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Zwei Jahre USA-Atlantik-Küste

von Harald Ertl ,
E-Mail: ertlharald (ätt) hotmail.com

Unsere Reise in die USA begann Ende Februar 2008 in München. Bei Schneetreiben ringelte sich eine frierende Menschenschlange vor dem US-amerikanischen Generalkonsulat in der Königinstraße Nachdem wir im Gebäude der Wache unsere gefährlichen Gegenstände – Mobiltelefone, Uhren, Gürtel etc. – abgegeben hatten, wurden wir zur Konsularbeamtin zum Interview vorgelassen. „Deutsche Staatsbürger brauchen kein Visum zur Einreise in die USA“, belehrte sie uns.

Wir wussten es besser. Man braucht nur dann kein Visum, wenn man mit einem kommerziellen, fahrplanmäßig verkehrenden Verkehrsmittel einreist. Die Carrier müssen dazu den US-Behörden vorab Daten über die Reisenden übermitteln. Bei Einreise mit einem privaten Segelschiff geht das nicht; daher benötigt man ein Visum.

Unsere Visa auf Lebenszeit, die wir in alten Pässen hatten, waren abgelaufen, obwohl wir eigentlich noch am Leben waren. Die Beamtin fing dann an zu telefonieren und nach einigen Minuten wusste auch sie: wir benötigen ein Visum. Das bekamen wir dann auch; es gilt zehn Jahre.

Am 25. März 2009 ist es dann so weit. Wir hatten das Mittelmeer verlassen, den Atlantik überquert, die Karibik bis Grenada im Süden und Virgin Gorda im Norden besucht und überqueren nun die Grenze zu den US-Virgin-Inseln. An Steuerbord wehen erstmals Sterne and Streifen und wir fahren zum Einklarieren in den Hafen von Charlotte Amalie. Doch vor dem Immigration-Gebäude dürfen wir nicht anlegen: es kommt eine Fähre, sagt man. So ankern wir und fahren mit dem Beiboot zur Immigration. Aber auch damit dürfen wir nicht anlegen. Wir versuchen es an einer Anlegestelle nebenan und werden rüde verscheucht. Hier kommt ein Wasserflugzeug. So packen wir das Dingi wieder ein und legen ab Richtung Puerto Rico. Das Einklarieren auf den US-Virgin-Inseln gilt nicht für Puerto Rico und die Festlands-USA; will man dorthin, so klariert man am besten erst auf Puerto Rico ein.

Am Abend erreichen wir die zu Puerto Rico gehörende Insel Culebra und ankern im Inneren einer tiefen Bucht. Am nächsten Morgen gehen wir zum nahen kleinen Flughafen und bekommen von dem einsamen Beamten dort in wenigen Minuten für 19 $ die Cruising License, die auch für die Festlands-USA gilt.

Die US-Wetterberichte auf den UKW-Frequenzen 162,4 MHz und höher sind perfekt. Auf sie kann man sich verlassen. Wir empfangen sie mit unserem Icom-706MKIIG; die europäischen UKW-Geräte dürfen und können diese Frequenzen und auch die anderen US-amerikanischen Sonderfrequenzen (z.B. 20 A, auf der die US-Coast Guard sendet) nicht empfangen oder auf ihnen senden. Nun sagt der Wetterbericht für die Nordküste von Puerto Rico Wellenhöhen von 4 m voraus. So entschließen wir uns, im Süden Puerto Ricos entlang zu fahren – leider sehen wir so die Hauptstadt San Juan nicht.

Abb.1: Kurs auf die US-Virgin-Inseln


Unsere nächsten Ankerplätze sind Esperanza auf Vieques und Salinas auf Puerto Rico und dann La Parguera. Später erfahren wir, dass wir die sehr gelobte Marina in Ponce versäumt haben; wir ziehen eben Ankerplätze vor. Wir fahren dann bis Mayagüez, um dort auszuklarieren – aber welche Enttäuschung: Mayagüez ist eine große Stadt, hat aber keinerlei Anlegemöglichkeiten für Yachten; vor allem nicht vor dem Gebäude der Immigration. Darauf steht gegenwärtig starker Wind und Seegang. So machen wir kehrt und fahren in die Bucht Bahia de Boqueron. Hier sind die Fahrtenschiffe versammelt. Man fährt mit dem Beiboot an Land, kann sich bestens versorgen, und wir organisieren zusammen mit zwei anderen Bootsbesatzungen ein Taxi zur Immigration nach Mayagüez.


