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Überfall in Panama, Colon

Vera und Norbert Kron SY. STURMVOGEL
E-Mail: olnly plain Text! kb3ixu@winlink.org

Panama, Atlantikseite, Isla Linton, ca. 25 nm nordöstlich von Colon, einer der schönsten, sichersten und ruhigsten Ankerplätze hier an der Küste. Viele Yachties lassen hier ihre Schiffe für Wochen oder Monate einfach vor Anker liegen, Freunde passen auf. Auch wir haben hier schon Wochen vor Anker gelegen, haben dort unser Schiff, als wir nach Deutschland reisten, für 4 Wochen alleine gelassen.

Wir kamen zurück, alles war bestens. Zwei Wochen später, es war die ganze Zeit über eine herrliche Ruhe hier, geschah dann das Unfaßbare:
Es war 21:15 Uhr, draußen stockdunkle Nacht, wir waren im Schiff und Vera hat mir gerade das Abendessen bereitgestellt. Sie wollte wegen einer Darmverstimmung an diesem Abend nichts essen.

Offenbar war da etwas, was sie beunruhigte, denn sie sagte plötzlich: Ich werde mal nach draußen gehen und schauen, ob dort alles o.k. ist. Dann hörte ich, wie sie " Ola" sagte, mir war klar, daß es sich um Einheimische handelte und die auf dem Nachhauseweg waren. Auch nachts fahren hier immer wieder Einheimische mit ihren Booten, teils mit Außenbordern ausgerüstet oder sie paddeln, somit zunächst mal nichts ungewöhnliches.

Ca. 2 min. später rief Vera mich dann nach draußen, ich war nicht gerade erfreut, immer die Störung beim Essen, geht das alles denn nicht etwas früher oder später!
Also, die wollten Benzin, hatten aber keinen Motor. Es waren 3 junge Leute, ca. 25 Jahre alt. Einer schöpfte immer Wasser aus dem Boot , welches wohl sehr undicht war. Die beiden Anderen, in dem Boot stehend, hielten sich bei uns an der Reeling fest. Keiner sprach Englisch, wir kein Spanisch, bis auf ein paar Brocken. So war dann auch keine direkte Verständigung möglich, aber nachdem wir denen klar gemacht haben, daß wir kein Benzin abgeben können, gaben die uns zu verstehen, ob ich sie mit meinem Beiboot nach Isla Grande, ca. 5 km entfernt, abschleppen könnte. Auch das mußten wir aus verständlichen Gründen ablehnen, bei Nacht über die Riffe.........nicht ohne Not.

Es ging dann noch ein paar Minuten hin und her, ich war immer noch überzeugt, daß die irgendwelche Hilfe brauchten, wußte aber nicht, wie ich unter diesen Umständen helfen konnte, bis auf eine Flasche Trinkwasser, die ich ihnen dann auf Verlangen aus dem Schiff holte.
Nach ca. 10 min. waren wir dann soweit, daß die Sache wohl abgeschlossen war und die Burschen lospaddeln würden, nach Porto Lindo, das nächste Dorf, ca. 1 km entfernt, also kein Problem für sie.

Und dann ging alles rasend schnell:
Zwei Burschen hechteten mit unglaublichem Geschick durch die Reeling auf unser Schiff. Einer umklammerte Vera, die schrie wie der Teufel und hielt ihr dann mit einer Hand den Mund zu.

Der andere warf sich seitlich auf mich, ich kniete noch auf der Cockpitbank. Womit der wohl nicht gerechnet hat, war mein Kampfgeist. Angetrieben von einer unbeschreiblichen Wut und Enttäuschung über deren Verhalten muß ich gekämpft haben wie ein Löwe. Jedenfalls konnte ich mich befreien und ihm meine Faust, die die Taschenlampe umklammerte, ins Gesicht schleudern. Er sprang dann über das Heck ins Wasser, der andere ließ Vera los und der Spuk war vorbei.

