 5 verschiedene Geldwechsler auf, die meist aus Guinea-Conakry stammen, bis dass er den richtigen Kurs für uns erhielt. Vorher hatten wir uns selbstverständlich auf der Bank nach dem Kurs erkundigt.

Der Markt von Banjul war nach den Erfahrungen der Straßenmärkte Kemal und Sandaga in Dakar enttäuschend was die Auswahl und vor allem die Qualität betraf. Alles Gute scheint aus Casamance importiert zu werden, zu einem entsprechend höheren Preis als in Dakar. Hochpreisige Gemüse wie grüne Bohnen oder Obst wie Mangos gab es erst gar nicht. Auf dem Markt in Bakau, zu dem wir später vom Oyster-Creek aus mit dem Sammel- oder Buschtaxi fuhren, war die Versorgung etwas besser. Das Einkaufen in Banjul war wegen der ständigen Preisverhandlungen ziemlich anstrengend, was noch durch die Tatsache verstärkt wurde, dass nur wenige Leute überhaupt Englisch sprachen. Wir befanden uns also gründlich im Irrtum, als wir glaubten im englischsprechenden Gambia leichter klar zu kommen. Der Bildungsstand ist dort noch um einiges geringer als im Senegal. Banjul, das früher zu Kolonialzeiten Bathurst hieß, ist eine Stadt, die von den Engländern im Planquadrat angelegt wurde und deren rechtwinklige verlaufende Straßen zwar die Orientierung erleichtern, die Straßenbezeichnungen aber schlecht zu finden sind. Riesige Lagerhäuser, die ständig von ankommenden und abfahrenden LKWs umlagert sind, prägen das Bild. Es gibt eine Bank, eine Post, 2 Internetläden, Supermärkte mit Waschmitteln, Öl, Margarine und Corned Beef - und sonst nicht viel, einige kleine Lokale, die eher den Charme von Wartesälen versprühen und nur wenige asphaltierte Straßen. Eher ein Umschlagplatz als eine Hauptstadt. Hier landen säckeweise die importierten und zu verteilenden Waren an, Reis, Kartoffeln, billige Plastikwaren aus Hongkong oder China. Kein Ort zum Verweilen.

In Banjul plagen uns zunächst aber noch andere Probleme. Nach der zweiten Nutzung des Internets in Banjul bei der Quantum Ltd., die auch selbst Provider betreibt, fange ich einen Virus ein, worauf der Rechner jede Aktion blockiert. Als Konsequenz besitzen wir jetzt kein C-map mehr, keine Tideninformationen und damit keine Informationen über die geplante Reise den Gambia aufwärts. In dieser Lage ist uns Kapitän John von der "Meridiana" behilflich, er leiht uns die von 1936 stammenden Karten der British Admirality und mit den Informationen aus dem West African Guide über die Tidenverzögerungen längs des Flusses - bis Georgetown, 150 sm flussaufwärts sind es über 12 h - finden wir uns gut zurecht. In den Headquarters von Quantum wird mir nach der Rückreise umfangreiche Hilfe zuteil. Alle Systeme arbeiten nach einem Tag Arbeit wieder, ich erhalte den neuesten McAfee Virusscanner, der auf der Diskette auch den Virus erkannte, und das komplette diesmal englische Mikrosoft Office-Paket. Zum Mittagessen werde ich sogar eingeladen. Man speist aus den schon bekannten emaillierten Waschschüsseln zu fünft oder sechs im Stehen.

Flussfahrt bis Georgetown und zurück

Wir beschließen, so schnell wie möglich weiterzureisen und zwar den Gambia hinauf bis ins Süßwassergebiet. Die Steinzeit ist nicht weit entfernt. Fischer in Einbäumen und ohne Außenbordmotor fischen wie in biblischer Zeit. Hagere von der Sonne gefurchte Gesichter mit riesigen Turbanen und nass bis zur Hüfte, die nackten Füße zwischen den gefangenen Fischen. Über 80 Seemeilen flussaufwärts erstrecken sich die quer über den Fluss gespannten Stellnetze. Wir erstehen im letzten Abschnitt des Salzwassergebiets 2 Seezungen, von denen eine an Bord im Eimer mit Wasser wieder zum Leben erwacht und mir aus den Händen zu flutschen droht.

Zunächst unterscheidet sich der Gambia nicht so sehr von den Sumpfgebieten weiter nördlich. Ca. 100 Seemeilen weiter im Landesinneren, um Elephant Island herum, ändert sich die Vegetation. Riesenmangroven, mit meterhohen Luftwurzeln wachsen dort, wo Salz- und Süßwasser sich mischen. Dahinter beginnen Bambus- und Reisfelder zu beiden Seiten des Flusses. In ihnen weiden Longhornrinder, die zum Fluss kommen um zu trinken. Zwischen den immer noch vorhandenen Mangroven wachsen aber bereits Palmen und die ersten Mangobäume. Erstaunlich ist, dass die Erde links und rechts von Fluss strohtrocken bleibt, wenn sie nicht von künstlich angelegten Gräben durchzogen ist. Sie ist hier wohl so dicht, dass selbst 10 cm Unterschied zwischen dem Niveau des Landes und dem Wasserspiegel des Flusses nicht dazu führt, dass der Boden durchfeuchtet wird. Das hat zur Folge, dass schon wenige Meter vom Fluss entfernt das Land der Sahel ähnlich aussieht. Wohl nur in der Regenzeit, die begleitet von Tornados im Juni beginnt und im September endet, kann etwas wachsen. Das einzig nennenswerte Exportprodukt von Gambia sind groundnuts, wie hier die Erdnüsse heißen. Nur während der Regenzeit wachsen die Sträucher, die Felder liegen in der Trockenzeit brach. Die Fabriken, in denen die groundnuts verarbeitet werden, bevor man sie mit Schiffen nach Banjul transportiert, stehen in dieser Jahreszeit still. Lediglich eine Reismühle ist in Betrieb. Ansonsten gibt es nichts, was Gambia selbst herstellt oder exportiert. Kein Schiffsverkehr, keine Industrie, keine überregionalen Handwerksbetriebe, nur Handel mit importierten Lebensmitteln und Secondhand-Wirtschaft mit uralten gebrauchten Transportern und Kleidung, die Europa spendet.

