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Tagebuch: Hurricane "Debby" 2000

Karl J. Wuttke, TO-Sützpunkt Antigua, Email: to-antigua@trans-ocean.org


Freitag, 18. August.
Wir hören in den Abend-Nachrichten, dass Hurricane "Chris", der ca. 500 Meilen nord-östlich an uns vorbei gezogen ist, sich nun langsam auflöst. Aber im östliche Atlantik sehen wir eine grosse Wolkenmasse, die sich auf 12 ° Nord von der afrikanischen Küste löst. Sie könnte sich zu einem Hurricane entwickeln, der die nördliche Karibik gefährden könnte. Wir müssen aufpassen..Samstag, 19. August..

Um 11 00 Uhr gehen wir ins Internet, um zu schauen, was mit der Wolkenmasse von gestern Abend passiert. Sie hat sich bereits zur tropischen Depression  entwickelt und sie wandert mit ca. 16 Knoten in nord-westlicher Richtung. Es scheint, dass wir etwas abbekommen könnten. Aufpassen ! Wir fangen an, rund ums Haus aufzuräumen und einige Vorbereitungen zu treffen. Noch ist keine aktuelle Gefahr, aber Vorsicht ist geboten..

Am Abend erfahren wir aus dem Wetterbericht, dass die Depression das Zeug hat, sich zum tropischen Sturm zu entwickeln..

Sonntag, 20. August.
Wir beschliessen schon am Morgen, die Schiffe aufzuklaren und alles, was in einem Sturm gefährdet werden könnte abzubauen. Am Segelboot wird die Roll-Genua geborgen, das Bimini-Top abgebaut, alle Taue werden durchgesetzt, die dicken Festmacher-Leinen (1 Zoll) werden bereitgelegt und kontrolliert und dann an den Heck-Klampen angeschlagen..

Das Dinghi wird von seinen Trägern im Heck zu Wasser gelassen. Wir werden es brauchen um die Leinen von den Schiffen an Land zu bringen..Wir holen die Ankerkette (10 mm) aus dem Ankerkasten und verlängern sie um 10 m. Sie wird auf dem Steg ausgelegt, um im Bedarfs-Falle rasch quer durch das Hafenbecken gelegt zu werden. Daran wird, falls nötig, in der Mitte der Bug des Segelschiffes mit zwei 1 Zoll-Leinen festgemacht. Wir spannen auch schon eine Leine über das Hafenbecken um daran die Kette rasch zum gegenüber liegenden Ufer ziehen zu können..

Dann kommt unser Bosten-Whaler dran. Bimini-Top abbauen und am Boden befestigen. Aussenbord-Motor sichern, VHF-Antenne und Solar-Panel abmontieren..

11 00 Uhr. Der Wetterbericht aus Miami sagt uns, dass der Sturm sich nun auf 14.3 ° N und 49.7 ° W befindet. Die Winde haben nun eine Geschwindigkeit von 40 bis 50 Knoten und der Sturm zieht mit 16 Knoten in Richtung 285 °. Er entwickelt sich weiter und möglicherweise wird noch während der kommenden Nacht eine Hurricane-Warnung für die Leeward Islands ausgegeben. Nächster Bericht um 17 00 Uhr..

Wir beschliessen, noch Lebensmittel einzukaufen und das Auto aufzutanken. Es könnte ja sein, dass die Geschäfte für einige Tage geschlossen bleiben und auch der Strom ausfällt, was Benzin kaufen unmöglich macht. Im Hafen treffen wir unseren Freund Koni. Er will sein Boot während des Hurricane aus dem Wasser haben. Wir versprechen ihm zu helfen. Der Kranführer sagt, dass wir ca. 12 00 sein Boot aus dem Wasser heben können. Also, rasch die Besorgungen machen, dann zu Koni und mit dem Boot zur Marina fahren. Wir sind um 12 05 dort. Aber es wollen so viele aus dem Wasser, dass es 14 30 wird, bis wir gekrant haben. Wir fahren hungrig nach Hause und verpflegen uns kurz..Es ist drückend heiss. Wir hängen etwas rum und lesen.  17 00 ist der nächste Bericht aus.Miami fällig. Vivien beschliesst, mit der Nachbarin, Joan, nochmals einkaufen zu gehen und ich warte 17 00 Uhr ab, um die neusten Nachrichten über "Debby" zu holen..

