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Abenteuer Patagonien
von Maria u. Klaus Häussler, SY "Ludus amoris"
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Teil I: Auf dem Weg nach Süden Teil II: Puerto Williams und Ushuaia Teil III: In den Kanälen Teil I: Auf dem Weg nach Süden Seit unserer Ankunft in Valdivia waren wir damit beschäftig, "Ludus amoris" für die lange Fahrt nach Feuerland vorzubereiten. Die Maschinenwartung war überfällig. Da wir lange Motorpassagen erwarteten, wurde der Wärmetauscher gereinigt, der Keilriemen gewechselt und eine neue Kühlwasserpumpe eingebaut, deren Lager nicht mehr einwandfrei arbeitete. Die Seewasserpumpe erhielt einen neuen Impeller und Diesel- und Ölfilter wurden gewechselt. Genua und Fock hatten auf der Offshore Passage von Ecuador nach Valdivia gelitten. Wir brauchten einen Segelmacher und hofften, dass ALWOPLAST in Valdivia die Segel reparieren könnte. Aber das war wohl nicht mehr der Fall. Und auch in Puerto Montt gab es keinen Segelmacher. Schließlich wurden wir in Santiago de Chile fündig. Aber das war eine Tagesreise entfernt. Wir kombinierten unseren Aufenthalt dort mit einer Inlandreise. Die Segel wurden uns später in guten Zustand nach Valdivia zurückgeschickt. Die Adresse des Segelmachers: PROA Christian Barraza Leemhuis Ventura Lavalle 381 Santiago de Chile info@proa-proa.cl Tel: 09-719 4001 Die Frage war, wie wir das Problem mit den Shorelines lösten. In den vielen engen Caletas im stürmischen Süden liegt man vor Buganker und 2 Landleinen, weil schwojen nicht möglich ist. Es war nicht einfach, überhaupt die richtigen Leinen zu finden. Die Ferreterias verkauften Leinen bis maximal 70 m. Wir brauchten aber mindestens 100 m Länge. Selbst in Puerto Montt konnten wir nicht das richtige Material auftreiben. Es gab nur das grobe geschlagene Tauwerk für Fischer. Schließlich kamen wir zu Herrn Nuss, der die Ferreteria SUR in Valdivia betreibt. Er spricht Deutsch. Und er telefonierte Stunden, bis er einen chilenischen Hersteller fand, der uns die passenden Schwimmleinen aus Polypropylen fertigte: 2 mal 100 m, 16 mm. Wir bezahlten 110 000 Pesos. - Die Frage war nun, wie die Leinen gefahren werden sollten. Es gab natürlich die Möglichkeit, aufwendige Rollen am Heck oder an den Seiten zu installieren. Das ist teuer. Und wir wollten nicht ewig mit diesen Rollen durch die Welt segeln. Deshalb machten wir uns Mashbags, also Körbe aus Maschenmaterial mit einem Durchmesser von 60 cm. Für den Boden und die obere Öffnung ließen wir uns aus starkem Edelstahldraht einen Ring anfertigen, den wir in das Maschenmaterial einflochten. In diese Mashbags stellten wir Eimer, um die wir problemlos die langen, unhandlichen Leinen ab- und aufwickeln konnten. Dieses kostengünstige Prinzip bewährte sich bestens Diesel besorgten wir uns an einer Straßentankstelle und transportierten die Kanister per Taxi zum Yachtclub. Für den Eiokauf von Lebensmittel ist Valdivia bestens geeignet. Es gibt Hipermercados wie z.B. "Leader". Später kann man nochmals in Puerto Montt oder in Castro an der Südspitze der Insel Chiloe bunkern. Dann aber kommen lange Durststrecken bis Chacabuco und Puerto Eden. Für die Navigation gibt es einen Atlas Hidrografico von der Chilenischen Armada, der