Wir fahren bis nach Georgetown und lassen uns vom dortigen selbsternannten Geschichtenbewahrer, einem jungen Mann, der sich zur Aufgabe gemacht hat, das Erbe der Stadt und des Landes zu erhalten, die Geschichte des Sklavenhauses in dem mit Kerzenlicht erleuchteten Kellerverlies erzählen. Danach werden wir von einer Horde Jungs in Empfang genommen, die uns letztlich um Geld anbetteln, um ihr Schulgeld zu bezahlen.

Die Jungen berichten uns, dass in Gambia der Schulbesuch der secondary school nur für Mädchen kostenfrei sei. Die Jungen müssen Schulgeld bezahlen, Lernmittelfreiheit gibt es natürlich auch nicht. Irgendwer erzählt uns auch, dass sogar die Lehrer es sind, die die Jungs auf die Straße schicken, um Touristen anzubetteln und dass die Lehrer oftmals gar keine Ausbildung an einer Pädagogischen Fakultät besitzen, sondern lediglich einen Abschluss der secondary school. Die Jungs werden sehr aufdringlich, einer verlangt Geld für das Bewachen des Dingis, das wir an einem im Wasser stehenden Pfosten angebunden hatten. Wir lehnen das ab und er erwidert, dass er das Boot das nächste mal losmachen wird, was wir als Drohung wahrnehmen.

Dieter muss wegen des gestiegenen Wasserspiegels bis zu unserem Beiboot waten und versinkt dabei bis zur Hüfte und wieder meint der Junge ungefragt, dass wir uns das ja hätten ersparen können. Wir sind es nun leid, halten aber den Mund, um die Situation nicht eskalieren zu lassen. Diese Stadt wird viel von Touristen, meist Holländern und Engländern, besucht, die wohl viel Geld dort für alle möglichen minderen Dienstleistungen bezahlen. Im Gästebuch des Sklavenhauses konnten wir uns über die freiwillig gezahlten Beträge nur wundern. Das verdirbt, wie wohl überall offenbar den Charakter. Wir fühlen uns in Bezug auf unser Dingi durchaus genötigt, Dienste, die wir nicht wollen, in Anspruch zu nehmen, weil einige der Einheimischen meinen, dass das die Pflicht der Touristen sei.

Wir verzichten angesichts dieser Begegnungen auf weitere und melden uns zum Essen in der Lodge Jangjambureeh auf der der Stadt gegenüberliegenden Seite des Ufers an, wo wir auch unsere Windlise geparkt hatten. Wir verbringen einen vergnüglichen Abend mit reichhaltigem und gutem Essen und vielen Moskitos mit einer kleinen Gruppe von holländischen Touristen und ihren beiden Guides. Gegen halb zehn beginnt in stockdunkler Nacht auf einer Lichtung im Urwald der Gartenanlage eine Tanzvorstellung der lokalen Bevölkerung im Schein eines flackernden Holzfeuers. Die Trommeln beginnen ihr Tremolo und einige Frauen springen aus der Reihe in den Kreis um mit ekstatischen Bewegungen zu stampfen. Dabei beugen sie ihren Oberkörper nach vorn, heben ihre Röcke an, um ihren Beinen mehr Freiheit zu geben und stoßen ihre beiden Arme abwechselnd von sich. Im wilden Rhythmus der Trommeln wechseln die Frauen einander ab. Eine Gruppe von jungen Frauen traut sich nicht so richtig, sie haben auch noch nicht so viel Übung wie die Alten. Schweiß tropft den Tänzerinnen und den Trommlern von der Stirn. Nach einer Stunde schweigen die Trommeln, das Feuer ist niedergebrannt und wir sitzen noch etwas betäubt von dem Gesehenen in der Dunkelheit.

Die fast unbegrenzten Ressourcen an zwar trübem aber salzfreiem Wasser und das windstille Wetter veranlassen uns zu einer Großwäsche unserer Windlise, wobei das Großsegel aus dem Mast gezogen, die Längslatten herausgezogen und die vollkommen festgesetzte Rollreffanlage wieder gängig gemacht werden. Salz, Staub und Fett hatten sich zu einer unbeweglichen Masse verklebt, kein Wunder, hatte es doch seid El Hierro keinen Tropfen geregnet. Danach lichten wir den Anker und fahren zurück.

Auf dem Rückweg passieren wir südlich die drei Bamboon-Islands, die als Nationalpark ausgewiesen sind. Die nördliche Durchfahrt durch die Inseln ist gesperrt, sie ist geführten Touren vorbehalten und der Preis liegt bei 100 Dalasi pro Person. Die Guides versprechen auf 30 m an die Schimpansen heranzukommen.

Bamboon Island ist Teil eines Entwicklungsprojekts für die Wiederansiedlung von Schimpansen. Der Erfolg des Unternehmens wird kritisch betrachtet. Das Habitat ist sehr begrenzt.

