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Rund Europa – von Ellös nach Finike
von Dr. Harald Ertl, SY. Sophie
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„Ein solches Schiff muß man in der Werft abholen“ hatte man uns geraten, wenn wir berichteten, wir hätten uns eine neue SOPHIE bestellt und überlegten nun, ob wir sie zur Adria transportieren lassen sollten. Dieser Ratschlag ist richtig. Nicht auszudenken, wie viele Fehler passieren können, wenn ein mit moderner Technik voll gestopftes Schiff in irgendeiner adriatischen Marina gewassert und aufgeriggt wird.
So kommen wir an einem herrlichen Tag im Mai 2006 mit einem bis unters Dach voll beladenen Wagen in der Werft an. Da liegt sie nun unsere neue SOPHIE und freut sich auf uns, wie wir auf sie. Auf Tag und Stunde genau, wie vor eineinhalb Jahren im Kaufvertrag vereinbart, wird sie uns übergeben, makellos, so wie man es sich wünscht. Nein, nicht ganz makellos: Farbgebung und Maserung der Salontüre gefallen nicht. Kein Problem für die Werft, man hat ja Salontüren in verschiedenen Farben auf Lager und nach einer Stunde ist eine schöne und perfekt passende Türe eingebaut. Man erläutert uns die moderne Technik des Schiffes so lange, bis wir zufrieden sind. Bisher hatten wir immer nur klassische und sparsam ausgestattete Langkieler gesegelt. Vorsorglich hatten wir einen Radarkurs besucht, aber die vielfältigen Möglichkeiten elektronischer Navigation lernen wir erst jetzt. Den Wagen fahren wir leer zurück nach München und kommen mit dem Nachtzug nach Göteborg und per Bus erneut nach Ellös. Nach zwei Wochen sind wir so weit; wir legen ab. Die schwierigen Schärenfahrwasser bis Göteborg sind uns bekannt, da wir bereits drei Vindös aus Nötesund abgeholt hatten. Doch nun ist die Navigation viel leichter. Das Schiff würde automatisch nach den eingegebenen Wegepunkten fahren, entlang der Kurslinien, die in den schwedischen Seekarten eingezeichnet sind. Mißtrauisch oder auch vorsichtig steuern wir meistens selbst, aber der Automat hätte es genauso gut gemacht. Es ist Pfingst-Sonntag und aus Göteborg kommen uns viele Segelschiffe entgegen. Kein Wunder, daß wir am Abend im Yachthafen Langedrag und tags darauf in Varberg zahlreiche leere Liegeplätze vorfinden. Wir lassen das Navtex alle möglichen Wettersendungen und Warnnachrichten empfangen, programmieren also nichts aus. So bekommen wir manchmal erstaunliche Sendungen herein, beispielsweise BE93 Algier oder IE75 Iraklion. Auf Hallands Väderö fällt erstmals der Anker. Man kann ihn vom Cockpit aus bedienen; das geht sehr schön, aber wir gehen trotzdem vor, um ihn im klaren Wasser zu sehen. Im Sund kommt dann ein schönes Merkmal der Navionics-Karten zum Einsatz: die Karte zeigt den Tidenverlauf und die Strömungen für jeden gewählten Zeitpunkt. Es stimmt mit der Wirklichkeit überein, wir haben bis Malmö eine Knoten Strömung gegenan. Im Hafen Lagunen sind die Schwimmstege sehr niedrig. Ohne die spezielle Bugleiter der Werft, kämen wir nicht von Bord. Diese Bugleiter ist gekrümmt, geknickt, gekröpft, so daß sie über den angeschlagenen Anker hinausreicht. Klintholm, das wir als putziges Fischerdorf in Erinnerung haben, hat sich mächtig herausgeputzt. Die malerischen Fischkutter sind noch da, aber daneben ist eine große Tourismus-Anlage entstanden, die sehr gefällig aussieht. Erstmalig ist ein Hafen überfüllt, aber man winkt uns freundlich längsseits. Die Überfahrt nach Fehmarn verläuft problemlos. Nur als wir das Gedser-Reff umrunden, trauen wir unseren Augen kaum: Ein Windpark erstreckt sich bis zum Horizont. Wir können der Anlage nichts Schönes abgewinnen, auch wenn man sie Park nennt ist sie störend und häßlich. Erstmalig seit vielen Jahren fahren wir Mittelmeer-Segler nun ohne Gastlandsflagge. Wir sind im ordentlichen Deutschland. Vor Burgtiefe liegt ein Rettungskreuzer und paßt auf und bei der Ansteuerung von Neustadt in Holstein fällt uns auf: die Backbord-Tonnen sind wirklich rot, die Steuerbord-Tonnen sind grün, knallrot und knallgrün und nicht einheitlich verrostet wie so oft im Mittelmeer. In der Ancora-Marina besuchen wir die deutsche Werft-Vertretung, lassen den