17 00: Es wird ernst. Für die nördlichen Inseln, Anguilla, St. Maarten und Statia ist bereits Hurricane-Warnung ausgegeben, für Antigua und Barbuda besteht eine Sturm-Warnung, die ev. auf Hurricane-Warnung erhöht wird. Aktuelle Position des Sturmes: 15.2 ° und 51,5 ° W, Zug-Richtung 290 ° mit 16 Knoten.. Windgeschwindigkeit: 45 bis 55 Knoten. Luftdruck im Zentrum des Sturms 1003 MB..

Durch die Hafeneinfahrt kommen zahlreiche Segelschiffe. SunSail benutzt Jolly Harbour als Hurricane-Hole. Viele Schiffe werden im hintersten Teile der Marina im Wasser festgemacht, andere lassen sich ans Trockenen kranen. Die Stützen werden mit Baustahl verschweisst, damit sie nicht wegrutschen können, wenn der Sturm das Schiff vibrieren lässt..

19 30 Uhr. Wetterbericht an ABS Television. Es scheint, dass der Sturm eine etwas nördlichere Route nimmt. In der Nacht von Montag auf Dienstag kann der Sturm etwa 60 Meilen nord-östlich vorbei ziehen. Dies bedeutet, dass wir Sturmwinde von ca. 40 Knoten bekommen könnten.Sturmwarnung bleibt in Kraft. Wir beschliessen, morgen früh die Schiffe in die Mitte des Hafenbeckens zu hängen. Ob wir die Hurricane Shutters vor Fenster und Türen montieren wollen, werden wir entscheiden, nachdem wir den Bericht aus Miami um 08 00 Uhr über das Internet bekommen haben, oder nach den 12 00 Nachrichten im Fernsehen...

Montag, 21. August.
06 45 Wir stehen auf. Um 07 00 ist der nächste Bericht aus Miami fällig. Wir holen ihn im Internet ab. Und siehe da, "Debby" hat sich's ander überlegt: Statt nach Nordwest ist sie über Nacht nach Westen gezogen und zwar mit erhöhter Geschwindigkeit. Die aktuelle Position ist 15,6 ° N und 54.7 ° W, leicht südöstlich von Guadeloupe. Statt nördlich wird sie nun südlich an uns vorbei ziehen, oder direkt über uns hinweg gehen. Das lässt sich nie so genau voraussagen..Nach dem Frühstück machen wir uns daran, die Boote in der Mitte des Hafenbeckens zu vertäuen. Wir legen die Kette ins Becken machen "Nejma" bereit um an die Kette gehängt zu werden, fixieren sie mit einer Hilfsleine und legen ab vom Steg. Und genau in dem Moment kommt eine erste Böe aus Südwest und bringt einen Regenschauer, der einem die Sicht nimmt. Das Boot zerrt an der Hilfsleine, ich fürchte, dass sie brechen könnte. Mit Mühe und Not kann ich sie auf die Trommel der Ankerwinsch wickeln und mit Hilfe des Motors die Festmacherleinen aufs Schiff holen.

Grosse Erleichterung. Jetzt können alle anderen Leinen angebracht werden. Um 11 00 liegt "Nejma" sicher vertäut im Hafen und "Vika", unser Motorboot kommt dran. Eine Kleinigkeit nach der Anstrengung mit dem 8 mal schwereren Segelboot. .11 45 Uhr liegen beide Boote sicher..

Durch die Hafeneinfahrt zieht während des ganzen Morgens ein Zug von Fischerbooten und Yachten aus anderen Häfen rund um die Insel. Neben English Harbour ist Jolly Harbour ein Hurricane Hole, in denen die Boote während Stürmen recht sicher liegen..Wir holen den Wetterbericht von Miami. Die Tendenz vom Morgen hat sich noch verstärkt. Wir tragen Position (15.7° und 57.3 ° W) wieder in die Karte ein, ebenso die Vorhersagen. Jetzt sieht es aus, als ob "Debby" die nördliche Hälfte von Guadeloupe trifft und dann Richtung Montserrat zieht. Dürfte uns wohl auch erwischen, und zwar mit den nördlichen, gefährlicheren Quadranten..

