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Mit Kindern in die Karibik Törnbericht über eine einjährige Atlantikrundreise Karibik und Retour - 2 Teil Ulla und Thorsten Behring SJ "Christa"
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Wir sind von August 2000 bis Juni 2001 als Familiencrew mit 2 Kindern ( 6 und 8 Jahre alt) von Spanien aus über Gibraltar, Madeira, Kanaren, Kapverden in die Karibik und über die Azoren wieder zurück ins Mittelmeer gesegelt. Unser Boot ist eine Malö 50 (Bj. 78, 11,10 m Länge, 1,40 m Tiefgang). Da wir aus vielen Kontakten mit anderen Seglern wissen, dass diese Route immer beliebter wird, wollen wir endlich mal aufschreiben, welche Erfahrungen wir dabei gemacht haben und was wir beim nächsten Mal anders machen würden. Ja, soviel sei schon mal verraten - es wird bestimmt ein nächstes Mal geben. Doch nun der Reihe nach. Das Allerwichtigste bei der Vorbereitung so eines Törns ist es, sich einen festen Termin für die Abreise zu setzen und diesen auch konsequent einzuhalten. Es gibt so unendlich viel an Boot und Crew zu optimieren, dass man sonst nie loskommt. Bei unserem Oldtimer dauerte die Vorbereitungsphase etwa ein Jahr. Wir haben das gesamte stehende Gut ausgetauscht, alle Wanten wurden auf 10 mm verstärkt. Das Deck wurde abgedichtet, ein extra starkes Großsegel bestellt. Eine Windselbststeueranlage ( Pacific Plus von Windpilot) wurde angebaut. Außerdem haben wir uns noch einen Wassermacher und ein EPIRP gegönnt. Aufwendig war die Überholung der Elektrik, was aus Zeitmangel leider erst unterwegs stattfand. Zu diesem Zweck hatten wir uns zu Beginn der Reise ein ruhiges Plätzchen auf den Balearen gesucht. Dort ergriff dann die Bordfrau samt Kindern täglich die Flucht, während der Skipper fluchend neue Kabel durchs ganze Boot zog. Zum Glück waren auch diese Arbeiten irgendwann beendet, und es konnte endlich losgehen. Fast wäre unsere Reise schon in unserem Ausgangsland Spanien zu Ende gewesen, denn am 8. September passierte uns etwas, was wir in all unseren Segeljahren noch nie erlebt haben: Wir saßen fest - und das auch noch auf einem Felsen. Wir waren auf dem Weg nach Gibraltar und wollten uns einen Hafen zum Übernachten suchen. Über Funk fragten wir in Fuengriola nach einem freien Liegeplatz. Leider war der Hafen voll belegt.Wir beschlossen daher, vor dem Hafen zu ankern. Laut Revierführer und Seekarte kein Problem, nirgendwo auch nur die kleinste Untiefe. Wir näherten uns also langsam der Küste, als wir plötzlich eine verdächtige Kräuselung auf der Wasseroberfläche bemerkten. Der Skipper riss sofort das Ruder herum, aber da krachte es auch schon. Einige Schrecksekunden vergingen, bis wir uns mit beherztem Rückwärtsfahren wieder befreien konnten. Glücklicherweise hatten sich die Felsen nur durch die Kielsohle in den Tank gebohrt, so dass wir nach einem kurzen Werftaufenthalt die Reise fortsetzen konnten. Auf der Werft haben wir dann auch erfahren, warum an dieser Stelle mehrere große Felsblöcke liegen. Man hatte schon mal begonnen, die Hafenmole zu erweitern, natürlich ohne diese "Baustelle" irgendwie abzusichern. Die einheimischen Fischer haben dort schon einige Yachten gegen saftige Gebühr vom Felsen gezogen. ![]() BadetagAnfang Oktober hatten wir es dann endlich geschafft, das Mittelmeer zu verlassen. Der Atlantik lag vor uns, und hier spielte eine ganz andere Musik. Am Anfang war es zwar noch leichtwindig , aber nach 3 Tagen legte der Nordost kräftig zu , so dass wir mit 2 Reffs im Groß Porto Santo erreichten. Dort liegt man übrigens sehr viel ruhiger als vor Funchal. Nach zwei unruhigen Funchal-Nächten ging es weiter nach La Graciosa. Die Überfahrt war bei E 6-7 eine recht feuchte Angelegenheit, der kräftige Wind verhalf uns aber zu einem