sämtliche verfügbaren Karten beinhaltet. Deshalb ist es auch ein dicker Wälzer mit den Massen 48 mal 34 cm. Er ist unerlässlich. Allerdings braucht man ein gutes Vergrößerungsglas, weil die Tiefenangaben sonst nicht lesbar sind. Und: nicht selten besteht eine Ungenauigkeit bis zu 2 sm! Aber man hat keine Wahl - es gibt nichts Besseres. Preis ca. 100 US$. Bisher gab es 1 Guide vom RCC England: Chile - Arica Desert to Tierra del Fuego. Wir haben die erste Edition, die recht schnoddrig gearbeitet ist. Es gibt zu viele Fehler. Preis: 70 US$ Deshalb ist der neue Guide von Mariolina Rolfo und Giorgio Ardrizzi ein Segen: Patagonia & Tierra del Fuego, Nautical Guide. Das Buch ist sehr detailliert gearbeitet mit unendlich vielen Anchorages. 720 Seiten Ein Muss! Preis: 120 US$. Alle Bücher sind erhältlich in Valdivia in der Libreria Chiloe. Bei der Armada in Valdivia gaben wir eine detaillierte Liste ab mit allen möglichen Kanälen bis Puerto Williams, die irgendwie in Frage kamen als Reiseroute. Es ist sinnvoll, die Liste sehr vollständig zu gestalten, denn die Armada legt einen fest auf die einmal getroffene Wahl. Es gibt im Süden einige Kanäle, die verboten sein sollen, weil sie nicht offiziell kartografiert sind. Wir schrieben sie dennoch dazu - und sie wurden nicht eliminiert. Es war der 3. Oktober, als die Armadavertreter vorbeikamen und uns das erforderliche Zarpe brachten. Sofort machten wir uns auf den Weg nach Süden. Früher macht es wenig Sinn, weil das Wetter noch zu unstabil ist. Wir motorten den Fluss hinunter und ankerten erst mal hinter der Isla Mancera vor der Flussmündung. Zwei Tage später verkündete Puerto Montt Radio Nordwest 20 Knoten. Maria kündigte über VHF unsere Abreise an und wir motorten aus der Corrall Bay auf den offenen Pazifik. Dann aber rief uns die Armada zurück an ihre Pier. Es war nicht klar, warum. Als wir anlegten, kamen drei freundliche Armadaleute an Bord, um nochmals alles aufzunehmen, was sie längst wussten und in ihren Computern gespeichert hatten: Namen, Bootsdaten, Reiseziel, und worüber wir uns wunderten: ETA in Puerto Williams am 22. Dezember. Das zeigte uns, dass die Jungs hier keine Ahnung hatten von der Seefahrt. Aber sie waren, wie immer übrigens, sehr freundlich. Und es waren nur 2 Stunden Verspätung, die wir uns dadurch einhandelten. An dieser Stelle ein Wort zur Armada. Sie ist eine mächtige Institution in Chile und kontrolliert jeden Schritt von jedem Schiff, das sich bewegt, ob inländische Fischer oder Segler oder Frachter. Zweimal täglich, morgens um 08.00 und abends um 20.00, muss man bei Puerto Montt Radio einchecken auf 4146 kh. Das Procedere ist reines Chaos, denn alle Schiffe wollen sich gleichzeitig melden. So bedarf es einiger Geschicklichkeit, sich Gehör zu verschaffen. Und das auf spanisch! Aber man gewöhnt sich rasch daran und kennt nach einiger Zeit auch die Tricks. Wer sich nicht meldet, läuft Gefahr, dass er gesucht wird. Denn dann wird ein Notfall vermutet. Das ist auch die Begründung der Armada: Für Ihre Sicherheit! Ob da wohl noch mehr dahinter steckt? Nach dem Check in bringt Puerto Montt Radio einen Wetterbericht für die einzelnen Zonen Chiles.. - Erst ab der Maghellan Strait ist Maghellanes Radio auf derselben Frequenz, aber 1 Stunde