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Karte gross
Brasilien -
Karneval in Salvador de Bahia

von Hanna und Dr. Joachim Hiebel, lycka-logo.jpg 132x46
E-Mail: HJ.Hiebel@web.de

Brasilien versinkt in Armut und Kriminalität; Raub und Diebstahl sind an der Tages-ordnung - so oder so ähnlich waren wir eingestimmt, als wir das erste Mal in Brasilien an Land gingen.

Doch was für eine Überraschung: In den Straßen Salvadors flanierten normale Menschen, sie lachten, redeten, gingen Bummeln und Einkaufen, saßen in den Pousadas und Restau-rants. Nur wir waren komisch: Vormittags waren Erledigungen angesagt: Einwanderungsbehörde, Zoll, Gesundheitsamt, Hafenbehörde, dann Einkaufen in den großen Shopping-Centern. Öde! Dann Hitze - Siesta.

Bis 16:00 Uhr war es uns zu heiß - um 19:00 Uhr war es bereits dunkel. Bei Dunkelheit wollten wir auf Lycka sein - aus Sicherheitsgründen. Also blieben uns am Nachmittag 3 Stunden, um uns umzuschauen. Die Zeit reichte deshalb nur für kurze Erkundungen; eigentlich nur bis zu einer Eisdiele in der Oberstadt und zurück.

Nach einer Woche hatten wir praktisch nichts gesehen von Brasilien. Das musste sich ändern. Also Ablegen und raus in die große Bahia de Todos os Santos - die Allerheiligen-bucht rund um Salvador. Und da fanden wir ein Stück Brasilien! Verschwiegene Buchten, malerische Strände, Palmenhaine, Urwald, schiffbare Flüsse ins Landesinnere, vergessene Orte, Märkte, zu denen die Brasilieros noch mit Maultieren geritten kamen, verfallene Kathetralen aus der Kolonialzeit. Und überall äußerst freundliche Menschen, hilfsbereit, zuvorkommend.

Langsam legte sich unsere Verkrampfung: Handscheinwerfer, Pfefferspray, Leuchtpistole, Knüppel, sie alle blieben nun im Schiff verstaut, auch wenn es dunkel wurde. Wir hatten eine herrliche Woche.

Und dann ging es zurück nach Salvador - in die Hochburg des Brasilianischen Karnevals (gesprochen: "Carnavau", so wie "Brasiu"; ein i am Schluss ist "u"). Die Vorbereitungen waren in vollem Gange, die Stadt erfüllt von lautstarker Musik. Wir wollten den Karneval so richtig erleben, also besorgten wir uns Karten für eine "Camerote" , mitten im Zentrum des Geschehens, in Barra. Camerotes sind Stehtribünen, entlang der Feststrassen, meist von grossen Hotels eingerichtet. Hinter den Tribünen im Hotelbereich gibt es dann Cafes, Restaurants, Ruhezonen, Nachclubs - und Toiletten. Jeder Besucher ersteht mit der Karte ein T-Shirt mit dem Emblem der Camerote - mehr Maskerade ist nicht!

So, und dann geht´s los. In Barra ist das um 18:00 Uhr.

wagen.jpg 300x304 Unsere Tribüne war gerammelt voll mit jungen Leuten der brasilianischen Oberschicht (hoher Eintrittspreis!) Auf der 4-spurigen Alleestrasse vor uns drängten sich Hunderttau-sende von Menschen, soweit das Auge reichte. Von links, noch ganz weit, näherte sich langsam ein rhythmisches Wummern. Dann tauchte aus einer Kurve weit hinten ein technisches Ungetüm auf: Ein riesiger schwarzer Lastzug, viele blitzende Frontschein-werfer, Kastenaufbau in doppelter Wagenbreite, auf dem Dach ein großer Dachgarten mit einer Band, 10-15 Mann, eine Trommlergruppe, Bläser, Gitarren, meist ein Solosänger/eine Sängerin, dazu Gogo-Girls. Im Kastenaufbau selbst riesige Strom-Generatoren, Versor-gungsräume. Die Wände auf beiden Seiten eine einzige Lautsprecherfront. 120.000 Watt Musikleistung! Die wurde von den Bands auch voll ausgenutzt.

band.jpg 300x225 Das ganze heißt "trio eletrico", eine spezielle Erfindung des Salvadorischen Karnevals. Sie geht zurück auf 2 Musikanten und ihren Fahrer, die vor 50 Jahren die tolle Idee hatten, im Karneval die Musik wieder auf die Straßen zurückzuholen. Sie starteten mit einem rührenden Kleinlaster und zwei Boxen (im Museum zu besichtigen). Heute spielen auf den fahrenden Bühnen die berühmtesten Bands: Olodum, Timbalada, Daniela Mercury, Gilberto Giul, Chiclete com Banana.