ersten Motor-Service machen und nehmen Abschied von unserer Vindö, die hier verkauft wurde. Man hat sie sehr schön herausgeputzt. Die freundlichen Herren der Zollstelle besuchen unser Schiff und machen die Dokumente klar. Unsere Tochter bringt uns eine weitere Wagenladung Ausrüstungsgegenstände, unter anderen ein neues Schlauchboot mit Außenbord-Motor und eine Waschmaschine. Sie sieht das Schiff zum ersten Mal; es gefällt ihr, trägt ihren Namen, ist ihres und sie hat es sich verdient. Wir machen eine Ausfahrt nach Travemünde, aber kehren gerne nach Neustadt zurück. Wir haben den sympathischen Ort, die Marina und das Hafenrestaurant schätzen gelernt. Kurs Kiel: die Brücke über den Fehmarnsund verursacht banges Herzklopfen. Sie ist nach Kennzeichnung 22 m hoch, der Mast unseres Schiffes mit Antenne 20 m. Es reicht also, aber es sieht bedrohlich aus. Kiel empfängt uns mit großartiger Kulisse. Es ist Kieler Woche und eine Menge Oldtimer und Rennschiffe sind auf dem Wege zur Innenförde. Ein Kreuzfahrtschiff kommt uns entgegen. ![]() Einfahrt in den Kiel-KanalWir übernachten vor der Schleuse Holtenau. Ein freundlicher Nachbar klärt uns über Details der Kanalfahrt auf: „Die Schleusenwärter in Kiel sind meistens recht ruppig, in Brunsbüttel sind sie viel freundlicher“. Am nächsten Morgen fahren wir um 9 Uhr in die große Schleuse ein und können feststellen, daß er Recht hatte. Wir folgen seinem Kurs und machen nach einer interessanten und schönen Kanalfahrt im Seitenarm des Kanals vor der Giselauschleuse fest.Hier werden wir zwei Tage bleiben. Ein Tief kommt herangezogen und begrüßt uns mit Wind und Regen. Wir haben segelgerecht in Luv festgemacht, aber das ist unpraktisch: Die Bäume am Ufer bewerfen uns mit Blüten und Blättern. „Das sind Eschen“, erläutert uns ein neuer Nachbar. Den mystischen Bäumen aus Wagners „Ring“ sei es verziehen, denke ich, als ich das Schiff putze. Die freundlichen Nachbarn fahren zurück nach Friesland. „Bei dem Wind fährt man besser in Brunsbüttel nicht aus der Schleuse heraus, man kommt ohnehin nicht nach Cuxhaven“, erläutern sie uns. So warten wir und machen Wanderungen zwischen den häufigen Regenschauern. Schließlich klart es auf. Wir folgen den Nachbarn und kommen in Brunsbüttel bei geöffneten Schleusentoren an. Es geht alles sehr schnell und wir sind draußen auf der Elbe. Erstaunlich, unser Lotsenschiff fährt knapp außerhalb der Tonnen auf der linken Seite die Elbe hinab. Wir wären natürlich rechts gefahren. Aber das wäre weiter gewesen und man hätte mehr Seegang entgegen gehabt, erläutern uns die freundlichen Nachbarn später in Cuxhaven. Wir machen in Cuxhaven fest und wundern uns. Im Mittelmeer bekommen Trans-Ocean-Segler recht häufig entgegenkommenderweise einige Prozente Rabatt. Hier, im Heimathafen von Trans Ocean, war der Hafenmeister recht pikiert, als wir ihn vergeblich darauf ansprechen.
Trockenfallen auf Spiekeroog„Die Tide liegt zur Zeit sehr ungünstig“, erläutern uns die Nachbarn beim Abendessen im Hafen-Restaurant. „Wir müssen morgen um 3 Uhr früh ablegen, damit wir mit der Tide elbabwärts kommen und am Nachmittag bei Hochwasser in Spiekeroog einlaufen können“. Das frühe Aufstehen macht uns nichts aus, wohl aber die Aussicht, in Spiekeroog einlaufen und trockenfallen zu müssen. Einmal muß man das lernen, sagen wir uns, die Nordsee-Segler machen es ja ständig und in der Bretagne müssen wir es können.Nach einem prächtigen Sonnenaufgang auf der betriebsamen Elbe erreichen wir am Nachmittag bei ablaufendem Hochwasser Spiekeroog; Ebbstrom und Elbe hatten uns mit 3 Knoten angeschoben. Nun wartet eine neue Erfahrung auf uns: das Trockenfallen. Sorgfältig sichern wir unser Schiff beidseits gegen Umfallen, obwohl uns der Hafenmeister versichert, daß hier nichts passieren würde. Er hat Recht. Als das Wasser abläuft, steht unser Schiff im weichen Schlick und die Leinen hängen ohne Zug lose herunter. Spiekeroog ist eine schöne Insel. Uns gefällt der Ausblick von der Anhöhe über das tiefe Wasser der Nordsee und das seichte Wattenmeer. Wir bleiben einige Tage, bis unsere Nachbarn abreisen müssen. Sie fahren innen herum ans niedersächsische Festland, wir