Die südliche Insel ist zum Fluss hin durch ein undurchdringliches Blätterdach vor jedem Einblick ins Innere der Insel geschützt. Stockwerkartig greifen hier die verschiedensten Urwaldpflanzen bis zu 50 m hoch ineinander, bunte große Vögel mit langen metallisch schimmernden Schwanzfedern stoßen ihre krächzenden Schreie aus. Später sehen wir Adler, Störche und weiße Ibisse, die in den südlich des Flusses gelegenen Reisfeldern picken. Die Schimpansen lassen sich nicht blicken. Dafür taucht hinter einer kleinen Biegung auf einer Flachstelle eine Hippodame samt vierzahliger Kinderschar erst in unser Blickfeld und dann ganz langsam unter. Wir sind begeistert, denn solche Begegnungen sind äußerst selten. Später am Red Rock hinter Kuntaur haben wir noch mal das Vergnügen, einen Bullen zu beobachten. Der erweist sich als sehr misstrauisch und läßt uns nicht aus den Augen. Ab und zu schnauft er heftig, reißt das Maul weit auf, hebt den ganzen Kopf aus dem Wasser und stößt ein fürchterliches Gebrüll aus. Unsere Gegenwart nur 50 m vom flachen Ufer entfernt behagt ihm offenbar gar nicht, zumal wir auch noch die Frechheit besitzen, im Wasser zu schwimmen - aber nur schnell einmal ums Boot! Hippos können nämlich sehr unangenehm, ja geradezu gefährlich werden, wenn man ihnen zu nahe kommt. Schließlich sucht er nach vergeblichen Vertreibungsversuchen selbst das Weite.

Hinter Bamboon-Island liegt in einer 270 Grad Kehre auf der Außenseite des Flusses eine etwas größere Ortschaft. Eine kleine Fähre bringt Männer und Frauen auf die andere Seite zu den Reisfeldern. Der Fährmann besitzt ein weißes Boot mit einem gespannten Dach und einer eisernen Reling. Das erinnert ein wenig an Mississippi Dampfer, nur viel kleiner. Aus seinem freundlichen Gesicht starren schwarze Stümpfe seiner ehemaligen Schneidezähne. Die untere sind zum Teil ausgefallen, und erstaunlicherweise tut das seinem Sprechvermögen keinen Abbruch. Aber zunächst werden wir beim Anlanden mit dem Dingi von einer Riesenschar Kinder in Empfang genommen. Schon beim Ankermanöver strömen sie am Ufer aus allen Richtungen zusammen. Dieter und ich sind die übliche Zeremonie leid, die sich bei jeder Begegnung nach dem gleichen Muster abspielt "How are you, what`s your name? My name is ... und dann geht die Bettelei, verdeckt oder offen nach Bonbons und Fußbällen los. Wir lassen uns etwas anderes einfallen, schließlich sind wir Lehrer, wenn auch zeitweilig "ruhiggestellt". Wir drehen den Spieß um und fragen die Kinder, nach ihren Englischkenntnissen, ob und wo sie zur Schule gehen, wie viele Geschwister sie haben, wie alt sie sind. Dann fragen wir sie, ob sie sich ein paar Bonbons "verdienen" wollen und bringen ihnen ein paar deutsche Sätze bei. Mit der Aufgabe, diese Sätze am nächsten Tag wiederholen zu können, wenn sie Bonbons haben wollen, haben wir nicht nur die Bettelei vermieden, sondern mit und an den Kindern auch viel Spaß gehabt. Die zunächst misstrauisch blickenden Erwachsenen sind dann auch viel zugänglicher und machen uns die Kontaktaufnahme im Dorf leicht. Wir fragen, ob wir Müll entsorgen könnten und wo es Brot und Früchte zu kaufen gibt und wie man am besten nach Wassau kommt.

Auf dem Weg werden wir von den Kindern begleitet. An den Wasserhähnen, aus denen gutes Wasser nur zu bestimmten Zeiten des Tages strömt, warten die Frauen und Mädchen und halten dabei ihren Schwatz, während Kanister, Eimer und die blaugelben Plastikwannen sich füllen. Alle Gefäße werden auf dem Kopf transportiert. Ein Tuch, zu einem Ring geformt, stützt dabei die schweren Wannen ab. Dieter hat den Einfall, dass eine der Frauen mir zeigen möge, eine dieser Plastikwannen von sicherlich 25 Liter auf dem Kopf zu balancieren. Natürlich geht das nicht glatt und ich bin anschließend klatschnass, was ungemeine Heiterkeit auslöst. Wir brauchen noch Brot und die Kinder geleiten uns auf einem abgekürzten Weg durch eines der Compounds. Eine Gruppe von ca. 10 Frauen stampfen in zwei der Holzmörser Couscous. Im Takt saust der Prügel dabei von der rechten in die linke Hand und zurück und abwechselnd von links und von rechts. Je zwei Frauen stehen an den Mörsern und mir wird einer der Holzprügel übergeben. Stampfen - reine Konzentrationssache. Diese Hölzer sind aus Hartholz, ca. 1,5 m lang und ganz schön schwer. Man muss sie nach unten fallen lassen und nach dem Rückstoß wieder auffangen und ein kleines Stück hochheben, um die dann wieder fallen zu lassen. Das gelingt ja noch so leidlich im Takt. Dann aber bedeutet mir meine Partnerin, den Holzprügel im Takt auch noch von der rechten in die linke Hand und wieder zurück zu geben, was mir natürlich gründlich misslingt und viel Gelächter auslöst. Auch Dieter wird vereinnahmt und darf am zweiten Mörser mithelfen. Nur eine der in traditionelle Gewänder gekleideten Frauen spricht Englisch, und das ist Mama Sidideh. Sie ist es auch, die uns von den Mekkapilgern erzählt, die man aus Georgetown für morgen erwartet, und für die dieses Essen vorbereitet wird. Sie lädt uns ein, an der Mahlzeit teilzunehmen, wahrscheinlich gegen Abend am nächsten Tag..