Die Menschen auf den Straßen kennen jedes Lied, begrüssen es mit frenetischem Geschrei und singen und tanzen mit bis zur letzten Strophe. Eine nimmermüde Begeisterung erfasst alle - jung wie alt. Vor und hinter den trio eletricos wogen die zugehörigen "Blocos", Fans der Band, mit einheitlichem T-Shirt, von der Menge draußen durch ein Seil abgetrennt. So ein Platz im Bloco für eine Nacht kann 400 Euros und mehr kosten. Der Begeisterung der Brasilianer tut das keinen Abbruch. Alle tanzen, singen, lachen, toben, küssen - und das viele Stunden lang, alles kunterbunt durcheinander. Und schon kommt das nächste trio eletrico mit seinem eigenen bloco... 20. 30. 40 trios sind unterwegs.

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Irgendwann um 3.00 Uhr in der Früh war es genug für uns. Wir begannen, uns durch die noch immer dichtgedrängte Menge Richtung Taxi zu arbeiten, Geldbeutel um den Hals gebunden und tief vorne in den Hosenbund gesteckt (damit man merkt, wenn sich jemand vergreift), Uhr und Fotoapparat am Körper angebunden, Hanna unsere Geldreserve im BH - Diebstahl unmöglich.

Um 4.00 Uhr waren wir aus dem dichtesten Gedränge raus, natürlich kein freies Taxi weit und breit, auch keine Touristen mehr, nur Einheimische. Also weiter zu Fuß, eine Bushalte-stelle mit tausenden Wartenden - weiter. Irgendwann ein Bus Richtung Marina, er hält für uns an. Es ist fast 6.00 Uhr, als wir auf Lycka sind. Was für ein Unterschied zwischen unseren vorsichtigen Gehversuchen am Anfang und unserem Karnevalerlebnis jetzt!

Am nächsten Abend besuchten wir den eher traditionellen Karneval im Pelourinho, dem Historischen Viertel Salvadors. Dort flanierten viele, viele Menschen mit Kindern durch die geschmückten Straßen. Manche hatten sich ein bisschen maskiert, zaghaft. Überall gab es etwas zu sehen, zu riechen, zu essen und zu trinken. Gaukler, riesige Figuren, 20 Meter hoch. Dazu konnte man verschiedenste Gruppen beobachten, die mit eigenen Kapellen durch die Straßen zogen, unorganisiert, nicht wie ein Umzug. Uns beeindruckten die Blocos Afros am meisten, die faszinierende Tänze zeigten. Das Ganze hatte den Charakter eines riesigen Familien-Straßenfestes. Die Atmosphäre war sehr ausgelassen - und trotzdem heiter und friedlich. Wir haben uns die ganzen fünf Tage, an denen wir teilnahmen, sehr wohl und sicher gefühlt.

Ein Vergleich zum Kölner Karneval, der uns als Altkölnern ja bestens bekannt ist?

Was das Kölner Schunkeln ist, ist in Salvador das ausgelassene, temperamentvolle Mittanzen. Die Musik hier ist Samba, Raggae, tropischer Pop mit Trommeln, heißen Rhythmen. In Köln eher Volksmusik mit bodenständigen Texten. Die Zuschauer hier sind nicht maskiert, sie nehmen über die Musik und das Singen und Tanzen teil. Seine besondere Note erhält der Karneval in Bahia durch das Rassenmix aus Schwarzen, Indianern, Euro-päern, das sich in der Vielfalt der Musik und der karnevalistischen Beiträge widerspiegelt.

Einen Umzug wie in Köln mit gesellschaftlichen und politischen Botschaften gibt es hier nicht - die einzige Botschaft ist Musik und gute Laune. Die Militärdiktatur ist wohl noch nicht lange genug beendet, die Demokratie noch nicht gefestigt genug für jedwede Demonstration (Die Vorbeifahrt der trio eletricos empfindet man nicht als Umzug).

Fazit: Kölner und Salvadorischer Karneval sind - jeder auf seine Art - unvergleichlich. Jeder hat was ganz eigenes, unverwechselbares. Wir haben gehört, dass es "den" Brasilianischen Karneval so nicht gibt. Olinda, Recife, Salvador, Rio - überall ist es anders. Wir sind deshalb schon jetzt gespannt, wie der sprichwörtliche Karneval in Rio sein wird - nächstes Jahr werden wir vielleicht dort sein.

Eure begeisterten Neu-Brasilianer
Hanna und Jochen Hiebel



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Letzte Änderung / Last change: Donnerstag, 13. April 2006