außen nach Norderney. Auch hier gibt es eine Einfahrt, das Dovetief, das wir nur bei Hochwasser passieren können und im Hafen steht unser Schiff erneut auf dem Kiel. Nun haben wir bereits Übung. Norderney beschert uns ungemütliches Nordseewetter. Es regnet und heult und als wir nach einigen Tagen bei steigendem Barometer auslaufen, schaukelt uns die Nordsee ganz gehörig durch. Auf dem langen Schlag nach Borkum haben wir mal Strömung gegenan, dann mit uns und bei der langen Einfahrt wieder gegen uns. Aber der Hafen von Borkum ist sehr tief ausgebaggert, so daß man auch bei Niedrigwasser ein- und auslaufen kann. Nach einem langen Schlag erreichen wir anderntags das holländische Vlieland. In der Einfahrt folgen wir zunächst dem groß betonnten Fahrwasser nach Terschelling, bis wir den Irrtum bemerken und den kleinen Tonnen nach Vlieland folgen. Dort kommt uns der freundliche Hafenmeister im Schlauchboot entgegen und lotst uns in den Hafen, der uns voll erscheint. Doch bis zum späten Abend kamen noch viele weitere Schiffe, die alle ordentlich eingeschachtelt werden. Auch Vlieland ist eine schöne Insel mit großen Sanddünen und freundlichen Menschen. Dazu breitet sich nun ein stabiles Hoch über uns aus, das Sonne und Wärme bringt. Man rät uns, Den Helder zu meiden und bis Ijmuiden durchzufahren. Aber auch Ijmuiden erscheint uns von begrenzter Schönheit. Die Marina ist groß und ziemlich leer. Wasser gibt es aus einem Tank-Automaten, den man mit 50-Cent-Stücken füttern muß. Bei der Einfahrt kommt uns ein ausfahrendes Angelschiff entgegengekommen und gratuliert lautstark: Deutschland hatte gegen Argentinien gewonnen. Ein langer Schlag bringt uns nach Breskens. Wir hatten zu Hause mit Sorgfalt die Sandbänke dieser Gegend studiert. Aber in der Praxis läuft alles ohne Probleme ab; die Betonnung ist sehr zuverlässig. Im großen und sehr gepflegten Yachthafen von Breskens fallen uns die großen und ebenfalls sehr gepflegten Yachten auf. Breskens ist ein internationaler Hafen am großen Meer. Dafür endet hier der Empfand des deutschen Wetterberichts über Deutschlandfunk und NDR. Ab hier also nur noch BBC und natürlich unser sehr zuverlässiges Navtex. Nieuwport in Belgien ist unser erster Tankstopp seit der Werft. Der große 500-Liter-Tank und der sparsame Yanmar-Mototr geben unserem Schiff eine enorme Reichweite. So kann man die seltenen Tank-Oasen mit billigem Diesel ausnutzen. Wir erreichen Dünkirchen und sind in Frankreich. Man bringt frisches Brot und Gebäck ans Schiff und ist ganz außergewöhnlich liebenswürdig zu uns. Das freut uns sehr, vor allem angesichts der Bunker des Westwalls, die an der Hafeneinfahrt stehen. Boulogne ist schöner und noch schöner ist Fecamp; gewaltige Spundwände zieren hier die Einfahrt. Die Hafenbediensteten im Beiboot nehmen unsere Daten auf, aber zahlen brauchen wir nichts; wie schön. Über uns ist ein Gewittertief, es blitzt und donnert und die Regenschauer ziehen über uns hinweg und nehmen uns zeitweilig die Sicht. Wir sind auf dem Wege nach Cherbourg und passieren gerade den Null-Medridian von Greenwich. Dann zieht eine Nebelwand heran; es ist Radar-Wetter. Bereits die Regenfronten konnten wir auf dem Radarschirm sehr schön lokalisieren und verfolgen. Jetzt kreuzen wir einige Schifffahrtslinien und verfolgen den Weg der großen Schiffe im Radar. Die MARPA-Funktion erweist sich als große Hilfe; sie zeigt uns die Kurse und Geschwindigkeit der anderen. Wir lernen die Radarziele einzuordnen. Große Ziele mit 20 kn konstanter Fahrt sind Dickschiffe, kleine Ziele mit 6 kn konstanter Fahrt sind Segelboote, kleine Ziele mit ständig wechselnden Kursen und Geschwindigkeit sind Fischkutter. Spät am Abend erreichen wir Cherbourg und ankern auf der Reede. Anhand der Strömungs- und Tidenkurven im Reeds haben wir ausgerechnet, dass wir um 7 Uhr ablegen müssen, um in der Durchfahrt von Alderney die starke Strömung mit uns zu haben. Und wirklich, wie beruhigend: als wir am nächsten Morgen um 7 Uhr ablegen, fährt mit uns eine Flotte von Segelschiffen Richtung Alderney. Einige drehen dann ab und nehmen Kurs auf England, aber die meisten fahren mit uns zu den Kanalinseln.
