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Kinsale - ein Wintermärchen
Überwinterung in Irland

von Klaus Häussler, SJ "Ludus amoris"

Im vorigen Winter war alles anders. Wir hatten unseren Winterliegeplatz im Zentrum von Sevilla - windgeschützt und rund um die Uhr bewacht. Und es war warm!

vor-anker.jpg 350x267 Jetzt aber wurde unsere "Ludus amoris" - eine Hallberg Rassy 41 - mit brutaler Gewalt in die Seile gedrückt. Es blies mit 10 Beaufort aus SW und die gesamte Marina fing an zu tanzen. Irland zeigte uns seine meteorologische Kehrseite.

Auf dem Weg ins Nordmeer hatten wir einen prächtigen Segelsommer an der Atlantikküste der Grünen Insel verbracht. Landschaft und Menschen hatten uns sogleich in ihren Bann geschlagen. Und nach den symphatischen Erfahrungen an der wild zerklüfteten Westseite entschlossen wir uns, den Winter in diesem Land zu verbringen. Aber wo?

Die gesamte Westküste ist den Winterstürmen ungeschützt ausgesetzt. Einzig Kilrush schien uns sicher. Die Marina liegt hinter einer Schleuse geschützt. Aber Segler, die hier bereits überwintert hatten, warnten uns vor den ständigen Starkwinden und dem daraus resultierenden Lärm. Außerdem war dieser Standort arg isoliert, was weite Wege bedeutete, um etwas städtische Kultur zu genießen. Im Osten gibt es bei Dublin zwei Marinas - Malahide Marina und Howth Marina. Aber bis dorthin war es weit und die Jahreszeit war dafür zu weit fortgeschritten. Die ersten Herbststürme setzten nämlich bereits im September ein. Also blieb nur die Südküste. Im Sommer hatten wir hierher einen Abstecher gemacht und dabei das charmante Kinsale entdeckt. Das Städtchen liegt geborgen vor einem U-Törn des Flusses Bandon, bevor dieser in den Atlantik mündet. Zwei Marinas gibt es hier: die Yacht Club Marina im Hafen und auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses Castlepark Marina. Ein Spaziergang durch die engen Gassen mit farbenfrohen Häusern und vielen originellen Pups überzeugte uns, dass dies der ideale Winterplatz sein musste, zumal uns die Liegeplatzgebühren recht günstig erschienen: 1,70 irische Pfund pro Fuß pro Monat.

Als wir - meine Frau und ich - am 1. Oktober in der Yacht Club Marina festmachten, waren bereits drei weitere Boote mit Langzeitseglern eingetroffen. Eine tolle Überraschung: Beth und Evans von der amerikanischen Jacht "Hawk" hatten sich ebenfalls hier einquartiert. Die Beiden lernten wir vor 7 Jahren in der Südsee kennen. Und nun war die Neugier groß. Wie war es ihnen in der Zwischenzeit ergangen? Und: was ist aus diesen und jenen Seglerfreunden geworden? - Außerdem war hier "The Last Dance" aus Vancouver mit Singlehander Jean und ein amerikanisch-argentinisches Paar auf der "Ruby's Pascal" mit Curd und Sandra und ihrer 8-jährigen Tochter Jessica. Sie waren vom Cap Hoorn gekommen und verbrachten jetzt ihren zweiten Winter hier. Wie unter Langzeitseglern üblich, entstanden rasch und unkompliziert Beziehungen. Man lud sich gegenseitig ein, veranstaltete Geburtstagspartys und gemeinsame Abendessen. Mit dabei meist Billy, der Marinamanager. Und wenn der in Stimmung kam, drückte ihm jemand eine Gitarre in die Hand und Billy sang irische Songs von Auswanderung und Heimweh. Oder wir bauten unser Klavier auf und spielten zur Unterhaltung oder schon auch mal zum Tanz.