Zurück in Boqueron stellen wir fest: man hat vergessen die weißen Ausreise-Zettel einzubehalten. Solange man die nicht abgegeben hat, ist man im Computer gespeichert. Wir beschließen, bei der Weiterfahrt nochmals über Mayagüez zu fahren, um die Zettel abzugeben. Außerdem ist Tanken angesagt. So fahren wir zunächst nach Puerto Real zur Tankstelle – und sitzen knapp vor der Tankstelle auf. Dann besuchen wir 4 sm nördlich das Fuel Dock. Dort ist es zwar tief genug, aber es gibt kein Diesel, nur Benzin.


Auf den Pier vor der Immigration steht immer noch Seegang. So setze ich die Kapitänin dort ab, sie gibt die Zettel ab, wird von einem Beamten zum Schiff geleitet, der sich vergewissert, dass wir auch wirklich ablegen, und dann sind wir auf See – Kurs Dominikanische Republik.


Am Samstag, 4.4.09 stehen wir um 0700 vor Luperon, einer empfohlenen Bucht im Westen der dominikanischen Nordküste. Die Navionics-Karte stimmt nicht – wir fahren mit dem Schiff über Land.

Die seichte Einfahrt nach Luperon ist nicht einfach – auch nicht mit der Beschreibung im Hafenhandbuch. Im Inneren liegen viele, meist recht abgetakelte US-Schiffe, darunter viele Katamarane. Von einem Katamaran herab warnt uns eine freundliche Amerikanerin, nicht dorthin zu fahren, wo die Kats sind, es sei zu seicht. Das stimmt. Wir stecken bereits im Grund. Man kann in Luperon per Agent ausklarieren und an einem Tankschiff tanken, erfahren wir. Aber das Alles gefällt uns nicht. Wir drehen um und fahren die 12 sm zurück zur Oceanworld Marina.


Die Oceanworld Marina ist Teil eines Touristen-Komplexes mit einem Delfinarium. Man empfängt uns freundlich und zahlreich und bringt uns zunächst an der Tankstelle gleich nach der Einfahrt unter. Das ist sehr praktisch, denn Tanken ist jetzt wirklich nötig – und es ist hier sehr günstig. Zahlreiche Bedienstete betreiben unsere Einklarierunng – neben dem Üblichen (Gesundheit, Polizei, Zoll, Hafenmeister) ist hier eine Drogen-Kontrolle und eine Agrar-Untersuchung angesagt. Natürlich kontrolliert man nicht, aber man füllt zahlreiche Formulare aus – wie eben bei einem Frachtschiff.


Die Marina organisiert uns eine kostenlose Fahrgelegenheit zu einem Supermarkt im nahen Puerto Plata. Dort staunen wir über die günstigen Preise – und fahren mehrmals hin, um unser Schiff wieder voll zu bunkern. Neben der Marina gibt es gepflegte Hotels und Restaurants – also hier lässt es sich aushalten. Die Dominikanische Republik macht auf uns in dieser kurzer Zeit einen sehr guten Eindruck: lateinamerikanisch und ordentlich und wohlhabend. Die Regierung versteht es sichtlich, den großen Nachbarn im Norden, freundlich zu stimmen und die Bevölkerung profitiert davon.


Im Hafen kommt eine niederländische Yacht an, die wir von der Atlantik-Querung her kennen, und einige US-amerikanische Yachten. Die „Krow“ gibt uns gute Tipps für die Weiterfahrt.


Am Dienstag, 7.4.09 erreichen wir Matthew Town auf der Bahamas-Insel Great Inagua. Vor dem winzigen Hafen steht ordentliche Dünung, den ein unplanmäßiger NW-Wind erzeugt. Die „Krow“ ankert hier bereits und kurze Zeit später trifft die deutsche „Molinaris“ ein. Die drei Besatzungen fahren mit dem Beiboot in den Hafen zum Einklarieren und erfahren: man muß mit der Yacht in den Hafen kommen. Das aber ist uns schlicht unmöglich. Die Einfahrt ist eng und seicht und die Dünung steht auch darauf. Die kleinere „Molinaris“ will es wagen, bekommt einen Lotsen zugeteilt und rutscht damit und mit bangem Herzen in den Hafen. Dort ergeht es ihr nicht so gut. Man will wissen, ob sie genug Geld haben, will Bank-Auszüge sehen und will sie nicht einreisen lassen. Erst ein Telefonat des Skippers mit der vorgesetzten Dienststelle in Nassau ermöglicht ihnen die Einreise. Außerdem erfahren wir: das Einklarieren würde uns 300 $ kosten.

