Segeln mit Kindern - ein Erfahrungsbericht
von Ingrid an Bord der SY. Idemo
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ANNA und unser Leben auf der IDEMO
Wir sind jetzt seit fast genau 3,5 Jahren unterwegs. Wir, das sind Anna (7 Jahre), ihr Papa Robert und ich, Ingrid. Wir haben im Juni 2000 mit unserer IDEMO, einer Motiva 42, Kroatien verlassen und sind seit dem auf "grosser Fahrt", immer nach Westen. Anna war 3,5 Jahre alt, als wir unsere Zelte in Wien abbrachen, um für 3 Jahre "auszusteigen". Sie hatte bereits Segelerfahrung, aber nur auf Törns in der Adria. Wir alle drei hatten keine sonderliche Erfahrung im Langstreckensegeln, aber das sollte sich ja jetzt ändern. Unsere Familie war nicht begeistert, dass wir so lange weg wollten und das geliebte Enkelkind "entführen" und manche unserer Freunde erklärten uns schlicht für verrückt. Wir ließen uns dadurch aber nicht entmutigen und ich kann jedem nur raten, der ähnliches vorhat: Ohren zu und über sich ergehen lassen, auch wenn es manchmal wehtut, frei nach dem Motto: twenty years from now you will be more disappointed by the things that you did not do, than by the ones you did do. (Mark Twain) So fuhren wir also los. Die ersten paar Monate waren für uns alle drei gewöhnungsbedürftig, da sich unser Leben ja komplett verändert hatte, aber auch sehr schön. Im Mittelmeer besuchten uns unsere Eltern und wir hatten Besuch von befreundeten Familien mit Kindern, was uns nicht gleich merken liess, dass Kinder auf anderen Schiffen rar gesät sind. Gleich vorweg: das hat sich bis jetzt auch nicht geändert. Vom Mittelmeer bis nach Panama trafen wir oft wochenlang keine anderen Schiffe mit Kindern an Bord. Diese Phasen sind nicht ganz einfach, weil wir dann versuchen die fehlende Kindergesellschaft zu ersetzen und das ist nicht ganz so leicht. Wir versuchen dann immer sehr viel mit Anna zu machen: zu basteln, vorzulesen, regelmässige Vorschule bzw. später Schule, am Strand tollen, schnorcheln usw. Dabei haben Robert und ich festgestellt, dass uns die von Kindern so sehr geliebten Rollenspiele am allerschwersten fallen (z.B.: ich bin die Mama und du das Baby oder du bist Prinz Erik und ich Arielle). Da können wir nicht mit, nach 5 Minuten Baby-sein, fällt uns nichts mehr ein. Bis jetzt ist es uns noch nicht gelungen, das zu ändern. Anna hat sich abgefunden und ist auch mit 5 Minuten-Rollenspielen zufrieden. Ich kann nur empfehlen, viel Bastelmaterial und entsprechende Literatur an Bord zu haben und den Wunsch sich selber einmal ein Buch vor die Nase zu klemmen, auf den Abend zu verschieben. Ist nun einmal so. Wenn wir aber Kinder auf anderen Schiffen treffen, spielt sich das ab wie zu Hause auch. Die Kinder verabreden sich entweder am Strand oder besuchen sich gegenseitig auf den Schiffen. Oft verbringen Kinder von anderen Schiffen den ganzen Tag bei uns und mit uns, essen mit uns, machen bei unseren Ausflügen mit oder haben sogar einen "sleep over" bei uns an Bord. Dann wieder ist Anna für einen ganzen Tag auf einem anderen Kinderschiff eingeladen und so wechseln sich die Eltern mit der Betreuung ab. Oft sind auch ältere Kinder dabei, die dann auf die kleineren am Strand aufpassen. Kinder, die auf Schiffen leben, haben kein Problem mit viel älteren oder jüngeren zu spielen, weil sie gelernt haben, sich anzupassen und auf andere gut zugehen können. Auch Sprachbarrieren sind bald überbrückt. Nach ein paar Monaten in der Karibik, konnte Anna sich fliessend auf Englisch unterhalten. Ein sehr angenehmer Nebeneffekt! Zu erwähnen ist auch, dass wir sehr viele Schiffe getroffen haben, die ohne Kinder segeln, aber Kinder sehr gerne mögen. Es ist uns bisher selten passiert, dass Anna von anderen "kinderlosen" Seglern ignoriert wird und auf fast jedem Grillfest am Strand oder beim Sundowner findet sich jemand, der mit den Kids was macht oder sich mit ihnen unterhält. Viele ältere Segler vermissen ihre Enkel zu Hause und bemühen sich richtig um unsere Anna und so kommt es, dass Anna so manche Crew besser kennt als wir, weil sie eben mit