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Karte gross
Caño Manamo, Orinoco-Delta, Venezuela
Der ungewöhnliche Törn

von Lisa und Helmut Bedenig, SY. Alumine
E-Mail: English versionflag-uk.gif 40x29 without images.

Chaguaramas.jpg 300x209 Chaguaramas,
das große Yachtzentrum von Trinidad, war wie immer: heiß, schwül, das Wasser dreckig, die Marinas und Yards voll und jeder, der nicht gerade etwas am Schiff zerlegte flüchtete nach Venezuela. Nach einer Segelsaison zwischen den wunderbaren, aber total überfüllten Kleinen Antillen hatten wir Sehnsucht nach Einsamkeit.

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Zwischen Trinidad und Venezuela liegt, wie ein großer See, der Golf von Paria und gegenüber der Südwestspitze der Insel des Calypsos münden die nördlichsten Flüsse des gewaltigen Orinoco-Deltas. Genaue Seekarten über das Delta gibt es keine, das Schwemmland ist nie exakt vermessen worden. Es würde auch keinen Sinn machen, weil Sand und Schlamm ständig in Bewegung sind. Aber wir bekamen in Chaguaramas von zwei Seglern, die erst im vorigen Jahr im Macareo oder im Manamo unterwegs waren, und über Jack vom Seglermagazin "The Boca" handgezeichnete Karten und Wegpunkte.

Wir rüsteten die "Alumine" für die speziellen Ansprüche einer solchen Fahrt aus, fertigten eine Plane zum Regensammeln und ein großes Moskitonetz über das ganze Cockpit an.

Dann klarierten wir in Trinidad aus, segelten über den friedlichen Golf von Paria in den leider sehr schmutzigen und unangenehmen Fischerhafen von Güiria um uns in Venezuela anzumelden. Der Agent, ohne den hier gar nichts geht, schaffte es immerhin in einem Tag uns alle erforderlichen Stempel zu beschaffen, aber leider keine Fahrterlaubnis für den Macareo-River: "Wenn ihr da hinauf wollt, dann müsst ihr einen bewaffneten Führer an Bord nehmen, aber ihr dürft in den Caño Manamo." Damit hatten uns die Behörden die Entscheidung zwischen Macareo und Manamo abgenommen.

Zuerst segelten wir ein Stück an der einsamen Südküste der Halbinsel von Paria, immer an der 5m Linie entlang, vorbei an flachem grün überwuchertem Schwemmland, kleinen Stränden im Hintergrund begrenzt von hohen Bergen.
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Wir ankerten eine Nacht vor einer kleinen Ortschaft am Pta. de Piedras, eine zweite in der breiten Mündung des Rio San Juan vor einem Strand mit roten Ibissen und segelten weiter durch den spiegelglatten, unter der Hitze flimmernden, Golf von Paria nach Süden auf die, wie eine Fata Morgana über dem Wasser schwebenden Bohrinseln, zu. Der einheitlich schlammig braune Farbton des Wassers gab uns keine Möglichkeit die Wassertiefe zu schätzen und zu erkennen, ob sich vor uns vielleicht eine Sandablagerung aufgebaut haben könnte. Aber das Echolot zeigte konstant 5 m und sobald wir die roten und grünen Bojen der Einfahrt in den Rio Pedernales mit dem Fernglas entdeckt hatten, war die Navigation ein Kinderspiel.

Eine Spezialität der Flüsse eines Deltas ist, dass die Strömung des Flussarmes jeweils nach 6 Stunden seine Richtung ändert. 6 Stunden schiebt die Tide das Wasser bergauf, sechs Stunden fließt es mit dem Strom bergab, was sich bei dem durch den Damm gebremsten Manamo besonders stark auswirkt und leicht an den schwimmenden Inseln aus Wasserhyazinthen zu erkennen ist.

Bild2.jpg 300x225 Anfangs wand sich der breite Fluss zwischen dichten grünen Wänden aus Mangroven, unterbrochen von sandigen Flächen, auf denen Reiher, Ibisse und andere Stelzenvögel grasten, dann wurde er immer tiefer, die Farbe dunkler, fast so braun wie Coca Cola und der Schaum der Bugwelle hatte einen satten Gelbton wie alter Cognac.

Am Ufer standen vereinzelt Hütten der Warao-Indianer.