später, zuständig. Auch diese Station bringt das Wetter für alle Zonen. Darüber hinaus für die einzelnen Kanäle im Süden sehr detaillierte Angaben. Im Beagle Canal dann gibt es viele Armada Stationen, die jedes Schiff anrufen, das vorbeikommt. Schiffsname, Zahl der Passagiere, Rufzeichen, Bestimmungsort, Ankunftszeit. Vielen Dank für Ihre Auskunft. Zurück zu Channel 16. Die Offshore Passage zum Canal Chacao war ungemütlich. Der NW hatte sich nicht eingestellt und wir kämpften uns gegen eine raue See nach Süden. Als wir den westlichen Eingang des Canals überquerten, um in Puerto Ingles an der Nordspitze der Insel Chiloe Schutz zu suchen, wurde deutlich, welcher ernorme Tidenstrom hier herrschte. Die Tidenangaben entnahmen wir unserem Computerprogramm wxtide 32. Bevor wir am nächsten Morgen in den Canal einfuhren, erfragten wir bei Corona Radio die günstigste Zeit für die Passage. Sie stimmte mit unseren eigenen Informationen überein. Dann zog es uns mit 11 Knoten durch die Enge und 2 Stunden später waren wir am östlichen Ausgang des Canals angelangt und konnten auf die Isla Mechuque Kurs nehmen. Endlich war der NW mit 20 Knoten da und wir segelten in geschütztem Gewässer auf der Ostseite der Insel Chiloe. Die Sonne schien, und in der Ferne sahen wir die Schneeberge Patagoniens verheißungsvoll leuchten. Am Südende der Insel Chiloe liegt der Hauptort Castro. Dort ist die letzte Gelegenheit, nochmals Diesel, Wasser und Lebensmittel zu bunkern für die nächsten 2 Wochen. Man liegt direkt vor der Armada und kann ihr Dingi-Dock benutzen. In der Stadt gibt es Internet Cafes, Reparaturwerkstätten und die letzte Möglichkeit, sich Ersatzteile zu besorgen. Wir kauften uns noch einen Ersatzkeilriemen. Noch war die Landschaft grün und erinnerte stark an Irland. Wir sahen die ersten Pinguine, einige Otter und Seehunde. Das Wetter war sehr wechselhaft. Immer häufiger gerieten wir in starken Regen und die Wolken lagen so tief, dass von den Bergen nichts mehr zu sehen war. Abends vor Anker sorgte unser Dickinson Dieselofen für eine gemütlich Wärme. - Auf dem Weg nach Estero Tic Toc kam uns das Armada Schiff "Chiloe" im Nebel entgegen. Rasch machten wir Kanal 16 an und wurden auch schon gerufen. Kanal 16 ist 24 Stunden obligatorisch. Uns stört das ständige Gequassel und wir schalten schon mal ab. Aber nun hatten sie uns dabei erwischt. Freundlich, wie sie sind, meinten sie nur, wir hätten wohl Probleme mit unserem Radio. Ob sie uns helfen könnten. Wir entschuldigten uns damit, dass wir sie bei laufender Maschine nicht gehört hätten. Zum ersten Mal benutzten wir in der Bahia Juan Yates unsere Shorelines. Es war windstill und somit geeignet zum Üben. Während Maria die Leinen kinkenfrei durch die Heckklampen schleuste, ruderte ich mit dem Dingi zu den ausgewählten Bäumen, wo wir die Leinen festmachen wollten. Erst aber war eine waghalsige Kletterei angesagt, um an dem steilen Ufer an die Bäume zu gelangen. Hier wollte ich nicht ins kalte Wasser fallen! Der Tidenhub war etwa 2 m. Es war also sinnvoll, den Knoten soweit entfernt vom Baum zu machen, dass ich ihn später vom Dingi aus lösen konnte, ohne nochmals die Klettertour machen zu müssen. Für das Festmachen an Felsen hatten wir 5 m lange Kettenstücke vorbereitet. Wir stellten