Rekordetmal von 166 Seemeilen. La Graciosa ist ein Traum. Die geschützten Ankerplätze liegen in der Meerenge Estrecho del Rio, die La Graciosa von Lanzarote trennt. Es gibt nur eine größere Siedlung - La Sociedad. Dort angekommen, fühlt man sich in einen Western versetzt. Keine asphaltierten Straßen, nur Sandwege und verlassen wirkende Behausungen. Man hält automatisch nach einem Saloon Ausschau und landet am Hafen, der ein paar beengte Liegeplätze und eine Fährverbindung nach Lanzarote bietet. Ansonsten Natur pur. Wir blieben dort eine Woche. Wenn doch nur das Wasser im Atlantik ein paar Grad wärmer wäre, man könnte sich fast die Reise in die Karibik sparen.![]() Das KinderzimmerUnser nächstes Ziel war Porto Calero auf Lanzarote. Der Hafen war eine sehr angenehme Überraschung. Fahrtensegler sind gern gesehen. Uns hat nur gestört, dass man keine Wäsche an Bord aufhängen durfte. Dafür gab es eine Wäscherei, und die Versorgungslage ist wirklich erstklassig. Es empfiehlt sich allerdings, ein Auto zu mieten, da der Hafen einige Kilometer von der nächsten Ortschaft entfernt liegt. Was der gutsortierte Yachtausrüster in Porto Calero nicht vorrätig hat, findet man garantiert in Arrecife.Wir hatten uns auf die östliche Kanaren beschränkt, weil wir der ARC aus dem Weg gehen wollten. Wer unsere Route nachfahren möchte, sollte sich unbedingt den Terminplan der ARC besorgen, denn bevor die ARC -Flotte nicht gestartet ist, gibt es auf Teneriffa und besonders auf Gran Canaria keinen Liegeplatz. Beim nächsten Mal würden wir auf einen Besuch von Las Palmas ganz verzichten. Uns lockten die Versorgungsmöglichkeiten, aber im nachhinein hätten wir uns auch komplett in Porto Calero für die Atlantiküberquerung ausrüsten können. Statt dessen hatten wir auf Lanzarote und Fuerteventura auf die Abfahrt der ARC-Teilnehmer gewartet und dabei Zeit verloren, die wir lieber auf den Kapverden genutzt hätten. An den Kapverden scheiden sich die Geister. Die einen empfinden den Aufenthalt dort als gefährlich, die anderen schwärmen von der unberührten Natur und den freundlichen Menschen. Die Wahrheit, zumindest in unserem Fall, lag irgendwo dazwischen. Die Kapverden sind ein lohnendes Ziel, aber die Kriminalität ist allgegenwärtig. Sie beschränkt sich allerdings im wesentlichen auf Diebstähle durch Jugendbanden. Wir haben bis auf einen Versuch, unseren Rucksack zu stehlen, nichts Negatives erlebt, haben aber von anderen Seglern viele Klagen gehört. Man sollte sich davon jedoch nicht abschrecken lassen, denn die Kapverden sind nicht nur schön, sondern bieten sich auf dem Weg in die Karibik fast zwangsläufig als Zwischenstopp an. Auf der Suche nach den Passatwinden muss man von den Kanaren aus ohnehin erst mal Süd laufen, so dass die Kapverden fast auf dem Weg liegen. Der bürokratische Aufwand hält sich auch in Grenzen. Die Visumpflicht gilt nicht für Segler, und der Papierkrieg ist schnell erledigt. Auch die Versorgungslage hat sich gebessert. ![]() Unsere Kids auf dem PoopdeckAm 11. Dezember war es dann soweit, das Abenteuer Atlantiküberquerung konnte beginnen. Um es kurz zu machen, besonders abenteuerlich war unsere Atlantiküberquerung nicht. Bei der Überfahrt von den Kapverden nach Barbados (2020 sm) hatten wir sehr konstantes Passatwetter. Der Wind wehte im Mittel mit 15 kn. direkt von achtern, so daß wir auf der ganzen Strecke ausgebaumt gesegelt sind. An Bord hat es allerdings zweimal Bruch gegeben. Am 2. Tag war die Schiene für den Spi-Baum weichgeknetet und an den Popnieten ausgerissen. Der untere Teil der Schiene mußte abgesägt werden. Und am vorletzten Tag flog der Schotwagen bei einer Halse samt Endbeschlägen aus der Schiene, weil sich der Stopper löste. Die Teile liegen jetzt auf 5000 m. Zum Glück wurde keiner