Leider wurde auch nach zwei Tagen nichts daraus, da es offenbar keine Transportgelegenheit für die Pilger gab und die Feier immer wieder verschoben werden musste. Zum Dank für die Einladung und ihre Freundlichkeit übergeben wir dann Mama Sidideh, die wir zu Hause besuchen, zwei Bunde Stifte für die Schulkinder als Anreiz für gute Leistungen. Stolz erzählte sie uns, dass ihr Sohn die Universität besucht und ihre Tochter von ca. 14 Jahren die beste in der Klasse sei und ebenfalls einen höheren Bildungsabschluss anstrebe. Eine wie wir fanden für gambische Verhältnisse sehr gebildete Frau mit deutlich westlich geprägten Prioritäten. Um diese Tatsache genügend würdigen zu können, muss man berücksichtigen, dass in Gambia im Gegensatz zum Senegal nicht einmal Schulpflicht besteht.

Am nächsten Tag stecken wir uns die Taschen voller Bonbons und spielen wieder Schule mit den Kindern. Natürlich haben sie die deutschen Worte wieder vergessen, aber sind begierig sich die Bonbons zu verdienen. Selbst als unsere Taschen leer sind, gibt es noch Kinder, die unbedingt diese Sätze wiederholen möchten auch wenn wir keine Belohnung dafür anbieten können - der Traum eines jeden Lehrers!

Entsetzen löst bei uns aber aus, dass der den Erwachsenen mit der Bitte um Verbrennung anvertraute Müll, wenig später von Kindern auseinandergenommen und darin nach brauchbarem Papier oder Metall gewühlt wird. Wir dachten, dass die Fortbildung in Sachen Hygiene bereits größere Forschritte gemacht habe. Aber wahrscheinlich ist die Gier auf das, was die Weißen besitzen und wozu kein Zugang besteht größer als die Vorsicht. Flaschen und verschraubbare Gläser gaben wir sowieso schon immer getrennt ab.

Mit einem Donkeycart fahren wir nach Wassau. Ein von der Unesco eingerichtetes Museum samt Museumsführer in natura informieren über diese prähistorischen Steinkreise. Dokumentiert sind die Art der Steingewinnung in diesem steinlosen Land und die Mythen, die sich um die Geschichte drehen. Auf einem Gelände von ca. 10.000 m2 stehen 5 oder 6 Steinkreise aus dem sehr porösen dunkelroten Laterit-Sandstein, der an der Luft ausgehärtet und damit witterungsbeständig wird. Tatsache ist, dass innerhalb von einem Kreis Gräber gefunden wurden. Eine religiöse oder astronomische Bedeutung wie andere Steinkreise haben sie höchstwahrscheinlich nie gehabt.

Unser Donkeycart-Fahrer hat sich während unseres Besuchs der historischen Stätte auf der Bank neben dem Museum ausgestreckt und gemütlich geschlafen. Die 6 Kilometer zurück - wohlgemerkt alle diese Wege bestehen aus Sand und trockenem Lehm, schlaglochübersät und für empfindliche Hintern ein echte Herausforderung - verbringen wir wieder auf den ungefederten Planken. Dabei ist diese Art zu reisen bereits Luxus, andere Leute gehen zu Fuß. Wir passieren dabei Häuser, meist aus Stroh mit einer Dachkonstruktion aus Knüppelholz, das mit Palmenfasern zusammengebunden ist. Genauso haben die Kids in der 6. Klasse beim Steinzeitprojekt Modellhäuser gebaut. Ich hätte nie für möglich gehalten, das diese Bauweise in der heutigen Zeit noch irgendeine Form von Realität besitzt.

Auf dem Rückweg kaufen wir köstliche Mangos, die jetzt überall reif werden, von einem Mann aus Guinea Conakry. Bei ihm kann ich sogar mit CFAs bezahlen, denn unser gambisches Kleingeld ist aufgebraucht und keiner kann wechseln. Der Dalasi leidet sowieso an Schwindsucht, deshalb ist der CFA (sprich: Ssäffah) zur Zeit die stabilere Währung.

Wir verabschieden uns von Mama Sidideh, nicht ohne vorher ein Foto von ihr und ihrem Mann in ihrem Stoffladen zu machen, und nicht ohne das Versprechen, die Fotos zu schicken.

Zwei Motorstunden flussaufwärts ragt am rechten Flussufer die erste und einzige Erhebung des Red Hill auf. Unterhalb des ca. 50 m hohen Hügels aus rotem Sandstein gibt es einen kleinen Sandstrand. Dort waschen die Frauen Wäsche im Fluss und die Kinder spielen Wasserball. Wir werden mit großem Hallo begrüßt und unausweichlich schließt sich an unseren ersten Landgang ein Besuch im ca. 1 km entfernten Dorf Manjuma Village an. Der einzige Erwachsene mit dem Namen Samban Sanneh, der neben dem ca. 14 jährigen Haruna Englisch spricht, lädt uns zu einem Besuch in seinem Compound ein, wo er mit 2 Frauen und 6 Kindern lebt. Umringt vom halben Dorf, betreten wir einen Platz, um den mehrere Hütten gruppiert sind. Zum Compound gehören alle Brüder und Schwestern und die Eltern, sofern sie noch leben. Wenn die Mädels heiraten, wechseln sie in den Compound ihrer Männer, die Jungen bringen ihre Frauen mit in den elterlichen Compound. Einer der Männer ist der Chief. Die Familien teilen sich einen Holzmörser aber ansonsten besitzt jede Familie ihre eigene Küche und Waschstelle. Viel zu tun gibt es nicht. Frauen waschen Wäsche, bereiten das Essen zu, Ziegen und Hühner führen ein freies Leben zwischen den Hütten.