fest, dass unsere Methode funktionierte, dass es aber noch einiges zu verfeinern gab. Wenn Rachas mit 50 Knoten einfallen, muss alles sehr schnell gehen. Es war inzwischen der 18. Oktober. Das Wetter war sehr schlecht - Regen und Nebel. An diesem Abend wollten wir in einer Caleta der Isla Refugio frei ankern. Langsam liefen wir in die Bucht ein. Obwohl es Kelpfelder gab, war noch genügend Wassertiefe vorhanden. Mitten im Ankermanöver gab der Propeller ein seltsames Geräusch von sich. Maria legte sofort den Leerlauf ein. Ein Blick in den Maschinenraum gab keinen Hinweis auf eine Störung. Es musste außen am Propeller selbst liegen. Wir ließen das Dingi zu Wasser und erkannten sogleich, dass der Propeller mit irgendetwas umwickelt war. Mit dem Bootshaken konnte Maria glücklicherweise rasch das Problem entfernen: ein Knäuel aus Fischernetzen und -leinen und Angelhaken. Es war im Kelp unsichtbar versteckt gewesen. Wir hatten Glück, dass es sich noch so leicht lösen ließ. Die Landschaft änderte sich. Das üppige Grün des Nordens wich langsam einer kargen Vegetation. Der Wald wurde dürftig und reichte nicht mehr sehr hoch. Immer häufiger bestimmten kahle Felsen mit rauschenden Wasserfällen das Bild. Und noch etwas war auffällig: in jeder noch so kleinen, geschützten Caleta waren Fischfarmen installiert. Manchmal blieb kaum Platz zum Ankern. Ein riesiges Geschäft! Nun wurde uns auch klar, warum man in Alaska sauer war auf die Chilenen: sie drücken die Lachspreise mit ihrem Überangebot. Wenn man allerdings für möglichst ungeregelten Markt ist, muss man das akzeptieren. Auch in Alaska, also USA. Chacabuco ist etwa auf halber Strecke zwischen Puerto Montt und Puerto Williams. Hinter dem Ort gibt es eine sehr geschützte Anchorage, die jedoch nur bei Hochwasser zu erreichen ist. Im Italian Guide sind Waypoints angegeben, mit deren Hilfe man problemlos die Einfahrt finden kann. Das Problem liegt darin, rauszufinden, wann Hightide ist. Chile hat Sommerzeit. Und die Armada hat große Schwierigkeiten, bei Anfrage die richtigen Zeiten zu nennen. Man weiß nicht, ob in ihrem Computer die Zeiten nach UTC oder in lokaler Sommer- oder Winterzeit angegeben ist. Manche Yacht hat deshalb schon mal Grundberührung bei der Einfahrt. - Der Ort selbst gibt nichts her. Aber man kann von der Tankstelle Diesel bekommen, der sogar per Tankwagen an den Strand geliefert wird. Will man einkaufen, muss man den Bus nach Aysen nehmen. Dort finden sich Supermärkte mit beschränktem Angebot und Internet Cafes. Wir zogen es vor, für den Grosseinkauf mit dem Bus nach Coyaique zu fahren. Dort ist alles erhältlich. Und die Fahrt - etwa 2 Stunden - führt durch eine wunderschöne Landschaft in die Berge. Eigentlich wollten wir die Hotsprings der Isla Cinco Hermanos besuchen. Als wir uns dort näherten, stellten wir fest, dass die Ankermöglichkeiten verbaut waren mit Fischfarmen. Eine herbe Enttäuschung! Kurz nachdem wir Chacabuco verlassen hatten, hatten wir den Eindruck, dass mit unserem Ruder etwas nicht in Ordnung war. Die Stellung des Ruderblattes stimmte nicht mehr mit der Anzeige des Autopiloten und dem Quadranten überein. Nach einigen Überlegungen war uns klar, dass das Ruderblatt am Ruderschaft keinen Halt mehr hatte. Und so, wie es konstruiert