Abb. 2: Vor Mathew Town. Great Inagua, Bahamas


Die „Krow“ kennt die Verhältnisse und will nonstop nach Beaufort NC fahren. Sie geben uns Tipps für eine ebenfalls Non-Stop-Route nach Florida: an den äußeren Bahamas-Inseln vorbei und durch den Old Bahama Channel. Am Freitag, 10.4.2009 legen die drei Yachten gemeinsam am. Doch bald fahren wir den beiden anderen Yachten davon und wir werden sie nicht wieder treffen.


Wir fahren an der Atlantik-Seite der Bahamas vorbei in den Old Bahama Channel und stehen am Donnerstag, 16.4.2009 vor Fort Lauderdale in Florida. Die Querung des Golfstroms überrascht uns: er strömt tatsächlich mit etwa 4 kn nach Norden und wir müssen gehörig vorhalten, um auf geradem Kurs nach Ft. Lauderdale zu kommen. Wir rufen auf Kanal 16 die Marina Bahia Mar und erfahren, wir sollen auf Kanal 6 A gehen. Den haben wir nicht, dann also Kanal 10. Später, in der Marina erfahren wir, die Dame am Funk sagte six-eight, also 68; wir haben das nur falsch verstanden.


Die Klappbrücke öffnet sich sofort, als wir auf sie zufahren, und bald machen wir in der angenehmen Marina fest. Sie gehört zum Hyatt-Konzern und bietet zusammen mit dem Hotel jeglichen Service. Die schloßähnlichen Anwesen beidseits des Kanals – Häuser kann man sie schlecht nennen – erlauben einen ersten Einblick in den Reichtum, der hier versammelt ist. So etwas hatten wir noch nicht gesehen.


Abb.3: Fort Lauderdale, Florida


Wir fragen in der Marina, ob wir uns telefonisch bei der Immigration melden sollen. Nein, erfahren wir, man müsse persönlich dort erscheinen. Tags darauf fahren wir mit dem Taxi zum Immigration-Büro im Hafen. Eine missgelaunte Beamtin will von uns die Nummer wissen, die wir bei der telefonischen Anmeldung erfahren hätten. Also sollen wir telefonieren – die Telefonnummer ist gebührenfrei. Wir haben aber kein Mobiltelefon dabei – es funktioniert ohnehin noch nicht. Nun sollen wir mit dem Taxi zurück in die Stadt fahren, dort telefonieren, und dann wieder kommen. Welch ein Umstand, denn vor uns steht ein Telefonapparat, mit dem man sicher die gebührenfreie Nummer anrufen könne. Nein, das sei ein Dienst-Apparat, meint die Beamtin. Nun schaltet sich aus dem Hintergrund ein Herr ein, offensichtlich ein Vorgesetzter. Er reicht uns den Dienst-Apparat, wir können das gebührenfreie Telefonat führen und bekommen die gewünschte ellenlange Nummer. Die geben wir der Beamtin, sie macht zwei Stempel in unsere Pässe und wir sind einklariert – die Cruising License hatten wir ja bereits.


Wir bleiben eine Woche in Fort Lauderdale, gehen Einkaufen bei West Marine und Blue Water und Publix, einem riesigen Supermarkt und lernen: alle Geschäfte haben von 6 Uhr bis Mitternacht geöffnet und das auch sonntags. Und es gibt sogar einen öffentlichen Nahverkehr in Ft. Lauderdale. Der Bus bringt uns für wenig Geld überall hin, wohin wir wollen. Aus den frisch gekauften nautischen Unterlagen erfahren wir: wir können nicht durch den Intracoastal Waterway fahren. Immer ist irgendwo eine Brücke zu niedrig für unseren Mast oder eine Stelle zu seicht, weil versandet, für unseren Tiefgang. So werden wir auf dem freien Atlantik nach Norden fahren und gelegentlich in die Inlets einfahren, die in den Unterlagen genau beschrieben sind.



Abb.4: In der Marina Bahia Mar, Ft. Lauderdale

Am Mittwoch, 22.4.09, verlassen wir Ft. Lauderdale und gehen auf Nordkurs. Es weht mit 15 kn aus Nord und das gibt zusammen mit dem nach Norden strömenden Golfstrom ein unerfreuliches Gehacke. Wir kämpfen uns durch bis Fort Worth und ankern knapp südlich der Einfahrt im Inneren des Inlets. Fort Worth ist ein schöner und ruhiger Ankerplatz.

