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Segeln mit Kindern Mehr zum Thema HIER von Ute Wilke-Richert und Wilfried Richert
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Im Herbst 2002 haben wir über die TO- Website einen Aufruf zum Erfahrungsaustausch zwischen segelnden Familien auf Langfahrt gestartet. 31 Paare mit Kindern hatten sich in unserer Internet-Runde eingefunden. Acht Familien hatten eine Langfahrt bzw. Weltumsegelung in den vergangenen zehn Jahren abgeschlossen, sechs sind weltweit unterwegs, neun wälzen große Pläne, acht starteten 2004 zur Weltumsegelung. Nach sechs Jahren Ostseesegeln sind wir 2004 zur großen Reise gestartet: vom Mittelmeer über die Kanaren, die Kapverden nach Brasilien. Etwas mehr als ein Jahr waren wir dann in Südamerika auf dem Landweg unterwegs. Inzwischen sind wir zurück auf La Gomera. Unsere Erfahrungen aus der Internetrunde und den Gesprächen mit vielen reisenden Familien, die wir getroffen haben, sind unten kurz zusammengefasst. Wir hoffen, dass ihr hier Antworten auf viele eurer Fragen zu Seekrankheit, Angst, Spielsachen, Schule und Bordunterricht, Freunde, Gesundheit und Kindergeld findet. Wer genauer wissen will, wie unsere Reise verlaufen ist: ab November 2007 ist unser Buch auf dem Markt: „So war das nicht geplant“, ISBN: 978-3-8334-8524-4. Seekrankheit Seekrankheit ist immer ein gravierendes Problem, insbesondere in Familiencrews, weil auch recht unempfindliche Kinder mit den Seekranken mitleiden. Offensichtlich gibt es große Unterschiede, wie Kinder auf die Situation an Bord reagieren. (Für Erwachsene gilt das wohl ebenso.) Die Seekrankheit der Kinder dauert von wenigen Stunden bis zu 2-3 Tagen. Wenige Kinder kennen keine Seekrankheit. Immer wird vorgeschlagen, dass die Kinder sich nach Möglichkeit im Cockpit aufhalten sollten. Manche liegen aber auch lieber in ihrer Koje. Ein Elternteil kümmert sich i.d.R. um das Kind und fällt dann für die Wachen aus. Das kann schnell zu einer besonderen Belastung für alle werden. Wir haben bislang mit mäßigem Erfolg Akupunkturbänder eingesetzt. Als homöopathisches Mittel haben wir Cocculus D 6 und Nicotiana D 6 gegeben, allerdings nicht vorbeugend (wie es eigentlich erforderlich wäre), sondern erst, wenn es akut wurde. Dann hat es zumindest die Symptome gelindert und vor allem die Stimmung verbessert. Empfohlen wird auch das Reisekrankheitsmittel Petroleum D 6. Aus Neuseeland kam der Hinweis auf das Mittel „Sea Legs“ (Meclozine-Hydrochloride BP). Den gleichen Stoff beinhalten Kaugummis (z.B. „Chiclida“), die unseren Kindern allerdings nicht schmecken. Ein weiteres Mittel ist Hyocine Hydrobromide in Tabletten bzw. Kautablettenform (z.B. „Joy-Rides“, „Kwells“). Bei uns haben alle Mittel zu Müdigkeit und teilweise auch Kopfschmerzen geführt. Ängste Langfahrtsegelfamilien haben die Erfahrung gemacht, dass die Kinder die Dinge eher so nehmen wie sie kommen. Ängste entstanden bislang überwiegend durch eigene Fehler oder Hektik. Als Ratschläge stehen wohl vor allem die gründliche Vorbereitung und die Vermeidung von gefährlichen Situationen sowie eine gründliche Risikoabschätzung im Vordergrund. Auch bei Vorhersage von bestem Wetter wird alles so weggeräumt, dass nichts durch die Gegend fliegen oder laut klappern kann. Auch der Vorschlag, nicht gegenan zu kämpfen, sondern ggf. beizuliegen, den Kurs zu ändern o.