St. Peter Port auf GuernseyLeider ist wieder Nebel. Ich hätte gerne die Nuklear-Anlagen von La Hague gesehen, aber es war nichts zu sehen. Wir fahren wieder nach Radar, und GPS und Echolot natürlich. Bereits in Schweden hatten wir südlich von Göteborg einige Kernkraftwerke passiert, in Holland dann die Nuklear-Anlage von Petten und vor Fecamp vier weitere Reaktor-Kraftwerke. Die Bauten selber fallen weniger auf als die gewaltigen Stromleitungen, die davon ausgehen. Jetzt wissen wir, woher wir den Strom beziehen werden, wenn unsere Kernkraftwerke abgeschaltet werden.Wir erreichen Guernsey um 12.30 Uhr, hier ist 11.30 Uhr britische Zeit. Die Ampel an der Einfahrt in den Yachthafen von St. Peter Port zeigt rot und wir müssen noch zwei Stunden warten, bis wir genug Wasser haben, um den Süll der Hafeneinfahrt passieren zu können. So fahren wir zur Tankstelle und tanken billiges Diesel. Ein langer, langer Schlauch kommt von der Zapfsäule oben am Steilufer herunter zum Schwimmsteg, an dem wir fest gemacht haben. Danach legen wir uns an den Warteponton und füllen die Einreise-Erklärung aus, die man uns per Schlauchboot gebracht hat. Dann ist es so weit. Über dem Süll sind 2 m Wasser und die ersten auslaufenden Schiffe kommen aus der Marina. Dann schaltet die Ampel auf grün und wir fahren hinein und werden bequem längsseits an den vordersten Schwimmsteg beordert. St. Peter Port auf Guernsey ist ein interessanter Ort, halb britisch schrullig, halb französisch elegant und perfekt organisiert. Wir bleiben einige Tage, weil Marks und Spencer, Woolworth und das englische Essen schöne Erinnerungen an meine Jugendzeit in England wecken. Mir schmecken die Pies, die man unzureichend als „Pasteten“ übersetzt. Die Kapitänin ekelt sich davor und ißt lieber Salat. Dazu gibt es französischen Wein. Alle Waren sind wie die ganze Insel steuerfrei und EU-Ausland und auch nicht richtiges Großbritannien, ganz bizarr. Wir wollen mit dem Nachmittags-Hochwasser auslaufen und machen uns ablegebereit. Einige Schiffe können es nicht erwarten und manövrieren vor dem Süll. Der Wasserstands-Maßstab zeigt 1,90 m, die Ampel ist rot, als eine schöne und große britische Yacht mit dem White Ensign naht. Britische Yachten können theoretisch drei Nationalflaggen fahren: den Red Duster, also den roten Staublappen, den auch wir als Gastlandsflagge zeigen; den fährt in Britannien das ordinäre Volk. Mitglieder privilegierter Klubs dürfen den Blue Ensign fahren, die dunkelblaue Flagge, die gleich viel eleganter aussieht. Und der White Ensign ist königlichen Schiffen vorbehalten, also der Royal Navy (= Kriegsmarine), und Mitgliedern des Königshauses. Dieses Schiff also fährt die privilegierteste britische Flagge, und alle machen Platz, als der hoch privilegierte Skipper seinem Schiff die Sporen gibt und als erster über den Süll fahren will. Es knallt ganz schön, als der Kiel des Schiffes gegen den Süll fährt, und das Schiff macht eine Verbeugung vor den Elementen. Auch für den privilegierten Skipper ist noch nicht genug Wasser über dem Süll und so reiht er sich wieder in die Warteschleife ein. Nach weiteren 20 Minuten verläßt er bei 2,20 m Wasserstand den Hafen. Wir fahren hinterher und machen am Warteponton fest bis zum nächsten Morgen. Hier herrscht buntes Leben und ich vertilge englische Sandwiches und eingebackene Wurst. Am nächsten Abend erreichen wir Lezardrieux und sind wieder in Frankreich. Wir machen an einem Schwimmponton fest; im Hafen herrscht Volksfeststimmung, denn im Fernsehen läuft das Fußball-WM-Endspiel. Frankreich verliert durch einen verschossenen Elfmeter. Ein Aufschrei, dann ist Totenstille im Hafen. Wir fahren an typisch bretonischen Häusern vorbei und erreichen am späten Abend Aberwrach. Der Hafen und alle Bojen sind belegt, schließlich hängen wir uns neben ein anderes Schiff. Am nächsten Morgen verlassen wir Aberwrach im Morgennebel und bei schwerer Dünung. Im Chenal du Four wird es besser, und wir beschließen, bis Audierne durchzufahren. Doch dann kam mit dem Raz de Sein der Höhepunkt der Tidengewässer. Gegenströmung und Seitenwind ergeben einen Teufelstanz; zeitweilig fahren wir mit 0,9 kn über Grund. Sollen wir umkehren? Ein Blick zurück läßt uns dies vergessen: ein Strudel hinter dem anderen. Wir fahren lieber weiter gegenan. Allmählich läßt die Strömung nach und am Abend erreichen wir Audierne. Dort fangen wir uns mit dem vierten Versuch eine Boje. Später erscheint ein Brite und benötigt fünf Versuche, wie tröstlich für uns. Nachts hatten wir Albträume. Die gurgelnde Strömung im Raz de Sein erschien uns im Nachhinein wie eine Geisterbahn. Auch die Wetterberichte im Navtex machen keine Freude: Für die Irische See ist „severe gale force 10“ gemeldet, für die Biskaya „strong gale force 9“. So fahren wir bei recht ruhigem Wetter in die innere Biskaya hinein, zunächst nach Port Tudy auf der Ile de Groix. Die Insel entpuppt sich als äußerst charmant. Charmant ist auch die putzige