Am nächsten Morgen fahren wir wieder auf den Atlantik hinaus. Der Nordwind ist totaler Flaute gewichen; wir sind im Zentrum eines Hochs. Am Abend stellt sich dann glücklicherweise mäßiger Südwest ein und wir machen gute Fahrt. Im Funk hören wir: die US-Marine und einige Verbündete veranstalten ein großes Manöver. Vor uns fährt ein Kriegsschiff-Konvoi und scheucht alle anderen Schiffe aus dem Weg. Er ist natürlich schneller als wir und so stören wir ihn nicht. Dafür sind wir einem Hubschrauber-Trägerschiff im Wege. Man funkt uns höflich an und bittet schneller zu fahren; man sei manövrierbehindert, weil ständig Hubschrauber auf ihm landen. Das machen wir doch gerne und die Hubschrauber umkreisen uns.

Freitag Nacht ist dann Schießbetrieb – ein richtig großes Feuerwerk. Aber sie schießen mit scharfer Munition. Wir rufen das Leitschiff an, melden, dass wir Richtung Charleston fahren und fragen, ob wir im Wege seien. Es ist alles in Ordnung, sagen sie, wir können weiterfahren. Zwei deutsche Schiffe sind auch dabei: der Zerstörer „Frankfurt“ und die Fregatte „Sachsen“. Die Funker sprechen deutsch miteinander.


Nach 400 sm erreichen wir Charleston, die Südstaaten-Schönheit. Wir bleiben nur einen Tag, fahren am Sonntag, 26.4.09, weiter und erreichen am Montag nach 234 sm Beaufort, North Carolina. Die Einfahrt in das dortige Inlet ist nicht einfach und wir sind froh, an den Beaufort Docks festmachen zu können. Auch dort erfahren wir, dass wir mit unserem Schiff den Intracoastal Waterway meiden müssen. So werden wir außen um das ungeliebte Kap Hatteras fahren müssen.


Es ist eine Kaltfront mit starkem Nordwind angesagt. Man empfiehlt uns, bis Donnerstag zu warten. Wir bekommen einen „Courtesy Wagen“, einen kostenlosen Marina-Wagen, gestellt und können damit zum Einkaufen fahren. Am Donnerstag, 30.4.09, tanken wir und fahren dann bis zur Lookout-Bight am gleichnamigen Leuchtturm. Dort ankern bereits die Küstenwache und einige Segelschiffe. Letztere warten wie wir auf günstiges Wetter zur Umrundung des Kaps Hatteras.


Das lässt aber auf sich Warten. Ein Tiefdruck-Gebilde nach dem anderen zieht über uns hinweg, meist mit Gewitter und Starkregen und immer mit heftigem Nordwind. Die Fahrt um das Kap Hatteras herum ist 250 sm lang und es herrscht südlich oder nördlich des Kaps starker Nordwind, meistens jedoch auf beiden Seiten. So warten wir bis Samstag, den 9.Mai 2009 – mit uns acht weitere Yachten.



Abb. 5: Leuchtturm Lookout bei Beaufort North Carolina


Am Sonntag, 10.5.2009, legen wir beim ersten Morgengrauen ab und haben eine ruhige Fahrt bis knapp vor der Einfahrt zur Chesapeake-Bay. Dort, am Montag Morgen frischt der Wind auf 30 kn aus NE auf; wir können gerade noch anliegen. Knapp vor der Einfahrt zur Chesapeake Bay fährt ein US-Kriegsschiff im Kreise herum; das sieht sehr komisch aus. Man ruft uns an und erklärt: „we are practising continuous left turns“. Am Abend ankern wir vor Hampton.


Dienstag, 12.5.2009 ist Ruhetag. Die “Flomaida”, die mit uns über den Atlantik gekommen war, ist in unserem Kielwasser und wird direkt nach Baltimore fahren. Dort werden wir sie treffen. Am Mittwoch, 13. Mai, erreichen wir nach einer schönen und ruhigen Fahrt den Great Wicomico River und ankern neben einem kanadischen Schiff in der Sandy Point Bucht. Tags darauf ankern wir gegenüber der Solomon Insel in der Bucht Mill Creek. Am Freitag, 15.5.2009 tasten wir uns in die Einfahrt zur Herrington Nord Marina vor. Dort sitzt die US-Vertretung unserer Werft, die uns gerne begrüßt hätte. Doch am rot-grünen Roundabout vor der Marina-Einfahrt loten wir nur noch 2m Wassertiefe und drehen ab, bevor wir aufsitzen. Die US-Schiffe die hier in der Chesapeake-Bay beheimatet sind, haben alle wegen der geringen Wassertiefe flache Kiele. So ankern wir in der Glebe Bay bei Annapolis.