ist, musste der Keil bzw. die Feder gebrochen sein. Das war ein schwieriges Problem. Denn zur genauen Untersuchung und Reparatur musste das Schiff aus dem Wasser. Das war erst in Ushuaia möglich. Oder wir entschieden uns für den Rückweg nach Puerto Montt. Da es etwa dieselbe Strecke war, entschlossen wir uns, weiter nach Süden zu gehen. Unter allen Umständen mussten wir Druck auf das Ruder vermeiden. Das war deshalb schwierig, weil wir noch manche Außenpassage bewältigen mussten, vor allem zum Golfo den Penas und den gefürchteten Golfo selbst. Und Segeln war eigentlich nur noch mit genau achterlichem Wind möglich. Unser Programm reduzierte sich somit auch auf den kürzesten und sichersten Weg nach Süden. Wir stellten fest, dass das Ruder auf dem Schaft bis zu 20 Grad nach jeder Seite ohne Halt war. Dann griffen wohl die Krümel des Keils. Wie auf rohen Eiern bewegten wir uns von nun an. Die Windsteuerung "Monitor" funktionierten wir zu einem Notruder um, das wir vom Cockpit aus mit dem Ruderrad bedienen konnten. Längst waren wir allein. Seit Wochen - außer in Orten wie Chacabuco - sahen wir keine Menschenseele. Selbst die Begegnung mit Fischern kam einer Sensation gleich. Die Landschaft war faszinierend. Die Berge wurden höher, die Felsen steiler und kahl. Mächtig Wasserfälle rauschten ungebremst in die Tiefe und nahmen nach Regenfällen enorme Größen an. Unsere letzte Anchorage vor der Ozeanpassage zum Cabo Raper war Puerto Millabu, ein tiefer Fjord mit hochragenden glatten Felswänden, etwa 2 sm tief. Ein großartiges Versteck. Aber auch anfällig für die gefürchteten Rachas, die Fallwinde, die mit Hurrikanstärke heranbrausen und fliegendes Wasser erzeugen. Hier lagen wir, machten Spaziergänge am Strand bis zum undurchdringlichen Dickicht und warteten, bis wir günstige Winde bekamen. Die wurden angesagt und wir verließen diesen spektakulären Ankerplatz und motorten hinaus auf den Ozean. Der Wind kam von vorne, sollte aber laut Ankündigung bald nach NW drehen. Der Schwell von den vergangenen Starkwinden war beträchtlich. Wir setzten Segel und segelten bei leichtem Südwind so gut es ging hart am Wind. Leider kam der NW nie. Im Gegenteil: Strom und Wind kamen immer genau aus der Richtung, in die wir wollten: Golfo de Penas. Zwei Tage quälten wir uns gegen an. Und eigentlich mussten wir froh sein, dass es nicht stärker blies. Also beklagten wir uns nicht. Dann, am dritten Tag bogen wir in den Golf ein, der wegen seiner Starkwinde und des bösen Schwells gefürchtet ist. Heute aber war er spiegelglatt und wir motorten in einer herrlichen Landschaft den Patagonischen Cordilleren entgegen, deren Gletscher blau herüberblinkten. Eine Orca-Familie mit einigen Kälbern und einem mächtigen Leittier kam uns entgegen. Respektvoll gingen wir aus dem Weg. Am Abend des 7. November ankerten wir in der Caleta Ideal. Das wohl schwierigste Stück der ganzen Reise nach Süden hatten wir ohne Probleme hinter uns gebracht. Jetzt waren wir da, wo für Erich und Heide Wilts das eigentliche Patagonien anfängt. "Eines der schönsten Reviere der Erde", sagen sie. Aber auch unnachgiebig und ohne Nachsicht. Hier ist man völlig auf sich selbst angewiesen. Hilfe kommt, wenn überhaupt, nur spät. Ein Beispiel der letzten Tage des Jahres 2005 soll