denen schon geplaudert und gespielt hat. Das gefällt uns ebenfalls an der Entwicklung unserer Tochter, dass sie lernt auf andere zuzugehen und sehr kommunikativ ist. Viele Schiffe haben Video an Bord und Anna wird oft eingeladen, sich Videos anzuschauen. Das heisst, selbst auf dem Disney-Sektor sind wir auf dem laufenden. Meine Empfehlung also, trifft man ein Schiff mit Kind oder Kindern und man versteht sich, sollte man versuchen gemeinsam zu segeln. Man muss ja nicht ständig aufeinander picken, aber sich vielleicht absprechen, wo man sich wieder trifft und die Pläne vielleicht ein wenig aufeinander abstimmen. Nur so, haben wir herausgefunden, kann man einigermassen sicher sein, einen Spielgefährten immer wieder zu treffen. Wie stellt sich also das Leben auf einem Segelboot mit Kind dar? Nicht anders als wahrscheinlich zu zweit, nur dass halt ein Crewmitglied mehr Aufmerksamkeit braucht. Ob Anna ein verzogener, egoistischer Balg ist, weil wir segeln, statt ein "normales" Leben zu führen, kann ich als ihre Mutter nicht objektiv beurteilen. Ich sehe aber, dass sie sich körperlich und geistig normal entwickelt. Was ihr aber vielleicht ein wenig fehlte, war die Erfahrung, wie man sich in eine fest bestehende Kindergruppe einfügt. Das hat sich mit unserem Neuseelandaufenthalt von ca. 8 Monaten geändert, weil Anna für 6 Monate in die Schule ging und in den Ferien ein Ferienprogramm besuchte. Sie hatte viel Spass und ist in der Schule gut mitgekommen. Noch dazu haben wir durch die Schule sehr bald Anschluss zu Familien gefunden und richtige Freundschaften geschlossen. Der einzige negative Punkt an dieser Sache, waren die Schulgebühren: NZ$ 2.000,- (ca. Euro 1.000,-) pro Semester und das Schuljahr hat 4 Semester! Das ist kein Tippfehler, die Schulgebühren für internationale Studenten sind seit 2002 so hoch. Wir konnten einen Sonderpreis von NZ$ 600,- pro Semester aushandeln, immer noch happig, aber das war es uns wert. Ausserdem musste Anna ein Studienvisum beantragen, was nicht weiter schwierig ist, aber halt Rennerei bedeutet. Meine Empfehlung, mit der Schule reden. Ich bin mir sicher, dass man überall verhandeln kann, vor allem wenn das Kind schon ein wenig Englisch kann und keine Sonderbetreuung braucht. Eher einen kleineren Ort wählen, in Auckland geht gar nichts, Wellington und Nelson waren sehr kulant (alles von anderen Schiffen gehört). Wir selber waren in Tauranga. Falls jemand Fragen dazu hat, beantworte ich gerne per E-Mail. Taurange war auch hervorragend geeignet für unsere Schiffsüberholung. Australien ist da noch komplizierter. Die Schulgebühren bewegen sich in etwa in der Höhe von Neuseeland, aber ein Kind, das non-residency ist, darf überhaupt nur für 3 Monate in die Schule gehen, dann ist Schluss oder noch Anna hat ihre Zeit in der Schule sehr genossen und war in die Klassengemeinschaft voll integriert. Der Abschied fiel uns allen dreien sehr schwer, weil wir da unten so viele liebe Freunde gewonnen haben. Seit wir wieder unterwegs sind, unterrichten wir Anna selbst an Bord. Wir haben von den österreichischen Behörden die offizielle Genehmigung erhalten, unser Kind für die 1.Klasse im Heimunterricht zu unterrichten. Das war wichtig für die Kinderbeihilfe (Kindergeld). Es funktioniert recht gut und wir kommen gut voran. Wir haben die Schulbücher der ersten Klasse an Bord und wir hatten das Glück, dass eine Freundin voon Roberts Mutter Volksschullehrerin ist und uns per Brief und mail gute Tips gab und gibt und uns das Material ein wenig aufbereitet hat. Es ist wirklich keine Hexerei und macht auch Spass. Gleich nach dem Frühstück "machen wir Schule", auf See regelmässiger als am Ankerplatz, aber mit einem Kind allein, kommt man im Stoff sehr schnell voran und lesen und schreiben kann unsere Maus ja schon aus der Schule in Neuseeland und von der Vorschule her. Die erste Klasse schaffen wir, da habe ich keine Bedenken! Anna und wir haben Spass an unserer Reise. Sie mag die langen Passagen (im Gegensatz zu ihrer Mutter!), weil wir dann so viel Zeit für sie haben. Wenn