Annapolis, eines der US-Zentren, heben wir uns für später auf und erreichen am Abend des 16. Mai den Inneren Hafen in Baltimore, wo die „Flomaida“ auf uns wartet. Am Montag, 18. Mai, verlassen wir Baltimore, das sich im Stadtkern mächtig herausgeputzt hat, und fahren in Richtung des Delaware-Kanals. Wir ankern in der Mündung des Sassafra-Rivers.



Abb.6: In Baltimore


Am nächsten Morgen, 19. Mai, fahren wir bei mitlaufendem Wasser durch den Delaware-Kanal und ankern gegenüber des Kernkraftwerks Salem hinter der Reeds-Insel. Man sollte den Delaware-Kanal möglichst bei mitlaufender Strömung passieren und so fahren wir im Konvoi mit anderen Yachten. Die „Dream Weaver“ aus Newport RI fährt dorthin und weist uns den Weg. Auch am Mittwoch, 20.5., folgen wir der „Dream Weaver“ um das Kap May herum und erreichen nach 92 sm Atlantic City. Die US-Schiffe fahren eine erstaunliche Geschwindigkeit – jedenfalls schneller als wir gewöhnlich unter Motor fahren. So fahren wir erstmals ganztags mit 2000 Upm.


Atlantic City ist eine Stadt von außerwöhnlicher Hässlichkeit. Wir ankern vor der Brücke und bestaunen noch einen Leuchtturm, der von Hochhäusern im Wolkenkratzer-Stil umstellt ist. Am Donnerstag, 21. Mai 2009, umrunden wir Sandy Hook und ankern im Hafenbecken von Atlantic Highlands. Auf der Fahrt dorthin sehen wir erstmals vom eigenen Boot aus die Skyline von New York hinter der Verrazano-Brücke.


Eine Malö kommt angefahren. Der Skipper ist eingewanderter Deutscher aus Pommern. „Ist jetzt leider Polen“, meint er bedauernd. Wir werden in den Yacht Club eingeladen und per Taxiboot abgeholt. Am nächsten Tag ist Nebel. Wir fahren per Beiboot in den Hafen und versuchen vergeblich, eine blaue Campinggaz-Flasche füllen zu lassen. „Das ist in den USA nicht möglich, weil die Anschlüsse nicht passen und die Flaschen kein vorgeschriebenes Ventil haben“, erfahren wir. Auch das Problem des Elektro-Anschlusses bleibt ungelöst. Denn hier gibt es nur Strom mit 110 Volt und 60 Hertz aus sehr speziellen Steckdosen.


Am Montag, 25.5.09, fahren wir die knappen 20 sm nach New York und machen fest in der Liberty Landing Marina. Sie liegt am rechten Hudson-Ufer am Rande des Liberty Parks, also in der Stadt und im Staate New Jersey, ist aber die günstigste Besucher-Marina New Yorks. Sie leidet nicht unter dem Schwell der unablässigen Berufs-Schiffahrt, da sie an einem lang eingeschnittenen Becken liegt. Und sie bietet eine günstige Verbindung mit einem regelmäßig und häufig verkehrenden Wasser-Taxi zum vormaligen und zukünftigen (One) World Trade Center.



Abb. 7: Blick von der Liberty Landing Marina


Unser Boots-Nachbar ist der deutsche Skipper einer Swan 40, ein Allein-Erdumsegler, der später dafür den Trans-Ocean-Preis erhalten wird. Er verkauft uns günstig seine US-Gasflasche, die er nun nicht mehr braucht und verrät uns, wie man aus den 50 A-110 V-Strom-Anschlüssen Strom mit 220 V beziehen kann. Wir konstruieren mit einem alten Verlängerungskabel einen Stromanschluß, der wenig vorschriftsmäßig ist, aber funktioniert.


Nach Lösung dieser wichtigen Probleme begeben wir uns, verstärkt durch unsere Tochter, auf Sightseeing- und Shopping-Tour durch New York. Einen Tages-Ausflug machen wir per Leihwagen nach Boston. Schließlich legen wir am Montag, 1. Juni 09, ab und fahren über den East River und das Hellgate in den Long Island Sound. Dabei sind peinlich die Tiden in New York und im Long Island Sound zu beachten, damit man heile und günstig durch das Hellgate kommt, das seinen Namen zu Recht trägt. Zwei Stunden nach Niedrigwasser an der Battery hat man Flut den East River hinauf und Ebbe den Long Island Sound hinunter. Wir ankern abends in der Manhasset Bucht nahe des Flughafens La Guardia.


