Karte gross |
Ostsee rund oder "Die Reise nach Tilsit" von Klaus Girzig, SJ "ALPARENA" |
|
...so heißt ein alter Schwarz-Weiß-Vorkriegsfilm mit Christina Söderbaum (damals bekannt als Reichswasserleiche, d.Red.),der u.a. die Beschwerlichkeiten dieser Reise durch das Kurische Haff und auf der Memel zeigte. Auch der Sommertörn der Segeljacht ALPARENA III, einer 38 Fuß Slup aus dem Bremer Yachtclub, sollte sich mit dem gleichen Ziel nicht ganz so einfach gestalten: Schiffer Klaus Girzig wurde 1938 in Tilsit (jetzt Sovetsk) geboren und hatte sich in den Kopf gesetzt seine Geburtsstadt auf dem Wasser zu erreichen.
Die Vorbereitungen begannen schon im Winter durch Kontaktaufnahme mit Herrn Mertineit von der Stadtgemeinschaft Tilsit in der Partnerstadt Kiel. Schon bald stellte sich heraus, dass ein Erreichen der Stadt auf eigenem Kiel leider nicht möglich sein würde, weil das Kurische Haff viel zu flach und eine Brücke über die Memel nicht hoch genug sind. So wurde der Plan insofern abgeändert, dass die "ALPARENA" Klaipeda/Memel im litauischen Teil der Kurischen Nehrung auf eigenem Kiel erreicht und die Crew dann auf einem flachgehenden litauischen oder russischen Fischerboot o.ä. umsteigt. Auch die Ehefrau des Schiffers und ein befreundetes Ehepaar in der Crew sind in Ostpreußen in Königsberg /Kaliningrad und Umgebung geboren, so dass zunächst das Frische Haff befahren werden musste. Da das Endziel der Reise St. Petersburg war, mussten drei Visa für Russland, verbunden jeweils mit einer Einladung, beantragt werden: zunächst für die russische Exklave nach Kaliningrad, dann wieder raus aus Stadt sowie Frisches Haff auf die Ostsee und von Memel/Klaipeda in Litauen ein zweites Mal in die Exklave durch das Kurische Haff nach Tilsit/Sovetsk, wieder raus und schließlich ein drittes Visa für St. Petersburg. Die Einladung für Tilsit wurde von höchster Stelle ausgesprochen, der Stadtpräsidentin von Sovetsk, Frau Sokulowa. Sie hielt sich im Mai zu einem Besuch in der Partnerstadt Kiel auf und war begeistert von dem Plan des Weltumseglers Girzig. Die weiteren Einladungen wurden über Tatyana Bykova, der Stützpunktleiterin des Trans-Ocean in St. Petersburg erreicht. Die "ALPARENA" verließ Ende Juni ihren Liegeplatz in Cuxhaven und es ging zunächst mit kleiner Crew in kurzen Tagesetappen durch den Nord-Ostsee-Kanal, Heiligenhafen, Wismar und Stralsund in die mecklenburgischen Boddengewässer. Dort stiegen dann der Sohn des Schiffers Alexander, mit frischem Abitur in der Tasche, Freundin Jenny sowie die beiden erwähnten Ehefrauen dazu. Eine weitere Herausforderung: drei Paare für längere Zeit auf kleinstem Raum... Die moderne Marina Kröslin an der Peenemündung mit dem bedrückenden "Historisch-technisches Informationszentrum Peenemünde" war nächstes Ziel, bevor es über Kotobrzeg/Kolberg weiter in die Danziger Bucht ging. Vorbei an der Festung "Westerplatte", durch deren Beschuss 1939 der Zweite Weltkrieg begann, die Motlawa ca. 5 Seemeilen hoch bis Danzig. Die Marina liegt in einem Seitenarm des Flusses direkt vor dem berühmten Krantor mit der wunderschönen Häuserzeile beidseitig. "Nur etwa eine gute Hand voll ausländischer Besucherjachten..." wie es im Logbuch steht, wundert sich die Crew - bei dem schönen Liegeplatz. Sehr beindruckend auch die vielen restaurierten oder nach alten Vorlagen neu erstellten Häuserzeilen dieser historischen deutsch-polnischen Stadt. Schon sehr früh am Morgen des 17.7. klarieren wir aus und können bei herrlichem Kaiserwetter und leichtem Westwind unter Spi die Danziger Bucht überqueren. Am späten Nachmittag erreichen wir Baltijsk/Pillau am oberen