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"Die moderne Piraterie ist gewalttätiger, blutiger und brutaler geworden. Besonders schrecklich ist, daß die Opfer wissen, daß sie allein und wehrlos sind." Das sagt der Internationale Reeder-Verband in London. Am gefährlichsten sind die Gewässer vor Indonesien und Sri Lanka. Als riskant gelten auch die Malakkastraße, vor allem bei Singapur und Kuala Lumpur, das Rote Meer und neuerdings die Küste Somalias. Doch nicht nur der Indische Ozean ist Jagdgebiet von Seeräubern. Auch der Ostpazifik - die Philippinen und chinesische Küstengewässer - ist Piratengebiet. Und im Südatlantik, warnen die Reeder, lauere vor Nigeria Gefahr. Die Piraten vor der Küste Brasiliens griffen am schnellsten zur Waffe. Die Seeräuber nehmen sich nicht die großen Schiffe vor. Maschinengewehrschüsse machen den starken Rümpfen aus Stahl nichts aus, und die Bordwände sind zu hoch, um daran hochzuklettern. Kleine Schiffe sind einfacher zu erobern. Eine Londoner Versicherungsgruppe berichtet, daß Piraten vor einigen Wochen vor Indonesien eine britische Rennjacht angegriffen und beschossen hätten, um sie zu kapern. Wahrscheinlich vermuteten sie reiche Leute an Bord und versprachen sich besonders hohes Lösegeld. Glücklicherweise konnte die Jacht über Funk Hilferufe aussenden. Daraufhin nahmen ein Containerschiff und ein kanadisches Kriegsschiff Kurs auf das Schiff, das sie zwar vorher schon bemerkt, aber ebenso wie das die Jacht verfolgende schnelle Motorboot nicht weiter beachtet hatten. Als sie sich näherten, flohen die Piraten. Weniger Aufmerksamkeit findet Seeräuberei, wenn das Opfer ein Trampschiff unter weniger angesehener Flagge ist. Solche Schiffe fahren auf allen Meeren. Sie sind die Erben der einstigen Kauffahrteischiffe, deren Kapitäne ihre eigenen Reeder waren. Sie nehmen Fracht dort auf, wo sie sie finden und hoffen im Bestimmungshafen auf neue Ladung nach irgendwohin. Die Trampfschiffahrt ist unentbehrlich für den internationalen Warenverkehr. Anders als fahrplangebundene Schiffe auf Linienfahrt bedient sie auch kleinere Häfen, die wegen des unregelmäßigen Frachtaufkommens nur selten von der Linienschiffahrt angelaufen werden. Mancher Trampkapitän scheut auch vor Schmuggelware nicht zurück. Doch meist fahren sie Schüttgüter, während die Linienschiffahrt eher die lohnenderen Stückgüter oder Container transportiert. Solch ein Trampfschiff, unter der Flagge Äquatorialguineas, ist die "Bushey". Mitte Januar war sie zum dritten Mal mit einer Ladung Salz von Massawa am Roten Meer nach Mombasa in Kenia unterwegs. Am 30. November und am 1. Januar hatte sie schon zusammen 4500 Tonnen Salz in Mombasa gelöscht. Die dritte Fahrt vollendete die "Bushey" nicht. Augenzeugen berichten, daß fast zwanzig bewaffnete Seeräuber das Schiff vor der somalischen Küste mit einem Motorboot verfolgten. Maschinengewehrsalven über den Bug zwangen den Kapitän zum Beidrehen. Die Piraten enterten, übernahmen das Schiff und befahlen, einen der vielen kleinen Häfen an dieser Küste anzulaufen. Vermutlich geht es ihnen nicht um die Ladung, sondern um Lösegeld für Schiff, Fracht und Besatzung. Doch sie haben ihre Forderungen noch immer nicht genannt. Schon vor zwei Jahren hatte die Internationale Handelskammer in Paris die Küste Somalias zum Gefahrengebiet erklärt. Das regionale Büro der Kammer in Kuala Lumpur registriert alle Fälle von Seeräuberei auf der Welt. Dort trafen 1995 die ersten Meldungen ein, wonach Handelsschiffe vor Somalia mit Granatwerfern beschossen worden waren. Auf See vor Somalia wurden bis dahin noch keine Schiffe aufgebracht. Die Räuber überfielen sie in somalischen Häfen, auch in Mogadiscio. In Somalia herrscht Gesetzlosigkeit. Seit 1991 hat das Land keine Regierung, gibt es sogar den Staat Somalia nicht mehr. Stammes- und Sippenhäuptlinge haben das Land in Herrschaftsgebiete aufgeteilt. Die meisten begnügen sich damit, die Weidegebiete ihrer Kamele und die Wasserstellen des öden Landes gegen andere Nomaden zu verteidigen. Einige sind vor allem Räuberhauptmänner. Soldaten der Vereinten Nationen, darunter auch ein Kontingent der Bundeswehr, konnten die Banden bis 1994 in Schach halten. Doch seit die Blauhelme auf Betreiben der Vereinigten Staaten abgezogen sind, betrachten die Banditen offenbar mehr und mehr auch die Küstengewässer als ihre Domäne. |
