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Lüderitz, Stadt in der Wüste

eldorado.gif 111x62Ludwig F. und Lotti Drapalik, ELDORADO (CH)
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Adi vom TO-Stützpunkt Cape Town erscheint eines Tages an Bord der ELDORADO. Er ist gebürtig aus Lüderitz, aus dem ehemaligen Deutsch-Südwest, das heute Namibia heisst.

Er möchte gerne mit uns die 490 sm mitfahren, verspricht uns dafür, seine Geburtsstadt zu zei-gen. Und so bekommen wir unerwartet einen Gast für die vier Tage dauernde Fahrt. Nach-dem wir auch Mitglieder im TO sind, nehmen wir Adi gerne mit, sind so quasi offiziell für den TO unterwegs.

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Adi hisst auf der ELDORADO die übergrosse namibische Gastlandflagge, die wir uns in Cape Town besorgt hatten.
Eines Morgens staunen wir nicht schlecht, als uns mitten auf dem Meer dichter Nebel umhüllt. Gut, dass wir unser Radargerät einschalten können. Grüne Punkte auf dem Schirm zeigen uns, wo Schiffe sind, eine aus grünen Punkten bestehende Perlenlinie zeigt uns die Küste an. Trotzdem sind wir froh, als sich der Watteschleier am Nachmittag etwas lichtet und zu Hochnebel wird. Die Sonne zeigt sich allerdings während des ganzen Tages nicht. Kaum Wind begleitet uns auf dieser Strecke, viel Motorfahrt ist angesagt. Dafür ist aber auch der Seegang sehr moderat, zur besonderen Freude von Adi. Der ehemalige Pirat-Segler ist halt schon lange nicht mehr auf See gewesen, seine Seefes-tigkeit muss sich zuerst wieder bilden.

Nördlich des Oranje-Flusses beginnt das Staatsgebiet von Namibia, viele deutsch klingende Na-men tauchen auf der Seekarte auf. So heisst eine Bucht gar etwas makaber Knochenbucht, auch eine Grosse Bucht gibt es hier und einen kleinen Bogenfels.

Viele Seehunde und Delphine spielen um den Bug der ELDORADO, als wir in die Nähe von Lüde-ritz kommen. Sie bilden ein besonders nettes Empfangs-Komitee, über das wir uns natürlich beson-ders freuen.

In der Lüdritzerbucht stehen einige Mooring-Leinen bereit, wir greifen uns eine, direkt neben LO-JAN mit Rainer und Daphne und Gast Helge. Sie sind in Cape Town einige Tage vor uns gestartet und freuen sich, uns wieder zu treffen. Lüderitz, die Wüstenstadt, steht in einer öden Landschaft, der Sand reicht hier bis zur Küste. Von der Ferne sieht es aus, als wäre der Sand ein braunes Nebelmeer. Lüderitz wurde um 1883 vom Bremer Kaufmann Adolf Lüderitz gegründet, Reichskanzler Bismarck stellte das Gebiet unter deut-sche Schutzherrschaft. Das ‚Deutschtum' soll hier in Südwestafrika noch sehr ausgeprägt sein, hat man uns verraten. Viele Schwarze sollen Deutsch sprechen.

Mit einer eigenartiger Erwartung streifen wir durch die Strassen mit den deutschen Namen. Es gibt hier eine Bismarckstrassse ebenso wie eine Bahnhofstrasse, obwohl vom Bahnhof Lüderitz nur noch die Gebäude stehen. Er soll allerdings in den nächsten Jahren wieder aktiviert werden. Es ist als ob wir in eine Zeitmaschine geraten wären, in der man sich in die Vergangenheit zurück verset-zen kann. Die Apotheke heisst zwar nicht mehr ‚Reichsapotheke' sondern schlicht Reichs Pharma-cy. Dafür gibt es das ‚Kapp's Ballhaus' noch, die ‚Lesehalle' und auch die ‚Turnhalle' mit dem ‚Männerturnverein'. Doch beim genauen Hinsehen stellt man fest, dass nur noch die Hausfassaden da sind, Zeugen einer einst ruhmreichen Vergangenheit. Leblose Gebäude, die ihren Zweck nicht mehr erfüllen und nur noch an eine längst vergangene Zeit erinnern.

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In Lüderitz zeugen deutsche Strassennamen von einer ruhmreichen Vergangenheit.
Die heutige, schwarze, namibische Regierung will offenbar diese Zeugen der Vergangenheit eli-minieren, in einer anderen Stadt, in Swapkomund hat man schon begonnen, die deutschen Strassen-namen durch englische und afrikanische Namen zu ersetzen.

