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Erfahrungen mit dem Trecker

von Wener Ludwig, Email: wernerludwig@hotmail.com


Auf meiner Reinke 10M wurde im August 1996 das Trecker-System von der Fa. Müller & Hans montiert. Der Trecker ist eine Weiterentwicklung der unter Modellbauern bekannten Pendelfock, einer vorbalancierten Baumfock. Nach rund 7500 sm mit diesem Segel schreibe ich diesen Erfahrungsbericht. Die Segelfläche betrug 23 m^2, gerefft 16 m^2. Wegen Lieferschwierigkeiten wurde statt des ursprünglich vorgesehenen Kohlefaserbaums gegen Preisnachlaß ein Alubaum mit konstantem Querschnitt geliefert.

Vorteile des Treckers
  • Sehr guter Vortrieb auf fast allen Kursen.
  • Geringe Schotkräfte durch die Vorbalancierung.
  • Nur eine Schot
  • Einleinen-Reff.
Nachteile des Treckers
  • Geringe Dämpfung der Rollbewegung (gilt nicht für Am-Wind-Kurse).
  • Setzen und Bergen nur mit dem Baum im Wind möglich. In Verbindung mit dem Großsegel kein Segel, das auf allen Kursen gesetzt oder geborgen werden kann.
  • Beim Bergen muß das Segel zum Teil von Hand auf den Baum gezogen und am Baum festgebändselt werden.
  • Sehr unhandliches sperriges Segel wegen durchgehender eingenähter Latten und extrem schwerem Tuch.
  • Bullenstander müssen wegen des ungünstigen Hebelarms dehnungsarm sein und sehr steif stehen.
  • Durchgang zum Bugkorb wird erschwert.
  • Reffen nur auf etwa 70% der Gesamtfläche möglich.

Über die Vorteile wurde schon in mehreren Veröffentlichungen berichtet. Die Nachteile bleiben darin aber unerwähnt. Deshalb beschränke ich mich darauf die Nachteile näher zu erläutern.

Wird das Segel auf optimalen Vortrieb getrimmt, so wird das Rollen des Schiffes, hervorgerufen durch die See, kaum gedämpft. Dies gilt ganz besonders für Halbwindkurse. Ich habe das Segel deshalb oft dichter gefahren als für maximalen Vortrieb optimal gewesen wäre. Das Rollen ist bekanntlich eine sehr unangenehme Schiffsbewegung.

Zum Setzen des Segels muß der Baum im Wind stehen andernfalls verhängen sich die Latten in den Lazy-Jacks. Für Großsegel und Trecker gilt: Setzen und Bergen ist nur im Wind möglich. Es kann unter Umständen sehr nachteilig sein kein Segel zu haben, das auf allen Kursen gesetzt und geborgen werden kann.

Entgegen den Behauptungen der Hersteller kommt das Segel beim Bergen nicht von selbst auf den Baum. Es bleibt zu einem wesentlichen Teil auf dem Vorstag hängen, und muß von Hand am Vorliek herunter gezogen werden. Erstens muß das Segel gegen den Wind auf dem Vorstag nach unten rutschen, was es nur bedingt tut. Zweitens werden die Stagreiter durch das sehr steife Segel verdreht und klemmen dann auf dem Vorstag. Bezogen auf die Vorlieklänge mußte ich regelmäßig 30 bis 50% des Segels herunterziehen. Hinzu kommt, daß das Segel danach auf dem Baum festgebunden werden muß. Wie das vom Cockpit aus möglich ist, wie in einem Bericht behauptet, würde ich gerne erfahren. Dieser Nachteil war für mich als Einhandsegler auf hoher See am gravierendsten. Bei 8 oder 9 Bft. mit zunehmender Tendenz und dem zugehörigen Seegang auf das Vorschiff zu müssen war nicht das Gelbe vom Ei.