Mitten auf dem Dorfplatz steht der Brunnen mit zwei Handpumpen (laut einem Blechschild eine deutsche Spende) für sauberes Wasser und ein kleines Gebäude, das als Moschee genutzt wird. Leute in Einbäumen schaffen gespaltene Palmenstämme herbei, woraus die Stützen für Häuser oder Dächer hergestellt werden. Aus Bambusgeflecht stellen die Leute Betten, Tische und Stühle her. Teile der Palmstämme werden für Bettumrandungen genutzt. Auch Sambans Strohhütte verfügt über ein stabiles Holzbett mit großem Moskitonetz und Tagesdecke. Eine richtige Tür aus langfaserigen zusammengebundenen Pflanzenstämmen verschließt die Hütte. Wir werden bis in die Hütte, immerhin das Schlafzimmer, von einem Pulk von ca. 20 Kindern, begleitet, die sich nun alle in der Hütte drängen und uns neugierig anstarren und unserer englischsprachigen Unterhaltung lauschen, von denen sie kein Wort verstehen. Sie lesen in unseren Mienen und Gesten, so wie viele Afrikaner, die beim Gebrauch ihrer ethnischen Sprache je nach Zusammenhang und begleitender Körpersprache eine sehr unterschiedliche Bedeutung ausdrücken können. Samban erzählt uns, dass er die letzten beiden Tagen auf einer Aufklärungsveranstaltung verbrachte, auf der eine ausländische Organisation Beauftragte der umliegenden Dörfer in Kuntaur über Malaria und Diarrhöe-Prophylaxe informierte. Er hat neben dem Heftchen mit comicartigen Abbildungen auch den Auftrag bekommen, die Dorfbewohner zu unterrichten und den Rang eines Medizinbeauftragten erhalten - so ähnlich jedenfalls.

Haruna, der sich recht intelligent zeigt und gut Englisch spricht, berichtet uns, dass er der einzige in dem Dorf ist, der regelmäßig zur Secondary School nach Kuntaur geht. Er besucht dort die 8. Klasse - für 300 Dalasi Schulgeld im Jahr, das ist es ihm wert. Wir dürfen uns bei ihm seine Hefte und Bücher anschauen, die einen vom Gebrauch bereits recht zerfledderten Eindruck machen, und erhalten interessante Einblicke in Mathe, Sozialkunde, Englisch. Er ist es dann auch, dem wir drei Druckbleistifte mit Radiergummi und Buntstifte schenken, denn so viel Fleiß möchten wir belohnen. Der gleichaltrige Sohn der Bürgermeisters, der schon lange keine Schule mehr besucht und auch kein Wort Englisch kann, steht mit stumpfsinnigem Gesichtsausdruck daneben. Auch Samban erhält für die Kinder im Dorf ein Paket Stifte. Wir bitten ihn damit Kinder zu belohnen, die diese Dinge wirklich brauchen, weil wir erfahren haben, dass Geschenke auch als Statussymbole missbraucht werden.

Auf dem Rückweg zum Fluss beobachten wir zum ersten Mal aggressives Verhalten von Jugendlichen. Eine Plastikflasche von uns, die hier sehr begehrt ist, gerät dem Bürgermeistersprössling in die Hand und er schlägt damit auf ein Mädchen ein, das uns auf dem Rückweg begleiten will. Vorher schon beim Besuch der Eltern des Jungen beobachtete ich, dass er dieses Mädchen in den Haaren zog, ohne dass sie sich wehren konnte. Auf meine Frage, warum er das mache, behauptet er, das Mädchen wäre noch zu klein und würde die gesamte Strecke hin- und zurück ins Dorf nicht schaffen und deshalb anfangen zu jammern. Das wolle er sich nicht anhören und deshalb vertreibe er das Mädchen. Diese Begründung erschien mir mehr als fadenscheinig und ich wurde richtig wütend, riss ihm die Flasche aus der Hand und schimpfte heftig mit ihm. Später gab ich sie Haruna zurück mit der ausdrücklichen Bitte, er möge den richtigen finden, der sie benötige, andernfalls nähme ich sie wieder an mich.

Wie immer, wenn es etwas zu verteilen gibt, muss man die damit verbundenen Verteilungskämpfe einkalkulieren und eine Art und Weise finden, dem schon im Ansatz vorzubeugen. Niemals hat man nämlich etwas für alle und schnell setzt man sich dem Vorwurf aus, nicht alle zu bedenken und viele zu enttäuschen. Natürlich möchte jeder gern etwas haben. Aber so wie Hunde um den Knochen streiten, folgt dem Verteilen von Geschenken, so sehr auch darum gebeten wird und so sehr die Leute auch fast alles gebrauchen können, Streit und Neid, wenn es nicht an einen konkreten Zweck geknüpft sind. Wir haben uns in Westafrika jeweils an Lehrer oder die gebildeteren Leute in den Dörfern gewendet, von denen wir zumindest annehmen können, dass sie die Bedürfnisse der Kinder genauer kennen und berücksichtigen werden. Die Verantwortung beim Geben auch noch so kleiner Kleinigkeiten macht den Besuch in den Dörfern trotz der erwiesenen Gastfreundschaft schwierig und manchmal anstrengend für uns.