Teil des Frischen Haffs. Hier beginnt der sogenannte "Königsberger Seekanal", der ca. 16 Seemeilen durch das flache Haff bis nach Kaliningrad/Königsberg führt. Wie immer wenn man sich einem fremden einklarierungsfähigen Hafen nähert, versucht man über den sogenannten Notrufkanal 16 auf UKW Kontakt mit den Behörden aufzunehmen. So auch hier - aber keine Antwort. Wir versuchen es noch einmal auf anderen Kanälen, aber ohne Erfolg. Also fahren wir unter Maschine langsam an den kilometerlangen Kaianlagen vorbei ohne einen Hinweis auf Immigration oder Zoll zu finden, obwohl es nach DSV-Unterlagen dergleichen geben sollte. Gut - dann wird man wohl in Königsberg einklarieren können. Baltijsk/Pillau war zu Sowjetzeiten ein riesiger abgeschirmter Marinestützpunkt und die immer noch stattliche Anzahl von Schiffen aller Art dümpeln vor sich hin. Wir sind schon etwa eine Stunde und fünf Meilen in Richtung Königsberg unterwegs als einer von uns zufällig nach hinten schaut und rote, grüne und weiße Leuchtspurraketen aufsteigen sieht und den Knall auch schwach hört. Weit hinter uns erscheint ein graues Motorboot mit als es näher kommt auch lautem Sirenengeheul und immer noch alle Farben in den Himmel schiessend. Es dauert ein Weilchen bis wir realisieren, dass die uns meinen... Wir verlangsamen unsere Fahrt und als das altersschwache Militärboot neben uns ist, deutet ein Besatzungsmitglied auf eine etwas vorausliegende marode Anlegestelle, wo wir festmachen sollen. Das kann ja lustig werden. Wird es auch. Keineswegs bitterböse oder Angst einflössend kommt man zu Dritt zu uns an Bord. Der "Kommandante", wie sich einer nennt, spricht ein wenig Englisch und bedeutet uns, dass wir einen Fehler gemacht hätten indem wir ohne in Baltijsk einzuklarieren weiter gefahren wären und nun müsse ein Protokoll aufgenommen werden. Unseren Einwand, dass wir doch versucht hätten, Kontakt aufzunehmen und auch kein Einklarierungsgebäude zu erkennen wäre, überhörte man lächelnd und achselzuckend. Es war heiß im Cockpit und nach anfänglichem Zögern genoss man doch das kühle Becks. Bis auf einen - der musste mit Käppi auf dem Kopf das Vordruck-Protokoll ausfüllen. Das dauerte natürlich, da "Kommandante" immer etwas übersetzen musste, von dem er die englische Bedeutung auch nicht so recht kannte. Nach dem zweiten Bier bei der Hitze wurde es recht lustig. Zwischendurch gab es eine Umarmung mit unserem Lutz und "Kommandante", wobei Lutz sogar das kleine Feuerwerk mit der Signalpistole etwas fortsetzen durfte. Nach einer knappen Stunde waren die zwei dürftigen Seiten Protokoll ausgefüllt, der Schreiber durfte sein Käppi ab- und das Bier ansetzen, nur weiterfahren durften wir nicht, wir mussten zum einklarieren nach Pillau zurück. Nach anfänglichem Zögern nahm "Kommandante" die Einladung des Schiffers an und kam an Bord, um dann hin und wieder freudestrahlend und stolz hinter dem Steuerrad zu stehen. Als wir dann wieder an den schon erwähnten vielen still daliegenden Marineschiffen vorbeikamen, antwortete er auf die Frage des Schiffers was damit geschieht, mit dem schönen Satz: "This comedy is over!" / "Diese Komödie ist vorbei!" Aber unsere Einklarierung war ja noch nicht vorbei. Wir mussten an einer Stelle anlegen, von der man nur schwer von und an Bord kommen konnte. "Kommandante" und seine Crew verabschiedeten sich freundlich und Sirenen heulend. Andere Uniformierte verschwanden mit unseren Pässen in einem auf Stelzen stehenden Holzhäuschen, das wohl eine Art Immigrationsbüro war. Einen jungen Rekruten aus Usbekistan hatte man uns zur Bewachung vor das Boot gestellt. Dem schien diese ganze