Hafenbedienstete, die uns zu einem Liegeplatz lotst. Doch wir liegen dem Fährschiff im Wege. Es kann zwar anlegen, aber nicht ablegen. Dazu braucht es unseren Platz zum Manövrieren. Die putzige Hafenmaus bugsiert uns an eine andere Stelle. Das Alles ging ruhig und fast ohne Worte ab; wir sind beeindruckt, da leider anderes gewöhnt. Wir erreichen die Ile de Yeu und beschließen, hier einige Tage zu bleiben, weil es uns so gut gefällt. Irrtum: unsere Tochter kündigt uns per sms ihr Kommen nach La Coruna an. So legen wir frühen Morgen ab und nehmen Kurs auf das 230 sm entfernte Santander. Der Wind kommt mit konstanten 20 kn raumschots aus NE, das ist perfekt. Leider paßt die hohe Dünung aus W nicht dazu, so daß wir unangenehm rollen. Aber wir sind erstaunlich schnell, das Schiff wird besser mit dem Seegang fertig als wir. Auch nachts steht der Wind durch und läßt erst am nächsten Vormittag vor der spanischen Küste nach. Um 16 Uhr machen wir fest in der gepflegten Marina von Santander. Über Ribadisello erreichen wir Luarca. Dort sind im Vorhafen eiserne Gästebojen verankert. Leider gibt es an der hohen Hafenwand keinerlei Festmacher außer einer Leiter, an der ein verlassenes Schiff hängt. So fahren wir in den Innenhafen und durfen an einem freundlichen Fischkutter festmachen. Die Fischer wollen morgens um 5 Uhr ablegen, so stellen wir uns auf einen langen Schlag ein. Ein nächtliches Gewitter weckt uns um 4 Uhr, aber es gibt für uns kein Ablegen: der Wasserstand ist zu niedrig. So warten wir bis 8 Uhr an der Hafenmauer und nehmen dann Kurs auf Ria di Vivero. Ein lästiges Gewittertief beschert uns auch am nächsten Tag Nebelfelder und Regenschauer. Wir nehmen direkten Kurs auf La Coruna und ankern am Abend in Ria di Ares. Hier klart es auf, wir sind dem Tief entkommen und freuen uns auf La Coruna bei schönem Wetter. Hier liegt man in der inneren Marina gut geschützt und zentral in der Stadt; es ist eine schöne Stadt mit guten Einkaufmöglichkeiten und einem Flughafen, auf dem unsere Tochter pünktlich landet. Nach weiteren Einkäufen und Besichtigungen fahren wir zurück in die Ankerbucht Ria di Ares. Bei ruhigem und nebligen Wetter unrunden wir Kap Finisterre und kommen über Ria di Camerinas und Ria de Arousa nach Bayonne. Dort ankern wir hinter der Marina, wir brauchen nichts und wollen lieber schwimmen. Tags darauf, auf dem offenen Atlantik erwischt uns der Norder, ein schöner stetiger Wind, der uns mit Rauschefahrt nach Leixoes/Porto bringt. Wir fahren mit der Metro in die Innenstadt von Porto und staunen über die schöne und saubere Stadt mit eindrucksvollen Gebäuden und gepflegten Geschäften. Der Norder bringt uns dann zuverlässig und schnell nach Aveiro. Hier ankern wir in einer Flußkurve. Ein freundlicher einheimischer Segler lotst uns zu einem schönen Ankerplatz. Über Nazare kommen wir nach Cascais, dem nächsten Etappenziel. Von hier aus besuchen wir per S-Bahn Lissabon. Hier waren wir zuletzt vor 30 Jahren und hatten die hügelige Alfama in schönster Erinnerung. Doch heute erscheint sie uns abgewrackt und als das Rotlicht-Viertel der portugiesischen Metropole. Dafür machten die anderen prächtigen Stadt-Viertel einschließlich des Expo-Geländes einen umso besseren Eindruck. Eine Stadt zum Wohlfühlen. Im großen Supermarkt hinter dem Bahnhof bunkern wir unser Schiff voll, verabschieden unsere Tochter zum Flughafen und legen ab Richtung Sesimbra und Sines. Nach Navtex-Wetterbericht soll der Norder zulegen und uns mit Bf. 6 Richtung Kap Sao Vincente treiben. So ist es auch bis kurz vor dem Kap. Hier legt der Wind dann auf Bf. 8 zu und verwandelt sich nach dem Kap in böigen Sturm von Bf. 9. So erreichen wir nach 83 sm Lagos, wo wir zunächst an einem Warteponton festmachen müssen, bis die Marina einige bei diesem Wind sichere Liegeplätze organisiert hat. Dann liegen auch wir sicher und bequem und sehen uns im Navtex die Sturmwarnung an. Ein kurzer Tagestrip bringt uns nach Vilamoura, wo wir einige Tage bleiben und die Algarve-Küste erkunden wollen. Die große Marina in Vilamoura bietet jeglichen Service und wir lassen vom Selden-Service das Rigg nachspannen. Man hat sichtlich große Übung darin, denn diesen Service macht man hier jedes Jahr für die Atlantik-Segler, speziell für die Teilnehmer der ARC. Tags darauf fahren wir zu dem Ankerplatz hinter der Insel Culatra bei Faro. Hier ankern Dutzende Schiffe aus allen Gegenden der Erde. Ein Schwesterschiff aus Vancouver ist auch dabei; man hatte wie wir das Schiff in der Werft abgeholt und ist nun auf dem Weg zur kanadischen Pazifik-Küste. Dieser Ankerplatz ist neben dem in Aveira die einzige uns bekannte sichere und schöne Ankermöglichkeit an diesem langen Küstenstrich. Schließlich verabschieden wir uns von dem sympathischen Portugal und fahren ins spanische Mazagon. Über Rota erreichen wir Cadiz, wo wir in der erweiterten Marina im Handelshafen festmachen. Hier bleiben wir zwei Tage und besichtigen die alte Stadt.
