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aktuelle Lage in Marokko

von Wolfgang Mehl, Stützpunkt Agadir
E-Mail: Agadir@trans-ocean.org

Lieb Vaterland magst ruhig sein, der Wunsch fast eines jeden Buergers gilt auch hier in Marokko.

Nach dem Anschlag von Casablanca, durch die deutsche Boulevardpresse zum heiligen Krieg hochstilisiert, unternahm die Staatsmacht alle Anstrengungen, der Taeter habhaft zu werden. Ausserdem stellte sie jedes Gebaeude von moeglichem Taeterinteresse unter Polizeischutz. Beim Verlassen der Busse zum Strand von Taghazout, einem Fischerdorf 10sm noerdlich Agadirs, kontrolliert die Gendarmerie die Taschen der Badegaeste und am Strand patroulliert das Militaer in Doppelstreifen, was nebenbei auch einen Rueckgang der Stranddiebstaehle zur Folge hatte. Die Anzahl der Nichtuniformierten Staatsdiener ist noch groesser, bleibt jedoch dem ungeschulten Auge verborgen.

Als moegliche Ziele fundamentlistischen Terrors galten die Tanklager und die Zementfabrik von Anza, einem noerdlichen Vorort Agadirs. Durch gruendliche Polizeiarbeit kam es zu 12 Verhaftungen, wodurch die schrecklichen Anschlaege mit ihren nicht vorhersagbaren Folgen vereitelt wurden.

Man beachte, dass auch hier keine touristischen Ziele im Visier der Terroristen standen. Der marokkanische Staat sollte damit in seinen Grundfesten erschuettert werden, er ist nicht Taeter, sondern Opfer. Die ohnehin schon zahlreichen Polizeiposten in den Staedten und quf dem Lande wurden verdoppelt. Nach den neuerlichen Verhaftungen sind die Posten vor Hotels und Supermaerkten wieder abgezogen worden und in das oeffentliche Leben ist wieder etwas Normalitaet eingekehrt, Themen des Alltags sind wieder in den Vordergrund getreten und die anfangs zutiefst erschrockene Bevoelkerung ist wieder zum Tagesgeschaeft uebergegangen.

Im Gegensatz zu anderslautenden Veroeffentlichungen hat der "Djihad " keinen Rueckhalt in der Bevoelkerung. Die grosse Armut der untersten Bevoekerungsschichten bietet dennoch Naehrboden fuer derartigen Extremismus, hauptsache, er fuellt den Magen, da Marokko nicht ueber ein Sozialsystem europaeischer Praegung verfuegt.

Um den Extremismus und die Armut zu bekaempfen, schuf der neue Koenig, Mohammed 6., Alphabetisierungsprogramme, verbesserte die Infrastruktur und baut Bewaesserungssysteme fuer hoeheren Ernteertrag. Ein Boykott marokkanischer Gueter und das Fernbleiben von Touristen sind natuerlich kontraproduktiv fuer den Fortschritt. Waehrend des RAF-Terrorismus hat das State Department auch nicht vor Reisen nach Deutschland gewarnt. Was des Einen Leid, ist des Anderen Freud. Nutzniesser des Anschlages von Casablanca ist die bislang rezessive Tourismusindustrie Spaniens, wo Zahl der Attentate mittlerweile in dreistellige Bereiche vorgedrungen ist. Uebrigens ist es das erste Attentat in Marokko, einem Land, was politisch und wirtschaftlich Europa und Amerika nahesteht.

Nur mit dem Berwerben der Vorzuege Marokkos tut sich die Tourismusindustrie seither etwas schwer. Es ist die Geschichte vom Huehnerei und dem Entenei. Ohnehin steckt die Werbebranche noch etwas in den Kinderschuhen, oder es liegt daran, dass einem Berber die Traenen in die Augen steigen, wenn er fuer etwas Geld ausgeben soll, was er nicht nach Hause tragen kann.

Aus der Perspektive unserer kleinen Firma und aus vielen Gepraechen mit unterschiedlichsten Bevoelkerungsgruppen sei abschliessend zu sagen, dass es derzeit keinen Grund gibt, einen Bogen um dieses wundersame Land zu machen. Hier kann man die Fasdzination des Orients und die Errungenschaften der Zivilisation gleichermaassen erleben. Uebrigens ist der Islam eine Relegion, und keine Ideologie. So wie eine Schwalbe noch keinen Sommer bringt, macht eine Bombe noch keinen Volksaufstand.

Salam alaykum



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Letzte Änderung / Last change: Freitag, 31. Oktober 2003