Prozedur sichtlich peinlich zu sein, wie Alexander bei der etwas mühseligen Verständigung mit ihm heraushören konnte. Es dauerte wieder eine knappe Stunde bis zwei nette uniformierte Damen mit unseren Pässen in der Hand und hochhackigen Schuhen an den Füssen an Bord kamen und uns baten, mit ihnen auf die andere Seite des Hafenbeckens zu fahren, um dort die Zollformalitäten zu erledigen. Dort angekommen, wurden wir von einem Offizier erwartet, der Gott sei Dank etwas mehr Englisch konnte und uns - Schiffer, Alexander und die zwei uniformierten Damen - in sein Büro bat. Dort musste der Skipper sechs oder sieben verschiedene Formulare ausfüllen und in Ermangelung von Durchschlagpapier oder eines Kopierers jedes zweimal. Während der Schiffer Formular über Formular ausfüllte, wurde Alexander gefragt, ob wir uns im Seekanal und in Kaliningrad auskennen würden und ob wir einen "Pilot"/Lotse bräuchten. Da ein Übernachten in Baltijk leider nicht möglich wäre, müssten wir weiter fahren. Zu einem Komplettpreis von 20 Dollar würde jemand aus Kaliningrad kommen und uns lotsen. Zwischenzeitlich war es später Abend geworden und es dämmerte schon. So nahmen wir trotz guter elektronischer Karten den Vorschlag an. Nun durften wir zunächst erst einmal wieder Fähre spielen und die beiden Damen auf die andere Hafenseite bringen. Der Lotse wurde von einem Freund mit dem Auto aus Kaliningrad gebracht. Es war inzwischen ganz dunkel geworden, als er endlich eintraf. Wir legten ab in der Hoffnung auf eine schöne Marina, wie uns der Hafenplan des DSV anzeigte. Unser Lotse war ein freundlicher Mann, der auch Segler ist und in einer kleinen Marina im flachen Haff weit von Kaliningrad entfernt ein kleines Boot besitzt. Er wisse aber nichts von einer Marina in Kaliningrad, es sei denn, in letzter Zeit... Der gesamte Seekanal ist deutlich mit Backbord und Steuerbord befeuert, allerdings innerhalb der Stadtgrenze plötzlich auch mal umgekehrt. Trotz intensiven Ausschauhaltens in jede kleine Lücke der kilometerlangen maroden Hafenanlagen, fanden wir nichts, was auch nur annähernd so aussah, wie eine Anlegestelle für Sportboote. Auch die vielen telefonischen Versuche des Lotsen über die Hafenbehörde etwas zu erfahren, waren vergeblich, es war niemand da oder nahm nicht ab. Wir waren inzwischen so weit in der Stadt, dass uns eine Brücke den Weg versperrte. Also wieder zurück. Der Lotse war nach vorne an Deck gestiegen und deutete nach kurzer Zeit auf einen kleinen Frachter: "My ship, go to my ship!" Wir gingen längsseits, er stieg auf den Bugkorb und klopfte heftig an ein Bullauge. Ein kräftiger nackter Oberkörper erschien und lugte verwundert über die Reling. Bald waren es mehrere und eine laut schnatternde Frau konnte sich gar nicht genug über das wundern, was da neben ihnen lag. Es war inzwischen zwei Uhr morgens geworden. Wir sollten hier den Rest der Nacht schlafen und morgen solle die Suche weiter gehen, bzw. wir sollten versuchen, "seinen" Hafen anzulaufen, meinte unser Lotse. Gesagt, getan. Nach einem kräftigen Kaffee legten wir gegen sieben Uhr von der schwarzen Bordwand ab und motorten wieder zurück in Richtung Pillau. Nach ca. fünf Seemeilen übernahm unser Lotse das Steuer und bog langsam in die Bucht, in der "sein" Hafen liegt. Es dauert nur Sekunden und wir saßen schon auf "Schiet". Gott sei Dank nur Schlick, so dass der Schiffer die "ALPARENA" bald wieder frei hatte und auf weitere Versuche verzichtete. Aber irgendwo musste man doch wohl in Kaliningrad anlegen können. Tatsächlich, nach weiteren Telefonaten des Lotsen mit den Hafenbehörden bekommen wir einen Platz im Freihafen