ä. wurde mit Erfolg umgesetzt. Bei Langtörns alle 20 Minuten die Position über UKW bzw. über SSB an eine Funkrunde durchzugeben, ist sicherlich auch hilfreich. Aus der Weltumseglerrunde kommt beruhigender Weise die Einschätzung, dass in 99,99 % der Zeit die Kinder vollkommen unbeschwert sind. Unterbringung Das ist natürlich auch eine Frage der Schiffsgröße. Normalerweise teilen sich die Kinder die Vorschiffskajüte (2 getrennte Kojen). Bei heftigerem Seegang bleibt die Salonkoje, der Salonboden oder die Achterkajüte, (ausgestopft mit den Decken und Schlafsäcken). Leesegel sind selbstverständlich. Im Cockpit wurden gute Erfahrungen mit angeleinten leichten Autokindersitzen gemacht. Im Cockpit sind die Kinder meist mit Rettungsweste angeleint. Bei gutem Wetter werden sie in die Decksgurte eingepickt und können bis aufs Vorschiff. Oft ist die Vorschiffskajüte ein guter Platz für die Kinder, da dort Platz zum Spielen ist und sie dort „so toll mit den Wellen hüpfen können“. Spielsachen Alles, was in Ritzen oder Lenzrohren verschwinden könnte, wird zu Hause gelassen. Gute Erfahrungen wurden gemacht mit: Legos, Autos, Knete, Malsachen, Büchern, Kuscheltieren, Kartenspielen, Baufix, Memory, Puzzles. Kassetten und CDs mit entsprechendem Recorder helfen zusätzlich auch beim Lernen, z.B. fremder Sprachen (Lieder). Um Kinder auf Lieder und Tänze anderer Kulturen einzustimmen, gibt es eine wundervolle CD-Reihe beim Ökotopia Verlag www.oekotopia-verlag.de , jeweils in Deutsch und den Originalsprachen gesungen, z.B. „In 80 Tönen um die Welt“, „Didgeridoo und Känguru“. Die Kinder werden - soweit es ihr Alter erlaubt - in die Segel“arbeit“ einbezogen. Temperaturen messen, Instrumente ablesen, Ruder gehen, Logbuch führen, funken, bei Reparaturen helfen sind ebenso interessant wie Krebse und Fische fangen, ausnehmen, zubereiten und beim Kochen und Backen helfen. Ein paar neue Sachen zur Überraschung auf längeren Überfahrten sind sicher auch nützlich. „Aber eigentlich haben wir festgestellt, dass die beiden immer weniger Spielzeug brauchen und viel lieber mit Sand, Muscheln, selbstgebauten Holzbooten usw. spielen“, war die Erfahrung auf der SY NONIE. Schule und Unterricht Die erste und mit sorgenvoller Miene vorgebrachte Frage an Familien mit Kindern auf Langfahrt ist: „Und was ist mit Schule und Unterricht?“ Da klingt der unausgesprochene Vorwurf mit, dass unsere Kinder niemals den allgemeinen Bildungsstandard der staatlichen Schulen erreichen werden und damit im Wettrennen um Karriere und Einkommen sicher den Kürzeren ziehen werden. Die US-Amerikanerin Linda Dashew schreibt dazu aus ihrer jahrelangen Erfahrung mit ihren Töchtern: “Both girls feel the years on the boat gave them a foundation of working independently and efficiently in their studies. This experience seems to be the norm rather than the exception with cruising kids. The development of imagination is a major benefit that I didn’t expect from cruising. Children are forced to use their creativity. They are severed from the television cord and are much richer for it. Many cruising kids receive excellent educations as well. (…) Taking the children bluewater cruising could be one of the best things we have ever done for them. They’ve been exposed to other cultures and ways of life, have been taught to assume responsibility, learned self-reliance and independence through sailing; they’ve cultivated nascent creativity and have learned to cope with loneliness and boredom. We found that our family as a whole grew closer together. And then we finally returned home – and most passage makers eventually do – our children had a broad base of experience on which to cruise into adulthood.” Im Leben an Bord können Kinder und Jugendliche ihre Anlagen entwickeln, ihre Fähigkeiten ausprobieren. Neugier, Aufgeschlossenheit, Kommunikationsfähigkeit, körperliche Geschicklichkeit, verantwortliches und soziales Verhalten gehören zu den Fähigkeiten von Seglerkindern aufgrund ihres täglichen Erfahrungs- und Lernumfeldes. Damit können sie ihr weiteres Leben selbstbestimmt gestalten. An Bord werden die Kinder meist von den Eltern unterrichtet. Zwei bis drei Stunden täglich werden dafür reserviert, meist jedoch nur im Hafen oder vor Anker. Das ist allerdings eine nicht zu unterschätzende Belastung, vor allem, wenn die Unterrichtsarbeit für