Das alles ging so rasend schnell, daß uns für Details jede Erinnerung fehlt, der ganze Ablauf war reflexartig verlaufen, aber wir waren frei. Ich verfolgte dann noch die Drei wie sie mit ihrem Boot auf die nahe Insel "Isla Linton" paddelten um dann in den Mangroven zu verschwinden.

Über Funk konnten wir eine ander Yacht erreichen, mit dem Signalhorn gab ich dreimal SOS, daraufhin hat auch unser Freund Larry, ein kerniger Amerikaner, seine Funke aktiviert. Larry hat dann sofort über Handy "Gringo Jo", einen anderen Amerikaner, der hier in Isla Grande lebt, verständigt. Dieser kam dann ein halbe Stunde später mit der Polizei. Der Rest war dann Routine. Das Boot der drei Burschen wurde von der Polizei anschließend in den Mangroven gefunden und sichergestellt. Von den Dreien fehlte natürlich jede Spur.

5 Tage später, die Polizei war schon aktiv, wurden uns dann einige "böse Buben" vorgestellt, aber wir konnten keinen von denen identifizieren, vielleicht auch besser so!!?
Gott sei Dank ist uns bis auf ein paar blaue Flecken nichts passiert, es wurde nichts geraubt, die Burschen hatten keine Messer, Waffen oder sonstiges.

Erstaunlich war auch, dass sie weder nach Geld noch nach sonstigen Dingen fragten. Vermutlich hatten die es auf unser Schlauchboot mit dem 15 PS Motor abgesehen, welches, nicht angekettet, hinter dem Schiff dümpelte.

Hätte Vera sie nicht überrascht………….wir hätten den Klau wohl erst später bemerkt. Der Schock allerdings sitzt tief, insbesondere bei Vera, und es wird wohl noch eine ganze Weile dauern, bis das Geschehene langsam verdrängt wird.

Was kann man aus diesem Vorfall lernen?
Panama hat den Ruf, von allen mittelamerikanischen Staaten der Sicherste zu sein, praktisch keine Piraterie, kaum nennenswerte sonstige Vorfälle, insbesondere in Gegenden, die weit entfernt von den beiden Küstenstädten Colon und Panama-City sind. So zählt auch dieser Ankerplatz zu den absolut sicheren. Die Einheimischen hier sind freundlich, winken im vorbeifahren, man hat das Gefühl, hier ist jeder mit seinem Leben zufrieden. Das ruft natürlich auch eine gewisse Sorglosigkeit hervor. So haben wir hier abends unser Schlauchboot nicht mehr hochgehievt, auch nicht mehr mit einem Schloss gesichert. Der Niedergang wurde abends nicht mehr mit unserem speziell für die Karibik gebautem Stahlgitter verschlossen usw. Hier, auf diesem sicheren Ankerplatz ist das alles ja nicht mehr nötig...........dachten wir!

Der Fall hat bei uns die Frage aufgeworfen, ob es überhaupt noch irgendwo freie Ankerplätze gibt, die absolut sicher sind?

Wir glauben es heute nicht mehr! Überall dort, wo Menschen bzw. arme Menschen sind, entwickelt sich der Gedanke, insbesondere bei jungen Leuten, sich von dem Kuchen der "Reichen" etwas zu holen, notfalls auch mit Gewalt. Und diese Tendenz ist vermutlich steigend. Und irgendwann geht es selbst in den friedlichsten Gefilden los. Z.B. hier in Panama: Irgendeiner aus den Slums von Colon könnte auf die Idee kommen, mit eins-zwei Helfern mit dem Bus nach Puerto Lindo zu fahren, dort ein Boot am Ufer zu klauen, mit diesem an die Schiffe rudern, einzubrechen oder was auch immer, mit der Diebesbeute zurück an Land und dann verschwinden. Wenn es gut läuft, wird damit geprahlt, andere versuchen dasselbe und so geht es los bis dann die Betroffenen reagieren und Gegenmaßnahmen ergreifen.