Hier ist ein Segelboot noch eine Sensation. In diesem Jahr waren wir die ersten und einzigen, mehr als eine Yacht im Jahr kommt selten in dieses einsame Gebiet. Besonders die Kinder freuten sich über die Abwechslung. Kaum hatten sie uns entdeckt, sprangen sie in ihre Einbäume und ruderten zu uns, um sich das ungewohnte Gefährt näher zu betrachten. Auch die Kleinsten waren sehr geschickt im Umgang mit den Kanus und unglaublich schnell unterwegs. Mit einer Geschwindigkeit von drei Knoten konnten sie leicht mithalten. Die Kinder lernen paddeln und schwimmen, bevor sie noch richtig laufen können. Als wir zu einer Ansiedlung kamen, liefen alle Kanus aus. Man zeigte uns Körbe, Halsketten, geschnitzte Tiere aus Holz, aber wir winkten ab, denn wir wollten die Tide nutzen und deuteten, dass wir wieder zurück kommen werden, was ohnehin klar ist, da der Manamo eine Sackgasse ist, seit es den Staudamm gibt.

Bild6.jpg 450x271Polafito
Hier leben die Waraos noch in Palafitos, Pfahlbauten ohne Wände wie vor 300 Jahren. Sie schaukeln sich in ihren Hängematten, im Schatten der gewaltigen Dächer aus Palmwedeln, die bis fast zum Fußboden reichen, genießen die kühle Brise und beobachten das schwimmende Grünzeug, das langsam in der Strömung des Manamos treibt.
Bild4.jpg 300x225Alles was um sie wächst oder schwimmt wird verarbeitet, die Wedeln der Palmen für Körbe, die Fasern zum Weben von Hängematten und Seilen, die Kerne und Samen für Halsketten, das weiche Holz zum schnitzen von Tierfiguren. Aus Pflanzenölen schmelzen sie Wachs für Kerzen und die verschiedenen Naturmedikamente, die sie aus allen Teilen von Pflanzen herstellen sind längst noch nicht alle von der modernen Wissenschaft erforscht.

Bild3.jpg 300x230 In einem schmalen Seitenarm liegt die Orinoco-Delta-Lodge, wo wir es uns für die nächsten Tage mit dem Moskitonetz über dem Cockpit gemütlich machten und wie die Einheimischen die grünen Inseln aus Wasserhyazinthen beobachteten, die langsam mit der Strömung den Bach hinunter trieben, ein Weilchen still standen, um dann laaangsaam mit der Tide wieder den Berg hinauf zu treiben. Wer zu Hause einem Nervenzusammenbruch nahe ist, dem kann man diese Gegend wärmstens empfehlen.

Wir gingen jeden Tag essen, schaukelten im Schatten des riesigen Daches in der Hängematte und tratschen mit den Touristen, hauptsächlich Deutsche, die in einem Hotel in Margarita einen Ausflug in das Orinoco-Delta gebucht hatten.

Ein Boot der Lodge brachte uns nach Tukupita, der Kreishauptstadt. Für eine Segelyacht ist die Weiterfahrt durch drei tief hängende Stromleitungen versperrt. Am Weg flussaufwärts kann man die Entwicklung beobachten, die den Waraos leider bevorsteht. Die schönen Palafitos mit den luftigen Dächern mussten scheußlichen Schachteln aus Holz, Stein, Beton, mit den üblichen rostigen Wellblechdächern weichen und die eleganten Bongos wurden durch unförmige Kunststoffschüsseln mit überdimensionalen Außenbordern ersetzt. Tukupita ist das hässlichste Nest, das uns jemals unter gekommen ist. Läden mit Ramsch aus Fernost, stinkende Mistkübel und Rostlauben. Die Männer tragen Jeans und T-Shirts, die Mädchen bunten geschmacklosen Talmi und sie werden immer fetter durch die ungewohnte Kost.

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Am Weg stromabwärts von der Lodge, zurück zur Mündung ließen wir uns Zeit, ankerten wo es uns besonders gut gefiel.
Zwei Buben in ihren Bongos riefen für uns die rosa Süßwasser-Delfine. Sie klatschten mit dem Paddel aufs Wasser und gurrten wie Tauben. Nach kurzer Zeit platschte es rund um uns, hoch sprangen die Delfine aus dem Wasser und hatten anscheinend genau so großen Spaß dabei, wie wir und die Kinder. Wir verteilten die kleinen Geschenke, die wir für die Kinder mitgebracht hatten, bunte Zahnbürsten, Haarspangen, Stifte, Angelleinen und Haken, und viele andere Kleinigkeiten. "Bitte keine Süßigkeiten," hatte man uns gewarnt." Die empfindlichen Naturkinder vertragen unsere Kost nicht."

Langsam glitten wir durch schmale Seitenarme, bewunderten die bunten Schmetterlinge und Libellen, die weißen und blaugrauen Reiher, die roten Ibisse und die zauberhaften Spiegelungen im dunklen Fluss.

