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Sicherheit auf Weltumsegelungen

von Wolfgang Weber
E-Mail: info@jojo-wassersport.de Home: www.jojo-wassersport.de

Wir sind nicht immer gute Gäste!

Im November 1998 durchstreifte ich (männlich, heute 35 Jahre, ein Faden lang, mäßig sportlich, seit August 1998 auf Weltumsegelung mit Kojencharter durch JoJo Wassersport München; Galateia ist eine Gib'Sea 114, TO-Stander 2785, 20 Jahre alt, GFK, 12 m ü.A.) allein des nachts die dunkleren Viertel der Altstadt von Alicante und wurde dabei Opfer eines versuchten Trickdiebstahls. Zwei Nordafrikaner sprachen mich lustig von der Seite an, fragten nach meiner Herkunft ("soy aleman!") und nach Klinsmann, dribbelten eine Coladose vor meine Füße und versuchten während des Kurzpassspiels mein Portemonnaie zu klauen. Im Februar 2001 erreichte die Galateia zum zweiten Mal (erstmalig im April 2000) den Hafen Nueva Guerona auf der Isla de la Juventud auf Kuba. Ein Mitglied des Wachpersonals fragte nach einem Bier, worauf leider Gelächter an Bord ausbrach, denn die Galateia war zu jenem Zeitpunkt komplett "trocken", worüber noch kurz vorher Scherze gemacht worden waren. Den Spass hat der Wachmann wohl in die falsche Kehle bekommen, er lehnte die ersatzweise angebotene Cola ab und bei der Rückkehr nach einem langen Abend bei einem befreundeten Wirt fehlten zwei Kameras, 400 US$ aus meinem Portemonnaie und Teile der CD-Sammlung aus dem unverschlossenen Schiff. Kreditkarten und Papiere waren noch alle da. Der Vorfall blieb unaufgeklärt, aber ich habe den besagten Wachmann schwerst im Verdacht.

Die beiden Vorfälle sind bisher die einzigen Negativerfahrungen gewesen, und ich glaube, dass ich damit ungefähr im Schnitt liege. Der Vorfall in Alicante ist völlig unerheblich, aber der Diebstahl in Nueva Gerona ist aufschlussreich, denn ich habe den Fehler gemacht, den wir Yachties zur Zeit leider viel zu häufig mache: Ich habe unhöflich mich von meinen Gastgebern (und dazu gehört nunmal auch kubanisches Hafenwachpersonal!) distanziert. Und das tun wir ständig. Der eine mehr, der andere weniger, aber im Durchschnitt wird es immer schlimmer. Heute ist es ganz normal, von Skippern zu hören, dass die Einheimischen in der Karibik maximal mit den Händen an die Fußreling dürfen. Die Leute gehören in das Cockpit! Und bei Regen auch unter Deck. (Ich kann mir schon jetzt und hier beim Schreiben den Aufschrei der Leserschaft vorstellen: Da hätte er mal bei sein sollen, in der Walilabou Bay auf St. Vincent, wo die Einheimischen scharenweise angepaddelt kamen! Zur Info: In Walilabou dauert es zugegebenerweise immer etwas länger, bis ich mit allen durch bin, und die Zwillinge Ron und Ronny sind seit Jahren gute Freunde und dürfen deshalb als erste an Bord!)

Misstrauen schürt Misstrauen. Unkenntnis führt irgendwann sogar zu Hass. Ich weiß, dass es reihenweise Yachten "auf großer Fahrt" gibt, auf denen noch nie ein farbiger Einheimischer unter Deck war, Zoll etc. mal ausgenommen. Und genauso häufig höre ich von Einheimischen, das sie an Bord der Galateia zum ersten mal in all ihren Jahren als Gemüsehändler/Souvenirverkäufer/Fischer... an bzw. unter Deck eingeladen wurden. Traurigerweise sind auch unsere "großen" Weltumsegler da keine Ausnahme: Immer nur Beschreibungen von Szenen als Gast an Land, seltenst mal eine beschriebene Gegeneinladung mit einheimischen Gästen an Bord! Da lob' ich mir den Winfried Erdmann, der ganz konsequent erst gar nicht anhält! Bravo!

Der Bezug zum Thema Sicherheit? Verleitet man die Menschen so nicht zum Diebstahl? Nein, niemals, denn niemand bestiehlt seinen Freund. Und schon gar nicht seinen Gastgeber. Wir stellen uns aber immer weniger als Freund und fast nie als Gastgeber dar! Dabei ist das unsere einzige Möglichkeit, an der immer größer werdenden Diskrepanz zwischen uns und den Einheimischen was zu ändern! Ich kann ja nun auch nicht mal eben die Welt verbessern, das Einkommen der Menschen in Entwicklungshilfeländern anheben und die Kriminalitätsrate auf Kuba senken. Aber wir können aktiv das Erscheinungsbild der Fahrtenseglergemeinde verbessern! Und das tut not! Und dazu rufe ich auf!