das verdeutlichen: Es gibt für diese Region um 09.00 LT das "Patagonia Cruisers' Net", betrieben auf freiwilliger Basis und mit erheblichem Aufwand von Wolfgang, der mit seiner Frau Gabi auf der Yacht "Wilde Mathilde" um die Welt unterwegs war und hier hängen geblieben ist. Er macht einen sehr sorgfältigen und angenehmen Job. Yachten aller Nationalitäten beteiligen sich an der täglichen Funkrunde und der Zweck besteht vor allem darin, einen sehr guten Wetterbericht für das Gebiet von Valdivia bis Buenos Aires für die Segler zu senden und den Yachten in Notsituationen behilflich zu sein. So gab es eine französische Yacht "Nouvelle Breeze" die regelmäßig morgens teilnahm, nun aber seit 2 Wochen nicht mehr zu hören war. Für Wolfgang, der täglich die Liste der Yachten abarbeitet, war das ungewöhnlich und er bat die Armada, die Suche aufzunehmen. Einige Tage später wurde die Yacht gesichtet in der oben beschriebenen Caleta Millabu. Auf dem Boot hatte sich eine Gasexplosion ereignet, es war mit Wasser vollgelaufen und die Frau des Skippers hatte Brandverletzungen am Oberarm. Die zwei Personen wurden abgeborgen und von der Armada versorgt. Das war nur mit Hilfe des "Patagonia Cruisers' Net" möglich gewesen. - Es erhebt sich also die Frage, wie sinnvoll sind diese Funkrunden und wie sicher ist die versprochene Sicherheit durch die Armada. Der Fall gibt zu denken! Wir besuchten verwunschene Caletas mit Wasserfällen, an denen sich üppige Vegetation breit machte. In den steilen Felsen nisteten Kormorane und neben Seelöwen sichteten wir auch immer wieder Otter. Unser Leinenmanöver hatten wir inzwischen nahezu perfektioniert, obwohl wir häufig Ankerplätze aussuchten, die uns das freie Schwojen erlaubten. Vor Puerto Eden mussten wir die Angostura Inglese passieren, eine Enge mit beträchtlichem Strom. Man musste Slack erwischen. In der Caleta Morgane warteten wir vor Anker, bis es soweit war. Die Passage war dann ohne Probleme, und eine Stunde später liefen wir in Puerto Eden ein. Die Armada war innerhalb von 15 Minuten an Bord und erledigte ausgesprochen höflich ihre Arbeit. Puerto Eden ist die letzte menschliche Ansiedlung vor Puerto Williams. Hier leben noch sieben Indiofamilien, der Rest einer ehemals größeren Niederlassung. Dominiert wird der Ort seit kurzer Zeit von einem überdimensionalen Schulgebäude mit roten Dach. Alle Häuser des zweigeteilten Ortes sind mit einem Holzstegsystem verbunden. Das ermöglichte uns wunderschöne Spaziergänge zwischen den Ortsteilen diesseits und jenseits des Hügels bei schönstem Sommerwetter. Die Menschen hier sind in erster Linie mit Fischerei beschäftigt, insbesondere Centollas, also Krabben. Hier entdeckten wir auch die letzte Fischfarm auf dem Weg nach Süden. Zweimal wöchentlich kommt die Fähre "Navimac" von Puerto Montt oder auf ihrem Rückweg von Puerto Natales und bringt frische Lebensmittel. Auch für die Segler ein Segen. Es gibt natürlich nur das Nötigste: evtl. Hähnchen und Beef tiefgefroren, Obst und etwas Gemüse, Dosenbier und auch Kartonwein. Schließlich kann man vom ehemaligen Capitan del Puerto Diesel kaufen. Es ist aber empfehlenswert, diesen gut zu filtern. Die Frau des Ex-Capitan betreibt ein Restaurant mit Hospedaje. Wir waren dort zusammen mit der Yacht "Sadko" zum