Karte gross |
Die Süd-Seychellen-See
von Heinz Kluge + Patricia Byland, SY. Papagena
|
|
Schon einige Male waren wir von Kenya aus auf Ostkurs durch die Seychellen gekommen – no problem. Einmal düsten wir von Chagos bei 22-32 Knoten Wind direkt nach Victoria (ca. 1000 sm) in 5 Tagen und 15 Minuten – no problem. Danach ging es südwest nach Madagaskar. Es war Ende September und der Südostpassat wehte noch mit ca. 15 Knoten. Die See war teilweise sehr rau mit vielen Overfalls, aber es ging. Wir waren auf der Hut, stoppten sogar einmal in Cosmoledo, als der Wind stärker wurde und motorten in der folgenden Flaute den Rest der Strecke zwischen Glorieuses und Nosy Be, Madagaskar. Diesmal sollte es von Chagos aus (ca. 5° S) direkt nach Tanzania gehen (ca. 7° S). Über die Monate verfolgten wir das Wetter und die anderen Segler, die direkt zu den Seychellen fuhren und häufig in Äquatornähe ca. 4-5° S mit Schietwetter zu kämpfen hatten. Also entschlossen wir uns, möglichst schnell auf 7° S zu gehen und dann West, in der Hoffnung, bald in den Genuss der Westströmung zu kommen. Schon am zweiten Tag wurde es sehr rau. Wir registrierten eine SSW-Strömung, hatten einen aus SSW kommenden Grundschwell (häufig in diesem Gebiet) und dazu die Windsee vom ESE-Passat , Stärke 22-26 Kn. Vierter Tag: in der Früh noch im Dunkeln knallt es ungewöhnlich heftig unter der Brücke (der St. Francis 44 Kat, 13.45 x 7.20, hat nur wenig Brückenfreiheit) . Wir finden nichts beunruhigendes und alles funktioniert normal – haben wir etwas überfahren? Bei 24-29 Knoten Wind binden wir das dritte Reff ein, um die Geschwindigkeit in der konfusen See zu reduzieren. Gegen Mittag wird das Meer ruhig und angenehm, wir lassen wieder laufen. Die Strömung läuft zunächst mit uns, dann WNW. Doch am späteren Nachmittag geht es wieder los. Es wird sehr nass an Deck, trotz achterlichem Wind immer noch in den oberen 20. Wir wollten südlich der Fortune Bank durch (ca. 07°57’S), doch daraus wird nichts. Wir wählen den Weg des geringsten Widerstandes und fallen ab. Nach einer wunderbar ruhigen Nacht (Wind immer noch 22-26 Knoten) lassen wir auch Coëtivy Island an Backbord liegen und sehen keine Grund zu stoppen. Auf unserem Weg liegt auch Alphonse Island, ca. 190 Meilen weiter westlich. Anfangs können wir südlich halten, dann geht es wieder los. Es ist die raueste See, die wir je hatten (bei Logstand 57'000 sm, gesegelt in knapp 9 Jahren). Wir fallen wieder ab, nehmen die Insel auf Backbord und wollen vor Anker gehen. Doch der im Seychellen-Führer aufgelistete Ankerplatz am NW-Zipfel der Insel ist uns zu haarsträubend nah beim Riff. Es ist zu spät, um einen 10 sm weiter südlich gelegenen Platz (von Freunden empfohlen) noch vor Dunkelheit zu erreichen, so lassen wir uns in Lee der Insel treiben und nach einem späten Mittagessen setzen wir wieder Segel – natürlich gleich mit drei Reffs im Gross. In der Nacht geht der Wind auf 24-30 Knoten, die Wellen steigen, es donnert und kracht. „Es macht keinen Spass mehr“, steht jetzt im Logbuch. Natürlich steht die Strömung wieder gegen uns. Schon zum zweiten Mal geht sie in 24 Stunden „round the clock“! Gegen Mittag (ca. 7°S 50°E) werden wir von den drei höchsten Wellen überrascht, die wir je sahen. Mit ausgeklinktem Autopilot surfen wir die letzte Welle mit 16 Knoten hinunter. Wenn das mal gut geht, denke ich in diesem Moment. Später, in Dar es Salaam, lesen wir im GEO (März 05) einen Bericht über den Tsunami und sonstige Wellenphänomene. Zu den beschriebenen „Freak Waves“ gehören auch die „Drei Schwestern“, mit denen wir wohl das zweifelhafte Vergnügen hatten. Wir wagen es nicht, die Höhe der Wellen zu schätzen, aber wenn man sich die Statistik ins Bewusstsein ruft, wonach jede 300-tausendste Welle bis 4 mal so hoch ist wie die „normale“, und diese laut Wetterbericht ca. 3-4 Meter hoch waren... In Dar angekommen stellten wir fest, dass die Verkleidung an der Unterseite der Heckplattform (ein GFK-Panel von 0.5 x 4m) von der See weggerissen wurde. Das also war das Gepolter vor einigen Tagen. Fazit: Die von Inseln und Bänken unterbrochene Süd-Seychellen-See produziert Strömungen in alle Richtungen. Zudem liegt das Gebiet auch zwischen dem stetigen Weststrom im Süden und dem äquatorialen Gegenstrom im Norden und all seinen Wirbeln.. Wir waren eigentlich von anderen Seglern gewarnt, und wir segeln ja auch schon seit einigen Jahren selbst in diesem Revier, doch so arg haben wir es uns nicht vorgestellt. Die Route Seychellen – Madagaskar/Komoren würden wir nie wieder bei mehr als 15 Knoten Wind durchsegeln, bzw. bei stärkerem Wind sofort Schutz suchen bei einer geeigneten Insel. Achtung: Die im Nautical Pilot of the Seychelles, Pilote Cotier Nr.15, Ausgabe 1997, Seite 240, angegebenen Ankerplätze westlich von Astove Island existieren nicht. Es gibt entweder Riff oder dann gleich Tiefen über 60 Meter, wir waren da! Für die Strecke Chagos-Madagaskar folgten wir der Empfehlung von französischen Seglern, die in diesem Gebiet heimisch sind: ab Chagos SW halten bis auf ca. 12° S und SE-Zipfel Malha Bank, dann auf dem 12 Breitengrad (oder sogar südlicher) nach Westen segeln bis man ca. 5 sm südlich von Cap d’Ambre auf die madegassische Küste stösst. Dort ganz dicht unter Land hoch und das Kap umrunden. Wir erlebten das bei 30-35 Knoten SSE-Wind, morgens um 3, ohne Mond und ohne Leuchtturm, der schon seit Jahren nicht mehr brennt. Mit Radarhilfe gingen wir im Abstand von weniger als ½ Meile ums Kap! Fährt man die direkte Route kann es passieren, dass man immer höher an den Wind muss, der in Madagaskarnähe und stärker werdend mehr aus dem südlichen Quadranten kommt. 35 Knoten Wind sind am Kap keine Seltenheit und wer es in 5-6 Meilen Abstand umrunden will – wie in der Erstausgabe der Routenbeschreibung eines renommierten Seglers empfohlen – kommt wirklich in Teufelsküche. Das Gebiet zwischen Cap d’Ambre und Farquhar (Seychellen) hat es in sich. Da wurden schon Segler über 100 Meilen verweht und wir wissen von einer Yacht, die im Juni 2001 bei stürmischen Verhältnissen westlich von Farquhar verloren ging. |