Welche Konsequenzen haben wir aus diesem Fall gezogen?
  • Wir werden bei Dunkelheit, wenn wir den Verdacht haben, daß draußen nicht alles o.k. ist oder sich jemand, der sich nicht identifiziert, dem Schiff nähert, nicht mehr ohne starke Taschenlampe, Pepperspray oder einer Waffe sorglos ins Cockpit gehen.
  • Wir werden immer unser Dinghy Hochhieven oder zumindest Festketten, eine kleine Mühe, die in keinem Verhältnis zu dem späteren Ärger steht, wenn das Dinghy weg ist.
  • Wir werden immer, wenn wir bei Dunkelheit im Schiff sind, den Niedergang mit unserem Stahlgitter absperren, keine große Sache, aber dann kann kein ungebetener Gast mal gerade so ins Schiff einsteigen
  • Ich habe unsere Signalpistole, die fein säuberlich in der Achterkoje in einem Plastikbehälter gelagert war, aktiviert. Für diese Pistole habe ich einen Lauf für Schrotpatronen einschl. der Munition, die seit 10 Jahren nie gebraucht wurden. Ich habe 3 Probeschüsse abgefeuert, die Munition ist noch o.k. Diese Waffe ist jetzt geladen, versteckt, aber griffbereit in der Nähe des Niederganges gelagert. Pepperspray wird bei der nächsten Gelegenheit erworben in der Hoffnung, es nie gebrauchen zu müssen.
Wie denken wir heute über dieses Thema?

Wir wissen, daß dieses Thema unerschöpflich und wirklich jeder Fall anders gelagert ist. Aber nur der, der das, was wir erlebten, erlebt hat, kann wirklich nachvollziehen, wie einem in diesem Moment zumute ist. Ich möchte nicht wissen wollen, was die Seglerfreunde, die von brutalen Profis überrascht wurden, mitgemacht haben. Wir sind heute nach wie vor der Überzeugung, daß bei einem Angriff von echten Profis mit entsprechenden Waffen jede Gegenwehr ein hohes Risiko darstellt und man lieber andere Wege finden sollte, diese Brut zu befriedigen. Um einen solchen Überfall auf uns nicht zu provozieren, sind wir erst gar nicht solche Küsten wie Venezuela, Honduras, Kolumbien (nicht Cartagena) oder Nicaragua hier in der Karibik angelaufen. Heute denken wir an viele Seglerfreunde, die in diesen Ländern n o c h keine Probleme hatten und wahrscheinlich immer noch sehr sorglos sind.

Aber es gibt ja auch zahlreiche Fälle, bei denen einfach Übermütige, Drogensüchtige oder wie auch immer genannte Typen versuchen, sich unser Inventar anzueignen. Und hier sind wir der Meinung, daß ein gezielter Warnschuß, eine Dosis Pepperspray oder sogar ein Feuerlöscher die Eindringlinge verscheuchen kann.

Wir streben kein Seglerleben hinter Gittern an, aber wir machen uns heute ersthaft Gedanken darüber, ob es nicht sinnvoll und notwendig ist, sich den Ernstfall immer wieder vorzuspielen um dann entsprechend reagieren zu können. Trainieren wir das nicht hin und wieder auch für einen Seenotfall??

Nachtrag:
Sicherlich gibt es findige Füchse, die alles möglich zur Sicherheit ersonnen haben. So wäre es z.B. nicht schlecht, die Reeling wie einen elektrischen Weidezaun mit Stromimpulsen zu beschicken. Infrarot Alarmsysteme haben wohl auch ihre Berechtigung, mein portables System hat schon einige Male nachts ausgelöst durch im Wind bewegte Teile, z.B. Sonnendach.

Wer hat Patentrezepte zur Hand? Wir glauben, eine solche Datenbank über Möglichkeiten wäre ein echter Beitrag zur Sicherheit der Segler.



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Letzte Änderung / Last change: Montag, 01. Dezember 2003