Kinsale bietet natürlich auch im Winter Einiges: ein jährliches Gourmet-Festival macht den Ort zur Gourmet-Hauptstadt Irlands. Im Oktober pilgern Feinschmecker aus nah und fern hierher. Und gleich anschließend findet im Windschatten des Jazzfestivals in Cork eine eigene Jazzwoche statt. Die Pubs und Hotels quellen dann über von Fans der einzelnen Bands, die häufig lokalen Colorit haben. Auf diese Weise lernten wir die hintersten Winkel der Stadt kennen. Und schließlich schlossen wir uns der Opera Society an, einem Chor, der insbesondere irisches Liedgut aus dem Metier Oper und Operette pflegt.

Während es Anfang Oktober einmal wöchentlich Sturmwarnung gab, begann bald darauf der tägliche Seewetterbericht mit dem Satz: "There is a gale warning in option!" Kein Problem, solange die Winde aus W bis NE kamen. Sobald sie aber auf SW und S drehten - und das sind die vorherrschenden Winde - wurde es zumindest in der Castlepark Marina kritisch, denn die ist diesen Stürmen voll ausgesetzt. Das Flusstal wirkt hier wie ein Trichter und erzeugte Windstärken bis zu 80 Knoten. Es gab bereits bei den ersten Stürmen Schäden an Pontons und Booten.

Die Yacht Club Marina ist erst betroffen, wenn 8 Beaufort erreicht und übertroffen werden. Dann aber setzt auch hier ein kräftiger Schwell ein und die gesamte Marina ist in Bewegung. Wichtig ist es dann, dass die Boote elastisch festgemacht sind. Die Langzeitsegler hier beherrschen diese Kunst perfekt. Aber die lokalen Boote - häufig nur mit Schnürsenkeln befestigt - ruckten bedenklich und machten uns Kopfzerbrechen. Billy und sein Team waren ständig unterwegs, um Schäden zu vermeiden. Wenn Stürme aus dem östlichen Sektor angesagt sind, dann herrscht auch in dieser Marina Alarmstufe 1. Bisher blieben wir davon verschont.

Die hohe Feuchtigkeit in dieser Jahreszeit veranlasste uns, alle Segel abzuschlagen. Hässliche Sporen bilden sich sonst, auch im Schiffsinneren ist das ein Problem. Eine effektive Heizung ist daher unerlässlich. Wir benutzten zusätzlich zu unserer Zentralheizung einen Lüfter, um die feuchte Luft abzutransportieren. Das hat ganz gut geklappt.

Ein anderes Problem macht der Marina wirklich zu schaffen: In unmittelbarer Nachbarschaft ist die Verladestation für Getreideschiffe. Wenn das "Grainship" kommt - etwa einmal pro Woche - kann man nur um eine günstige Windrichtung beten, denn die Staubentwicklung ist beträchtlich. Die Marinaleitung hat deshalb ständig einen Mann abgestellt, der die Boote und Pontons reinigt.

Natürlich regnet es um diese Jahreszeit viel. Aber im Süden hält sich das in Grenzen. Immer wieder gibt es sonnige Tage mit stimmungsvollem Licht. Dann steigen auch sofort die Temperaturen auf ein angenehmes Maß - schließlich beeinflusst der Golfstrom das Klima. Wir nutzten diese Gelegenheit, um auf unseren Bordfahrrädern die vielen historischen Stätten in der Umgebung zu besuchen. Zum Leuchtturm am Old Head sind es 10 km. Und bei Sturm bietet dort der Atlantik ein grandioses Schauspiel.

Häufig fuhren wir in die Landeshauptstadt Cork City, etwa 45 Busminuten entfernt. Die Busse fahren durchgängig via Flughafen und für einen Rückfahrschein zahlt man 4,60 Pfund. Die Stadt bietet alles: Ladenpromenaden, Konzerthalle, Kinos, Universität, Hospitals. Von dort aus fährt man auch mit dem Bus für 21 Pfund hin und zurück nach Dublin, falls man Weltstadtflair sucht. Auf jeden Fall eine lohnende Reise.