hinter einem rostigen Fischtrawler angewiesen. Der wartet seit drei Jahren auf Geldmittel für eine Reparatur und kann seitdem nicht mehr rausfahren. Mit freundlichen Hinweisen, dass wir uns bei der Ausfahrt über UKW Kanal 14 oder 2 zunächst bei Kaliningrad Control abmelden und dann bei Baltijsk Control über 67 oder 9 wieder anmelden sollten, verließ uns der nette Lotse. Er war glücklich, dass er uns helfen konnte, endlich einen Liegeplatz für ein paar Tage zu finden. Ohne ihn wäre sicherlich alles viel schwieriger geworden. Vom alten Königsberg ist so gut wie nichts mehr zu erkennen. Was nicht im Kriege zerstört wurde, machten die Eroberer nach dem Kriege dem Erdboden gleich - nichts sollte mehr an die deutsche Vergangenheit erinnern. Trotzdem fand Mitsegler Lutz nach einer alten deutschen, einer neuen russischen Stadtkarte und der Hilfe eines Taxifahrers sein Geburtshaus wieder. Einem Häuserblock in der Nähe des Königsberger Zoos, der unzerstört geblieben war. Weniger Glück hatte Schifferfrau Renate, die in Heidewaldburg direkt am Haff geboren wurde, das inzwischen eingemeindet ist und sich völlig verändert hat. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion scheint man sich jetzt aber doch wieder auf die deutsche Vergangenheit zu besinnen. Viele deutsch-russische Initiativen, ja sogar eine kleine deutsche Wochenzeitung gibt es inzwischen. Kurz vor der Abreise bekam Alexander noch einen gehörigen Schreck: Da immer einer an Bord blieb, war er diesmal dran, als zwei Uniformierte ans Boot kamen und ihn mit Gesten aufforderten, mitzukommen. Die Frage des netten Fischkutter-Kapitäns zu welchem Zwecke denn, wurde barsch abgewiesen, er solle sich da `raus halten. Alex durfte nicht einmal mehr das Boot abschließen, so bestimmt war die Aufforderung. Die beiden nahmen ihn in die Mitte und gingen schweigend durch das Freihafengelände bis zu einem alten Bürogebäude. Dort, radebrechten sie, müssten wir uns abmelden - das war alles. Also machten Schiffer und Sohn sich mit den Pässen auf den Weg zum angewiesenen Eingang. Der gute Beamte wusste nun gar nichts mit uns anzufangen, da er nicht ein Wort Englisch verstand. Nach kurzer Zeit kam ein junger Russe ins Zimmer, der dann dolmetschte. Das nützte aber auch nichts, denn der Beamte wusste immer noch nicht, was er mit uns machen sollte. "In Russland ist alles ein bisschen verrückt..." meinte der junge Mann, als der Beamte uns einen Eingang weiter ganz nach oben schickte, das musste wohl das Immigrationsbüro sein. Oben angekommen, standen wir vor verschlossener Eisentür, an die wir zunächst zaghaft, dann kräftig klopften. Es tat sich nichts. Als wir schon wieder eine Treppe tiefer waren, öffnete sich die Tür und eine kleine Uniformierte fragte nach dem Begehr. In einem großen Papierstapel suchte sie nach irgend etwas, was sie mit der gereichten Crewliste und den Pässen vergleichen konnte - sie fand nichts. Wie sollte sie auch, wir hatten in Pillau einklariert, deutlich auf der abgestempelten Crewliste zu ersehen. Auch eine frustrierte rauchende Kollegin wusste nicht weiter. Die kleine Uniformierte bat uns, ihr zu folgen und wir stiegen wieder nach unten. Dort angekommen, drückte sie uns die ungestempelten Pässe in die Hand, lächelte und verabschiedete sich. Wir hatten wieder eine gute Stunde mit Warten verbracht - offensichtlich ein russischer Volkssport. Wir legten ab, verzichteten auf die UKW-Gespräche und legten am frühen Abend in Pillau an der schon bekannten Immigration-Pier an. Wie bei der Einreise kamen wieder zwei uniformierte Damen an Bord um auf die andere Seite zu kommen. Dort ging es dann relativ schnell, ein paar Unterschriften, ein paar Stempel und wir konnten wieder aufs Boot. Inzwischen hatten die zwei Damen in Schränken und Stauräumen etwas herumgeschnüffelt. Wonach sie bei einem solchen Familienschiff gesucht haben, wissen wir bis heute nicht. Endlich zückte dann die eine der beiden etwas aus dem mitgebrachten kleinen Samtbeutel und die Pässe bekamen ihren Stempel. Nach zehn Minuten Fährschiff konnte die "ALPARENA" ihre Nase wieder in die Ostsee richten und in die Nacht hinein segeln. Wesentlich einfacher wurde unsere Ankunft im litauischen Klaipeda/Memel, der Einfahrt in das Kurische Haff, dessen unterer Teil russisch ist. Eine Woche blieben wir dort, genossen die lebendige Stadt und die herrliche Nehrung mit den kilometerlangen weißen Stränden. Der Schiffer fand winzige Bernsteinstückchen und klebte sie ins Logbuch. Ein zweites Abenteuer zeichnete sich ab, "die Reise nach Tilsit". Vor Ort in Klaipeda machte man uns klar, dass kein litauischer Schiffs- oder Bootsführer über Haff und Memel nach Tilsit fahren würde. Die Memel sei jetzt Grenzfluß, seit dem 1. Juli gäbe es schärfere Grenzvorschriften und überhaupt, man wolle nicht mehr so viel mit dem ehemaligen großen Bruder zu tun haben... Das erwähnte der Schiffer bei einem Telefongespräch mit einer gutes Deutsch sprechenden Vertrauten der Stadtpräsidentin Sokolowa aus Sovetsk/Tilsit. Doch, meinte die, man könne den Wunsch des Schiffers, seine Geburtsstadt auf dem Wasserwege zu besuchen, ermöglichen. Man würde ein Behördenboot nach dem im russischen Teil liegenden ehemaligen Rossitten schicken, um uns abzuholen. Am nächsten Tag wolle man uns anrufen, ob wir einverstanden wären und um einen Termin des Treffens abzumachen. Natürlich sagte der Schiffer zu und man wollte sich am nächsten Tag um 12 Uhr in Rossitten treffen. Ein Taxi wurde bestellt, das den Schiffer mit seiner Familie nach einem Besuch des Thomas-Mann-Sommerhauses, des Ortes Nidden und der riesigen Wanderdünen in dessen Nähe über die Grenze nach Rossitten brachte. Überpünktlich war man da und schaute am total heruntergekommenen Hafen nach einem Boot aus. Hässliche Worte fielen, als man versuchte, auf dem Hafengelände näher ans Wasser zu kommen. Plötzlich erschienen Mannschaftswagen mit Polizei und Militär und unser russisch sprechende litauische Taxifahrer hatte Mühe, die davon zu überzeugen, dass wir harmlose Touristen seien. Die Zeit verging, telefonische Nachfragen klappten nicht, es wurde 13 Uhr und das Boot kam immer noch nicht. Was tun? Vorschlag des Schiffers an Familie und Fahrer: Auf dem Landweg die Nehrung hinunter zu fahren bis Rauschen und dann weiter nach Tilsit. Der Fahrer rief seinen recht gut deutsch sprechenden Chef an, ob er das dürfe. Der war in einer halben Stunde da und fragte uns, wie wir auf den verrückten Gedanken kämen, auf dem Wasserweg nach Tilsit zu wollen. "Hier wird geschossen!!!" Also gut, dann auf dem Landweg. Nach einer halben Stunde Fahrt in etwas enttäuschter Stimmung meldete sich das Handy des Schiffers. Die Stimme des angekündigten "Betreuers" Sergej fragte unschuldig, wo wir denn bleiben. Der Taxifahrer verdrehte die Augen - also wieder zurück. Wir wurden begrüßt und umarmt als wenn wir uns schon lange kennen würden - man hatte den Hafen nicht gleich gefunden... Zwei Stunden später als vereinbart, aber immerhin, der Wunsch des Schiffers schien in Erfüllung zu gehen. Sergej und seine junge Begleiterin sowie die beiden Bootsleute waren um 6 Uhr morgens ausgelaufen, eine ähnlich lange Zeit brauchte das alte Fischerei-Aufsichtsboot mit seinem lauten Diesel jetzt natürlich auch zurück. Eine alte Seekarte