verletzt.![]() Navigation? Kein Problem für Boat- KidsDie Aktivitäten an Bord waren monoton. Die Wetterfaxkarten zeigten jeden Tag, fast wie mit dem Lineal gezogene Isobaren, die von Afrika bis in die Karibik liefen. Das aufregendste war eigentlich noch das Eintragen der Mittagsposition in die Seekarte und das erreichte Etmal. Das schlechteste Etmal war 135 sm das beste 157 sm über Grund. Am Ende ergab das eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 6,2 kn über Grund und 5,8 kn durchs Wasser. Der Äquatorialstrom hat, wie erwartet mit 0,4 kn mitgeholfen. Die Maximalgeschwindigkeit lag häufig über 7 kn. Kritisch wurde es ein paarmal, wenn das Boot anfing zu surfen. Oft mußte die Propellerwelle neu festgebunden werden. Bei unserem Hydraulikgetriebe funktionierte der Trick mit dem eingelegten Rückwärtsgang leider nicht. Bei 10 kn über Grund laut GPS ist sogar mal die Leine, die die Welle hält, gebrochen. Hätte der Austausch des Festpropellers gegen einen Drehflügelpropeller vor der Abreise noch geklappt, wäre die Sache bequemer und sicher noch ¼ kn schneller gewesen. Dieses Projekt haben wir dann auf Martinique erfolgreich in Angriff genommen.Mit unserem Vorsegel waren wir ebenfalls nicht zufrieden. Die Genua war bis Höhe Saling weggerefft damit das Segel im Seegang nicht schlägt. Ein kleineres, höher geschnittenes Vorsegel wäre viel besser gewesen. Für unsere nächste Reise werden wir jetzt ein Kutterstag anbauen. Dass die Reise kein reines Vergnügen war, lag dann vor allem an der ständigen Rollerei. Die Belastung durch die dauernde Bewegung für Mensch und Material ist enorm. Der Mensch flucht täglich und bekommt blaue Flecke. Material, das nur die kleinste Mikrobewegung macht, pulverisiert sich nach zwei Wochen. ![]() Shopping auf St. MaartenAnstrengend war für uns als Familiencrew natürlich auch, dass wir uns tagsüber nicht von den Nachtwachen erholen konnten. Die Kinder haben nämlich nachts trotz der Rollerei völlig problemlos geschlafen und wachten morgens putzmunter wieder auf. Zum Glück waren sie zu zweit, so dass immer ein passender Spielkamerad zur Hand war. Außerdem gab es jeden Tag Unterricht an Bord; schließlich wollten wir nicht, dass die Kinder ein Schuljahr versäumten. Der erwachsene Teil der Crew kämpfte allerdings ständig mit der Müdigkeit und nachts zumindest während der ersten Hälfte der Überfahrt zusätzlich mit der Kälte. Die Barfußroute beginnt leider erst in der Mitte des Atlantiks.Außerdem zweifelten wir gelegentlich an der Sinnhaftigkeit unserer Dauernachtwache - haben wir doch während der gesamten Überfahrt nicht ein anderes Schiff gesehen.Trotzdem blieben wir eisern bei unserem Wachsystem, alle 3 Stunden wurde gewechselt. Unser Boot war auch nachts ständig beleuchtet, dank Solarzellen und Windgenerator lief der gute alte Volvo, er hat auch schon 3500h hinter sich, nur alle 3 Tage für wenige Minuten um zu prüfen, ob er noch geht.Als größte Hilfe unterwegs erwies sich unsere Selbststeueranlage von Windpilot. Bei fast 3000 sm mit achterlichen Winden seit Gibraltar ist das Boot nicht ein einziges Mal aus dem Ruder gelaufen. Für den Skipper absolut beruhigend, wenn er in der Koje liegt und an Deck Kollege Arnold, immer leise steuernd, sich nicht vom Kurs abbringen läßt. Hut ab! Wenn wir in Mindelo ein paar Stunden früher abgefahren wären, hätten wir es noch Heiligabend bis Barbados geschafft. Da wir nicht nachts ankommen wollten, mußten wir am letzten Tag stark bremsen. So waren wir am 25.12.2000 morgens in Barbados. Das Einklarieren war etwas umständlich, da man extra in den Tiefwasserhafen musste, der eigentlich für die Kreuzfahrtschiffe gedacht ist, von denen täglich mindestens drei einlaufen. Als wir in der Hafeneinfahrt waren, kam natürlich prompt so ein Monster an. Das Festmachen