Tags darauf ankern wir in der Oyster Bay und erreichen schließlich die West Shore Marina in Huntington. Dort bleiben wir einige Tage, denn dort werden wir überwintern. Für die Rückfahrt gilt: Man komme am Hellgate an zwischen 2 Stunden vor und 3 Stunden nach Hochwasser an der Battery. Dann passiert man die Throgs Neck Brücke kurz vor oder bei Hochwasser an der Brücke. Am Freitag, 5.6.09, sind wir abends wieder in der Liberty Landding Marina – es regnet „Katzen und Hunde“. Tags darauf ist wieder wolkenloser Himmel und wir besuchen erneut Manhattan.


Unsere Tochter verlässt uns wieder und wir besuchen eine japanische Yacht, die auch in der Liberty Landing Marina liegt. Die Japaner freuen sich riesig; wollen über Island nach Europa fahren und die Skipperin hat ein Stipendium für einen Deutsch-Kurs in Bonn.


Am Montag, 8.6.09, passieren wir um 1630 die Battery und fahren durch das Hellgate erneut in die Bucht Massenet. Am Dienstag überrascht uns auf der Fahrt querab der Oyster Bay dichter Nebel. Wir fahren den gespeicherten Wegpunkten entlang in die Oyster Bay und ankern dort. Der Nebel lichtet sich tags darauf erst am Nachmittag und wir fahren nur bis Northport in der Huntington Bucht. Dort erleben wir zwei Tage lang Nebel und Gewitter – eine seltene Kombination.


Am Samstag, 13.6.09, verlassen wir Northport und fahren nach Newhaven. Dort ankern wir neben der Hafen-einfahrt. Vom Ankerplatz aus sieht man die braunen Hochhäuser der berühmten Yale-Universität.

Am Sonntag, 14.6.09, wird das Wetter endlich besser. Wir fahren über die Duck-Insel den Connecticut-River hoch bis Essex. Dort ankern wir neben den Marinas und deren Bojenfeldern.


Tags darauf fahren wir mit ablaufenden Wasser den Connecticut-River hinab. Links und rechts säumen großartige Villen die Ufer. Connecticut hat das hächste Pro-Kopf-Einkommen aller Staaten der USA.

Die Amtrak-Eisenbahnbrücke öffnet sich extra für uns – wie freundlich. Am Abend ankern wir vor dem Hafen von Fisher Island – dort ist es sehr schön und malerisch.

Abb.8: In Newport Rhode Island

Am Mittwoch, 16.6.09, fahren wir durch den großen Schutzhafen Point Judith und erreichen am Abend Newport im Atlantik-Staat Rhode Island. Wir ankern in der Bucht Brenton Cove und werden längere Zeit in Newport bleiben. Mit uns kamen die Boote der Einhand-Trans-Atlantik-Regatta Ostar an, darunter auch Uwe Röttgering. Wir besuchen ihn und fotografieren – mit seiner Erlaubnis.

Newport gefällt uns; es wird seinem Ruf vollendet gerecht. Vom Ankerplatz aus liegt in Rufweite das Clubhaus des New York Yacht Clubs, wo 137 Jahre lang die Kanne des America’s Cup angeschraubt war. Es herrscht ständig Schiffsverkehr – aber vorwiegend schöne bis sehr schöne Segelboote. Newport hat zahlreiche Marinas und große Bojenfelder, einen städtischen und kostenlosen Dingi-Anleger und im Hafenbecken ein verankertes Floß, an dem man kostenlos Wasser tanken kann. Der Ort selbst ist nicht groß, aber vollständig auf den Wassersport eingestellt.


Wir bleiben drei Wochen in Newport. Eines Tages ist Sturmwarnung, es pfeift es mit 35 kn und die Coast Guard sucht ein vermisstes Segelschiff. Sie schleppt es am nächsten Morgen herein und hängt es hinter uns an eine Boje. Der Skipper sitzt apathisch im Cockpit und rührt sich nicht. Draußen vor der Narrangansett-Bucht ist bereits freier Atlantik – kein geschützter Long Island Sound.


Wir machen noch eine Rundfahrt ins Innere der Narrangansett-Bucht und besuchen Bristol, Greenwich Bay und Wickford. Neben der Dutch Insel erwischt uns ein Gewitter und wir ankern dort zwei Tage lang. Dann, am Montag, 6.7.09, verlassen wir Newport und fahren zur Insel Kuttyhank und einen Tag später nach Woods Hole. Dort entscheiden wir uns gegen einen Besuch der berühmten Inseln Marthas Vineyard und Nantucket und für eine Fahrt nach Norden – zu der zerklüfteten Küste des Staates Maine.