und ein einfacher Kompass brachte uns über das völlig ohne Seezeichen versehene Haff dem Memeldelta näher. Nur nach längerem Suchen mit dem Fernglas fanden die beiden Bootsführer die Einfahrt zu einem Deltaarm, der noch mit einem Rest von einem ehemaligen deutschen Seezeichen zu erkennen war. Es wurde eine wunderschöne Fahrt durch die völlig naturbelassene Landschaft der Elchniederung mit seinen Störchen, Reihern und anderen Vögeln an den Ufern. Der Strom und Kanal ist zum Teil durch Versandung sehr flach und das Boot schob sich teilweise nur Zentimeterweise darüber hinweg. Weiter nördlich wäre es einfacher gewesen, aber der Teil gehört ja nun bald zur EU - was soll man machen... Endlich erreichten wir ca.10 Seemeilen vor Tilsit die Memel, die hier etwa so breit ist wie die Weser bei Brake. Kurz vor Sonnenuntergang fuhren wir unter der Königin-Luise-Brücke mit seinem bekannten Portal auf der Tilsitseite - inzwischen Weltkulturerbe - hindurch. Wir wurden im neuen Fischerei-Verwaltungshaus, das auch über ein paar Gästezimmer verfügt, untergebracht. Von dort hatte man einen direktem Blick auf die Brücke sowie die Reste der alten Burg des Deutschen Ritterordens aus dem 14. Jahrhundert. Die Schiffer-Familie erlebte zwei Tage intensiver Auseinandersetzung mit der Vergangenheit der Stadt. Das Geburtshaus des Schiffers musste zwar einer Strasse weichen, aber die daneben liegende Herzog-Albrecht-Mittelschule weckte dunkle Erinnerungen. An die Zeit der ersten russischen Bombenangriffe im Sommer 1943, als er als Fünfjähriger mit seiner Mutter die Angriffe im Schulkeller verbrachte. Seit 1947 ist der gut erhaltene alte Backsteinbau eine bis weit ins Mutterland bekannte Berufs- und Hochschule für Mode, Design und Schneiderhandwerk. Die engagierte langjährige Direktorin, Frau Panowa, macht seit vielen Jahren über alte Tilsit-Bilder und Fotos in Räumen und Gängen der Schule auf die deutsche Vergangenheit aufmerksam. Außerdem hält sie engen Kontakt zur Stadtgemeinschaft Tilsit in Kiel und einigen ehemaligen Tilsitern. Tilsit ist vom Krieg etwas mehr als Königsberg verschont geblieben, so dass noch einige der alten Gebäude und Fassaden da sind, leider meistens in einem sehr schlechten Zustand. Sehr interessant ist auch das Tilsiter Heimat- und Stadtmuseum, dessen Direktor Ignatow dem Skipper u.a. alte Adressbücher mit Familiennamen, Berufen und Anschriften zeigen konnte. Presse und eine Reporterin des kleinen Radioprogramms "Tilsiter Welle" wollten wissen, wie uns die Stadt gefallen hätte. Mit Überzeugung lobte die Familie den angenehmeren Eindruck von Tilsit gegenüber Königsberg. Beim Abschiedsabend mit Stadtpräsidentin Sokolowa versprachen wir ehrlichen Herzens, bald wiederzukommen. In Ostpreußen war es üblich, den jungen Leuten, die das Abitur bestanden hatten, mit einer "Alberte" zu gratulieren. Das war eine Anstecknadel, die den Herzog Albrecht mit geschultertem Schwert zeigte und darunter die Inschrift - CIVIS ACAD; ALB - trug (Akademischer Bürger der Albertina, der Königsberger Universität mit diesen Namen). Die Anzahl der "Alberten" auf den Rock- oder Mantelaufschlägen wies auf den Umfang des Freundes- bzw. Bekanntenkreises hin. Üblicherweise in Metallprägung erstellt, konnten es auch versilberte bzw. vergoldete oder in seltenen Fällen rein goldene sein. Nach wenigen Tagen durfte man noch zwei und später, zu besonderen Anlässen, nur noch eine tragen. Ein Brauch, den die Stadtgemeinschaft Tilsit u.a. auch in Kiel erhält. Sie gratulierte damit im Namen von 11000 Tilsitern in 29 Staaten der Erde dem Abiturienten Alexander, verbunden mit der Bitte, sie ihm in