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Auch von der Turnhalle und dem Männerturnverein stehen nur noch die Fassade. Ludwig und Helge (links) staunen über die Zeugen vergangener Zeiten.
Eigentlich schade, dass die einstige ruhmreiche deutsche Epoche nun so sang- und klanglos un-tergehen soll. Davon wollen allerdings die alten Lüderitzer gar nichts wissen. "... und fragt dich einer, was hält euch hier fest, so sag ich nur, wir lieben unser Südwest...", so der Refrain des Süd-wester-Liedes, das der 74-jährige Siegfried mit kräftiger Stimme schmettert, während er uns durch die Gegend kutschiert, selbstverständlich mit einem alten Mercedes. Ob der alte Pioniergeist wohl in der jungen Generation weiterleben wird?

Vor allem Diamantenfunde hatten einst viele Menschen angelockt, und Lüderitz Blüte und Wohlstand gebracht, ein vergänglicher Glanz allerdings. "Barmaids were paid in Diamonds, when cash run out", steht im Museum in Kolmanskuppe, der nahen Bergwerksiedlung. Man bezahlte seine Zeche schon mal in Diamanten, wenn das Bargeld knapp wurde. Von Kolmanskuppe stehen heute nur noch leere Gebäude als Geisterstadt mitten in der Wüste.

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Die Badewanne hat man als zweifelhafte Attraktion vor eines der zerfallenen Gebäude in Kol-mannskuppe gestellt. Die Touris sollen sich hier für ein Erinnerungsbild wohl hinein setzen.
Der heisse Wüstensand holt sich die leerstehenden Gebäude langsam wieder zurück, der Sand macht sich darin breit. Kolmannskuppe ist heute eine Touristenattraktion, die Besucher werden mit Autobussen oder nobler, per 4x4-Allrad-Fahrzeug heran gekarrt. Man besichtigt ein kleines Muse-um, staunt das voll eingerichtete, aber auch leerstehende Haus des Krämers an. "Hier in dieser Ke-gelbahn fanden vielerlei Kegelabende statt, am 4. Juni 1927 gar ein Preiskegelabend des Kegelklubs ‚Gut Holz'", verrät uns Anita in der ehemaligen Kegelbahn und zeigt uns ein altes Plakat. Die nette Dame führt heute die Touristen durch die Geisterstadt.

Und wenn eine Tür in den Angeln knarrt und der Wind sie hin- und her bewegt, sieht man im Geiste die Menschen sich bewegen, wie in einem alten Goldgräberfilm. Wie muss es vor siebzig Jahren hier ausgesehen haben, voll Leben, voll Betrieb. Und die Menschen voller Hoffnung auf ei-nen schnellen Reichtum. Und alles wegen den glitzernden Steinen, die aus der Wüste gekratzt wur-den und die eine ganze Epoche geprägt haben. Doch die Lichter sind hier längst ausgegangen, alles ist nur noch leere Attrappe.

Der neue, grosse Diamantenfund unten am Oranje River hat dieser Bergwerksstadt bei Lüderitz endgültig den Todesstoss versetzt. Alle folgten dem neuen Lockruf, 1956 verliess der letzte Bewohner Kolmanskuppe.

Schön wäre es, wenn hier in diese historische Stätte wieder etwas Leben zurückkehren würde. Man bemüht sich zwar, in der alten Turnhalle werden die Turngeräte gepflegt und geputzt. Warum nicht mal eine Veranstaltung nach hier verlegen? Vielleicht könnte man auch eine kleine Schau-Mine ins Leben rufen, in der den Besuchern gezeigt wird, wie die Diamanten geschürft wurden. Das wäre doch eine vornehme Aufgabe für die Minengesellschaft, der diese Siedlung immer noch ge-hört. Der Videofilm, den sie den Touristen zeigen, ist zwar interessant, passt aber so schlecht in diese Geisterstadt. Die Touris, die heute etwas verloren zwischen den einzelnen Gebäuden in der Wüste herumstehen, wirken jedenfalls eher deplaziert.

Etwas bedrückt verlassen wir diese Siedlung. Volker, unser 4x4 Fahrer erzählt aber schon bald von der Faszination der Dünen in der Namib-Wüste, schnell vergessen sind die düsteren Gedanken. Wir freuen uns auf die Allrad-Tour in die Wüste. Plötzlich stoppt Volker sein Fahrzeug auf der Teerstrasse und biegt ab. Er lässt Luft aus den Ballonreifen. "In der Wüste darf man nicht zu viel Luft drin haben, so wird die Bodenhaftung verbes-sert", erklärt uns Volker.

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Grossartig, gar majestätisch liegen sie da, die Dünen der Namib Wüste.
Nun geht's los, quer durch die Landschaft, geradezu ins Nirgendwo. Weit hinaus, fast einhundert Kilometer fährt uns Volker durch die Wüste, in Richtung Koichab Pfanne. Die Namib soll eine der ältesten Sandwüsten der Welt sein. Hier gibt es natürlich keine Strassen, Volker fährt auf geheim-nisvollen Tracks und Spuren kreuz und quer durch den Sand. Besonders attraktiv wird es, wenn er mit seinem Four Wheel Drive eine Düne erklimmt und auf der anderen Seite wieder hinunter fährt. Und dort bei dieser schönen Düne hält er oben auf der Kuppe an und lässt uns auf dem Sand herum krabbeln. Einem Sand, der tief und schön weich ist.