die Eltern neu und ungewohnt ist. Schließlich muss der Unterricht auch vorbereitet werden. Sinnvoll und entlastend ist es sicherlich, wenn sich die Eltern die Unterrichtsfächer je nach ihren Vorlieben aufteilen können. Schließlich wird ja nicht nur der „Stoff“ vermittelt, sondern auch der Spaß am Lernen. Der Antrag auf Befreiung von der staatlichen Schulpflicht in Deutschland geht „auf dem Dienstweg“ über die bisherige Schulleitung an die Schulbehörde des Kreises/Bezirks. Wir haben bislang nicht von Problemen gehört. Wir lassen uns durch die bisherige Klasse/Schule betreuen. Auf diese Weise bekommen wir auch die Unterrichtsmaterialien. Der Kontakt wird per e-mail aufrechterhalten werden. Wenn die Kinder weiterhin in ihrer bisherigen Schule angemeldet bleiben, hilft dies auch, die Zahlung des Kindergeldes zu sichern. Hilfreich sind die Regelungen für den Unterricht beruflich reisender Eltern: www.schule-unterwegs.de und www.bildungsportal.nrw.de. Als mögliche betreuende Stellen wurden bislang die Deutsche Fernschule e.V., Wetzlar, www.deutsche-fernschule.de, das Institut für Lehrsysteme GmbH (ILS), Hamburg, www.ils.de und die Calvert School, 105 Tuscany Road, Baltimore, MD 21210 USA, vorgeschlagen. Margrit Eisenring von der SY Reine Marguerite schrieb uns im Januar 2004, dass es im französischen Schulsystem von der Grundschule bis zur Universität 10 Module pro Jahr für den Unterricht unterwegs gibt (einschließlich einen Test pro Monat). Das Ganze kostet 89 Euro pro Jahr (!) zuzüglich Porto. Margrit (SY REINE MARGUERITE) fand den persönlichen Kontakt per Telefon oder e-mail einfach wunderbar. Infos unter www.cned.fr . Als grundsätzliche Kritik zu den Fernschulen haben wir die hohen Kosten, z.T. veraltetes Material und die fehlende Flexibilität übermittelt bekommen. Für das Lernen von Unterrichtsstoff gibt es eine Fülle von Hilfen, auf die Segelkindereltern zurückgreifen können. Unabhängig davon, wie man zu Rudolf Steiner und der Idee der Waldorfschule steht, gibt es einige Bücher aus dem Verlag „Freies Geistesleben“, die für den eigenen Unterricht an Bord sehr hilfreich sein können: „Pädagogischer Auftrag und Unterrichtsziele – vom Lehrplan der Waldorfschule“, herausgegeben von Tobias Richter (ISBN 3-7725-0269-5) enthält die Lehrpläne für alle Fächer und Klassen, so dass der Bord-Lehrer und die Bord-Lehrerin wissen, was im jeweiligen Alter zu unterrichten ist. Außerdem werden nützliche Bezüge zwischen den Unterrichtsinhalten sowie dem jeweiligen Alter und Entwicklungsstand der Kinder hergestellt. Das Buch vermittelt pädagogisches Grundwissen, das das Verständnis für altersgemäßes Lernen sicher fördert. Wer für einzelne Fächer konkretere Hilfen braucht, findet sie in „Der Anfangsunterricht in der Mathematik an Waldorfschulen“ (ISBN 3-7725-0263-6), „Der Anfangsunterricht im Schreiben und Lesen“ (ISBN 3-7725-0227-X) und „Der künstlerische Unterricht in der Waldorfschule, Malen und Zeichnen“ (ISBN 3-7725-0229-6). Das zuletzt genannte Buch schafft auch für den Einstieg der erwachsenen Crew in eigenes künstlerisches Schaffen eine breite Basis. Lehrbücher für weitere Fächer und Klassen entdeckt man unter www.geistesleben.com . Online-Materialien für viele Schulfächer finden sich im Internetarchiv der Humboldt-Universität Berlin unter:
Wenn selbst unterrichtende Eltern aufmerksam die Entwicklung ihrer Kinder begleiten, wird es ihnen nicht schwer fallen zu erkennen, welche Fragen und Probleme die Kinder gerade beschäftigen, und dann flexibel und gezielt darauf einzugehen. Genügend Zeit dafür ist ja meist da. Diese Intensität und Flexibilität des Lernens sowie die unmittelbare Anschaulichkeit sind einige der unschlagbaren Vorteile der Bordschule. Wir haben keine Hinweise erhalten, dass Fahrtenseglerkinder größere Probleme beim Wiedereinstieg in das staatliche Schulsystem gehabt hätten. Freunde Für Kinder, die altersmäßig eng beieinander liegende Geschwister haben, ist das Kontaktproblem sicher nicht so gravierend wie bei einem Einzelkind, das allein auf die Eltern angewiesen ist. Trotzdem können oft auch länger anhaltende Freundschaften entstehen, denn Eltern-/Kindercrews finden in Häfen und auf Ankerplätzen meist schneller Kontakte als Zweiercrews. Außerdem bildet sich oft eine Seglergemeinschaft, die sich im Laufe ihrer Route immer wieder trifft. Verabredungsort ist seit kurzem das Skipperforum auf www.bluewater.de . Gesundheit Bordapotheken segelnder Familien scheinen besonders umfangreich ausgestattet zu sein. Ein besonderes Problem scheint die Behandlung von kleineren Wunden (nur im Pazifik?) zu sein, die sehr schwer in den Griff zu kriegen sind. Buchtipp: Homöopathische Erste Hilfe von Ilse Lardy, Sunrise Verlag (www.sunrise-versand.de). Dort ist auch eine homöopathische Reiseapotheke erhältlich. Als sehr brauchbares Standardwerk wird immer wieder Medizin auf See, DSV-Verlag, empfohlen. Als weitere Ratgeber können wir empfehlen:
Durchaus umstritten ist die Frage, wie mit der Impfproblematik umgegangen werden soll. Einerseits geht es um Impfungen gegen die üblichen Kinderkrankheiten. Dazu findet man kritische Informationen unter www.aegis-bayern.de sowie www.pirolverlag.de, wenngleich uns von den „durchgeimpften“ Seglerkindern bislang keine gravierenden Nebenwirkungsprobleme berichtet wurden. Christian Golling schrieb uns dazu: „Zu den Impfungen stehe ich auf dem Standpunkt, dass alles unterbleiben sollte, was nicht unbedingt sein muss. Und zwar aus zwei Gründen: Zum einen werden die Gefahren von Impfschäden schon immer heruntergespielt (…). Deshalb wenn impfen, dann einzeln und nur wenn topfit! Der andere Grund ist der, dass der menschliche Körper durch die Bewältigung der Kinderkrankheiten eine positive Entwicklung durchläuft. Unter anderem ist mittlerweile erwiesen, dass ein Körper, der in der Lage ist, richtig hohes Fieber zu erzeugen, auch ernsthaft Erkrankungen effektiv abwehren kann. (…) Wenn die Kinderkrankheiten nicht mehr auftreten und bei Kleinigkeiten schnell Antibiotika gegeben werden, leiden eben diese Selbstheilungsfähigkeiten darunter. Für die Persönlichkeitsentwicklung sollen die Kinderkrankheiten auch gut sein. Noch einige Tipps unserer Hausärztin: Malaria: Als Prophylaxe gibt es Okoupaka als homöopathisches Mittel, ebenso einsetzbar zur Nachbehandlung schwerer Krankheiten. Hautentzündungen durch Korallen: Antibiotische Salbe: Nepacitin + Myristica Sibivera comp + Silicea Salbe Blinddarmentzündung (bis ärztliche Behandlung möglich ist): Nichts essen, nur Tee trinken, keine heißen Wickel, Bauch kühlen, Apis/Belladonna/Mercurius: halbstündlich 3 Globuli. Bei Besserung innerhalb eines Tages keine Antibiotika, ansonsten dann hoch dosierte Antibiotika. Seeigelstachel: Fußsohle dick mit Butter bestreichen, einen halben Tag aufweichen lassen, dann rausziehen. Kindergeld Kindergeld ist eine Steuervergütung, die es nur für Kinder gibt, die im Inland oder in der EU leben. Für im Ausland lebende Kinder gibt es Kindergeld nur ausnahmsweise und dann auch nur in geringerer Höhe. Kindergeld für im Ausland lebende Kinder wird von der Familienkasse des Arbeitsamtes festgelegt. In der Veränderungsmitteilung an die Familienkasse ist nur eine Zeile "... ist ins Ausland verzogen (Anschrift)" enthalten. Also wenn die Kinder/die Familie einen Wohnsitz im Inland behält (und ggf. die Kinder durch die heimische Schule betreut werden), dürfte es keine Probleme mit dem Kindergeld geben. Informationen zum Kindergeld findet man unter www.bff-online.de (Bundesamt für Finanzen). Das wär’s für heute. Auf Eure Kommentare und Ergänzungen freuen wir uns natürlich ganz besonders. Wir wünschen Euch beim Segeln und im sonstigen Leben immer das nötige Quäntchen Wasser unterm Kiel. |