Gibraltar ist umrundetDann verspricht der Wetterbericht eine glatte Durchfahrt bei W 4 bis 5 durch die Straße von Gibraltar (auf spanisch „estrecho“) und wir starten. Bei Tarifa passieren wir mit 35° 59’ N den südlichsten Punkt des europäischen Festlands und erreichen um 18 Uhr Gibraltar. Mit dem Red Duster als Gastlandsflagge laufen wir hoffnungsvoll ein, aber man will uns nicht. Kein Platz und längsseits an andere Schiffen läßt man uns auch nicht. Dazu kommt noch, daß unser Schiff nicht mehr aufstoppen will. Im Rückwärtsgang vibriert und schlägt die Welle und der Propeller bleibt wirkungslos. So verlassen wir vorsichtig die englische Enklave, umrunden die Flughafen-Rollbahn und ankern dahinter auf einem sehr populären Ankerplatz. Nach Reeds soll dies ein neutrales Gebiet sein, aber die hier ankernden zahlreichen Yachten führen alle die spanische Gastlandsflagge, und das machen wir dann auch. Ein kurzer Tauchgang zeigt: die Leine eines Fischernetzes ist in der Schraube. Sie hindert den Falt-Propeller, voll zu öffnen und nimmt ihm so den Rückwärtsschub. Noch während wir überlegen, kommt die Crew des Nachbarschiffs angerudert. Der freundliche französische Skipper taucht mit jugendlichem professionellen Elan und schneidet die Leine aus der Schraube. Der Propeller faltet wieder tadellos, berichtet er anschließend und freut sich mit uns über sein Werk. Man berichtet uns, daß an diesem Ankerplatz sehr häufig geklaut würde und man tunlichst das Schiff nicht verlassen sollte. So bleiben wir hier zwei Tage liegen und genießen das Panorama. Nur zum Tanken fahren wir nochmals hinüber nach Gibraltar. Wir zahlen 0,6 € pro Liter Diesel und wenn wir einen größeren Tank hätten, dann wäre es noch billiger. Anderntags beginnen Harrier-Jets mit Start- und Landeübungen. Beim Starten machen sie mit den Nachbrennern einen gehörigen Lärm, aber wir betrachten das einfach als kostenlose Flugschau. Gelegentlich, eigentlich sehr selten, kommen und starten auch zivile Verkehrsflugzeuge. Schließlich nehmen wir Kurs aufs Mittelmeer. In Fuengirola ankern wir neben der Marina und erreichen am Tag darauf rechtzeitig Velez Malaga, rechtzeitig, weil Starkwind mit Bf. 7 bis 8 angesagt wird und auch eintrifft. Velez Malage hat eine kleine Marina und wir finden nur noch Platz neben dem Becken für den Travellift. Der Wind bläst eifrig den Dreck der Arbeitsfäche auf unser Schiff und auch die Marinaleitung versucht, das stürmische Wetter zu ihrem Vorteil auszunutzen. Wir lägen auf einem 20 m-Platz und müßten das auch bezahlen, erklärt man uns. Nun sind die staatlichen Marinen Andalusiens zu einer Kette zusammengeschlossen, und wir waren bereits in Rota, Cadiz und Mazagon Gäste dieser Marina-Kette und sind daher im Computer mit unserer wahren Länge registriert. Das hilft. Gegen die Eintragung im Computer kann auch die Marinaleitung von Velez Malaga nichts ausrichten und wir zahlen die wahre Länge. Nachdem sich der Wind ausgetobt hat, fahren wir nach Adra und ankern dort sehr schön im Hafenbecken. Tags darauf fahren wir neugierig nach Almerimar, sehen uns die berühmte Marina an (sie gefällt uns) und fahren weiter in die Ankerbucht Porto Genoves. Diese Bucht war uns als Traumbucht genannt worden. Sie ist auch recht schön und mehrere andere Schiffe ankern auch hier, aber der Wind ist zu sehr südlich. Nun steht gehöriger Schwell in die Bucht und alle Schiffe drängeln sich in der geschütztesten Ecke. Dort rollen wir die ganze Nacht, bis Wind und Schwell allmählich nachlassen. Auch die Ankerbucht von Llano del Sol beschert uns eine unruhige Nacht, so daß wir froh sind, in Cartagena eine ordentliche Marina vorzufinden. Hier ist es schön und so bleiben wir einige Tage. Die gesamte spanische Festlandsküste ist wenig attraktiv. Zugebaut mit großen bis riesigen Tourismus-Anlagen und ungegliedert ohne rundum geschützte Ankerbuchten, lädt sie nicht zum Verweilen ein. Die schöne Stadt Cartagena entschädigt uns. Nach vier Tagen Ruhe legen wir ab und fahren über Torreveija an den Hochhaus-Gebirgen von Benidorm und Calpe vorbei nach Moreira. In Torreveija ankern wir in dem großen Hafenbecken, das noch weiter ausgebaut wird; in Moreira neben der Marina. Nach 72 sm Überfahrt erreichen wir tags darauf Ibiza und ankern im Hafenbecken. Hier sind die Fahrtenschiffe, die wir seit Gibraltar vermißt haben. Wir erhalten Tipps, Prospekte und Kartenmaterial für die Balearen und eine sms unserer Tochter. Sie