Wegen der durchgehenden eingenähten Latten kann das Segel nur in Form einer sehr unhandlichen langen Wurst unter Deck verstaut oder transportiert werden. Der Segelsack ist entsprechend lang, länger als der Baum.

Der Vorteil der geringen Schotkräfte und nur einer Schot wird durch die oft notwendigen Bullenstander wieder zunichte gemacht. Bei See und wenig Wind sind sie aber notwendig um ein Schwingen des Baumes zu verhindern (Modellboote haben am vorderen Ende des Baumes ein Gewicht, das so bemessen ist, daß der Baum in jeder Stellung stehen bleibt und nicht die Neigung hat bei wenig Winddruck auf Mitte Schiff zurückzuschwingen). Auch bei Starkwind sind sie zu empfehlen um Patenthalsen bei den unvermeidlichen Kursabweichungen zu verhindern.

Der Baum versperrt den Durchgang zum Bugkorb. Nachdem der Baum auf meinem Schiff nicht mehr das ganze Vorschiff teilt ist das Deck im Vergleich zu vorher riesig.

Beim Reffen wandert das Segel auf dem Vorstag nach unten und somit der Segeldruckpunkt nach vorne. Die Vorbalancierung nimmt zu und setzt Grenzen. Bei zu kleiner gereffter Segelfläche würde das System überbalanciert. Die Schot müßte auf Druck arbeiten, das Segel würde unkontrollierbar. Es würde der gleiche Effekt entstehen wie bei einem zu stark vorbalanciertem Ruder, das die Neigung hat querzuschlagen.

Ich habe den Trecker bis Dezember 1998 gut ein Jahr benutzt und in dieser Zeit eine Strecke von rund 7500 sm zurückgelegt. Während der Fahrt von Arrecife (Lanzarote) nach Bridgetown (Barbados) ist am 19.12.98 um Mitternacht der Alubaum des Treckers 535 sm vor dem Ziel ohne Vorwarnung gebrochen. Zu diesem Zeitpunkt herrschte ein scheinbarer achterlicher Wind um 6 Bft. Die Bruchstelle befindet sich 710 mm vom vorderen Ende genau über dem Drehpunkt. Das war kein Material-, sondern ein Dimensionierungsfehler. Beidseitig der Bruchstelle ist der Baum verbogen und der Querschnitt stark verformt.

Am 4.1.99 teilte ich dies der Fa. Müller&Hans per FAX mit und bat um eine Stellungnahme. Am 16.1.99 folgte ein Brief mit Fotos und einer Kopie des FAXES. Im März folgte ein dritter Brief. Gleichzeitig informierte ich die Segelwerkstatt Stade, die das Segel gefertigt hat und Herrn Reinke, den Konstrukteur der 10M und bat um Beantwortung einiger Fragen zur Dimensionierung einer Rollfock. Bis heute erhielt ich keine Antwort.

Die Bemessung von Takelageteilen ist oft sehr schwierig, weil die auftretenden Kräfte nicht bekannt sind und nur grob geschätzt werden können. Vieles beruht auf Erfahrung und die fehlte offensichtlich noch beim Trecker-System. Eine Erfahrung der besonderen Art ist es allerdings, daß es die Lieferfirma nicht für nötig hält zu dem Schaden Stellung zu beziehen und auch die anderen Herren, die sich für das System stark machen, sich in Schweigen hüllen. Das Treckersystem hat mich 8000,- DM gekostet, dafür habe ich jetzt eine paar Blöcke und Leinen. Ich als Kunde zahle das Lehrgeld für Fehler in der Dimensionierung.

Der Trecker mag ein Segel für die Küstensegelei sein, wenn Setzen und Bergen in ruhigem Wasser erfolgen können. Für einen Einhand-Hochseesegler ist er mit Sicherheit nicht die richtige Wahl. Für mich war er die größte Fehlinvestition auf meinem Schiff. Ich fahre jetzt eine Rollfock und genieße immer wieder die einfache Handhabung.



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Letzte Änderung / Last change: Sonntag, 12. März 2000