Wer, wie wir, aus Spanien kommt, ist zunächst über die Preise in Irland schockiert. Die Lebenshaltungskosten im Vergleich zum Einkommen sind vergleichbar mit Deutschland. Durch den Kursunterschied muss man allerdings mit dem 2½-fachen rechnen. Eine Dose Bier, 0,5 Liter, kostet etwa 1,20 Pfund, also ca. 3 DM. Die billigste Flasche Tafelwein aus Spanien ist für 4,99 Pfund zu haben. Vergleichen lohnt sich. Und es gibt schon mal Sonderaktionen im Supermarkt. So sammelte Maria 6 Wochen lang bei jedem Einkauf sogenannte Tokens. Als das Büchlein gefüllt war, konnten wir 5 Tage in Dublin in einem 3-Sterne-Hotel verbringen mit einer nur geringen Zuzahlung.

Vorweihnachtszeit! "Ludus amoris" war festlich geschmückt. Maria machte schwäbische Gutsle und ich musste den Teig auswellen. Mangels Wellholz benutzte ich eine Bierdose. Und anstelle von Ausstecherformen mussten Trinkgläser mit unterschiedlichen Durchmessern herhalten. Unsere Plätzchen waren bei den Stegnachbarn heiß begehrt.

Kurz vor den Feiertagen trafen zwei junge Franzosen ein in einem winzigen Boot. Sie waren bei stürmischer See von der Bretagne herübergesegelt. Jetzt versuchten sie verzweifelt ihr Boot trocken zu kriegen. Ein hoffnungsloses Unterfangen bei diesem Wetter. Am ersten Weihnachtsfeiertag luden wir sie zusammen mit einigen anderen Singles von der Marina zum Weihnachtsessen ein. Es wurde ein heiterer Abend, und schließlich musizierten und sangen wir zusammen.

Am nächsten Morgen schleppte der Seenotrettungskreuzer eine rote Stahljacht in den Hafen. Ein schockierender Anblick: ein Mastfragment lag an Deck verzurrt, Wanten und Stege waren durchtrennt, die Plexiglaskuppel und ein Fenster eingeschlagen, die Pinne abgerissen. Ein heilloses Durcheinander an Deck. Ein junger Franzose unter Schock, aber unverletzt, wurde zum Aufwärmen in den Yachtclub geführt. Er war morgens um 06.00 Uhr bei 9 Beaufort, rauer See und schlechter Sicht von einem norwegischen Tanker etwa 5 sm vor der Küste übergemangelt worden. Die 11-Meter-Jacht wurde um 180 Grad nach unten gedreht und dann minutenlang in dieser Position vom Tankerbug durch das 8°C kalte Wasser geschoben. Ich unterhielt mich später mit dem Schiffer. Er war unter Deck bei der Arbeit an der Seekarte gewesen. Es gab für ihn keine Chance, den Unfall zu vermeiden, meinte er. Radar war nicht an Bord.

Nach Weihnachten herrschte in Irland für einige Tage der Ausnahmezustand: es hatte geschneit. Ein seltenes Ereignis, das dazu führte, dass nichts mehr ging. Öffentliche Verkehrsmittel stellten ihren Betrieb ein. Auf den Flughäfen gab es enorme Verspätungen.

Aber das Frühjahr kündigte sich trotzdem an. In der Marina, unter den Pontons, tobten Seeotterpärchen. Und auch Seehunde waren jetzt immer wieder zwischen den Schiffen zu sehen. Abends stolzierte ein Graureiher über die Stege und spähte in die beleuchteten Fenster der bewohnten Boote. Wenn die Tage wieder länger werden und das Wetter sich etwas beruhigt hat werden wir, Zugvögeln gleich, unruhig unseren Weg nach Norden fortsetzen. Dieses Irland aber hat es uns angetan.

Literaturhinweise:

- Sailing Directions Irish Cruising Club
- Ireland from the Sea (Andrew Phelan)
- Trinity (Leon Uris)
- Seekarten: British Admirality



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Letzte Änderung / Last change: Freitag, 12. September 2003