kommt nach Mallorca und wird dort Urlaub machen. So fällt die Besichtigung der schönen Insel Ibiza und ihrer Nebeninseln aus und wir fahren ohne weiteren Aufenthalt durch bis Palma de Mallorca. In der weiten Bucht von Palma finden wir einen schönen Ankerplatz mit Aussicht auf die Stadt. Hier bleiben wir einige Tage, schwimmen und machen Ausflüge per Schiff zu den Marinas rund um Palma. Am besten gefällt uns Palma selbst und so verlegen wir uns zur Ankunft unserer Tochter in den Hafen von Palma. Palma ist außergewöhnlich schön, nicht nur von See her, auch im Inneren gefällt uns die Stadt. Schöne Gebäude, gepflegte Restaurants und Geschäfte, ein riesiges Einkaufsviertel Carrefour, eine eindrucksvolle Kathedrale und an einer Fußgängerzone wird gebaut, hier könnte man sich wohl fühlen. Als sparsame Menschen suchen wir uns Liegeplätze an öffentlichen Piers oder bei Charterunternehmen. Hier gibt es immer wieder freie Plätze, nur muß man am Wochenende, wenn Charterwechsel ist, den Platz räumen. So machen wir Ausflüge, einmal nach Andratx und ein andermal nach Arenal. Der Clubhafen von Arenal ist schön und gepflegt, die anschließende Strandpromenade das Gegenteil. Auch Andratx hat uns nicht begeistert, man hat die Bucht mit vermieteten Bojen gefüllt. Die Hafenpromenade ist nicht schön und zur Besichtigung des Ortes können wir uns nicht aufraffen. Bei herrlichem Wind segeln wir schließlich in eine Ankerbucht südlich der Marina Colonia Jordi. Hier bleiben wir einige Tage, machen einen Ausfahrt nach Porto Colom und kehren in die Ankerbucht zurück. Der Urlaub unserer Tochter geht zu Ende und ein Gewittertief ist im Anmarsch. Wir erreichen rechtzeitig Palma und legen uns an den Pier 47. Gleich darauf fängt es an zu regnen und zu gewittern; es ist ein richtiges Unwetter, das über uns hinweg zieht. So geht es auch während der folgenden Nacht und dem folgenden Tag, als uns unsere Tochter verläßt. Schließlich bessert sich das Wetter, wir putzen das Schiff und haben große Wäsche. Wir segeln erneut nach Porto Colom und ankern in der rundum geschützten Bucht. Tags darauf geht es nach Cala Ratjada. Dies ist ein netter Ort und wir erleben noch eine Überraschung der angenehmen Art: die Liegegebühr beträgt 4,90 €, die niedrigste auf Mallorca, seit wir uns hier bewegen. Am nächsten Tag nehmen wir Kurs auf Menorca. Vor der Isle de Aire liegt ein zerschellter Katamaran. Wir ankern in der großen Bucht vor Mahon. Der Wetterbericht verspricht zwei ruhige Tage, aber danach soll der Wind wieder zunehmen. So legen wir um 8 Uhr ab und nehmen Kurs auf das 181 sm entfernte Alghero auf Sardinien. Den ganzen Tag lang sehen wir lediglich zwei entgegenkommende Segelschiffe; hier ist wirklich wenig Verkehr. Dafür sehen wir viele Delphine und einige Wale. Um 19.30 Uhr geht die Sonne unter. Es ist Neumond und so folgt eine lange stockdunkle Nacht. Schwarzer Himmel geht in ein schwarzes Meer über. Das Radarbild ist völlig leer; wir sind alleine. Das Navtex meldet: Ein tropischer Wirbelsturm war vor Portugal angekommen und schickt nun einen Ausläufer ins Mittelmeer. Wir sehen bereits das Leuchtfeuer nördlich von Alghero, sind 40 sm davon entfernt und ändern nun den Kurs. Wir fahren direkt auf die Fornelli-Passage zu, weil wir die Ostküste Sardiniens erreichen wollen, bevor uns ein möglicher Sturm überrascht. Um 7.30 Uhr geht die Sonne auf, es ist der Tag der Äquinoktien. Nun werden die Nächte länger als die Tage und die Tagesetappen deutlich kürzer. Wir fahren bei ruhigem Wetter durch die Fornelli-Passage; es ist eine schwierige Passage, die wir bei schlechtem Wetter nicht machen wollten. Am Nachmittag erreichen wir Castelsardo, 225 sm nach Mahon auf Menorca. Castelsardo ist ein malerisches Örtchen mit einem frisch erweiterten Hafen. Hier liegen zahlreiche Dauerlieger; auch uns bietet man einen günstigen Liegeplatz an. Aber wir wollen eigentlich weiter, hatten uns die Türkei als Ziel gesetzt. So legen wir am nächsten Morgen ab und fahren durch die Straße von Bonifacio. Sie macht ihrem schlechten Ruf alle Ehre. Bf. 6 von vorne erzeugte einen grässlichen Seegang, in dem sich unser Schiff immer wieder feststampft. Das hatten wir noch nie. Aber es geschieht alles einmal zum ersten Mal. Schließlich erreichen wir Porto Pozzo und machen an einer Boje fest. Am nächsten Tag besichtigen wir Porto Cervo, einen Hafen, der Maßstäbe gesetzt hat. Wir sind überrascht, wie klein er ist, nur