"Ich komme mir vor wie eine durchreisende Melkkuh!", oder "Wie wurden überall nur ausgenommen!" sind oft gehörte Kommentare. Stimmt einerseits - und ist andererseits völlig gegenstandslos. Stimmt, weil auch meiner Erfahrung nach die Methoden, uns Seglern Dollars abzuknöpfen immer rauher werden. Ist aber andererseits auch gegenstandslos, weil die meisten Yachten mittels Kühltruhe und Wassermacher heutzutage monatelang ohne Lebensmittel nachzukaufen vor üppigen Inseln ankern. Gebunkert wird auf Gran Canaria, dann ein zweites Mal in Panama und dann wieder in Neuseeland oder Australien, je nach Route. Das reicht dann bis zum Mittelmeer oder bis zum nächsten Megasupermarkt in Kapstadt. (So und nicht anders ist es, liebe Freunde, schaut ruhig mal auf das Preisschild von den Nudeln im Pantryschapp!) Ein Großteil des Budgets, das bei einer durchschnittlichen Fahrtenyacht (12 m, zwei kleine Einkommen aus Rente/Pension oder Kapital-/Mieteinkommen) nach kleiner Umfrage so bei 1000,- Euro/Monat liegt, geht für das Einfliegen von Ersatzteilen drauf, die aufgrund ihrer Komplexität wiederum nicht vor Ort von Einheimischen repariert werden können. Und wieder landet Geld der "Melkkuh" bei der Fluglinie, bei Windpilot oder Perkins oder ITT oder Toshiba. Den Wutausbruch ob des entstandenen Ärgers und der Kosten, den kriegt als einziges der Nächststehende ab: wahrscheinlich ein Einheimischer, wahrscheinlich einer von denen, die um auch etwas vom Rest des Kuchens abzubekommen immer härter kämpfen müssen, bis an den Rand der Legalität und eben zu oft auch darüber hinaus.

Das Verhältnis zwischen uns und den Einheimischen ist so durch das Fehlverhalten weniger Krimineller allgemein getrübt, das ist schade. Die Kriminalität uns gegenüber scheint außerdem über den logischen Zuwachs (durch die zunehmende Zahl an Fahrtenseglern einerseits und natürlich durch Arbeitslosigkeit, Drogen, Familienzerfall, Landflucht und den ganzen Rest der Litanei andererseits) hinaus zuzunehmen. Oder? Ich weiss es nicht, Statistiker, helft mir!

Kriminalitätsrate hin -Sicherheitsempfinden her; ich stelle nur fest, dass wir, anstatt nach dem starken Mann zu rufen, unser Verhältnis zu den Einheimischen verbessern müssen. Viele, vor allem ältere Fahrtensegler haben leider schon längst das Handtuch geworfen und verstecken sich, anstatt Kontakt zu suchen, in der Sicherheit der bewachten Marinas, die es ja überall gibt. Oder gleich hinter einer großkalibrigen Waffe, wobei mir das, vor allem nach Sir Peter Blakes unsinnigem Tod auf dem Amazonas vor nur einem Jahr, die abstoßendste Variante ist. So oder so - mehr und mehr Segler grenzen sich aus, erhöhen so den Abstand nach "unten" Stufe um Stufe und tragen paradoxerweise so zur Kriminalität bei. Marinalieger tragen zur Kriminalität bei - eine gewagte These?!

Eine abgesperrte Marina unterscheidet sich in nichts von den All-Inclusive Anlagen des Massentourismus, wo ebenfalls das Geld an der Bevölkerung vorbeigeschleust und so dem sozialen Unfrieden Tor und Tür geöffnet wird. Und da mokieren sich unisono natürlich alle drüber! Die Länder, die wir bereisen brauchen Schulen, Weltmarktzugang, vernünftige Rohstoffpreise und Arbeitsplätze. Und davon gerne den ein oder anderen in einer öffentlich zugänglichen Marina!

Wenn wir nicht in ein paar Jahren in gepanzerten Konvois um die Erde segeln wollen, dann dürfen wir uns nicht weiter einigeln, sondern wir müssen uns als die weltoffene, friedliche Gemeinde präsentieren, die wir doch immer noch sind! Wer anstatt dessen überall deutsche Verhältnisse erwartet, der möge doch nach Deutschland segeln und sich eine Dauerkarte für ein Solarium kaufen. Bitte!

Warum ich mich so sehr auf die Seite der anderen, der Diebe, der Schläger, der Neider, der Kubaner, Indianer, Afrikaner und Kanaken stelle? Weil ich so viele Freunde unter ihnen gewinnen durfte, die dieses Pladoyer verdient haben. Und natürlich, weil mich der fremdenfeindliche Tenor in immer mehr Artikeln und Beiträgen auch hier im TO-Magazin nervt (z.B. der entsetzliche Beitrag von SJ Miz Mae im Oktoberheft! Die Selbstgefälligkeit des Satzes "Genug harte DM sind ja wohl von Deutschland nach Tonga geflossen, nicht wahr?" widert mich an. "Sachlich" ? Unqualifiziertes, unbelegtes Stammtischgelaber. Edith und Paul Groll sind ein Beispiel guten Zusammenlebens mit den Einheimischen, wie es Lilly und Thomas Müller offensichtlich nicht gelingen konnte.) Es werden sicherlich (hoffentlich, denn ich wünsche mir eine Diskussion!) reichlich Gegenstimmen eintreffen, sie werden Fallbeispiele bleiben, wo ich die Normalität beschreibe: Weltumsegeln macht Spass! Männer, schmeisst die Waffen weg und stellt öfters mal ein Bier mehr auf den Cockpittisch! Für einen einheimischen Gast! Das würde sehr zur Sicherheit auf den Segelrouten der Weltmeere beitragen!



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Letzte Änderung / Last change: Mittwoch, 02. Juli 2003