Die Sonne malt eine eindrucksvolle Kulisse in die Landschaft. Hellblau schimmert der Sand in der Ferne, dort hebt sich ein rehbrauner Kegel ab von seinem graugrünen Sandbett. Und da drüben, schimmert eine Sanddüne gar aprikosenfarbig, vereinzelt liegen dunkelblaue Felsbrocken in der Gegend herum. Da und dort zaubert ein Dunstschleier kleine Kragen um die Hügel, faszinierend. Endlos dehnen sich die Sand-Wellen und verschmelzen am Horizont mit dem Himmel. Nur noch der schier unendliche Raum ist da, wir lassen Zeit und Realität weit hinter uns. Bin ich noch auf dieser Welt?

Die Wüste ist eine eindrucksvolle Landschaft, mit einer Stille, die man kaum glauben und schon gar nicht begreifen kann. Es ist als ob die Sand-Wüste alle Geräusche verschluckt. Es ist hier einfach still, die Stille ist fast greifbar, nur das Knirschen der eigenen Schritte klingt als Echo an unser Ohr. Eine neue, faszinierende Erfahrung. Ich setze mich in den weichen Sand und träume vor mich hin. Leise singt der Wind und stiebt kleine Sandfontänen über die Kuppen der Dünen. Und siehe da ein kleiner hellblauer Skarabäus- Käfer strebt zielstrebig durch den Sand. Da, plötzlich eine abrupte Richtungsänderung, er läuft quer über den Sand. Was ihn wohl veranlasst haben mag, einen anderen Weg einzuschlagen. Wo geht er wohl hin, der kleine Kerl, und von woher kommt er wohl?

Über viele Dünen, um einzelne Büsche herum, zwischen bizarren Felsbrocken hindurch und über Steinwüsten, die wie Gletscherfelder aussehen, findet Volker tatsächlich wieder zurück zur Hauptstrasse. Einzelne Gräser ragen in den Himmel, säumen unseren Weg. "Alles Glücksache!", schmunzelt er. Wir glauben ihm natürlich nicht, er ist ein exzellenter Driver, der seine Sache ausge-zeichnet macht und uns unterwegs erst noch einen Haufen interessante Dinge über die Wüste er-zählt. Zurück in Lüderitz geht es an die Vorbereitungen zur nächsten grossen Etappe über den Atlantik. Bis zur Insel St. Helena wollen wir zuerst, dieser kleinen Fleck im grossen Ozean, wo einst Napole-on in seiner Verbannung gelebt hat. Eine ideale Zwischenstation für die Yachties, die von Südafrika nach Brasilien unterwegs sind.

Letzte Einkäufe werden getätigt und dann wollen wir noch unsere Dieseltanks füllen für die grosse Reise über den Atlantik. Zuerst geht das Gerücht um, wir müssten diese Arbeit mühsam mit Kanistern tun, dann findet Rainer von LOJAN eine Möglichkeit direkt an der Pier zu bunkern, dort wo die grossen Fischtrawler anlegen. Zusammen fahren wir rüber und legen längsseits an.

Allerdings ist kein Tankfahrzeug da, wie eigentlich bestellt. Der Treibstoff kommt vielmehr aus der unterirdischen Versorgungsleitung und aus einem dicken Drei-Zoll-Schlauch mit einem entspre-chend hohen Druck. Ich muss den kleinen Hebel am Ventil nur ganz langsam aufdrehen, der Diesel schäumt wie Bier aus dem Hahnen. Bei einem Tank geht diese Aktion gut, beim nächsten folgt die Bescherung: Die Schlauchbriden des Hahnens sind offenbar zu wenig befestigt gewesen, der Hahnen reisst sich vom Schlauch weg und fällt ab. Der Diesel schiesst mit hohem Druck aus dem dicken Schlauch und ergiesst sich über unser Deck. Was für eine Riesensauerei! Gut, dass wenigstens alle Luken zu waren. Alle schauen betroffen, der Shell-Operator flucht herum und wir machen uns mühsam ans Putzen. Eine elende Arbeit wartet auf uns, bis aller Diesel wieder vom Teak Deck weggeputzt ist.

Am Samstag oder Sonntag wollen wir auslaufen. Immer wieder werden Wetterkarten betrachtet und kommentiert. Ich muss noch ausklarieren, vorsorglicherweise schon am Freitag, weil die Zoll-beamten hier übers Wochenende nicht arbeiten. Und in ein paar Tagen geht es wieder hinaus in den unendlichen Ozean, wo wir auf die günstigen Passatwinde hoffen, die uns hinüber tragen nach Brasilien. Endlich soll es wieder angenehmes Downwind- Segeln geben. Mal sehen, ob es wirklich so kommt.



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Letzte Änderung / Last change: Freitag, 15. Oktober 2004