An der Mündung zwischen Rio Pedernales und Manamo wird vom Besitzer der Lodge gerade ein Fischer-Camp errichtet. Sieben Bungalows und ein Restaurant sollen in einem Monat fertig sein. Begeisterte Angler werden an dem Fischreichtum auf See, im Brackwasser und im Fluss ihre Freude haben.

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Für Segler, die von Süden kommen kann dieser, in jeder Hinsicht absolut sichere Platz ein willkommener Zwischenstop werden. Der Ankergrund ist ausgezeichnet, der Weg zum Fischercamp durch die Tonnen leicht zu finden und die Wassertiefe von mindestens 5 m in der Fahrrinne reicht auch für große Yachten. Das Camp will in Zukunft auch die Einklarierungsformalitäten erledigen.

Im Camp gibt es leider noch keine Emailadresse, aber sie wird, sobald das camp in Verwendung ist sicher unter der folgenden Adresse veröffentlicht werden.

Camp und Lodge können natürlich auch ohne eigenes Boot besucht werden.

Für alle, die etwas mehr über die Orinoco-Delta-Lodge und andere Ausflüge ins Landesinnere von Venezuela wissen möchten:
www.think-venezuela.net
www.orinocodelta.com
Tel:++58-414-9890452 | Orinocodelta@cantv.net

Infos für alle, die es genauer wissen wollen:

Ein und Ausklarieren:
Um das Aus und Einklarieren kommt man nicht herum, die Papiere müssen in Ordnung sein, kontrolliert wird man sofort von der Flusspatrouille. Die Burschen sind nett und korrekt, eine Dose Bier wird gerne genommen. Einklarieren und Ausklarieren in Güiria ist stressig und teuer (80 US$ für unsere 38 ft Yacht, für zwei Personen, allgemeine Gebühren und englisch sprechenden Agenten "Pier 1", Dauer jeweils ein Arbeitstag.)

"Pier 1" Büro Acosta Asociados in der Calle Bolivar No 33, das ist auch das Büro, wo man die Karten für die Fähre nach Trinidad bekommt.

Besser ist das Einklarieren in der Orinoco-Delta-Lodge (Port of Entry Tukupita) oder in Zukunft im Fischer-Camp in der Einfahrt durch Besitzer Hani (voraussichtlich 60 US$).

Wegpunkte

Positionen: aufgenommen mit WGS84 GPS Shipmate Robertson RS 5700
Güiria: Ankerplatz im Hafen 10°34,32 N 062°17,54 W
Ankerplatz: Pta. de Piedras 10°32,90 N 062°23,75 W
Ansteuerungstonne Rio Pedernales 10°03,86 N 062°07,29 W
Grüne Tonne No 3 10°33,79 N 062°08,18 W
Grüne Tonne No 5 10°03,66 N 062°08,56 W
Fischer-Camp-Lodge 09°57,00 N 062°16,36 W
Abzweigung Cano Manamo
Delta-Orinoco-Lodge
09°23,57 N 062°22,43 W
Delta-Orinoco-Lodge 09°22,73 N 062°22,54 W


Von der Ansteuerungstonne durch den Rio Pedernales zum Fischer-Camp (hier beginnt der Cano Manamo ) und den Cano Manamo aufwärts bis zur Abzweigung Delta-Orinoco-Lodge sind es ~55 Sm. Fahrzeit mit Flut 9 - 10 Stunden.

Flussabwärts ankerten wir noch vor einem kleinen Camp in einem Seitenarm:
Camp Boca de Tigre: 09°34,2 N 062°26,4 W

Auf was man bei diesem ungewöhnlichen Revier besonders achten muss:

Der Sand, das Geschiebe in der Mündung ist ständig in Bewegung, die Karten stimmen nicht zuverlässig, aber der Grund ist weich und steigt nur sehr langsam an. Gefährlich ist es also nicht, aber ein gut funktionierendes Echolot, eventuell ein Handlot, sollte man schon haben. Wenn man einmal bei den Bojen ist, dann ist der Fluss tief genug, Anfangs 5m, später bis zu 25m. Vorsichtig muss man in den Innenkurven sein. Ein Buddy-Boat ist ein großer Sicherheitsfaktor.