Wir wissen es zu schätzen, dass wir der ungeteilten Aufmerksamkeit der freundlichen Leute auf unser Boot entfliehen können. Unsere Windlise verschafft uns den dringend benötigten Rückzug ins Private und erlaubt uns, das Gehörte, Gesehene, Erlebte aus der Distanz zu verarbeiten.

Gegen Abend, als die Sonne so ganz gegen ihre Gewohnheit als roter Ball in den dunstigen Horizont absinkt und für die allabendliche Abkühlung der verzehrenden Hitze sorgt, werden wir Zeugen eines besonderen Schauspiels. In einem Licht, das die Erde des Hügels mit flammendem Rot überzieht, treffen an der Wasserstelle nacheinander in kurzem Abstand zwei Schaf- und eine Rinderherde mit ihren Hirten ein. Die großen sehr schlanken Männer in ihren schwarzen bodenlangen weiten Gewändern und mit schwarzen Turbanen auf den Köpfen treiben die Herden zunächst in den Schatten der Dornakazien, bevor sie ihnen zu trinken gestatten. In ihrer Ruhe und mit ihren langsamen Bewegungen, der Disziplin, mit der die Tiere ihre Bedürfnisse stillen ohne zu behindern, die sparsamen Gesten der Hirten, mit der sie dirigieren, verzaubern uns ganz und gar. Eine Szene wie aus dem alten Testament entsprungen.

Wir bleiben an unserem 8. Hochzeitstag am Ankerplatz und warten auf die Hippos. Der Lanzerote Wein, Malvasier trocken war ausgezeichnet zu unserem Hochzeitsmahl aus Corned Beef Frikadellen und Tomatensalat, gebackenen Auberginen und Knoblauchjoghurt. Leider erweisen sich 8 der 10 im Dorf erstandenen Eier als angebrütet und fliegen in den Fluss.

Vorbei an den Papa-Islands, wo wir auf dem Hinweg am Ankerplatz unsere Wäsche wuschen, erreichen wir Kau-ur, an der Verladestation einer Erdnussfabrik, die jetzt in der Trockenzeit geschlossen ist. Nach kurzem Intermezzo an Land hat Dieter aber schnell genug von den unverblümten Forderungen der Leute nach Geschenken, und das give me, give me vertreibt uns. Vor uns liegt schon wieder Brackwasser und in der Nähe eines kleinen Anlegers für Einbäume bei Seahorse Island fällt unser Anker auf 8 m in den Schlick. Hinter dem Mangrovengürtel wächst im Sumpf Bambus, aus dem die Dächer und Wände der Hütten hergestellt werden. Bis zum nächsten Dorf führt ein Feldweg, der im Sumpf aufgeschüttet wurde. Ein Feldarbeiter sammelt Dung auf, der in der Sonne gut getrocknet ist. Ein Feuer wird mit Bambusstroh angezündet und der Dung von Rindern, Schafen, Ziegen wie Kohlen hineingelegt. Die beiden Arbeiter sind sehr freundlich und sprechen sogar ein paar Worte Englisch. Schließlich flüchten wir vor den Mosquitos, die uns selbst im Rauch des Feuers stechen.

Wir sind ein bisschen satt von der Landschaft, möchten unsere positiven Erfahrungen mit den Leuten auch nicht durch weitere unliebsame Begegnungen trüben lassen und beschließen, ohne weitere Verzögerung nach Banjul zurückzureisen. Mal mit mal gegen die Tide brauchen wir dazu fast drei Tage. Zum Übernachten suchen wir uns jeweils einen geschützten Platz in einem Creek oder hinter einer Flachstelle im Fluss.

Die Temperaturen steigen nur noch auf 30 Grad. Das Teakdeck kann man schon wieder mit bloßen Füßen betreten und als wir das mitten im Fluss liegende James Island, mit der alten verfallenen Sammelstation der Sklaven hinter uns haben, bläst uns ein angenehmer Nordwestwind ins Gesicht.

Der Wasserstand in der Bilge steigt seit den Aufsetzern am Ausgang des Bandiala in der Bilge wieder an. Dieter vermutet, dass die Quertraverse unter den Starterbatterien wieder gebrochen ist und durch einen Spalt zwischen Kielansatz und Kiel jetzt Wasser drückt. Vorgesehen ist eine provisorische Reparatur im Oyster Creek, außer Knoblauch gibt es keine Frischwaren mehr an Bord.

Oyster-Creek

Es gibt Berichte von Schiffen unter TO-Standern, die besagen, dass es sinnvoll sei, durch den Oyster-Creek einen Lotsen von Pablo Shipping Acency zu ordern, dass es im Oyster-Creek eine gefährliche Tidenströmung gibt und man für 80 Euro für 4 Wochen eine Mooring mieten solle. Der Westafrican Guide beschreibt aber genauestens die Einfahrt durch den Creek, in dem das Wasser mäandriert und das Fahrwasser teils sehr eng ist. Hält man sich an diese Beschreibung und verliert bei den vielen Kurven auch nicht den Überblick wie es mir passiert ist, so muss man nicht unbedingt aufsetzen. Wir taten es natürlich und gleich dreimal, schön weich in den Schlick. Der Rückweg 1 Woche später ging ohne Probleme vonstatten. Wie in Half-die, (der Name sagt, dass die Sklaven, die bis hierhin transportiert worden sind hier schon halb tot waren) wie die Ankerstelle hinter der letzten Anlegemole für die gewerbliche Schifffahrt heißt, liegen auch im Oyster-Creek jede Menge rostender Wracks auf Grund und teils überspült oder an Moorings mit einem riesigen Schwojenkreis. Dennoch ist es kein Problem, eine Ankerstelle zu finden, der Grund hält gut, wenn man nicht nur einen Drahtanker hat, und die Tidenströme sind für Nordseesegler ebenfalls beherrschbar. Mit dem Dingi landet man an einem kleinen Sandstrand an, von dem auch Touristen zu Fahrten in die Mangroven mit den bunt bemalten Piroggen oder kleinen Fischerbooten zum Fischen nach draußen an die durch Sandriffs geschützte Atlantikküste ablegen. Dort betreibt Baba sein kleines Cafe und manchmal gibt es Spiegeleier und Brot. Hier trifft sich die klein gewordene Seglergemeinschaft, alle haben viel Zeit und wenig Geld.