wir in Häfen liegen, sind wir immer sehr beschäftigt mit Besorgungen, Reparaturen und, und, und... Auf Ankerplätzen in einsamen Buchten und auf langen Passagen haben wir einen geregelten Tagesablauf und das mag Anna. Sie schwimmt wie ein Frosch, schnorchelt und taucht und springt von der Reling ins Wasser. Sie liebt es, wenn wir Freunde auf unser Boot zum Essen oder Sundowner einladen oder wir eingeladen werden. Barbecue am Strand mit grossem Feuer ist ein Freudentag und wenn dann noch ein Fisch gegrillt wird, der an ihrer Schleppangel angebissen hat, noch besser. Sie weiss eine Menge über die Länder, die wir besucht haben und steigt mit uns auf jeden Berg, um alles einmal von oben zu sehen. Hin und wieder ein Video schauen und Computerspielen ist etwas Besonderes. Einstweilen bleibt sie ja von dem ganzen Mist im Fernsehen noch verschont, liebt dafür aber Bücher über alles. Sie zeichnet und malt, was sie unter und über Wasser sieht und stellt uns den ganzen Tag Fragen über dies und das. Ausserdem ist ihr durch diese Reise bewusst geworden, dass vieles teuer ist und nicht immer gekauft werden kann oder zur Verfügung steht. So wird die Tafel Schokolade eben eingeteilt und hin und wieder einmal essen gehen oder in der Strandbar ein Cola trinken, sind spezielle Anlässe. Es ist ihr bewusst, dass Wasser ein kostbares Gut ist und nicht unbegrenzt aus dem Wasserhahn kommt. Brot backen macht Anna und uns Spass und wir essen bewusst viel Obst und Gemüse, wenn es verfügbar ist, was ja nicht immer der Fall ist. Anna hat auch ihre Aufgaben an Bord: Sie muss ihre Kabine ordentlich aufräumen, ihre Sachen aus dem Salon und von Deck an ihren Platz zurückbringen, beim Geschirrspülen helfen und die Leinen Aufschiessen, wenn wir im Hafen ankommen. Nach dem Schwimmen ist es ihre Aufgabe die Handtücher aufzuhängen. Natürlich ist unser Kind kein Musterkind. Sie kann schimpfen, brüllen, sich taub oder dumm stellen, kratzbürstig und garstig sein wie jedes andere Kind auch. Sie probiert aus, wer wohl stärker ist und will ihre Grenzen immer wieder aufs Neüueerproben. Das ist genauso wie an Land auch. So gibt es auch auf der IDEMO Diskussionen und Streit zwischen Eltern und Kind, und Robert und ich versuchen immer einer Meinung zu sein, was natürlich nicht immer hinhaut. Aber das alles kennen alle Eltern, egal ob auf einem Schiff, einem Bergbauernhof oder im Loft Down Town. Apropos down town, mit dem Straßenverkehr kennt Anna sich zugegebenermaßen nicht so besonders aus, weil sie das im Moment eben nicht so sehr braucht. Ausserdem kommen die Autos auf fast jeder Insel aus einer anderen Richtung (einmal Links- dann wieder Rechtsverkehr). Da müssen wir einiges nachholen, wenn wir wieder an Land leben! Vielleicht ist sie auch ein wenig unselbstständiger als andere Siebenjährige, weil wir ja immer um sie herum sind. Aber das sollten wir zu gegebener Zeit in den Griff bekommen, spätestens, wenn sie allein den Schulweg bestreiten wird. Kinder, die nicht auf einem Schiff leben, haben sicher andere Interessen als unser Kind, aber ich bin mir sicher, dass es nicht lange daürn wird, bis sie sich eingefügt und aufgeholt hat, wenn wir wieder zu Hause sind. In Neuseeland ging das jedenfalls superschnell. Vor unserer Abreise berieten wir uns mit unserem Kinderarzt, der uns eine Bordapotheke für Anna zusammenstellte und gleich vorweg - diese haben wir bis jetzt am allerwenigsten gebraucht. In den 3,5 Jahren war Anna ganze 2x krank: einmal Durchfall mit etwas Fieber und eine Streptokokkeninfektion in Tahiti, die man sich in den Tropen sehr leicht holen kann. Meine Bedenken, nicht immer einen Kinderarzt parat zu haben und "was tue ich wenn"- Gedanken, konnte ich bis jetzt getrost auf die Seite schieben (gleich Holz klopfen!). Zu Hause brachte Anna mindestens jede 2. Woche irgendeine Infektion aus dem Kindergarten oder vom Kindergeburtstag mit und wir waren ständig beim Arzt - vor allem im Winter. Wir waren selbst überrascht, aber die ständige frische Luft und die fehlenden geschlossenen Räume, sind ein grosser Vorteil unserer Reise. In den Dengue-Fieber gefährdeten Gebieten (praktisch fast rund um den Äquator) versuchen wir Moskito-Bisse mit Repellents und Moskitonetzen zu vermeiden und stark gefährdete Malaria-Gebiete, werden wir auch in Zukunft ganz auslassen. Leider wird Anna in den ersten Tagen auf See oft seekrank. Sie bricht und mag nichts essen. Solange sie liegen kann, ist alles relativ gut und sie kann es ertragen. Die ersten Tage wird sie dann von uns besonders liebevoll verwöhnt und das weiss sie natürlich. Nach 2 - 3 Tagen sind die Seebeine gewachsen und egal wie sehr es schaukelt, Anna ist wieder quietschlebendig. Wir haben es mit Homöopathie (Petroleum- Globuli D6) versucht und manchmal hilft das. In Neuseeland hat man mir das Präparat "Sea-Legs" (Meclozine- Hydrochloride BP; für Erwachsene und Kinder) empfohlen und das funktioniert wunderbar. Sie nimmt die Tabletten nur die ersten beiden Tage und dann ist alles okay. Bei mir haben sie auch gut gewirkt. Solange Anna nicht schwimmen konnte, musste sie immer ihre Rettungsweste tragen, an Deck, im Dinghy, im Hafen, beim Segeln. Sie war daran gewöhnt, weil sie ja von klein auf, auf Segelschiffen war und immer einen Lifebelt umhatte. Das Leben wurde sehr viel leichter, als Anna schwimmen konnte, was mit 4,5 Jahren der Fall war. Wer kann schon von sich sagen, in der Rodney Bay schwimmen gelernt zu haben? Davor ist sie mit Schwimmflügel geschwommen, damit auch von der Reling ins Wasser gehüpft und hatte sie am Strand auch immer an. Schwimmen lernen ist nur eine Geduldsfrage, haben wir festgestellt und man darf ja nicht pushen - das kommt fast von selbst. Im Dinghi trägt sie den Lifebelt nur noch, wenn es recht rauh zugeht und der Wind stark bläst, ausserdem steuert den Aussenborder sowieso meistens Anna und passt auf, dass keiner ins Wasser fällt. Als wir abfuhren, meinte Annas Kindergärtnerin, das Leben auf einem Schiff mit den Eltern allein, ist sicher schön und birgt viele Vorteile. Der Kindergarten wird ihr wahrscheinlich ein wenig fehlen und sicher manchmal auch andere Kinder, aber einen "Schaden davontragen" wie so manch anderer meinte, wird unser Kind sicher nicht. Weiters nannte sie mir einiges Spiel- und Lernmaterial für 3 - 4 jährige, was wir sofort auf Vorrat besorgten. So hatten wir Spiele, Bücher und kleine Überraschungen für das erste Jahr schon an Bord, was sich als sehr guter Tip herausstellte, weil wir ja dann keine Möglichkeit mehr hatten, deutschsprachiges Spielmaterial ohne lange Wartezeiten in Häfen zu verbringen, zu bekommen (die letzte deutsche Buchhandlung fanden wir auf Mallorca!). Später schickten uns unsere Eltern immer wieder Pakete mit Spielen, Vorschulunterlagen und Büchern. Im Internet gibt's eine Menge Auswahl und wir konnten ihnen immer genau sagen, was wir uns für Anna wünschen. Ausserdem bekamen wir Kinderbuch- und CD-ROM-Kataloge zum Aussuchen. Auf einen Nenner gebracht, würde ich sagen, wir lieben unser Leben an Bord - einmal mehr und einmal weniger. An vielen Tagen denke ich, nie mehr wieder möchte ich etwas anderes tun und dann wieder, verfluche ich den Tag, an dem wir beschlossen, kein Haus zu bauen, sondern ein Schiff zu kaufen. Aber ist das nicht immer im Leben so, egal ob man segelt oder "normal" lebt? Wir sind davon überzeugt, dass es eine gute Entscheidung war und gerade heute sagte Robert: ich habe die drei besten Jahre meines Lebens hinter mir! und Anna antwortete: Ich auch! Wir freuen uns aber auch schon auf die Zeit, wenn wir wieder an Land leben werden und wir sprechen darüber, wie unsere neue Wohnung aussehen wird und wo wir die Tanoa (Holzschüssel) von den Marquesas mit den Kauris drinnen aufstellen werden. Ein Jahr haben wir noch Zeit, darüber nachzudenken, dann sind wir wieder zu Hause und da wartet das nächste Abenteuer auf uns - wieder Fuss fassen und ein schulpflichtiges Kind großziehen - klingt nach Herausforderung, nicht? Davor haben wir aber noch ein Jahr segeln, das wir ganz besonders geniessen werden. Ingrid an Bord der SY. Idemo September 2003 dzt. Darwin / Australien |