Probleme gab es eher durch die treibenden Wasserhyazinthen und Grasinseln, die sich um die Ankerkette wickeln, um den Propeller winden oder am Ruder festsetzen können. Während der Fahrt konnten wir ausweichen. Durch Ruderlegen ist das auch vor Anker möglich, aber nachts wollten wir lieber schlafen als Hyazinthen - Wache gehen und einmal hatten wir das Grünzeug um die Propellerwelle gewickelt und wir mussten sie mit einem scharfen Messer von dem Gewirr aus Wurzelfasern befreien. Es lässt sich zwar leicht wie Gemüse schneiden, aber in dem dunklen Wasser konnten wir keinen Zentimeter weit sehen und nur tastend erahnen, was zu tun war. In der Strömung war das ein hoffnungsloses Unterfangen, wir mussten bis zum Ebbe-Flut-Wechsel warten, aber dann hatten wir in wenigen Minuten den Propeller wieder frei. Zum Glück kann man, wenn so etwas unterwegs passiert, sofort überall ankern. Wir hatten den Anker immer startklar am Bug liegen. Ein Knopfdruck auf die Fernbedienung ließ ihn sofort ins Wasser rauschen, der Ankergrund ist überall fantastisch, die Tiefe kein Problem. Die Piranhas hatten uns zum Glück nicht am Speiseplan.

Insektenplage:
Gute Moskitonetze, genug Spray, Repellent und Antihystamin-Creme sollte man unbedingt ausreichend mithaben. Moskitos fliegen zum Glück nur in der Abenddämmerung. Wenigstens ein Hemd mit langen Ärmeln, lange Hosen und dicke Socken für den Abendbesuch im Restaurant oder an der Bar braucht man. An Bord kann man die abendliche Attacke leicht mit einem Netz beherrschen, auch die riesengroßen Bremsen und die exotischen schwarzen Deltaflieger. Die grässlichen No-see-ums, winzig klein und ekelhaft beißend, kommen leider durch jedes Netz, aber die gab es zum Glück nur im Brackwasser in Ufernähe. Im Fluss selbst war es erstaunlich friedlich.

Nutz und Trinkwasser:
Regen hatten wir zu unserer großen Verwunderung keinen, schwarze Wolken zogen vorbei, es blitzte und donnerte hin und wieder, aber zum Sammeln war es nie genug. Das Flusswasser wird von den Indios zum Trinken direkt aus dem Fluss geschöpft. Wir haben es zwar nicht als Trinkwasser verwendet, aber für alles andere. Wenn man es filtert und ein paar Tropfen Chlorbleiche zufügt wird es klar.

Essen und Versorgung:
Zu einem angemessenen Preis (8-10 US$) kann man in der Lodge ein komplettes Menü bekommen (Gemüsesuppe, Fisch oder Fleisch, Beilagen, Gemüse oder Salat und frische Früchte als Dessert)
Getränke kosten:
  • Softdrink 2000 bol
  • Bier 2500 bol
  • Auch Wein, Rumpunsch und alles andere ist in der Lodge erhältlich.
    Sogar ein Internet-Anschluss über Satellit ist vorhanden!!
    Geldwechsel ist auch in der Lodge möglich.
  • Im August 2005 bekamen wir 220.000 bol für 100 US$
Andenken, Handarbeiten von den Waraos:
  • Die handgearbeiteten Ketten, Armbänder, Körbe u.s.w. kosten entweder 3, oder 5 oder 10.000 bol.
  • Die breiten, sehr bequemen Hängematten von 120.000 bol aufwärts.
  • Die meisten Indios können nicht rechnen, verstehen kaum spanisch und schon gar nicht englisch. Sie wollen einen Schein in einer bestimmten Farbe und sie können nicht herausgeben. Kleingeld ist also wichtig, wenn man etwas mit nach Hause nehmen will.
Kleine Geschenke nehmen sie gerne an:
  • Malkasten, Buntstifte, Ölkreiden, Kugelschreiber
  • Haarschmuck
  • Lustige Kleinigkeiten für Kinder, Jojos, Luftballons, Windräder
  • Bunte Baumwollstoffe, Nähzeug
  • Angelleinen 10 m für 60 Pfund
  • Angelhaken Nr. 6 oder 7
  • Alte Illustrierte, Geo-Hefte, es muss nicht spanisch sein. Wenn sie es nicht lesen können macht das nichts, sie lieben die bunten Bilder.
  • T-Shirts, Sandalen, Plastikbecher, was an Bord entbehrlich ist.
  • Für alles gilt, je bunter um so besser.
  • Bitte, bitte, keine Süßigkeiten!!!
Befahrbar ist der Manamo das ganze Jahr über. Wir waren im August unterwegs, also mitten in der Regenzeit.
An alle, die sich zu diesem, etwas anderen Ausflug entschließen:
Wir wünschen Euch einen wunderschönen Törn und hoffen, dass es Euch genau so gut gefällt wie uns.

Helmut und Lisa von der "Alumine".



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Letzte Änderung / Last change: Samstag, 08. Oktober 2005