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Die "Bushey" ist nicht das einzige Schiff, das auf seine Auslösung wartet. Noch drei andere Handelsschiffe mit ihren Besatzungen warten darauf, daß die Eigner den Seeräubern das geforderte Lösegeld zahlen. Zwei sind syrische Schiffe. Sie liegen im Hafen Hordio beim Kap Hafun, fast im äußersten Nordosten Somalias. Dieser heiße, trockene, abgelegene Landstrich ist Stammesgebiet der Mijerteen. Im neunzehnten Jahrhundert sind an dieser Küste mehrere europäische Forscher und Entdeckungsreisende verschwunden, im Zweiten Weltkrieg auch die Besatzung eines deutschen U-Bootes. Sein Kommandant hatte auf der Flucht vor britischen Kriegsschiffen sein beschädigtes Boot vor dem Strand auf Grund gesetzt und sich mit der Besatzung ans Ufer, wie er glaubte, gerettet. Als nach Tagen eine Patrouille der britischen Militärverwaltung das Gebiet erreichte, fand sie keine Spur von den deutschen Matrosen. Die Mijerteen sind bei arabischen und anderen Seefahrern seit Jahrhunderten dafür bekannt, daß sie gestrandete Matrosen ausplündern und, wenn sie kein Lösegeld erpressen könne, umbringen. Vom dritten Schiff heißt es, es führe die Flagge Taiwans. Es wurde ebenfalls im Januar gekapert. Seiner Besatzung von zwanzig Mann wird illegale Fischerei vorgeworfen. Doch es gibt in somalischen Gewässern kein Gesetz mehr, so dal3 dort auch nichts illegal sein kann. Außerdem hat die Fischerei die Somalen in ihrer 900 Jahre alten Geschichte schon deswegen nie interessiert, weil sie Fisch nicht essen. Ein anderer Kaperversuch ist mißlungen. Ein birmanisches Schiff wurde am Ausgang des Roten Meeres von Seeräubern beschossen, konnte aber entkommen. Sich der somalischen Küste zu nähern verlangt Mut. Internationale Hilfsorganisationen verschiffen schon längst keine Lebensmittel und Medikamente mehr nach Mogadiscio oder Kisimaio, nach Brava oder Merca, Bosaso oder Berbera. Zu oft wurden ihre Schiffe in den Häfen ausgeraubt und die Besatzungen mißhandelt. Nur arabische Daus bleiben anscheinend ungeschoren. Die Kapitäne dieser kleinen Segelschiffe, seit Jahrhunderten das Rückgrat des Handels im östlichen Indischen Ozean, von Madagaskar und Sansibar über Ostafrika nach Arabien, zum Persischen Golf und noch über Pakistan hinaus, kaufen von den Somalen Bananen und Myrrhe, Kamele und Rinder und bringen den Räuberhauptmännern das, was die wirklich brauchen: Waffen und Munition. Dafür bleiben sie unversehrt wie Dutzende kleiner Flugzeuge, die aus Kenia und Äthiopien täglich frische Zweige des Kat-Strauches heranbringen. Wer die grünen Blätter kaut und das Kat lutscht, fühlt sich stark und sieht die Welt in rosigem Licht. Für die meisten somalischen Männer ist Kat ebenso wichtig wie die Kalaschnikow. "Die Piraten", warnt der Reeder-Verband "gefährden Schiffahrt und Seewege, weil sie Schiffe, auch vollgeladene Tanker, ohne Mannschaft und Führung lassen und damit die Gefahr erhöhen, daß Schiffe zusammenstoßen oder auf Grund laufen". Im vergangenen Jahr wurden auf den Weltmeeren mehr als 400 Seeleute von Seeräubern als Geiseln genommen, 163 Schiffe wurden geentert, 26 beschossen, vierzehn mit Besatzung und Ladung gekapert. Das sind freilich nur die nach Kuala Lumpur gemeldeten Fälle. Wie oft Seeräuber wirklich angegriffen haben, weiß niemand. von Günter Krabbe, FAZ 2/98 |
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Immer brutaler, aber auch immer trickreicher jagen Piraten auf den Weltmeeren nach Beute. Auch der Einsatz von Prostituierten zur Ablenkung der Schiffsbesatzung vor einem Angriff gehöre zum Repertoire der Meeres-Kriminellen, berichtete die in Singapur erscheinende Tageszeitung "Straits Times" heute.
Nach den Angaben bestiegen im thailändischen Hafen Laem Chabang 15 leichtbekleidete Damen ein Containerschiff, um den Matrosen Vergnügen zu bereiten. Nur weil der Kapitän aus Angst vor den Behörden das Treiben vorzeitig beendete und die Mädchen von Bord schickte, bemerkte die Besatzung, daß mehrere Piraten dabei waren, das Schiff zu entern. Sie konnten erfolgreich zurückgeschlagen werden. Nach Angaben des International Maritime Bureau (IMB) und seines Piraterie-Zentrums in Kuala Lumpur wurden im vergangenen JahSS259 Piraten-Angriffe auf Handelsschiffe bekannt. Mindestens 51 Seeleute wurden dabei ermordert, doppelt so viele wie im Vorjahr. Viele Überfälle werden allerdings gar nicht gemeldet. Am höchsten ist das Risiko in den Gewässern vor Indonesien, Thailand und den Philippinen. Schwere Vorwürfe wurden gegen die Behörden der Volksrepublik China erhoben. In den südchinesischen Häfen arbeiteten viele lokale Funktionäre mit den Seeräubern zusammen. In einem Fall war nach den Angaben ein in Singapur registrierter Frachter von uniformierten Männern geplündert und in den chinesischen Hafen von Hu Lai enfführt worden. Dort wurde die Besatzung unter Schmuggel-Vorwürfen festgehalten und zusammen mit dem Schiff erst freigegeben, als der Reeder 100.000,– US-Dollar bezahlt hatte. |