Essen, das durchaus gut war. In der SW-Ecke des Dorfes gibt es einen Supermercado "Eden" mit rotem Dach. Dort gibt es auch einen Taucher mit Kompressor, der Tauchgänge auf Anfrage unternimmt. Für uns war er 20 Minuten im Wasser und verlangte 20000 Pesos, also etwas weniger als 40 US$. Im Canal Andres bogen wir in den Seno Los Delfines Leales ein und passierten einen enormen Wasserfall auf der Steuerbordseite. Es regnete in Strömen. Trotzdem war die Landschaft imposant. Nach ein ein halb Meilen endete die Bucht und wir kamen an die Fondeadero Brumas Patagonia an der Mündung eines Baches. Rundum stürzten Wassermassen aus den Bergen, die oben noch tief mit Schnee bedeckt waren. Im Wasser tummelten sich Otter. Ein wunderschöner Platz, der geradezu sensationell wurde, als für kurze Zeit die Sonne schien. Hier verbrachten wir die Nacht vor Anker. Der Strom des Baches hielt uns sicher in der gewünschten Richtung. Als wir am nächsten Morgen die Bucht verlassen wollten, reagierte das Boot nicht auf den Motor. War wieder etwas im Propeller? Ein Blick aus dem Dingi ergab keinen Hinweis. Aber innen war es gleich offensichtlich: die Welle hatte sich vom Aqua Drive gelöst. Gott sei dank passierte das hier und nicht draußen bei viel Wind! Das Problem war rasch behoben, die Welle zurückgeschoben und die Schrauben mit Locktite festgezogen. Als wir an den Ausgang der Bucht kamen, überfielen uns die stärksten Rachas, die wir bisher erfahren haben. Fliegendes Wasser fetzte um "Ludus amoris". An Segelsetzen war nicht zu denken. Wir motorten eine halbe Meile weg vom Eingang. Dann war der Spuk vorbei. Am 21. November liefen wir im Puerto Profundo ein. Das ist der letzte Anchorage vor der Maghellan Strasse. Hier wartet man auf günstige Winde oder Windstille, denn es düst häufig und stark vom Pazifik herein. Nach 2 Tagen war die Wettervorhersage gut. Morgens um 05.00 lichteten wir den Anker und passierten das Lighthouse am Eingang der Maghellan Strasse auf den Islotes Fairway. Wie üblich beim Passieren von besetzten Leuchttürmen meldeten wir uns auch dort kurz. Dann ging es hinein in die Estrecho de Maghellanes. Die nächste sichere Anchorage war 50 sm entfernt. Die mussten wir erreichen, bevor Wind aufkam. Bereits um 15.20 liefen wir in die Caleta Playa Parda ein, deren enger Eingang mit einer durchgehenden Leine auf dem Wasser versehen war. Wir konnten uns keinen Reim darauf machen und fuhren mit ausgekuppelter Maschine drüber hinweg, um dann in einem perfekten Rund vor hohen Felsen zu ankern. Kurze Zeit darauf erschien ein Ruderboot mit 2 Männern, die längsseits kamen. Sie boten uns einen Eimer voll mit Krabben an, die wir gerne entgegennahmen. Sie wollten kein Geld, sondern Zeitschriften. Aber damit konnten wir ihnen nicht dienen. So waren sie auch mit Zigaretten einverstanden. Sie ruderten zurück und machten sich an dem Seil zu schaffen. Da sahen wir, dass daran Reusen befestigt waren. Nachts wollte ich hier nicht unter Maschine einlaufen! - Wir waren anschließend eine Stunde damit beschäftigt, die Krabben zu pulen. ACHTUNG: Hinweis zum Verzehr von Krabben Rechts also lag Feuerland! Schneebedeckte Berge, kahl, kaum Vegetation. Aber das täuschte, wie wir bald feststellen konnten. Am nächsten Tag nämlich erwanderten wir