In Gambia ist das Leben für Europäer sehr billig. Von der Denton-Bridge, die den Creek zum Atlantik abschließt, fahren alle paar Minuten Minibusse oder wie sie hier genannt werden Bushtaxis in Richtung Banjul oder Bakau oder Serekunda. In jede Richtung kostet es 5 Dalasi, egal wo man zusteigt oder aussteigt. Am Ende der Strecke werden für die Rückfahrt schon wieder Leute eingesammelt und das Taxi fährt erst wieder los, wenn alle Plätze besetzt sind. Die Fahrzeuge sind meist älterer Bauart, mit Plastiksitzen und ohne Verkleidung, aber manchmal findet sich sogar ein neues Fahrzeug mit intakter Innenausstattung. Zu bestimmten Zeiten des Tages dauert das Aufsammeln der Passagiere länger als die Fahrt selbst, Fahrpläne existieren nicht. Neben dem Fahrer turnt immer ein zweiter Mann in der geöffneten Schiebetür auf dem Trittbrett und brüllt das Fahrziel in jede kleine Menschenmenge, die Kunden verspricht. Er sammelt auch das Fahrgeld ein und gibt, sofern vorhanden, Wechselgeld heraus. Das passiert nicht immer sofort, da kleine Scheine knapp sind. Hunderte von Transportern sind vom Morgengrauen bis zum späten Abend unterwegs.

In Serekunda kann man sich wesentlich besser als in Banjul verproviantieren, eigentlich besteht der ganze Ort aus einem einzigen riesengroßen Markt. Dort gibt es Schneidereien, die Kaftane mit aufwendigen Stickereien herstellen. Die elektrischen Nähmaschinen werden von hauseigenen Generatoren mit Strom versorgt. Batikstoffe mit großformatigen Mustern und in leuchtenden Farben werden in großer Vielfalt angeboten, teils auf einfacher Baumwolle, teils auf gemustertem Damast. In kleinen Werkstätten werden Aluminiumteile geschliffen oder gestanzt, woraus dann Töpfe oder riesige Schopflöffel entstehen. Gute Qualität von Obst und Gemüse ist allerdings auch hier schwer zu finden. Die findet man besser auf dem Markt in Bakau, wo auch in Supermärkten europäische Waren zu teuren Preisen angeboten werden. Auf dem Markt staunen wir, dass Gambia so gut wie keine Produkte selbst herstellt und die Zwiebeln und Kartoffeln aus Holland, die Tomaten aus Italien, Ananas, Mangos, Auberginen etc. aus Sierra Leone oder aus Casamance und die Orangen aus Marokko kommen und hier mehr oder weniger das gleiche kosten wie in Dakar. Gambier können sich Kilopreise von mehr als 1 Euro für Ananas, Bohnen oder Orangen in der Regel nicht leisten. Absatz finden diese Produkte in Bakau nur, weil hier nahe der Atlantikküste viele Europäer leben und nach Süden zu die Zone der Touristenhotels beginnt. Offenbar haben aber auch nur wenige Gambier vom Tourismus einen Vorteil. Bei einer Analphabetenquote von über (61,4 % Brockhaus, 2002) ist das wohl auch kein Wunder.

Wir nutzen intensiv die Bushtaxis in beide Richtungen, besuchen auch Brinkama, wo es neben dem obligatorischen Markt eine kleine Kunsthandwerkerszene gibt. Die hergestellten Produkte, Tierfiguren, Reliefs, Holzplastiken und Masken sind von sehr unterschiedlicher Qualität, was die handwerkliche Ausführung betrifft,und das Angebot bleibt weit hinter dem von Dakar zurück. Hier beobachten wir aber zum erstenmal, wie Holz mit schwarzer Tinte von Tintenfischen eingefärbt und später mit Wachs überzogen wird.

Die Verkaufsgespräche für einige kleine Geschenke dauern einen halben Tag. An jedem der kleinen Stände bedrängt man uns, sobald wir Interesse signalisieren. Dabei scheint die Verkaufsstrategie davon abzuhängen, dem Kunden möglichst wenig Zeit zu lassen, um sich eine Meinung zu bilden - über das Kaufobjekt und den Preis, den man dafür bezahlen will. Unentschlossenheit spornt den Verkäufer zu wortgewaltigen Höchstleistungen an. Er beginnt jedoch stets mit einer völlig überflüssigen Bezeichnung des Gegenstandes selbst und das wird mit großem Ernst und Würde vorgetragen. This is an elephant - man stelle sich das vor! Als ob wir das nicht sehen könnten! Unsere Heiterkeitsausbrüche irritieren unseren Mann jedoch nur einen sehr kurzen Augenblick, während er zu einem neuen Wortschwall ansetzt, in dem er dann seine Ware preist. Dabei beobachtet er uns genau, auf jeden Wechsel der Augenrichtung reagiert er sofort. Sie sind gut, die Jungs, im Lesen von Augen- und Körpersprache, denn ist jemand so unvorsichtig und lässt sein Begehren in den Augen blitzen, dann hat er verloren. Jedenfalls hat er mit der Preisgestaltung nichts mehr zu tun.