12 00 Uhr: Wir wollen den speziellen Bericht für Antigua im Fernsehen anschauen. Null Chance. ABS sendet irgend ein Programm mit Trash-Musik. Typisch Antigua . "Who cares ?" Die Holzhäuser werden so oder so weggeblasen und die Betonhäuser bleiben auch ohne Wetterbericht stehen. Gegen 13 00 Uhr erfolgt eine kurze Einblendung des US Weather-Channels. Das war's. .Wir räumen unsere Veranda auf, nehmen das Stoff-Dach weg, stellen die Pflanzen in eine geschützte Ecke. Dann helfen wir unseren Nachbarn Joan und Hans Ihre Hurricane-Shutters zu montieren. Danach sind unsere Shutters zu montieren. Allmählich reicht es uns. Wir setzen uns in den Golf Cart und machen eine Rundreise durch das Resort um zu sehen, wie weit die anderen mit ihren Vorbereitungen sind.

In der Werft sind alle Trockenplätze vollgestellt. Segelboote stehen dicht an dicht. Das gleiche Bild in der Marina. Praktisch der letzte Stegplatz ist belegt. Alle Schiffe rücken in der hintersten Ecke des Hafenbeckens zusammen. Im Shopping Center ist um 16 00 Uhr schon alles dicht, bis auf das Lebensmittel-Geschäft. Die Leute sind nach Hause gegangen um ihre eigenen Vorbereitung zu treffen..

Um 17 00 Uhr ist der nächste Bericht aus Miami im Internet fällig. Sieht schlecht aus. Der Sturm wird sich, noch bevor er die Insel-Kette erreicht, zum Hurricane entwickeln. Und wie nicht anders zu erwarten, wir bekommen ihn voll. Das Auge wird einmal mehr über Antigua ziehen..Wir berichten an Joan und Hans und trinken ein Glas Wein. Alles ist so ruhig und friedlich. Nur das Barometer fällt und fällt. Stille vor dem Sturm..

19 00 Uhr. Fernseh-Nachrichten. Jetzt voll von Berichten über notwendige Vorbereitungen. Im Wetterbericht wird angekündigt, dass wir ab 21 Uhr mit Sturmwinden zu rechnen haben und dass ca. 02 00 morgen früh der Hurricane voll hier sein wird. Wir montieren den letzten Shutter vor die Balkontüre. Kurz noch zwei e-mails an Freunde schreiben, die sich heute gemeldet haben. Etwas Fernsehen schauen. Um 20 30 kommen die ersten Böen rein. Es beginnt in den Wanten von Nejma zu heulen. Wir sind todmüde und gehen ins Bett..

Wir schlafen unruhig. Immer wieder wache ich auf und höre den Wind heulen, manchmal fällt auch Regen. Aber Sturm ? Nein, das sind manchmal Böen, aber kein Sturm. Um 04 30 Uhr stehe ich auf um am Computer den letzten Wetterbericht zu holen. Er sagt mir, dass gestern Nacht um 23 00 Uhr das Zentrum des Sturmes leicht östlich von Antigua gelegen hat und sich nach Nordwesten bewegt.

Dienstag, 22. August.
Vivien kommt auch runter. Um 05 00 Uhr holen wir die aktuellen Wetterdaten aus dem Internet. Jetzt ist aus dem Sturm ein Hurricane geworden, aber sein Zentrum liegt um 05 00 Uhr bei 17,7 ° N und 62,6 ° W, also nord-westlich von Antigua. Wir werden also allenfalls noch den südwestlichen Quadranten des Hurricanes zu spüren bekommen, der am wenigsten gefährlich ist. Das ist wichtig für Antiguaner. Denn, wenn uns dieses Zipfelchen noch erwischt, dann ist heute arbeitsfrei. Offiziell zum aufräumen der Schäden, auch wenn wir gar keine haben. Antiguaner sind freie Menschen und Freiheit heisst für sie, nicht arbeiten gehen zu müssen. Wir legen uns wieder ins Bett..

07 00 stehe ich auf um den Wetterbericht im Fernsehen anzuschauen. Unsere Interpretation von 05 00 Uhr bestätigt sich. Es ist vorbei. Antigua hat irgendwie beim Durchzug des Hurricane einen ruhigen Sektor erwischt. Wir hatten Glück ! Regen ist ganz ordentlich gefallen, was der Natur, aber vor allem auch unserer Zisterne gut tut. Das Wasser wurde allmählich knapp. .Wir werden am Vormittag noch weitere Regenfälle haben, wohl auch ab und zu noch Böen. Aber wir haben's überstanden..Anders sieht es aus für St. Maarten, Anguilla und die Virgin Islands. Sie werden im Laufe des Vormittags den Hurricane bekommen.
Hoffen wir, es trifft sie nicht zu hart.

Karl J. Wuttke, TO-Sützpunkt Antigua



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Letzte Änderung / Last change: Donnerstag, 04. Januar 2002