Der Kap-Cod-Kanal erspart die Fahrt um das lange Cape Cod. Aber es herrscht sehr starke Tiden-Strömung in diesem Kanal, den man praktisch nur mit der Strömung befahren kann. So fahren wir zunächst nach Onset, ankern dort und studieren den Tiden-Kalender. Am Donnerstag, 9.7.09, fahren wir dann mit der Tide und mit 11 kn über Grund durch den Kanal nach Norden und ankern vor Plymouth. Tags darauf erreichen wir Boston, machen eine Hafen-Rundfahrt und ankern südlich der St. Georges Insel. In Boston sind die Groß-Segler der Erde zur Tall Ship Race versammelt. So fahren wir nochmals durch den Hafen von Boston – die Coast Guard hat einen Kreisverkehr der neugierigen Besucherboote organisiert – und bestaunen und fotografieren die Groß-Segler. Anschließend erreichen wir nach schönem Segeln mit raumen Wind Marblehead und ankern in Salem.



Abb. 9: Boston


Ein Tiefdruck­gebiet über­quert uns. Es heult und regnet die ganze Nacht lang, aber am Morgen klart es sich wieder auf. Die Wet­tergebilde ziehen hier sehr schnell und verur­sa­chen schnelle Wetter­wechsel. Dafür sind die Neu-England-Staaten bekannt.


Wir erreichen die Isles of Shoals im Staate New Hampshire und fahren in den Gosport Hafen. Ein freundlicher Segler lädt uns ein, an eine blaue Boje seines Clubs zu gehen. Je weiter wir nach Norden kommen, desto größer wird die Gastfreundschaft. Am Montag, 13. Juli 09, erreichen wir Portland im Staate Maine und gehen an eine Boje des Yachtclubs von Foreside. Tags darauf, in Boothbay Harbor und einen Tag später in Vinehaven in der Fox Island Thoroughfare das Gleiche – wir sind Gäste der Club-Bojen.




Abb.10: Seguin Island


Am Donnerstag, 16.7.09, erreichen wir Mount Desert Island – unser Ziel – und gehen in den North East Harbor. Dort treffen wir auf die „Alila“, unser französisches Schwesterschiff, das mit uns über den Atlantik gekommen war und das wir gelegentlich in der Karibik getroffen haben. Wir feiern das Wiedersehen mit einem französischen mehrgängigen Abendessen auf der „Alila“ und am nächsten Tag mit einem deutschen Abendessen bei uns.


Am Montag, 20. Juli 09, fahren wir nach Bar Harbor, fahren am Jackson Laboratory vorbei und ankern kurz im Hafen. Dann drehen wir um und fahren den Solmes Fjord hinauf bis zu dessen Ende. Dort bleiben wir einige Tage. Nebel, Regen und Kälte, die typisch sind für den Sommer 2009 verleiden uns Land-Ausflüge. Stattdessen machen wir Reparatur-Arbeiten im Schiff und bauen eine neue Toilettenpumpe ein. Aus dem allgegenwärtigen Nebel taucht die „Flomaida“ auf. Wir besuchen einander und müssen aufpassen, dass wir zu unseren Schiffen zurückfinden. Unsere Winschen sehen wir noch - sie werden der Reihe nach zerlegt, gereinigt und gefettet. Bei etwas besserer Sicht fahren wir zum Südwest-Hafen. Ein freundlicher Mensch lädt uns ein, an seiner Boje vor seinem Haus festzumachen. Bei dem ständigen Nebel lässt er sein Boot im Winterlager.



Abb.11: Mount Desert Island


So bleiben wir in Mount Desert Island bis zum 6. August 09, bis das Wetter endlich aufklart, fahren dann zunächst nach Frenchboro und ankern in Swan Island, Burnt Coat Harbor. Dann fahren wir den Eggemoin Reach hinauf und gehen an eine Boje in Bucks Harbor – gerade noch rechtzeitig, bevor uns eine Schlechtwetterfront mit Regen überschüttet.


Für wenige Tage kündigt sich Hochdruck-Einfluß an. Wir erreichen Castine bei Sonnenschein und ankern in der Bucht nebenan. Die Bucht und auch Castine gefallen uns – vielleicht auch, weil bei Sonne und ohne Nebel alles schöner aussieht. So bleiben wir einen Tag und fahren über Rockland nach Camden. Dort setzt wieder der übliche Nebel mit Regen ein, wir erreichen über Tenant Harbor Port Clyde und bleiben dort einen Tag. Am Freitag, 14.8.09, fahren wir zunächst zur Insel Moneghan. Die Insel ähnelt entfernt Helgoland, ist aber sehr leer – es sind gerade zwei Boote im Hafen. Da Südwind aufkommt, den wir nutzen wollen, segeln wir weiter bis Bothbay Harbor.