Wenn aber ein Kunde partout nichts kaufen will und alle Worte nicht helfen, versuchen besonders die Frauen manchmal die Mitleidsmasche: viele Kinder, kranke Eltern, wenig Verdienstmöglichkeiten usw. Hat man Interesse bekundet, gehört zur Verkaufsstrategie, dass sie mit dem Preis nicht so richtig herausrücken wollen, gemeint ist natürlich nur der immer verhandelbare Anfangspreis, der das 3-5 fache des Endpreises ausmacht. Natürlich versprechen alle einen very good price, und sicher gibt es viele Touristen, die dann auch diesen Preis sogleich bezahlen. Da meist eine konkrete Preisvorstellung beim Kunden fehlt, wird er oft aufgefordert, das erste Angebot abzugeben. Das kann natürlich gewaltig zu hoch sein. Bei zu niedrigen Angeboten reagiert man mit Entrüstung und trifft der Kunde den Preis, dann mit zerknirschtem Gesicht. Ist aber der Verkauf abgeschlossen und Geld und Ware hat den Besitzer gewechselt, wechselt auch der Gesichtsausdruck. Die Afrikaner lassen dann wieder ihr breites Lächeln sehen, bei dem ihre weißen Zähne in dem dunklen Gesicht aufleuchten, sind zufrieden mit dem getätigten Geschäft und schütteln einem mit weit ausholender Geste kräftig die Hand. Mit "Your a real Gambian" werden harte Verhandlungen belohnt, wobei man dann lediglich sicher sein kann, nicht allzu sehr über den Tisch gezogen worden zu sein. Es ist Teil des afrikanischen Spiels, das wir trotz aller Anstrengungen auch genießen. Dieses Abwarten, Zögern, Einlassen, Ablehnen, Beobachten - das ist intensivste Kommunikation und dabei bitte lächeln - immer!

Wir sind hungrig und werden von einem freundlichen Burschen zu einem kleinen Unterstand mit einfachen Holzbänken und Tischen zu seiner Schwester geleitet. Von außen ist dieses "Lokal" nicht zu erkennen, jedenfalls nicht für uns. Man muss wissen, dass in Gambia mit wenigen Ausnahmen alle Brüder und Schwestern sind, das hat nichts mit einer verwandtschaftlichen Beziehung zu tun. Unter Brüdern und Schwestern tut man sich den ein oder anderen Gefallen, in der Regel auf Gegenseitigkeit. Als Freund bezeichnet man Menschen, von denen man viel für wenig Gegenleistung erwartet. Das ist eine Einbahnstraße. Wir waren naturgemäß immer "Freund". Diese "Freundschaft " klagte auch der junge Mann ein, der für seine "Vermittlung" 25 Dalasi verlangte, mehr als das Mittagessen aus Reis mit brauner Soße und einigen Fleischstücken darin für uns beide gekostet hatte - natürlich nach dem Mittagessen! Die Leistung uns 100 m weit geleitet zu haben, erschien uns dann selbst für ein Trinkgeld zu gering. Essen wollte er nämlich nicht, danach hatten wir ihn vorher gefragt.

Er hatte sich schlicht unsere gute Stimmung zu Nutzen machen wollen, um auch einen Krümel abzubekommen. Unliebsame Begegnungen dieser Art sind einfach nicht zu vermeiden. Die Spielregeln, ob nach einer erwiesenen Gefälligkeit eine Forderung erhoben wird oder nicht, sind in der Tat für Europäer schwer zu durchschauen und in den Gegenden, die von den Touristen stärker frequentiert werden, gelten offenbar auch andere Gesetze als in den abgelegenen Orten.

Am Oyster-Creek herrscht Aufbruchstimmung. Edu und Montse von der "Ursel" wollen nach Brasilien, wir bald zurück zu den Kapverden. Es ist inzwischen April geworden, und Anfang Mai möchten wir uns auf die Rückreise zu den Azoren begeben. Bei schwachem WNW-W tasten wir uns bei Hochwasser, diesmal ohne Grundberührung, durch den Oyster-Creek. Es ist sonnig, der Obstsalat kühlt im Kühlschrank und wir freuen uns wieder auf freies Wasser. Erstaunlicherweise können wir die Ausfahrt ohne Schlag bis hinter Tonne 4 zurücklegen. Am Wind und mit Genua und Groß treffen wir westlich des Bandiala Eingangs auf die Nemos, doch der Funkkontakt auf Kanal 16 bricht schnell zusammen. Wahrscheinlich ist wieder mal ein Kontakt der Korrosion zum Opfer gefallen. Wir verabreden für abends Funkkontakt um 18.30. Nach nur einem Schlag von einer Meile können wir über Nacht weiter anliegen. Zweimal wechseln wir bei drehenden Winden Fock gegen Genua aus, bis uns der von "Indigo" vorausgesagte N-NNO Wind 8 sm südlich von Dakar am Mittag des nächsten Tages einen Anliegekurs auf unser Ziel Sao Nicolau verschafft.

Wir haben Afrika verlassen. Wir lassen ein Stück Steinzeit hinter uns, das uns mit seiner Landschaft aber viel mehr noch mit seinen Menschen fasziniert hat. Der Zauber wirkt nach. Wir sind nicht zum letzten Mal dort gewesen. Inschallah!



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Letzte Änderung / Last change: Freitag, 18. Juli 2003