Tilsit überreichen zu lassen. Diese Aufgabe hatte gern der Oberbürgermeister Swetlow beim Rathausempfang in Tilsit/Sovetsk übernommen. Zurück nach Klaipeda ging es dann mit dem öffentlichen Bus, wobei es wieder strenge Kontrollen für alle Businsassen an der Grenze vor der Königin-Louise-Brücke gab. Nach einem Tag der Erholung segelte die "ALPARENA" weiter nach Ventspils in Lettland und dann in einem großen Sprung nach Tallin in Estland. Diesen baltischen Staaten ist die Freude über die politische Freiheit und Aussicht auf Anschluss an Europa anzumerken. Ebenso ist die Angst in der russischen Exklave zu spüren, man könne sowohl den Kontakt zum Mutterland als auch den Anschluss an den Westen verlieren. Das Mutterland lernten wir eine Woche lang mit dem dritten Visum in St. Petersburg kennen. Auch dorthin zu kommen war nicht ganz einfach. Der UKW-Kontakt zur vorgeschriebenen Meldestelle auf der Insel Kotlin/Kronstadt kam nur durch eine als Relaisstation fungierende Jacht zustande. Die russische Jacht "Arktika" mit ihrem recht gut Deutsch sprechenden Schiffer war von der Meldestelle gebeten worden, auf uns zu warten, obwohl sie nach Helsinki auslaufen wollte. Wir wurden mit einem Glas Wodka empfangen. Der Schiffer gab unserem Schiffer eine mit vielen handschriftlichen Veränderungen versehene ältere Seekarte vom sehr flachen Teil bis St. Petersburg, ohne die wir nur schwer zurecht gekommen wären. Die Flachs und ausgebaggerten Rinnen stimmten nicht mit unseren Karten und Plänen überein, da sie teilweise erst vor zwei Jahren verändert wurden. Höchst umständlich gestaltet sich für Segler das Ein- und Ausklarieren in dieser von Millionen Touristen besuchten Stadt. Man muss zunächst ca. eine Stunde in einem Tonnenstrich fahren, um das große Einklarierungsgebäude, in dem auch die großen Kreuzfahrer abgefertigt werden, zu erreichen. Der Anleger ist eine Zumutung und nur mit bergsteigerischen Fähigkeiten zu erklimmen. Die Abwicklung bei Immigration und Customs ging mit einer Stunde relativ schnell. Dann aber muss man mit dem Boot den Tonnestrich wieder zurück, um danach erst einen Jachthafen an anderer Stelle anzulaufen. Wir entschieden uns für den Central-Jachthafen, der leider noch nicht privatisiert und somit in einem sehr schlechten Zustand ist. Dafür ist der Hafenwart Gleb ein umso angenehmerer Gastgeber, der mit seinem Lada-Kleinbus jederzeit als Taxi für uns zur Verfügung stand. So konnten wir relativ bequem die vielen Sehenswürdigkeiten dieser schönen Stadt erreichen, genießen und uns wieder abholen lassen. Nur als wir ohne Beziehungen und wochenlanger Kartenvorbestellung nach Zarskoje Selo in der heutigen Puschkin Stadt wollten, um uns im Zarendorf das neu erstellte Bernstein-Zimmer anzusehen, wollte er streiken. Er fuhr uns dann aber doch hin und behielt Recht, es war unmöglich, hinein zu kommen. Selbst die als Gymnasiallehrerin perfekt Russisch sprechende Tochter des Schiffers - die mit Freund auch für eine Woche angereist war - konnte den Direktor der Verwaltung nicht erweichen, obwohl man doch von so weit her gekommen war... Etwas betrübt fuhren wir wieder zurück. Im Hafen hatte inzwischen die "Germania IV" der Krupp-Stiftung neben uns festgemacht. Bald erschien Tatjana vom TO-Stützpunkt St. Petersburg, bei der sich zu melden unser Schiffer ganz vergessen hatte. Die hat nämlich diese gewissen Beziehungen. Zusammen mit einigen von der Germania-Crew konnten wir am nächsten Tag doch noch den herrlichen Sommerpalast der Zaren mit dem berühmten in 16 Jahren neu erstellten Bernstein-Zimmer besichtigen. Im Krieg hatten die deutschen Truppen diesen Palast als