uns von der Bahia Borja aus den Berg über dem Ankerplatz und hatten einen fantastischen Blick über die Maghellan Straße und Feuerland. Nachdem wir am Wasser zunächst dichten Baumbewuchs und stachliges Gestrüpp überwunden hatten, wanderten wir auf steilem Gelände nach oben. Der Boden war ein eng verflochtenes Gewirr aus Moos, Gras und Wurzeln und mit Wasser gesättigt wie ein Schwamm. Man lief darauf wie auf irischem Torf. Und immer wieder überraschten uns wunderschöne blühende Pflanzen. Der Sommer in dieser Region ist kurz und intensiv. Dass es meist stark aus westlicher Richtung bläst, zeigten uns die Arboles Bandera, Bäume, die waagerecht in Windrichtung wuchsen. Um in den Canal Brecknock zu gelangen, muss man einen Querkanal nutzen. Offiziell ist nur der Canal Magdalena erlaubt. Der bedeutet aber einen enormen Umweg. Wir waren in der glücklichen Lage, dass man uns eine der Abkürzungen - Canal Acwalisnan - nicht aus dem Zarpe gestrichen hatte. So konnten wir ihn bedenkenlos nutzen. Manchmal werden Schiffe zurückgeschickt oder bestraft, wenn sie nicht freigegebene Wasserwege benutzen. Ein absolutes Higlight war Caleta Brecknock in der Seno Ocasion, Isla Brecknock. Wir fuhren weit hinein in den Fjord, den Seno, bis wir fast an Felswände stießen, wo es kein Weiterkommen gab. Da öffnete sich linkerhand eine kleine Caleta mit Platz für gerade mal ein Boot. Dort verkrochen wir uns unter Anker und Shorelines ganz nah an den durch Bäume geschützten Strand, um die Rachas zu vermeiden. Dann ließen wir das Panorama auf uns wirken. Es war regnerisch. Und die uns umgebenden Felsen wirkten schwer und drohend. Wiederum stürzten mächtige Wasserfälle aus den senkrechten Wänden. - Als der Regen nachließ, zogen wir unsere Gummistiefel an und kletterten den steilen Hang hinter dem Heck der "Ludus amoris" hoch. Je weiter wir kamen, desto grandioser wurde der Anblick. Und plötzlich öffnete sich die Hochebene und ein See wurde sichtbar. Wir gingen an dessen Rand entlang und kamen an die Stelle, wo das überschüssige Wasser ins 200 m tiefer liegende Meer stürzte. - Wir hatten Glück: der Himmel riss auf und eine warme Abendsonne tauchte alles in ein wunderbares, versöhnliches Gold. Nichts mehr von der Schwere der grauen Felsen. Was für ein Anblick! Inzwischen waren wir im Canal Beagle und auf dem Weg nach Puerto Williams. Vorbei ging es an den Ventisqueros, den mächtigen Gletschern der Darwin Cordilleren, die direkt ins Meer fließen. Eine Nacht verbrachten wir in der Caleta Voilier, gerade gegenüber des Mount Darwin Massivs. Am nächsten Morgen wachten wir an einem eigenartigen Geräusch auf. Ich ging an Deck, um nach der Ursache zu suchen. Es war 05.00 und es bot sich ein überraschender Anblick. Die Bucht war über Nacht zugefroren. Auf dem Eis lagen einige Zentimeter Schnee, ebenso an Deck und auf den Wäldern herunter bis zur Wasserlinie. Eine Morgensonne beschien die Landschaft und wir fühlten uns wie in Graubünden. Alles glitzerte im Morgenlicht. Und die Tide schob das Eis gegen die Ankerkette. Das war das Geräusch. Am 13. Dezember machten wir als 4. Boot im Päckchen an der "Micalvi" in Puerto Williams fest. Wir hatten unser erstes Ziel erreicht. Und vor allem: Wir brachten "Ludus amoris" heil ans Ziel trotz Ruderschadens. |