die darinnen liegenden Schiffe sind groß. Aber man hat auch an Fahrtenschiffe gedacht. Vor der Mole sind schwimmende Gästestege angebracht, von wo uns ein freundlicher Marinero zuwinkt. Aber wir wollen weiter, heute wenigstens bis Olbia. Vor Olbia gibt es verschiedene Ankerbuchten. Wir ankern erst bei Potisco und später in Porto della Taverna. Nachts kommt heftiger Regen, Gewitter und Starkwind. Auch am nächsten Tag regnet es und der Wind frischt weiter auf. Der Wetterbericht berichtet von Bf. 8 und 9 für die Balearen und Sardinien und das Barometer fällt in Zacken nach unten. Wir brechen unsere Weiterfahrt ab und fahren in den Hafen von Olbia. Am Kai im inneren Hafen ist es ruhig, praktisch windstill, kaum zu glauben. Olbia ist ein angenehmer Ort; auch die Fahrtensegler rundherum sind angenehm. Wir können gut einkaufen und ich mache Ölwechsel. Nach zwei Tagen bessert sich das Wetter und wir fahren ins 73 sm entfernte Arbatax. Auch in Arbatax liegen nette Segler; mit uns kam ein französisches Schiff in den Hafen. Wir erfahren, daß sie nach Tunesien fahren wollen und in Hammamet einen Platz reserviert haben. Das ist für uns das Stichwort: wir haben den Plan, in die Türkei zu fahren, für dieses Jahr abgeschrieben. Nach Kroatien wollen wir wegen der vielfältigen Gebühren dort auch nicht mehr. Warum nicht nach Tunesien? Wir kündigen dem Trans-Ocean-Stützpunkt in Hammamet unser Kommen an und bitten um eine Platzreservierung. Wenige Stunden später kommt die positive Antwort. So fahren wir mit den freundlichen Franzosen am nächsten Tag nach Vilasinius, dem letzten Hafen auf Sardinien vor der Überfahrt. Von dort starten wir mittags um 12 Uhr und planen, am Morgen in Biserta anzukommen. Aber der Wind mit Bf.4 bis 5 aus E ist so günstig, daß wir überraschend schnell sind. Wir erreichen die Bucht von Bizerta am nächsten Morgen um 5 Uhr. Es ist stockfinster und im Radar tauchen mehrere unbeleuchtete „gefährliche Ziele“ auf. Sie entpuppen sich im Scheinwerferlicht als Fischereifahrzeuge, die Netze ziehen. Das ist uns zu gefährlich. Wir stoppen und wollen zusammen mit dem französischen Schiff aufs Tageslicht warten. Wir warten noch nicht lange, da erscheint ein Schiff der Küstenwache und kontrolliert uns. Man ist sehr höflich und als es dann dämmert, geleitet man uns in den Hafen von Bizerta zum Einklarierungssteg. Dort hatte man unsere Ankunft bereits gemeldet, so daß die verschiedenen Einklarierungsbeamten vor Ort sind und die beiden Schiffe schnell und ordnungsgemäß einklarieren. Wir sind in Afrika! Das Einklarieren hatte mehrere Beamte etwa zwei Stunden beschäftigt und dennoch kostete es nichts. Wie angenehm und ganz das Gegenteil von Kroatien. Unsere französischen Freunde wollen mit Rücksicht auf ihren Hund in Biserta bleiben, Wir dagegen legen mittags ab und fahren bis Sidi Bou Said. Die Marina von Sidi Bou Said ist der Yachthafen von Tunis und liegt genau an der Stelle des historischen Hafens von Karthago. Wir sind beeindruckt von der gepflegten Anlage. Am nächsten Morgen besucht die Kapitänin mit dem Laufzettel für unser Schiff die verschiedenen Behörden und meldet unsere Weiterfahrt nach Kelibia. Das hat nicht einmal etwas gekostet, freut sie sich. Kelibia ist keine Marina, sondern ein ziemlich schmutziger Fischereihafen, wo man uns längsseits an ein verlassenes Segelschiff legt. Aber auch hier erfreuen uns die einheimischen Menschen mit ihrer Freundlichkeit. Es gibt gute Einkaufsmöglichkeiten und nach einiger Zeit erscheint ein Hafenbediensteter und kassiert einen minimalen Betrag. Uns fällt noch auf, wie hart die Fischer arbeiten müssen. Sie kommen in den Hafen gerast, legen hastig an und versuchen so schnell wie möglich, ihre Beute in einer Markthalle an den Mann zu bringen. Das ist kein leichtes Leben und hat mit Romantik nichts mehr zu tun.
Hammamet in TunesienAm Tag darauf erreichen wir Hammamet. Es ist eine neue und gepflegte Marina mit viel Platz. Selbst die Kapitänin ist zufrieden und wir unterzeichnen den Liegeplatzvertrag für das Winterhalbjahr. Wir bleiben noch einige Wochen in Hammamet. Unsere Tochter kommt angeflogen und wir mieten uns einen Leihwagen, mit dem wir Ausflüge ins Landesinnere machen. Vor allem der Süden, die gebirgige Wüstenlandschaft und die Berbersiedlungen beeindrucken uns. Die Landschaft um Tatouine kommt uns bekannt vor, wir kennen sie als Wüstenplanet Tatouine aus den Star-War-Filmen. (Wird fortgesetzt) |