Quartier benutzt und leider auch vieles unnötig zerstört und geraubt. Der Schiffer schrieb einem Freund nach Wien, dass sich das Schloss Schönbrunn wie sozialer Wohnungsbau gegenüber diesem Prunkpalast ausmachen würde. Wie schon erwähnt, gestaltete sich auch das Ausklarieren wieder sehr Zeitaufwendig. Der Schiffer musste in Ermangelung eines Vordruckes einen Text schreiben und unterzeichnen, der es Schiff und Crew nach dem Ausklarieren nicht mehr erlaubt, irgendwo in Russland anzulegen, zu telefonieren oder irgendeinen Kontakt aufzunehmen. Das war uns recht, brauchten wir nun doch nicht mehr in Kotlin/Kronstadt zu stoppen. Die Logik stellte sich als falsch heraus, kaum hatten wir die Enge passiert, tauchte wieder ein "Kommandante" mit seinem Boot auf und geleitete uns zur gleichen Anlegestelle, die wir schon von vor einer Woche kannten. Dort schaute man nur kurz in die Pässe und klappte sie wieder zu. "Kommandante" hatte wieder etwas Abwechslung gehabt, das An- und Ablegen geübt und uns die Zeit gestohlen, mehr war nicht geschehen. Noch einmal zogen wir die Aufmerksamkeit der wachsamen Russen auf uns. Auf der Strecke nach Helsinki segelte die "ALPARENA" nachts ruhig etwa zwei, drei Meilen neben dem Großschifffahrtsweg, als von achtern plötzlich ein gewaltig greller Lichtkegel auf sie gerichtet wurde. Alexander, der am Ruder stand, wurde über Megafon auf Englisch zum Stoppen aufgefordert. Der eiligst gerufene Schiffer kam dieser Aufforderung aber nicht nach, wir hatten schließlich nichts Böses getan. Über UKW brachten wir dann in Erfahrung, was eigentlich geschehen war. Das große russische Patrouillenboot hatte versucht, uns zu identifizieren. Das gelang ihm nicht, da die "ALPARENA" nach guter Seemannschaft nachts keine Nationale fährt und der UKW-Kanal 16 nur auf kleinster Lautstärke gestellt war, damit die Freiwache ruhig schlafen konnte. So hatte die Wache im Cockpit nichts von einem Anruf gehört und wir waren in den Augen der wachsamen russischen Küstenwache sicherlich zu einem Schmuggelschiff o.ä. geworden. Nachdem alles nach dem Woher und Wohin geklärt war, wünschte man uns eine gute Weiterfahrt und drehte ab. Trotz mehrerer bürokratischer Schwierigkeiten erinnern wir uns gern an die freundliche Aufnahme und Gastfreundschaft der Menschen in dieser russischen Exklave. Wie angenehm bequem und unkompliziert waren doch die restlichen angelaufenen Häfen in Finnland und Schweden. In Stockholm stieß dann noch Schorse, ein Clubkamerad des Schiffers, zu uns, nachdem es die weiblichen Crewmitglieder aus den verschiedensten zeitlichen Gründen per Fähre bzw. Flugzeug heimwärts gezogen hatte. Das gewaltige Hoch, das uns so einen außergewöhnlichen Sommer beschert hatte, wurde von den ersten Tiefs abgelöst und die "ALPARENA" musste ein paar Tage in Visby warten, bis es weiter ging. Das ermöglichte es der Crew, diese schöne alte Stadt mit einer fast völlig erhaltenen alten Stadtmauer zu genießen. Sie gilt als Weltkulturerbe und ist einen Besuch wert. Von Visby aus erlaubten es die Winde, mit einem Schlag Kiel zu erreichen. Im Kanal konnte sich die Crew wieder erholen, bevor die Elbe uns wieder mit den typischen Winden bis Stärke 6 und ablaufend Wasser zeigte, was es heißt, in Tidengewässern zu segeln. Gut acht Wochen war die "ALPARENA" auf der Ostsee unterwegs und legte dabei knapp 2600 Seemeilen zurück. Trotz des sommerlichen Wetters mit leichten Winden konnte sie bei etwa zwei Drittel der Strecke ihre guten Segeleigenschaften beweisen. Es gab keine gravierenden Schäden bei Schiff und Mannschaft, die noch lange von den vielen Eindrücken und Ereignissen zehren wird. |
