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Selbstmedikation auf See?

Patienteninformationen im Internet - Nutzen oder Schaden?

Viele Segler haben heute bereits Internet an Bord und sind so in der Lage in bestimmten Situationen auch die dort in großer Anzahl vorhandenen Beratungsdienste zu nutzen. Die Frage ist, ob es im Fall von medizinischen Problemen auf hoher See zu verantworten ist, diese medizinischen Ratschläge zu nutzen, sofern der Segler nicht über entsprechende Kenntnisse verfügt. Im Folgenden bringen wir einen Bericht über Patienteninformationen im Internet, den wir mit freundlicher Genehmigung der Verfasserin und des Verlages der Zeitschrift "Seemeile" entnommen haben.

Das Internet hat sich in kurzer Zeit zu einer wichtigen Informationsquelle für Medizin und Pharmazie entwickelt. Aus dem riesigen, medizinischen Informationsangebot können Patienten praktisch dieselben Informationen holen wie die Fachpersonen. Diese Möglichkeit, ohne "Zwischenhändler" im Netz nach Antworten auf medizinische Fragen zu suchen, wird mehr und mehr genutzt: Es ist keine Seltenheit, dass Patienten in der Apotheke Medikamente, die im Internet angepriesen werden, bestellen, oder eine Stellungnahme zu einem Ausdruck aus dem Internet verlangen.

Pessimisten unter den Fachpersonen und Behörden befürchten den Verlust ihres Expertenstatus, das Entgleiten der Kontrolle über die Information (z.B. Direct?to?consumer Informationen über Rx?Medikamente) sowie eine Gefährdung der Patienten durch Falschinformationen. Optimisten begrüßen die Entwicklung als wichtigen Schritt für Informationsfreiheit und Selbstbestimmung der Konsumenten.

Zweifellos birgt das Internet neben dem außerordentlichen Vorteil der jederzeit und rasch verfügbaren Information gerade im Gesundheitsbereich beträchtliche Gefahren. Die Konferenz "Freedom of Information" diskutierte Anfang Juli in der Academy of Medicine in New York das als das größte Problem des Internet bezeichnete Thema, nämlich die Schwierigkeit der Benutzer, zu entscheiden, welche Gesundheitsinformationen im Internet verlässlich sind. (Bericht: BW 2000; 321: 136)

Dass ungenaue, irreführende, widersprüchliche oder falsche Informationen gar nicht selten sind, zeigen die Beobachtungen dieser Experten und verschiedene publizierte Untersuchungen. So fand man z.B. mit Yahoo 41 Webseiten zum Thema "Behandlung von Fieber bei Kindern mit Paracetamol". Nur auf vier dieser Seiten entsprachen die Angaben anerkannten Therapie?Guidelines. Oder: Für eine bestimmte Art von Knochenkrebs bezeichnete der Autor einer Webseite das Sterberisiko mit 5 %, während es in Wirklichkeit etwa bei 75% liegt! Dies ist nicht erstaunlich, denn gemäss einer Schätzung der Experten dieser Konferenz werden höchstens die Hälfte der medizinischen Webseiten durch Fachpersonen betreut oder begutachtet.

Das Internet sprengt alle Grenzen, so auch die Möglichkeiten, einzelstaatliche Maßnahmen und Verbote durchzusetzen. "Der Tag, an dem das Internet reguliert werden kann, ist der Tag, wenn wir eine Weltregierung haben und das wird nicht so bald geschehen", bemerkte einer der Konferenzteilnehmer in New York. Statt wirkungslose Verbote zu erlassen, packen verschiedene Initiativen das Problem von der anderen Seite an, indem sie:
  • neugierigen Cybernauten zeigen, wie man gute Informationen erkennt,
  • patientenorientierte, verlässliche Informationsangebote aufs Netz bringen.
Die WHO hat einen "Guide to finding reliable information" für Konsumenten zusammengestellt, der als Modell zur Adaptation in den einzelnen Ländern dienen soll (VMO Drug Information 1999: 13(3): 163). Es ist ein 5?Punkte?Katalog mit Anleitungen zur Beurteilung von Informationen über Krankheiten und Medikamente, Diskussion der Probleme bei Medikamentenbestellungen und (Selbst) Diagnose übers Internet sowie eine Checkliste zur Beurteilung einer Webseite. Während in englischer Sprache zahlreiche ausgezeichnete Angebote geschaffen wurden, sind solche in deutscher Sprache noch dünn gesät. Nachfolgend werden einige Beispiele vorgestellt.

