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Unter Segeln fürs Leben lernen

OLDTIMER DER SEE
Eine etwas andere Art von Ausbildung wird
auf der "Fridtjof Nansen" praktiziert.
von © Jörg Frenzel, Wedel

Es ist ein bisschen so, wie sich Jack-London-Fans ihr Leben wünschen, wenn sie wieder einmal an einem grauen Tag in einem grauen Anzug ins graue Büro müssen.

Weg damit!

Statt dessen kitzelt das Tauwerk der Wanten unter deinen nackten Füßen, wenn du vom Deck des Segel-Oldtimers dem azurblauen Himmel entgegenkletterst. Statt nervtötender Jingles und tumber Radio-Reklame schmeicheln sich das Schreien der Möwen, das Gluckern des Schwells und das Knarren des Holzes in deine Ohren. Und wenn du einatmest, kratzt nicht etwa der Muff staubiger Akten im Hals, sondern du wirst durchflutet von kühler Salzluft. Heute ein Hafen, morgen der nächste. Lernen an dem, was da kommt. Die Langsamkeit entdecken. Leben erleben. Hanns Temme macht das möglich.

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Ein Traum der See: Majestätisch gleitet die "Fridtjof Nansen" dahin. Eigentlich als Gaffelschoner entworfen, wurde sie beim Umbau 1991 als Dreimast-Großtoppsegelschoner aufgeriggt. Die Segelfläche beträgt rund 850 Quadratmeter. Schoner sind Segler, die hauptsächlich Schratsegel - in Schiffslängsrichtung stehende Segel - fahren. Die Gaffel- und Stagsegel an den drei Masten kennzeichnen das Schiff als Dreimastschoner. Zusätzlich hat das Schiff noch Rahsegel - im Unterschied zu herkömmlichen Toppsegelschonern nicht nur am Schoner-, sondern auch am Großmast.



Temme ist der Kapitän des Segelschiffes "Fridtjof Nansen", eines Dreimast-Großtoppsegelschoners. Er ist Anhänger einer etwas anderen Art von Schule. Und er ist derjenige, der jungen Leuten dieses Lernen und Leben ermöglicht, und sei es auch nur für eine überschaubare Zeit. Die Förderung von Bildung und Erziehung insbesondere für Jugendliche durch gemeinsames traditionelles Segeln, gehört zu den Zielen des Vereins Traditionssegler Fridtjof Nansen, der von Wedel aus geführt wird.

Kapitän Temme hat ein Großteil seines Lebens auf dem Wasser verbracht. Sei es als Käptn von Container-Riesen auf großer Fahrt, sei es Sportler an Bord einer Segelyacht. "In den USA habe ich segelnde Schulen entdeckt und war von dem Prinzip fasziniert", erzählt er. Der Wunsch, auch solch eine Art schwimmendes Klassenzimmer zu organisieren, gipfelte darin, dass er 1981 ein Küstenmotorschiff übernahm, das 1919 als Gaffelschoner vom Stapel gelaufen war.

"Zehn Jahre später wurde die betagte, noch durchaus rüstige Dame nach Wolgast übergeführt", so Temme. 200 ABM-Kräfte möbelten das Schiff auf der ehemaligen Marinewerft der Wedeler Partnerstadt am Peenestrom kräftig auf. Auf den Namen Fridtjof Nansen wurde das Schiff von Margret Greve, der Enkelin des legendären norwegischen Polarforschers, getauft.

Dann gings hinaus in die Ferne. Frankreich, Karibik, Island im Rahmen des internationalen Jugendcamps der Ice-Sail-Expedition des Abenteurers Arved Fuchs, Karibik, Panama, Ecuador, Galapagos-Inseln, Cocos-Inseln, Costa Rica, Kuba, Bermudas beim "High-Seas-High-School"-Pilotprojekt. Jüngste Törns führten unter dem Motto "Schule unterwegs" in Richtung Lissabon und Azoren, zu den Kapverdischen und den Kanarischen Inseln.

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Schüler und Stammcrew der LEARNAGER-Fahrt VII auf Ausreise im Englischen Kanal
mit dem Ziel Kanarische Inseln zu Sylvester 2002

Bis zu 32 Jugendliche können zusätzlich zur rund zwölf Personen starken Stammcrew an Bord genommen werden. "Sie bekommen die Chance, kurzfristig aus der Schule herauszukommen und die Nase ins Leben zu stecken", sagt Kapitän Temme. Viele Jugendliche hätten "so viel Power, die brauchen was um die Hand", erzählt er, und wenn sie sich im Winter bei nur vier Grad Celsius der Nordsee stellen, sind sie nach den erschöpfenden körperlichen Tätigkeiten auf dem Törn viel "gelassener".

Temme:
"Begegnung mit der Natur lehrt Geduld."

Doch nicht allein das reine Segeln und die vielen, vielen zu erledigenden handwerklichen Arbeiten prägen; an Bord werden auch ebenso Management-Fähigkeiten und soziale Kompetenzen erworben. Temme: "Und wenn ein Kurs berechnet und abgesteckt werden muss und wenn Vermessungen an Land anstehen, dann ist das angewandte Mathematik, wie sie in der Schule praktischer nicht umgesetzt werden kann." Zirka 20 Prozent der segelnden Schüler stammen aus "normalen" allgemeinbildenden, rund 80 Prozent aus Waldorf-Schulen. Die Kosten für die See-Schule sind in etwa so hoch wie im Internat. Die LEARNAGER-Fahren im Winter mit Schülern und Schülerinnen ab 14 Jahren gehen jeweils über einen Zeitraum von drei Monaten zu den kanarischen Inseln oder die Kapverdischen Inseln und zurück. Es sollen aber bald wieder weiter entferntere Ziele in Südafrika und Südamerika angesteuert werden.

Für Stamm-Crew gilt: Hand gegen Koje. Alle arbeiten ehrenamtlich. Die Zusammensetzung der Stammbesatzung wechselt von Törn zu Törn. Mancher verbringt nur seinen Jahresurlaub an Bord, mancher nimmt sich eine längere Aus-Zeit vom Land-Leben. Seglerische Fähigkeiten sind zwingend, handwerkliche dringend erbeten, pädagogische nicht unnütz.

f-nansen03.jpg 300x200 Traditionelle Seemannschaft: Johanna knüpft Tausendfüssler an Deck.

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Und was bringt das alles? Die Eintragung eines Mädchens namens Lucie im Bordbuch macht es deutlich: "Immer wieder wird gefragt, was wir auf dieser Reise gelernt hätten. Ich glaube, das, was wir gelernt haben, ist nicht das Wesentliche. Das Wesentliche war das Berührt-Werden: von der Welt, von dem Meer. Die archaische Schicht, die Festplatte ist verändert worden bei mir."

TÖRNS NUR FÜR MITGLIEDER

Die Mitgliedschaft im Verein ist eine Bedingung für die Teilnahme an den Törns der "Fridtjof Nansen", jedoch nicht die einzige. Wer Details über die geplanten Bildungs-Touren, Schüler-Langfahrten, Tagesfahrten und Wochentrips erfahren möchte, wendet sich an das
"Vereinsbüro Traditionssegler Fridtjof Nansen e. V.",
Industriestraße 31,
22880 Wedel.
Telefon: 04103/800 46 10; Telefax: 04103/800 46 18;
E-Mail: office@FNansen.de,
die Internet-Adresse: www.FNansen.de



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Letzte Änderung / Last change: Mittwoch, 02. Juli 2003