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"Tell- tales" oder der Irrtum eines Pottwales

Ein ganz besonderes Erlebnis berichteten uns Otto und Hanni Zimmermann,
"Astronotus", L: 15,00 m T: 2.00 m, von der Strecke von den
Kanaren zum Kap der Guten Hoffnung.


Nun, wie ich diese Geschichte jetzt unseren Freunden karmachen soll, ohne daß es nach Seemannsgarn klingt, weiß ich noch nicht. Ich versuche es aber.

Es ist der 9.11.98, unsere Position 22 ° 39'N u. 22° 37 W. Es ist 11.30 Uhr, meine Freiwache. "Astronotus" segelt bei sehr schwachem Wind fast 0 auf Kurs 210°. Etwa 80 Seemeilen südöstlich von uns liegen die Kap Verden. Die dumpfe Hitze ist fast unerträglich. Nur ein laues Lüftchen aus nördöstlicher Richtung treibt uns mit einem Knoten auf Schleichfahrt voran.

Ich erkläre gerade Johanna, daß die Kornfrachter (Vier- bis Siebenmaster) manchmal ein halbes Jahr brauchten, um auf diesem Weg rund Kap der Guten Hoffnung nach Australien zu gelangen. Genau das war auch unser Plan, nur mit einer Unterbrechung in Kapstadt. Seit den Kanaren hatten wir keine anderen Schiffe mehr gesehen. Wir sind wie in einem gläsernen Palast durch dessen Treibhausdach, die Sonne brennt. Alles um uns ist von einer lichtdurchfluteten Bläue. Es ist heiß - sehr heiß.

Johanna sitzt im Steuersitz und hat ihr unentbehrliches Kreuzworträtsel in "Arbeit". Ist Hainbuche und Weißbuche dasselbe?" Ich kann ihr keine Antowrt mehr geben. Es kracht - es kracht so fürchterlich. Das Schiff krängt und zittert. Türen und Schubladen fliegen auf, Bücher kommen runter, Johanna landet am Cockpitboden. Ich fliege aus der Koje und beiße in die Tischkante, unsere Hängepflanze, ein Farn von den Azoren, schon 4 Jahre an Bord, knallt mir auf die Rübe. Es ist ein Chaos. Zum Schrecken und Angst haben bleibt da keine Zeit. Das erste, was mir durch den Kopf schießt, ist: "Verdammte Container, die manchmal Frachter verlieren", aber bei der Schleichfahrt kann es nicht derartig krachen.

Gerade fange ich also wieder das Denken an, da hören wir einen Ton, als würde ein Dampfkessel platzen. Ich raus, Pottwale. Man fängt gleich das Zählen an - eigenartig. Es sind acht gewaltige Riesen.

Ein mächtiger Bursche, wohl mehr als 16 Meter lang an unserer Backbordseite, etwas in Seitenlage, zieht gerade seinen gewaltigen grauen Penis ein!? An der Steuerbordseite noch so ein braunes "Monster". Sechs weitere Wale folgen langsam. Es scheinen alles Männer zu sein, da die Pottwalweibchen nur höchsten sieben Meter lang werden.

"Ja, was soll denn das werden?" Das ist neu. Noch nie hatte ich ähnliches gelesen. "Die wollten sich an unserer weitgereisten "Astronotus" verlustieren". Schlicht, der Bursche wollte die "Astronotus" begatten.

Nun muß gesagt sein, daß wir zwei Ruderblätter haben, (manche Regattajachten haben das auch). Das hintere Ruderblatt ist nur für die Windsteueranlage und als Notruder gedacht. Das erste ist das Hauptruder und hydraulisch gesteuert. Zwischen der Hinterkante des ersten Ruders und der Vorderkante des zweiten Ruders ist in Mittschiffsstellung nur ein Spalt von 5 cm. Da bei dem schwachen Wind permanent das Hauptruder um 15° nach Backbord stand, um das Anluven zu verhindern, verbreitert sich der Spalt um 30 cm.

Der Wal hatte sich der "Dame Astronotus" so zart genähert wie das eben Pottwalart ist, um dann überfallartig seinen "Elefantenrüssel" zwischen die beiden Ruder zu schieben. Wir hatten nichts davon gemerkt. Die anderen Wale hatten möglicherweise vor Spannung die Luft angehalten, denn ein Spautblasen war nicht vernehmlich. Was der andere Wal, auch ganz dicht an der Bordwand sollte, ist uns unklar, aber man hörte und las des öfteren, daß Wale in diesen Situationen Hilftestellung leisten.

Da muß wohl Johanna gedankenverloren am Ruder gedreht haben und ihm sein edles Teil eingequetscht haben, oh verdammt! Da muß der Kehr seinen Irrtum erkannt haben. "Verdammt sprach der Hahn, als er von der Ente kam". Der eisernen Lady "Astronotus II" verpaßte er eine gewaltige Ohrfeige. Wären wir da Kavalier geblieben? Zwei der Wale folgten uns noch eine Weile, die anderen waren wohl zu entsetzt und tauchten ab.

"Astronotus" fuhr nicht mehr korrekt geradeaus. Wir liefen am 12.Nov. die Kap Verden an, um hier unsere "Wunden zu lecken". Auch um die Windsteuerung endlich zu verstärken. Beim Inspitions-Tauchen unterm Schiff stellte ich fest, daß das hintere Ruder stark seitlich verdreht war. Eine 60 mm Edelstahlwelle war um mind. 30° verdreht, vertwistet. Wir wußten also ab dato, wenn die Pinne oben um 30° nach Stb. steht, ist das Ruder unter Wasser gerade.

Um es kurz zu machen: auf dem weiteren Weg verloren wir das Ruder in die Tiefen des Atlantiks. Wird wohl inzwischen da unten angekommen sein, an der Stelle wars nur 4700 Meter tief. Mit einigen Umbauten zum Hauptruder, die bis heute nicht funktionieren, retten wir uns bis zur Insel Fernando de Noronha. Jetzt, nach drei Tagen Arbeit, habe ich eine Lösung gefunden, die bis Kapstadt halten muß, muß muß...!




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Letzte Änderung / Last change: Mittwoch, 06. Juni 2002