In Boothbay Harbor bleiben wir einige Tage. Ein Trolley fährt uns zum Einkaufen in die Geschäfts-Zone des schönen Ortes. Am Dienstag, 18.8.09, fahren wir zunächst nach Portland und umrunden dort die Hafenfront. Schließlich ankern wir neben dem Portland Yacht Club. Das örtliche Polizei-Boot besucht uns und warnt uns vor dem Hurrikan „Bill“. Er wird nicht mehr sehr stark sein, aber die Küste von Maine streifen. Man zeigt und eine Stelle, wo wir bei bestem Ankergrund geschützt ankern können. Wir bedanken uns und fahren am nächsten Tag tief ins Landesinnere zur Brewer Marina nach South Freeport. Brewer ist eine Marina-Kette mit rund 30 Marinas, vor allem im Long Island Sound, - nicht billig, aber sehr kultiviert und professionell. Wir bekommen bei der telefonischen Anmeldung bereits gesagt, auf welche Seite wir die Fender hängen sollen.


Die US-amerikanische Gasflasche, die wir seit New York benutzen, ist leer. Ich baue wieder um auf unsere blaue Campinggaz-Flasche, die wir als Reserve betrachten. Leider kann uns niemand die amerikanische Gasflasche befüllen, denn man hat die Norm geändert und nun passt der Anschluß nicht. Notgedrungen entsorgen wir die Flasche und kaufen eine neue.


Hurrikan „Bill“ ist durchgezogen und wütet jetzt über Nova Scotia. Auch wenn er – wie angekündigt – nicht sehr stark war, in Bar Harbor hat er ein Menschenleben vernichtet. Es ist der zweite Hurrikan in diesem kalten Sommer, erkennbar an dem Anfangsbuchstabe „B“, dem zweiten im Alphabet.

Die Karibik-Segler werden sich freuen über den kalten Atlantik, der uns hier im Norden den ständigen Nebel beschert.


Wir bekommen Besuch und die Marina beschert uns einen Courtesy-Wagen. Dies ist eine schöne Geste im Norden und Süden der USA – man kann mit dem Marina-Auto bequem und kostenlos zum Einkaufen fahren. Wir fahren zum Einkaufen in das Freeport-Outlet-Center und staunen über die günstigen Preise. Auch die Lobster (=Hummer), die hier in großem Stil gefangen werden, können wir günstig verspeisen.


Mit einem Leihwagen fahren wir nach Kanada, nach Quebec City, eine Stadt, wie in Frankreich, also sehr schön. Wieder zurück, beim Ablegen, klingt der Motor ganz anders als sonst. Wir haben uns große Grasbüschel in und um den Wasser-Ansaugstutzen eingefangen. Sie werden per Tauchgang herausgezogen.


Abb.12: Abschied von Maine: der Leuchtturm von Portland


Am Mittwoch, 2.9.09, gehen wir auf Südkurs. Kurz vor den Isles of Shoals verfangen wir uns in einer Hochsee-Lobster-Boje. Die Fangkörbe, die auf größeren Tiefen ausgelegt sind, werden mit zwei v-förmig ausgelegten Bojen gesichert. Fährt man dazwischen hindurch – so wie wir – so ist man gefangen. Wir haben die Leinen zwischen Rumpf und Ruderblatt eingeklemmt. Da reichlicher Seegang herrscht, ist auch kein Tauchen möglich, so dass wir die Coast Guard über Funktelefon anrufen. Sie schickt uns aus Portsmouth NH ein Abschlepp-Boot, das uns dann nach Gosport Hafen auf den Isles of Shoals schleppt. Am nächsten Morgen, in ruhigem Wasser können wir die Leine entfernen.


Wir fahren dann über Marblehead, Plymouth MA und den Kap-Cod-Kanal nach Newport Rhode Island zurück. Dort bleiben wir bis zum 20. September 09 und bekommen Besuch von der „Flomaida“. Das Wetter ist nun erfreulich und wir nutzen es, um nach Block Island zu fahren. Von dort fahren wir zum Fischschwanz, dem Fishtail - so heißt das verzweigte Ostende von Long Island – und ankern vor Oriental.

Am 22. September – Herbstanfang – ankern wir noch einmal vor Newhaven, Connecticut, und erreichen tags darauf Huntington, wo wir in der West Shore Marina überwintern.





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Letzte Änderung / Last change: Montag, 26. Juli 2010