klappte aber trotzdem ganz gut, weil wegen der Feiertage nicht so viel los war. Man muss allerdings viel Geduld mitbringen, bis alle Papiere ausgefüllt und abgestempelt sind. Nach 3 Stunden waren wir endlich ordnungsgemäß einklariert und durften uns in der benachbarten Carlisle Bay einen Ankerplatz suchen. Der erste Landgang nach 14 Tagen war etwas ernüchternd. Die Bevölkerung hatte die Feiertage zur ausgiebigen Rumprobe genutzt, die Geschäfte waren alle geschlossen, die Telefonleitungen hoffnungslos überlastet,und zu allem Überfluß haben wir auf dem Rückweg noch ein, auf Barbados oft zelebriertes, unfreiwilliges Bad in der Brandung genommen. Leider gab es nirgendwo eine Möglichkeit, das Schlauchboot festzumachen, man musste sich immer durch die Brandung an den Strand kämpfen.. Eine neue Marina im Norden der Insel soll jetzt für Besserung sorgen. Trotzdem würden wir bei der nächsten Überfahrt gleich Martinique ansteuern, weil dort die Versorgungslage ausgezeichnet ist. Das Einklarieren ist auf den französischen Inseln in wenigen Minuten erledigt, und das auch noch gebührenfrei. Wir würden in Fort-de-France einklarieren , uns dort versorgen und dann gegenüber in der Anse Mitan einen ruhigen Ankerplatz suchen. Dort gibt es auch eine kleine Marina, eine Tankstelle, wo man auch Wasser bunkern kann, zwei Wäschereien, Geschäfte, Autovermieter etc. Sollte ein Werftaufenthalt erforderlich sein, können wir die Werft Carenantilles bei Le Marin empfehlen. Es gibt dort deutsch- und englischsprachiges Personal, der Service ist sehr gut, und für TO-Mitglieder gibt es bei Vorlage des Stander-Scheins noch 10 Prozent Rabatt auf die recht günstigen Preise. ![]() Tim im Anglerglück: Ein 2m Blue Marlin hat angebissenFazit:Eine Reise in die Karibik ist immer noch empfehlenswert, man darf vorher nur nicht zuviel Bacardi-Werbung sehen. Das größte Plus waren für uns die hervorragenden Ankermöglichkeiten. Während wir im Mittelmeer schon oft nachts einen Ankerplatz verlassen mussten, weil der Wind mal wieder gedreht hatte, erlebt man solche unliebsamen Überraschungen in der Karibik praktisch nie. Der Passat weht beständig, was für ein angenehmes Klima sorgt und die Distanzen zwischen den Inseln meist auf bequeme Tagestörns zusammenschmelzen lässt. Die vielen Klagen über die wenig gastfreundliche Bevölkerung sind sicher berechtigt, wenn man aber sieht, wie vor allem Amerikaner dort auftreten, wundert es einen nicht mehr, dass die Bevölkerung nur an Dollars interessiert ist. Geschockt waren wir von dem Preisniveau vor allem auf den englischsprachigen Inseln. Hier ist alles auf den amerikanischen Geldbeutel zugeschnitten. Lebensmittel kosten etwa das Dreifache vom europäischen Niveau. Zum Glück kann man aber auf die französischen Inseln ausweichen. Angenehm überrascht waren wir von den Kommunikationsmöglichkeiten. Internet-Cafés gibt es selbst auf der kleinsten Insel, oft zwar in Bretterbuden, aber voll funktionsfähig. Empfehlenswert ist auch ein Amateurfunkgerät. In der Karibik gibt es sogar deutschsprachige Funknetze, vor allem der Schweizer Hugo ist mit seiner täglichen Funkrunde und seinen Wetterinformationen eine große Hilfe. Er sendet um 9.00 Uhr Ortszeit auf 8.140 kHz. Man meldet sich nur mit seinem Vornamen. Hugo betreibt auch eine Funkrunde speziell für Yachten, die sich auf den Rückweg nach Europa machen, und betreut diese Boote während der gesamten Überfahrt täglich mit Wetterprognosen. Auf diesem Wege noch einmal herzlichen Dank dafür. Für die Rückfahrt sind gute Wetterinformationen wirklich lebenswichtig. Wir konnten neben Hugos Informationen täglich Wetterfax empfangen. Trotzdem war die Rückreise wesentlich stressiger als die Hinfahrt. Aber das ist eine andere Geschichte, die wir nächstes Mal erzählen. |