Portale aus Großbritannien:
Patient UK www.patient.co.uk

Die Anbieter dieser Seite vertreten die Philosophie, den Patienten soviel qualitativ gute Information wie möglich anzubieten, ihnen aber die Möglichkeit zu geben zwischen knappen und ausführlichen sowie einfachen und komplexen Angeboten auszuwählen. Interessiert sich ein Benutzer z.B. für Asthma findet er zuerst patientenorientierte Informationen, vorwiegend von sorgfältig ausgewählten Patientenorganisationen verfasst. Möchte er über Asthma-Medikamente Auskunft haben, stellt ihm das British National Formulary und das elektronische Verzeichnis der in Großbritannien erhältlichen Spezialitäten zur Verfügung. Denkt er daran, sich von einer Fachperson beraten zu lassen, stellen die englischen Apotheker ihre Dienstleistungen unter "Ask your pharmacist" vor und eine Patientenorganisation rät "Get the most of your pharmacist". Möchte sich der Surfer weiter in das Thema Asthma vertiefen, gibt es im Kapitel "More Detailed Information" Links zu Therapie-Guidelines, Originalartikeln aus medizinischen Zeitschriften und zu Evidence Based Medicine - Publikationen.

Medicdirect:
www.medicdirect.co.uk

Die Patienten finden hier Informationen über Krankheiten, Medikamente, Operationen, ärztliche Untersuchungen und Selbstuntersuchungen. Die Betreiber sind Ärzte, die Autoren Spezialisten auf dem jeweiligen Fachgebiet. Es ist nicht die Absicht der Autoren, die Patienten zur Selbstdiagnose und Selbsttherapie zu führen. Die Informationen sollen dazu dienen, dass die Patienten bei der Arztvisite besser informiert sind, dass sie Ergänzungen zu einer ärztlichen Diagnose oder zu verschriebenen Medikamenten lesen können. Ebenso erwarten die Ärzte Zeiteinsparungen bei den Konsultationen, wenn sie die Patienten z.B. bei bevorstehenden Operationen auf die Seite "Operations: what to expect?" verweisen können.

Gemäß einer Schätzung der Experten werden höchstens die Hälfte der medizinischen Websites durch Fachpersonen betreut oder begutachtet.

Portale aus Deutschland:
www.patienten-information.de Dies ist die Zentralstelle der Deutschen Ärzteschaft zur Qualitätssicherung in der Medizin, u.a. in Zusammenarbeit mit dem deutschen Cochrane Zentrum. Besucher lernen, wie sie die Qualität von Gesundheitsinformationen selbst beurteilen können und erhalten Zugang zu Patienteninformationen von Hochschulen, Behörden und Berufsverbänden.

Netdoktor:
www.netdoktor.de

Die ausgezeichnete Webseite bietet ein breites Angebot von einfach formulierten und im Umfang knapp gehaltenen Informationen zu Gesundheitsprävention und Krankheiten an. Sie wurde in Rx World No.5 in "Das Beste aus dem Internet" vorgestellt.

Schweizer Angebote
Als einfach zu bedienende Informationsquellen sind zwei Standardwerke in übersichtlichen Online Versionen allen Surfern zugänglich: Das Arzneimittelkompendium www.kompendium.ch mit der offiziellen Patienteninformation und Meine Gesundheit www.meinegesundheit.ch mit Angaben über Krankheiten, Medikamente, Alternativmedizin und einem großen Verzeichnis von Schweizerischen Gesundheitsligen und Patientenorganisationen.

Die Portale Medihelp
www.medi-help.ch/Medihelp Home/Gesundheitsratgeber/gesundheitsratgeber.html
und Metalink-Gesundheitsguide:
www.metalink.ch/gesundheitsguide
führen umfangreiche Adressverzeichnisse von Anbietern von Produkten und Leistungen (Apotheken, Ärzte, Optiker, Spitäler, Heime, Krankenkassen, etc.), daneben wenige Links zu Gesundheitsinformationen von mehrheitlich guter Qualität und anerkannten Anbietern (Medihelp), von unterschiedlicher Qualität (Metalink-Gesundheit).

Was für medizinisch ausgebildete Personen nicht einfach ist - im Dschungel des Internet gute Informationen zu finden und zu erkennen - bereitet medizinischen Laien noch viel größere Schwierigkeiten. Eine Hilfe können auf die Bedürfnisse der Patienten zugeschnittenen Gesundheitsportale sein, die qualifizierte Informationen über wichtige Fragen zu Gesundheit, Krankheiten, deren Diagnose und Behandlung auf verschiedenem Niveau und übersichtlich angeordnet, anbieten. Apotheker und Apothekerinnen können solche Portale als neues Hilfsmittel in ihrer Beratungstätigkeit einsetzen, z. B. indem sie aktuelle Informationen gemeinsam mit dem Kunden abrufen, ihnen diese in gedruckter Form aushändigen oder geeignete Web-Adressen zum Selbststudium - mit dem Angebot zu einer anschließenden Beratung vermitteln. Einen Nutzen wird das Internet bringen, wenn es gelingt, die Patienten zu einem vernünftigen Umgang mit dem neuen Medium anzuleiten.

Dr. pharm. Marianne Beutler, Egg
Aus Seemeile 6/2003



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Letzte Änderung / Last change: Freitag, 26. November 2004